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turfkopf – Überwiegend deutscher Frust am Arc-Wochenende

Oktober 6, 2010 by  

Hemke Label Arc © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Das vergangene Turfwochenende könnte nicht nur der Anlass für eine, sondern gleich für eine ganze Serie von Kolumnen sein. Vor der Fülle an Ergebnissen, Formen und Vergleichen muss jeder Analyst schier verzweifeln. Sieben Gruppe 1, vier Gruppe 2-Rennen und zwei Gruppe 1-Rennen für arabische Vollblüter standen auf dem Programm des Rennwochenendes rund um den Prix de l´Arc de Triomphe auf dem Pariser Hippodrom von Longchamp. In sechs Gruppe-Rennen starteten insgesamt neun in Deutschland trainierte Pferde – eine Auswahl vom besten, was der hiesige Galoppsport derzeit zu bieten hat. Das Resultat ist – wieder einmal – ernüchternd:

Allein der von Waldemar Hickst in Köln trainierte, in dieser Saison so großartig gesteigerte Budai konnte am Samstag im Gr.2-Prix Dollar über 1950 m an seine starke Gr. 3-Platzierung hinter dem französischen Stargalopper Vision d´Etat aus Deauville im August anknüpfen. Er wurde mit zwei Längen Abstand erneut Zweiter – diesmal hinter dem französischen Klassepferd Cirrus des Aigles. Dieser zweite Platz war hart erarbeitet, mit einem Kopf behielt Budai unter Dominique Boeuf die Oberhand gegenüber dem von Tom Tate trainierten Distant Memories unter Stéphane Pasquier, der wiederum mit einem Kopf Vorteil den von Clive Cox trainierten Poet unter Maxime Guyon auf Platz vier verwies. Der deutsche Derbyzweite Zazou aus dem Krefelder Stall von Mario Hofer landete unter Olivier Peslier nur auf dem neunten Rang. Hofer äußerte sich dazu nach dem Rennen ohne Umschweife: „Er war über den Berg, das konnte man klar sehen. Er hatte eine lange Saison und bekommt nun seine verdiente Pause“.

Ein Achtungserfolg gelang immerhin Liang Kay; der Schützling von Uwe Ostmann schlug als Neunter im Hauptrennen des Wochenendes, dem mit lohnenden 4 Mio. € dotierten Prix de l´Arc de Triomphe über 2400 m, die Hälfte des Feldes und ließ Topgalopper wie die ersten beiden des diesjährigen irischen Derbys Cape Blanco und Midas Touch, den französischen Derbysieger Lope de Vega und den dreimaligen Arc-Zweiten Youmzain hinter sich. Allerdings ist Liang Kay auch ein ausgesprochener Spezialist für aufgeweichten Boden, während der Schlenderhaner Wiener Walzer, der bekanntermaßen auf festes Geläuf angewiesen ist, als Zwölfter genau den schlechten Bodenverhältnissen von Longchamp Tribut zollen musste.

Immerhin waren die beiden deutschen Pferde nicht in die massiven Störungen verwickelt, die das Rennen nach Einbiegen in die Zielgerade prägten und die letztlich zur Disqualifikation des französischen Dreijährigen Planteur unter Anthony Crastus führten. Dieser bedrängte erst den späteren Fünften, Aidan O´Briens Fame and Glory, und den späteren Achten, Godolphins Cavalryman. Beide konnten sich von diesen Behinderungen nicht wieder erholen und blieben unter Wert geschlagen. Dem vorausgegangen war bereits ein Schlenker von John Gosdens Duncan unter William Buick, als dieser brüsk aus dem Schatten des vor ihm gehenden Midas Touch unter Seamie Heffernan ausbrach und zunächst den Ammerländer Lope de Vega und Aidan O´Briens Cape Blanco stark behinderte, bevor die nachfolgende Sarafina quasi eine verschlossene Strecke vorfand. Ihre Platzierung gut zweieinhalb Längen zurück hinter dem Sieger ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Bei einem nur halbwegs normalen Rennverlauf hätte Sarafina Workforce und dem Japaner Nakayama Festa, die sich die letzten dreihundert Meter eine packende Schlacht die Zielgerade herunter lieferten, womöglich noch kräftig auf den Zahn fühlen können. Jockey Gerald Mossé allerdings spielte die Behinderung als für Sarafina letztlich nicht rennentscheidend herunter. Jean-Claude Rouget hingegen, dessen Wettfavorit Behkabad im Zeitpunkt der Behinderung nahezu gleichauf mit Sarafina war, hielt die Behinderung für seinen Schützling, der Vierter wurde, für gleichwohl gravierend.

Ob die beiden führenden Workforce und Nakayama Festa aber wirklich zu stellen gewesen wären, bleibt Spekulation, die zweieinhalb Längen zurück zu Sarafina und ingesamt sogar über vier Längen zum vierten Behkabad sind aber schon eine erhebliche Distanz. Workforce-Trainer Sir Michael Stoute hatte sich im Vorfeld zum Rennen lange offen gehalten, ob er seinen Schützling starten lassen würde, die Enttäuschung über das schwache Abschneiden in den Gr.1-King George V and Queen Elisabeth-Stakes in Ascot Ende Juli saß tief, damals wurde der Hengst als hoher Favorit mit fast 17 Längen zurück gegenüber dem groß auftrumpfenden Harbinger Fünfter. Erst in den letzten Tagen drei Tagen vor dem Rennen – nachdem die Quoten wegen des drohenden Nichtstarts nochmals kurzzeitig auf 200:10 geklettert waren, galt der Start als gesichert.

Wenn man die skrupulöse Rennplanung für solche Spitzenpferde in der englischen Fachpresse nachvollzieht, wundert man sich, welche Entscheidungen manchmal in den großen deutschen Gestüten getroffen werden. Wie oft haben in dieser Saison sowohl Trainer Jens Hirschberger als auch Schlenderhans General-Manager Gebhard Apelt beteuert, Wiener Walzer nicht laufen lassen zu wollen, wenn der Boden auch nur 4,5 cm (also gerade einmal weich) misst. In Paris wurde der Boden morgens noch als sehr weich, nachmittags dann nach einigem Sonnenschein als weich bezeichnet, während die Racing Post in ihren Ergebnislisten weiter „very soft“ vermerkt. Auch wenn genaue Penetrometer-Angaben fehlen, so dürfte der Boden jedenfalls im Bereich von etwa 5, 3 oder 5, 4 cm gewesen sein, wenn nicht noch um einiges weicher. Wieso überhaupt die Meldung von Wiener Walzer bei den vorige Woche für Paris herrschenden Wetter- und Bodenaussichten aufrecht erhalten wurde, verwunderte. Die finale Entscheidung für seinen Start fiel dann offensichtlich wider besseres Wissen. Warum Schlenderhan stattdessen nicht etwa einen Start im ebenfalls über 2400 m-führenden Gr.1-Gran Premio del Jockey Club e Coppa d’Oro in Mailand in Erwägung gezogen hat, für den derzeit mit Night Magic, Quijano und Scalo der Rest der deutschen Steher-Elite gemeldet ist, die am Arc-Wochenende nicht am Start waren, bleibt nicht nachvollziehbar. Das Abschneiden von Wiener Walzer muss man unter den gegebenen Umständen als mindestens ebenso respektabel vermerken wie Liang Kays Neunten Platz.

Auch die weiteren deutschen Teilnehmer hatten am Sonntag das Nachsehen: Im ersten Rennen, dem Gr.1-Prix du Cadran, einem Supersteher-Examen über 4000 m, hatten Andreas Wöhlers Brusco als Sechster Werner Baltromeis Shawnee Saga als Siebter ein ganz langes Nachsehen. Die von Peter Schiergen trainierte zweijährige Stute Danedream kam im Gr.1-Prix Marcel Boussac – Criterium des Pouliches über einen sechsten Platz mit immerhin nur sechs Längen Rückstand hinter der O´Brien-Stute Misty for me nicht hinaus. Mario Hofers Smooth Operator ging mit 16 Längen-Rückstand hinter Goldikova, die ihren elften Gruppe1-Sieg feierte, im Gr. 1-Prix de la Forêt über 1400 m baden. Und auch Schiergens Zweite der Deutschen Diana ging – ähnlich wie die Dianasiegerin Enora vor drei Wochen im Prix Vermeille an gleicher Stelle – im Prix de l´Opéra verloren. Allerdings blieb sie als Sechste nicht ganz so unter Wert geschlagen wie die Röttgernerin Enora. Elle Shadow wurde mit neun Längen zurück Sechste immerhin noch vor reellen Gr. 1-Stuten wie Board Meeting und Godolphins Antara, die bis vor Jahresfrist noch von Roland Dzubasz in Hoppegarten trainiert worden war. Das Siegerduo stammte in diesem Rennen aus dem Stall von Jean-Claude Rouget, der seine Topstute Stacelita mit der groß gesteigerten Lily of the Valley quasi selbst bezwang.

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© Foto: turfstock.com, München

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