Top

Wiener Walzer wechselt in die Zucht

Dezember 11, 2011 by  

Hemke Label Ausgetanzt © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Es gilt an dieser Stelle noch – wenn auch etwas verspätet – ein kleines persönliches Rennsportkapitel zu schließen. Schon vor etwa drei Wochen machte der deutsche Derbysieger von 2009, Wiener Walzer, nochmals Schlagzeilen. Leider nicht, weil der Schlenderhaner Hengst zu alter Stärke zurückgefunden hätte, sondern weil er aufgrund gesundheitlicher Probleme seine Rennkarriere beenden musste. “Bei einem gründlichen Gesundheitscheck sind (..) im Frühjahr gelegentlich aufgetretene Herzprobleme diagnostiziert worden, die auch die schwächeren Leistungen in Frankreich erklären. Um den Hengst für den deutschen Markt zu erhalten, haben wir uns zu dem Schritt entschlossen, “ zitiert die Turf-Times den Schlenderhaner Generalmanager Gebhard Apelt.

In der Sportwelt ergänzte er dann dieser Tage noch: „Wiener Walzer erlitt im Frühjahr in Chantilly während des Trainings eine Schlagverletzung am Kopf. Die Heilung verlief erst problemlos, doch später im Herbst kam es erneut zu einer Entzündung im Bereich der alten Kopfverletzung. Um Komplikationen, die die Gesundheit des Pferdes beeinträchtigen könnten, zu vermeiden, wurde beschlossen Wiener Walzer aus dem Training zu nehmen.“ Wenn man diese beiden Äußerungen, zusammen nimmt, scheint es also eine doppelte Ursache für den Rückzug des Hengstes gegeben haben, neben Herzproblemen eine nicht ganz irrelevante, akute Entzündung.

Bei Tageslicht betrachtet kann man die Karriere des Schlenderhaner Hengstes als die eines in den Annalen des deutschen Rennsports besseren, doch beileibe nicht herausragenden Derbysiegers bezeichnen. Wie etwa sein Vorgänger von 2008, Kamsin, blieb auch er insbesondere als Dreijähriger erfolgreich und profitierte dabei sicherlich auch von den Gewichtsvorteilen den älteren Pferden gegenüber. Dennoch bleibt dieser Augustnachmittag im Weidenpescher Park unvergessen, als er sich mit seinem älteren Trainingsgefährten Getaway eine Schlacht auf Biegen und Brechen die gesamt Kölner Zielgerade herunter lieferte. Wer diesen Rheinland-Pokal 2009 miterlebt hatte, bekam eine Vorstellung davon, was der Begriff RENNPFERD eigentlich meint: Dass da eben nicht nur Pferde im Kreis stumpf um die Wette laufen, sondern dass diese Tiere einen Siegeswillen haben, der nahezu unabhängig vom Jockey ist.

Wir haben die Karriere dieses Hengstes intensiv begleitet, von seinem fünften Platz im Preis des Gestüts Ravensberg Anfang November 2008 in Köln, über seinen Sieg im Oppenheim-Union-Rennen 2009, Derby und Rheinland-Pokal, den vierten Platz im Großen Preis von Baden. Wir waren letztes Jahr beim Saison-Debüt zum Gruppe I-Prix d´Ispahan in Longchamp, als er sich der großen Goldikova beugen musste und Dritter wurde. Wir waren Schlachtenbummler in Ascot, als er einen nicht ganz glücklichen Rennverlauf hatte und gegen Toppferde in den Prince of Wales´s Stakes Fünfter wurde. Wir haben Godolphins Campanologist bei seinem Sieg im – vergangenes Jahr in Hamburg ausgetragenen – Deutschland-Preis (Großer Preis von Lotto Hamburg/Gruppe I) verwünscht, als er dem Dynaformer-Sohn den schon sicher geglaubten Sieg auf den letzten hundert Metern mit einer dreiviertel Länge stahl. Und wir haben im Großen Preis von Baden einen indisponierten und einen im Prix de l´Arc de Triomphe auf viel zu weichem Boden überforderten Wiener Walzer vergebens die Daumen gedrückt.

Auch in diesem Jahr – als er zunächst von André Fabre trainiert wurde – haben wir keine Zeit und Mühen gescheut: Wir haben dem Pferd beim Saisonauftakt im Prix d´Harcourt die Hufe gehalten und waren zum Grand Prix de Chantilly Anfang Juni auf seiner zwischenzeitigen Heimatbahn zurück, um spätestens dort schon vor dem Rennen im Führring festzustellen, dass der Hengst nicht mehr der Alte war. Rang acht, achtzehn Längen hinter dem Sieger sprach eine deutliche Sprache. Danach folgten – wieder unter der Regie seines alten Trainers Jens Hirschberger – nur noch ein kleiner Sieg in einem Aufbaurennen in Frankfurt Mitte September und Anfang Oktober ein Vierter Platz im gleichnamigen Preis der deutschen Einheit auf Gruppe III-Level in Hoppegarten. Dort waren wir nicht zugegen, da Danedream am Tag zuvor dringend unserer Unterstützung im Prix de l´Arc de Triomphe in Paris bedurfte. Und das war nun wirklich die entgegengesetzte Richtung.

Wiener Walzer wird nun im rheinischen Gestüt Erftmühle zu einer Decktaxe von zunächst unter fünftausend Euro aufgestellt. Wären nicht die gesundheitlichen Probleme aufgetreten, wäre sogar eine Verlagerung in die USA in Betracht gekommen, so Gebhard Apelt zur Turf-Times, „da er auf Grund seiner Abstammung sicher für Sandbahnen geeignet wäre.“ Und weiter: „Er hat viele gute Leistungen gezeigt, auch nach dem Derby etwa in Ascot oder Longchamp, sein Exterieur ist hervorragend, die Abstammung ist ohnehin erstklassig. Im Rennstall ist ein sehr talentierter Montjeu-Bruder und in den nächsten Tagen wird dorthin eine tolle Monsun-Jährlingsstute abgeliefert.“ In der Sportwelt wird Apelt nochmals wie folgt zitiert: „Wir werden den Hengst mit einigen unserer besten Stuten unterstützen, er eignet sich bestens für die deutschen Linien.“ Drücken wir ihm also für eine erfolgreiche zweite Karriere die Daumen. Vergessen werden wir ihn ohnehin nicht.

© Foto: turfstock.com, München

turfstock-banner-590px

Comments are closed.


Die Leserkommentare an dieser Stelle geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sondern die unserer Leser. Die Redaktion behaelt sich vor, beleidigende, verleumderische, diskriminierende oder unwahre Passagen zu entfernen, Eintraege zu kuerzen und gegebenenfalls nicht zu veroeffentlichen.

Bottom