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Willie wird endlich vergoldet

März 15, 2019 by  

Michael Luxenburger – “No Photo required” rief der Rennkommentator, als sich der Sieger des Magners Cheltenham Gold Cup auf den letzten 50 Metern noch klar von seinen Gegner absetzte, Da brauchte es definitiv kein Zielfoto, um zu erkennen, dass Al Boum Photo seinem Trainer Willie Mullins und Jockey Paul Townend endlich den ersten Sieg in diesem Prestigerennen beschert hatte. Und so  bekam auch das Festival 2019 seine besondere  Geschichte.

 Der Fotograf ist ja traditionell der Chauffeur bei den England-Reisen mit dem Autor. Das liegt einfach daran, dass er in Deutschland nie Auto fährt. Also bereitet ihm die Umstellung auf den Linksverkehr keine Probleme, denn es gibt ja keine. Er bewältigt die Aufgabe mit den Jahren immer routinierter und bringt das Duo stets sicher vom Mary Arden Inn in Wilmcote in den Prestbury Park und auch wieder zurück. Diesmal haben sich die beiden die Dienste eines bonbonroten Renault Captur gesichert, der wegen seines heutezutage ja üblichen rund gelutschten Mini-SUV-Aussehens auch ein Nissan, Hyundai, Ford, BMW oder sonst was sein könnte – nur kein Lada Taiga, das einzige Auto, das noch Charakter hat. Im Grunde genommen ist dieser Wagen nur ein aufgebrezeltes Goggomobil – kaum Platz im Inneren, ein Kofferraum, in den gerade mal zwei Foto-Rucksäcke passen, und ein Tank für mickrige 40 Liter. Aber immerhin brachte er uns immer zügig  ans jeweilige Ziel. Und dafür, dass der Fotograf während der Fahrt immer Musik von Katja Ebstein und Udo Jürgens aus dem Handy zutzelt, kann der Renault ja nichts. Er hat allerdings ein sehr eigensinniges, um nicht zu sagen engstirniges Navi, das einen nie dorthin führt, wo man gemäß der korrekt eingegebenen Koordinaten landen müsste. Es lotst einen stur nach Whitcombe, immer wieder. Vermutlich wohnt dort ein befreundetes Navi, das unseres gerne wieder sehen will. Aber nicht mit uns. Das Navi dient jetzt nur noch als Tuner, um Katja Ebstein, der Grand Dame des deutschen Schlagers, via iPhone über das Autostereo zu lauschen. Die singt übrigens beständig “Wunder gibt es immer wieder”, womit sie Autor und Fotograf jedesmal aufs Neue zum Wetten motiviert. 

So verlassen wir uns wie immer auf das Uralt-Navi des Fotografen, das den Namen Sindbad trägt und eine mit den Jahren immer müder werdende Frauenstimme besitzt. Vor Jahren hatte es uns mal in eine verwunschene Ecke der Cotswolds geführt, wo Fuchs und Dachs regieren. Dabei wollten wir nur zum Bahnhof nach Swindon. Aber es hat jetzt seine Flegeljahre hinter sich und ist ein zuverlässiges Führpferd.

Ich denke, das war jetzt die perfekte Überleitung zum Sport.

15.03.2019 – Cheltenham; Winners presentation with jockey Nico de Boinville, trainer Nicky Henderson (center, with hat) and connction after winning the JCB Triumph Hurdle (Grade 1) with Pentland Hills at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Leider gehören auch diese unschönen Momente zum Rennsport. Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch die 68 000 Zuschauer, als sich im ersten Rennen des Schlusstags der klare Favorit des JBC Triumph Hurdle, Sir Erec,   beim Landen nach dem vierten Sprung, an dem er einen kleinen Fehler machte,  das rechte Vorderbein brach und von seinem Reiter Mark Walsh sofort angehalten wurde. Das Pferd war nicht mehr zu retten. Schon an der Startstelle hatte es ängstliche Momente um den Camelot-Sohn gegeben, denn er hatte sich ein Eisen abgetreten – an dem Bein, das dann kaputt ging. Man sollte sich vielleicht doch mal überlegen, dass Pferde, denen das passiert, nicht neu beschlagen, sondern vom Start zurückgezogen werden. In den Tagen vor dem Rennen machte zudem das Gerücht die Runde, Sir Erec habe sich im Training verletzt. Die offizielle Bestätigung aus dem O’Brien-Stall folgte. Es hieß, er habe eine Prellung am Bein erlitten. Das habe aber bei der fatalen Verletzung im Rennen keine Rolle gespielt, sagte Trainer Joseph Patrick O’Brien.

Das Rennen wurde natürlich von diesem Unglück überschattet. In Pentland Hills (Nico de Boinville/Nicky Henderson, 20/1) sah es aber einen würdigen Sieger, der sich in einer Kampfpartie gegen den ebenso  stark gelaufenen Coeur Sublime (Davy Russell/Gordon Elliott, 20/1) und die zweite Mc Manus-Farbe Gardens Of Babylon (Barry Geraghty/Joseph Patrick O’Brien, 9/1) durchsetzen konnte.

Trainer Nicky Henderson, der mit diesem Erfolg mit Willie Mullins in Sachen Festival-Sieger (64) gleichzog, meinte nach dem Rennen: “Pentland Hill ist ja am ersten Hindernis fast gefallen. Da dachte ich, es war keine so gute Idee, ihn hier laufen zu lassen. Aber der Rest war ja dann gut.” 

15.03.2019 – Cheltenham; Winners presentation with jockey Harry Skelton and trainer Dan Skelton after winning the Randox Health County Handicap Hurdle (Grade 3) with Ch’tibello at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Eine perfekte Partnerarbeit lieferten im Randox Health County Handicap Hurdle Bridget Andrews und ihr Freund Harry Skelton ab. Andrew machte  auf dem Höchstgewicht, dem Vorjahressieger Mohaayed, die Pace. Skelton hielt sich dahinter mit Ch’tibello (Dan Skelton, 12/1) est mal aus  allem heraus und profitierte dabei von der flotten Fahrt, die seine Lebensgefährtin vorlegte. Vor dem vorletzten Sprung verbesserte er flott seine Position und sprang die letzte Hürde in Front, wobei ihn auch ein leichter Fehler nicht aus dem Schwung brachte. An seine Fersen hatte sich Daryl Jakob mit We Have A Dream (Nicky Henderson, 14/1)  geheftet, der im Fahrwasser des Siegers seine Position ebenfalls verbesserte, aber nicht mehr an ihn  heran kam. Kurz höchst chancenreich sah Countister (Barry Geraghty/Nicky Henderson, 18/1) aus, doch kam die Stute nicht entscheidend weiter, so dass es nur zu Platz drei vor dem Favoriten Whisky Sour reichte.

“Wir lieben das County Hurdle”, sagte Trainer Dan Skelton nach dem bereits dritten  Erfolg in diesem  Rennen nach Superb Story (2016) und Mohaayed (2018). “Harry gab Ch’tibello einen magischen Ritt. Wir haben bereits vor 18 Monaten begonnen, das Pferd auf dieses Rennen vorzubereiten. Ich sagte zu Harry: Wir haben vielleicht zehn Pfund in der Hand, mach im Rennen einfach, was du willst”. Der Jockey meinte: “Ich reite für einen sehr guten Mann und einen exzellenten Trainer – er hat den Plan aufgestellt und zur Perfektion ausgeführt. Das Pferd hat Klasse und ein Gruppe 2 gewonnen. Heute ist er sozusagen nur im zweiten Gang gelaufen.”

15.03.2019 – Cheltenham; Winners presentation with Rachael Blackmore after winning the Albert Bartlett Novices Hurdle (Registered As The Spa Novices Hurdle Race) (Grade 1) with Minella Indo at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Eine Riesenüberraschung gab es im Albert Bartlett Novices Hurdle Race, dem Steherrennen für die Neulinge. Denn mit einem Erfolg von Minella Indo (Rachael Blackmore/Henry De Bromhead, 50/1) hatten nur die wenigsten gerechnet, was sich auch in der Toto-Sieg-Quote von 1295:10 ausdrückte. Dass ein Pferd 214:10 auf Platz zahlt, passiert auch nicht alle Tage. Der imposante Beat Hollow-Sohn marschierte das ganze Rennen über in guter Haltung, ging am drittletzten Sprung in Führung und hatte unter einer energisch zupackenden Rachael Blackmore noch genügend Reserven, um am Ende den Favoriten Commander Of Fleet (Jack Kennedy/Gordon Elliott, 4/1) sicher in Schach zu halten. Die Siegreiterin war  damit die  zweite Frau nach Bryony Frost, die beim Festival einen Gruppe 1-Erfolg feiern konnte.   Allaho (Ruby Walsh/Willie Mullins, 8/1) hatte den Sieger zuletzt in Clonmel noch mit vier Längen hinter sich gelassen, damals aber noch Gewicht von ihm bekommen. Warum dann der eine 50/1 steht und der andere 8/1, das gehört zu den Mysterien des Rennsports.

Blackmore sagte nach dem Rennen: “Wir dachten schon, dass unser Pferd eine gute Chance in diesem Rennen haben musste.  Boden, Bahn und Distanz – alles sollte passen. Aber man weiß ja nie . . . Ich bin so dankbar, dass ich die Chance bekommen habe, dieses tolle Pferd zu reiten. Es ist einfach großartig.” Trainer Henry De Bromhead war am Donnerstag noch enttäuscht gewesen, als Monalee in der Ryanair Chase nur Vierter geworden war. Er kam mit Prellungen der Knochenhaut aus dem Rennen. Der Trainer meinte: “Rachael meinte, dass das Rennen in Clonmel das Pferd weiter gebracht habe. Sie hatte Recht. Minella Indo hat ihr über drei Meilen die Arme lang gezogen. Es war einfach großartig. Wir haben echt Glück, diese Reiterin zu haben. Sie ist brilliant. Was kann man da schon sagen – sie gewinnt einfach.” Der Trainer konnte übrigens auch nicht verstehen, warum sein Pferd so mega lang stand.

15.03.2019 – Cheltenham; Winners presentation with a jubilant jockey Paul Townend after winning the Magners Cheltenham Gold Cup Chase (Grade 1) with Al Boum Photo at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Und dann kam das Rennen, um das sich hier alles dreht: Der  Cheltenham Gold Cup. Ein Pferd spielte darin keine Rolle, um das sich vorher alles gedreht hatte: Presenting Percy. Der Sieger der RSA Chase 2018 hatte eine ganz seltsame Vorbereitung gehabt, was man mit den Schrullen seines Trainers erklärte. Anscheinend war aber wohl doch nicht alles nach Plan gelaufen. Wie auch immer: der 100/30-Favorit kam nie so richtig von hinten weg und landete auf dem vorletzten  Rang der neun Pferde, die ins Ziel gekommen waren. Der Vorjahressieger Native River schlug sich ehrbar und kämpfte sich in seiner typischen Art auf den vierten  Platz  vor dem King George-Sieger Clan Des Obeaux.

Native River und Might Bite, die im Vorjahr die beiden ersten Plätzen belegt hatten, wechselten sich den größten Teil des Rennens in der Führungsarbeit ab. Doch Al Boum Photo rückte den beiden am drittletzten Hindernis auf den Pelz und übernahm am vorletzten Sprung trotz eines leichten Fehlers die Spitze, wobei man schon sah, dass der Mullins-Schützling deutlich besser als der Rest ging. Der Vorjahresdritte Anibale Fly (Barry Geraghty/A.J. Martin, 22/1) hatte sich anfangs der Geraden ebenso nach vorne gearbeitet wie Bristol De Mai (Daryl Jakob/Nigel TwistonDavies, 18/1) und gewann die Battle der beiden um den zweiten Platz. Might Bite wurde abrupt angehalten, als er noch alle Chancen zu haben schien. Das sah aus, als hätte er erneut Nasenbluten bekommen.

Nicht nur für Willie Mullins, auch für Paul Townend war es der erste Sieg im Gold Cup. Er sagte nach dem Rennen: “Ich kann es einfach nicht glauben. Ich bin Willie und den Besitzern so dankbar”. Schließlich hatten sie nach dem Rennen in Punchestown allen Grund gehabt, auf ihren Jockey sauer zu sein, als ihm das Pferd weggebrochen und auf den falschen Kurs gelaufen war. “Ich hatte überall das Pferd im perfekten Rhythmus. Al Boum Photo ist ein echter Krieger. Ich wußte, wenn er nicht fallen würde, habe ich eine gute Chance.”

Barry Geraghty, der Reiter des Zweitplatzierten, war sehr zufrieden: “Das Pferd ist einfach ein Riesensteher. Leider gab es heute einen, der noch besser war. Aber das war eine riesige Vorstellung.” Daryl Jakob lobte sein drittplatziertes Pferd: “Er ist super gesprungen. Ich hatte ein tolles Gefühl”. Harry Cobden sagte über seinen Clan Des Obeaux, der Fünfter wurde: “Er hat nicht genügend Stehvermögen. Vor allem, wenn die Bahn so weich ist. Der Regen heute Morgen hat uns nicht geholfen.”

Kein Wunder, dass Willie Mullins ein breites Lächeln im Gesicht hatte, als er sich den Medien stellte. “Ich bin glücklich, und auch so froh, das Paul jetzt auch endlich dieses Rennen gewonnen hat. Immer, wenn ich während des Rennens auf die beiden schaute, sahen sie so gut ausbalanciert aus. Sie hatten einen wunderbaren Rhythmus. Und als Paul vom Pferd am viertletzten Hindernis einen langen Sprung verlangte und ihn problemlos bekam, da wusste ich, dass noch eine Menge Benzin im Tank war.” Angesprochen darauf, dass er bereits sechs Zweite im Gold Cup hatte, meinte der irische Erfolgstrainer: “Ich hatte es fast schon aufgegeben, an einen Sieg im Gold Cup zu glauben. Um so schöner ist jetzt dieser Tag.”

Den Gold Cup der Amateure sicherte sich mit Hazel Hill der Favorit gegen Shantou Flyer, wogegen es im Johnny Henderson Grand Annual Challenge Cup durch Croco Bay (Kielan Woods/Ben Case, 66/1) einen Außenseitersieg gab. Das letzte Rennen dient dann normalerweise zum Geld verbrennen. Diesmal hatten im Martin Pipe Conditionals Hurdle allerdings mit Early Doors und Dallas DePistons die beiden Favoriten die Nase vorne.

Das nächste Cheltenham Festival ist ja sozusagen nicht mehr in Europa. Mal sehen, was der Brexit allles verändert. Wenn es ihn überhaupt geben wird.

© Fotos: turfstock.com, München

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