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turfkopf – Wiener Walzer schnallt ab

Juni 11, 2011 by  

Hemke Label Wiener Walz © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Die Bilder des vergangenen Turfwochenendes sind haften geblieben, so wie nach einer langen Reise in ein fremdes Land. Dann platzen am Schreibtisch

plötzlich – mitten in einen trockenen Gedanken hinein – Bilder, Farben explodieren vor dem inneren Auge. Dann hockt man plötzlich nicht mehr im frühlingshaft hellgrauen Mülheim an der Ruhr, weil man da zufällig arbeitet, sondern stellt sich nochmals in Reih und Glied auf, mit den anderen Reisenden vor den Soldaten an der nigrischen Grenz: Bevor wir zu dem bewaffneten Konvoi steigen, der uns durch die von Wegelagerern verunsicherte Waldsavanne in die burkinische Hauptstadt bringen soll.

Solche Bilder breiten sich manchmal in meinem Kopf aus und tragen mich für Momente weit weg. Ich brauche keine Drogen. Mir reichen Reisen, manchmal auch solche nach Epsom oder Chantilly. Was für eine Frechheit hat sich da dieser junge Mickael Barzalona geleistet. 19 Lenze zählt der Knabe, reitet zum ersten Mal im Epsom-Derby, zufällig auch noch einen Mitfavoriten namens Pour moi. Jagt sein Pferd mit Glück und Verstand auf den letzten Galoppsprüngen an dem führenden Treasure Beach vorbei ins Ziel, der Einlauf erfordert eine Fotografie, auf der die Richter einen aufrecht in den Steigbügeln stehenden und jubelnden Jungjockey als Sieger bestätigen müssen (Was für ein Bild!). Wie oft ist so ein Jubel schon schief gegangen?! Und jetzt? Der erste französische Sieger im Epsom-Derby seit 35 Jahren. Ausgerechnet ein solcher Schnösel. Möchte man da nicht spingsen, wie die hohen Herren angewidert die Augenbrauchen hochziehen und die Nase rümpfen? Sich vielleicht gerade nochmals den Rennfilm anschauen, ob sie nicht doch aus irgendeinem Grund Protest gegen den Sieger einlegen können. Wie sagte die elegante Engländerin im besten Alter, die neben mir am Einlauf stand, in bitter ironischen Tonfall: „What say the French?“ Um dann mit dem schönsten französischen Akzent zu näseln: „Föck“.

Mein persönlicher Sieger des Tages war der 65:10-Sieger Captain Dunne im Epsom-Dash, dem traditionell vor dem Derby gelaufenen Sprinthandicap, die 1000 m-Zielgerade herunter (und natürlich zum Ziel wieder hinauf). Der Hengst gehört einer Besitzergemeinschaft von mehr als zwanzig Eigentümern, die anscheinend vollzählig zum Rennen erschienen waren und in dem kleinen Ring für die Siegerehrungen einen Menschenauflauf bildeten. Absurd wurde es, als sich die anscheinend basisdemokratisch organisierten Mitglieder nicht einigen konnten, wer auf das Podium schreiten sollte, um den Preis entgegen zu nehmen. Stattdessen drängelten sie sich gemeinsam hoch. Der sichtlich überforderte Rennmoderator kommentierte das dann in etwa mit den Worten: „Sie haben als Eigentümer des Siegpferdes natürlich alle das Recht den Preis entgegen zu nehmen. Immerhin gehört jedem einzelnen von ihnen ja ungefähr ein Haar von Captain Dunne.“ Daraufhin meldete sich ein älterer Herr etwas verlegen zu Wort und korrigierte: „Etwas weniger als fünf Prozent sind das schon“, worauf der Kommentator entnervt zurückfragte: „Und welcher Teil ist ihrer?“

Derby Hopping wie die Jockeys zu betreiben, ist spaßig, aber nicht ganz stressfrei. Dies insbesondere, da man von Chantilly aus sonntags nach Abschluss der Hauptrennen nicht mehr am selben Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Deutschland reisen kann. So bleibt einem also – aus England kommend – nur die Möglichkeit, für den Rückweg einen Wagen zu mieten (was für einen Weg über Ländergrenzen hinweg nicht wirklich günstig ist) oder aber mit der eigenen, bekanntermaßen nicht so sonderlich zuverlässigen (französischen…) Karre zu fahren. Nun gut, aber besondere Anlässe verlangen besondere Maßnahmen, also musste der Rückflug aus London schon Samstagabends angetreten werden. Denn es stand ja nicht nur das französische Derby an, sondern auch ein weiterer Start unseres einstmals so famosen Derbysiegers von 2009, Wiener Walzer.

Der Schlenderhaner Hengst ist ja bekanntlich seit dem letzten Winter justament in Chantilly beim französischen Dauerchampion (und eben diesjährigen Epsom-Derby-Siegertrainer) André Fabre im Training. Sein Start im heimischen Gr. 2-Grand Prix de Chantilly über 2400 m am französischen Derbytag hatte sich nach den letzten Leistungen angeboten. Eigentlich hatte Fabre ein Gr.2-Rennen am letzten Tag von Royal Ascot vorgesehen. Doch Wiener Walzers fünfter Platz im Gr.3-Prix d´Hedouville von Longchamp Anfang Mai ließ den Reiseaufwand als nicht besonders sinnvoll erscheinen.

Doch war nun auch dieser Grand Prix de Chantilly allein schon durch das Jahresdebut des letztjährigen französischen Spitzen-Dreijähirgen Behkabad, bei seinem vorletzten Auftritt guter Vierter im Arc, nicht gerade zum Spaziergang prädestiniert. Mit dem Engländer Poet, der den saisondebütierenden Arc-Triumphator Workforce noch Ende Mai mit einigem Abstand vor dem Feld an den Rand einer Niederlage in einem Gr.3-Rennen in Sandown gebracht hatte, stand ein hochkarätiges Formpferd am Start. Zudem hatten auch schon Ivory Land, Sieger des Prix d´Hedouville, und auch der ebenfalls von Fabre trainierte Ley Hunter unseren Wiener Walzer in dieser Saison hinter sich gelassen.

Noch so ein Bild: Der Auftritt des kapitalen Hengstes im Führring war bedrückend. Nichts von dem wachsamen, gespannt beobachtenden Augen, die uns noch bei unserem letzten Besuch in Longchamp im April gemustert hatten. Mit gesenktem Haupt und stumpfem Blick trottete Wiener Walzer im Führring entlang. Die Rennperformance war entsprechend. Solange das Tempo mäßig war, lag er unter Maxim Guyon gut in dritter, vierter Position im Rennen. Nachdem das Tempo Ende des Schlussbogens verschärft wurde, spannte er bald aus. Und Maxim Guyon ließ ihn bereits Mitte der Zielgeraden in Ruhe, er schlenderte als Letzter hinter dem Feld ins Ziel, ein echter „Schlenderhahn“ also (sorry, übler Kalauer, ich weiß). Das Rennen gewann etwas überraschend Silver Pond unter Olivier Peslier vor Behkabad. Wiener Walzer sah ehrlich gesagt so aus, als ob er sich auf den Weg von Sariska gemacht hätte, der von mir so gern zitierten Oaks-Siegerin 2009, die sich im letzten Sommer selbst pensionierte, nachdem sie bei zwei Gr. 1-Rennen in Folge in der sich öffnenden Startbox stehen geblieben war. Jedenfalls braucht Wiener Walzer dringend eine Pause und die Änderung seines Trainingsplans. Sonst wird sich der zweifache Gr. 1-Sieger bald um seinen Nachwuchs kümmern dürfen.

© Foto: turfstock.com, München

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Comments

One Response to “turfkopf – Wiener Walzer schnallt ab”
  1. Old Vollblut sagt:

    Wer gesehen hat, wie Wiener Walzer im letzten Arc auf unpassendem Boden und in (zu) starker Konkurrenz vom Jockey Quäli zugerichtet wurde, wundert sich nicht, dass unser ehemaliger Derby-Sieger in dieser Saison keine Leistung mehr zeigt.

    P.S.: Der in Chantilly mit seinem 2. Platz ein passables Saisondebüt gegebende Bekhabad lief nach dem Arc auch noch als Dritter im Breeders‘ Cup Turf auf den Churchill Downs.

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