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turfkopf – Schritt zur Normalität

Juli 19, 2010 by  

Hemke Label Deutsch DerbyRolf C. Hemke – Es war ein würdiges Derbywochenende. Und ein Schritt auf dem Weg zu einer gewissen internationalen Normalität: Durch die Verlegung des Deutschland-Preises von Düsseldorf nach Hamburg (unter dem Namen Großer Preis von Lotto Hamburg) als Konsequenz aus der Konkurrenz durch die Fußball-WM diesen Sommer umfasste das Derby-Meeting erstmals zwei Gruppe 1-Rennen. Das ist eine Renn-Programmation von einem Zuschnitt, wie sie rund um das englische, französische oder irische Derby gängig ist. Das Meeting in Hamburg hat das – sicherlich zum Wohle des gesamten deutschen Galoppsports – aufgewertet. Die starke Beachtung, die die beiden Hauptrennen insbesondere in England fand, könnte genau daher rühren. Diese nun hatte allerdings gleich zwei Enttäuschungen zu Folge: Denn die beiden Godolphin-Pferde aus dem Stall der Herrscher-Familie von Dubai ließen mit einer Trefferquote von 100 % die deutsche Turfelite blass aussehen: Der Deutschland-Preis am Samstag genauso wie das Deutsche Derby wurden Beute der „Boys in Blue“. Schaut man allerdings etwa auf die Siegerliste des Epsom-Derbys, dann können sich die Engländer freuen, wenn – wie dieses Jahr geschehen – das Rennen im Lande bleibt und nicht ein Ire gewinnt, wie 2009 John Oxx mit einem gewissen Sea the Stars oder 2008 Jim Bolger mit New Approach.

Im Mittelpunkt des Interesses stand am Wochenende natürlich zuallererst das 141. Deutsche Derby (Gr.1, 2400 m, 500.000 €), das „Rennen der Rennen“, wie es im Turfjargon so gern genannt wird. Schon im Vorfeld hatten die Kommentatoren vielfach darauf hingewiesen, dass die Nachnennungen vom vergangenen Dienstag, der von Mark Johnston für den Kronprinzen von Dubai, Hamdan bin Mohammed al Maktoum, trainierte (also nicht zu Godolphin gehörigen) Monterosso und der von Mahmood Al Zarooni trainierte Godolphin-Hengst Buzzword Hochkaräter seien. Monterosso war zuletzt Vierter im Irischen Derby hinter einer Ballydoyle-Armada und siegte in den King Edward VII Stakes von Royal Ascot (Gr.2, 2414 m, ca. € 180000, 18.6.; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=rwq9vDV99OQ), in denen Buzzword Dritter war. Doch die Wetter konzentrierten sich auf den viel gelaufenen Monterosso, während Buzzword – dem Handicapgewicht nach immerhin Drittes Pferd im Feld – am Toto 188:10 notierte, eine lohnende Investition. Denn durch Buzzword (unter dem englischen Jockey Royston Ffrench) fiel der erste Sieg eines im Ausland trainierten Pferdes im Deutschen Derby mit 1 ¼ Längen durchaus souverän aus (Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=F-YAjY5ym9A), gerade wenn man bedenkt, das der Zweite Zazou nochmals zwei Längen Vorsprung auf den (später allerdings disqualifizierten Dritten) Sir Lando hatte.

Die Kräfteverhältnisse im aktuellen Jahrgang konnte das Derby auch oder gerade besonders erhellend wegen der beiden englischen Topdreijährigen klären: Tagessieger unter den deutschen Trainern war ganz klar Mario Hofer. Der Verdacht, dass der Krefelder mit Zazou den hochkarätigsten Dreijährigen im Stall hat, hatte sich seit dem Kölner Union-Rennen schon erhärtet. Die weitere Vermutung, dass dieser lieber auf Mitteldistanzen bis ca. 2000 m unterwegs ist, nutze Mario Hofer dann am Sonntag gerne zur Entschuldigung der Niederlage: „Zazou wurden am Ende die letzten 200 Meter doch zu weit, auf 2000 Metern ist er ein Gruppe I-Pferd.“ Dabei sollte man allerdings nicht übersehen, dass Zazou auch in den französischen 2000 Guineas am 16.5., der Poules d´essais des poulains (Gr.1, 1600 m, € 450.000; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=u1iMx0xUQ2o), als sechster zwei Plätze hinter Buzzword einkam. Ob hier also nur die Distanz eine Rolle gespielt hat, mag dahingestellt bleiben. Vielleicht ist der Primus unter den deutschen Dreijährigen einfach auch nur ein gutes und kein überragendes Pferd auf Gruppe 1-Level.

Eine echte Überraschung bot die zweite Hofer-Chance Lamool, an dem außer der Trainer wohl so recht niemand mehr geglaubt hatte. 766:10 hätte Lamool auf Sieg gezahlt, der unter dem feinen Ritt von Adrie de Vries lange Zeit die Pace machte, in guter Haltung auf die Zielgerade einbog und sich erst auf den letzten dreihundert Metern von Buzzword und Zazou überlaufen lassen musste. Das sah nach einigem unvermutetem Potential aus, zumal sein großartiger Vater Mamool 2002 auch Fünfter im Deutschen Derby war. Hofers trockenen Kommentar dazu, „Für Lamool wäre weicher Boden noch besser gewesen“, spricht von großem Vertrauen in das Können seines Schützlings.

Bitter liest sich das Ergebnis für den im Vorfeld wieder einmal so hoch gelobten Kölner Top-Stall von Peter Schiergen, der mit nicht weniger als sechs (!) Pferden angetreten war. Lediglich der durch den Ausfall von Kite Hunter nachgerückte Lyssio belegte als Achter 7 ¼ Längen zurück einen einstelligen, achten Platz. 10., 12., 13., 14. und 19. waren die weiteren Plätze. Der nach seinem Hannoveraner Trial-Sieg unvermutet weit auf 62:10 herunter gewettete Mitfavorit Seventh Sky, Bruder zu den Derbysiegern Samum und Schiaparelli, belegte Rang dreizehn.

Besser erging es dem mit drei Pferden angetretenen Wöhler-Stall aus Gütersloh. Zwar enttäuschte der im Frühjahr mit zwei Gruppe 3-Erfolgen so herausragende Scalo (unter Champion Eduardo Pedroza) als Neunter wie schon in der Kölner Union als Fünfter (Gr.2, 2200 m, € 100.000; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=WxOQvF67OLo). Hier liegt der Verdacht nahe, dass vielleicht die beiden nahezu identisch besetzten Felder in Frankfurt (Frühjahrspreis des Bankhauses Metzler, Gr. 3, 2000 m, € 50.000, am 02.05.2010) und München (oneXtwo.com Bavarian Classic, Gr. 3, 2000 m, € 50.000 am 24.05.2010) doch so verhältnismäßig schwach waren, dass Scalo glänzen konnte. Der im Bremer Derby-Trial mit Mühe siegreiche Russian Tango (Jozef Bojko, Eventualsiegquote: 141:10) profitierte von der Behinderung durch den norwegischen Hengst Sir Lando (Jimmy Fortune; Eventualsiegquote: 715:10) hundertfünfzig Meter vor dem Ziel und tauschte nach dessen Disqualifikation mit diesem die Plätze. Ob Russian Tango oder doch Scalo der bessere Steher ist, wird die Zukunft weisen. Immerhin hatte Pedroza vor der Wahl zwischen Scalo, Russian Tango und Jammy Shot (der Letzter wurde) gestanden und sich für Scalo entschieden.

Ein dunkles Pferd bleibt auch nach seinem vierten Platz Sir Lando aus dem Osloer Stall des gebürtigen Duisburgers Wido Neuroth, der mit dem noch im Kölner Grand Prix-Aufgalopp (Gr.3, 2000 m, 50.000 €, 18.04.2010) erfolgreichen Appel au Maître bereits 2007 einmal einen Derby-Vierten gesattelt hatte. Aufgrund seiner Vorleistungen (4. Platz im Bremer Derby-Trial, Listenrennen, 20.000 €, 2100 m am 18.06.2010), hatte es der Hengst als 20. so gerade eben noch in das Derbfeld geschafft, da kam nun der vierte Platz erstmal überraschend. Quasi formgerecht mutet dagegen der sechste Platz des von Waldemar Hickst trainierten Lindentree unter dem Franzosen Yann Lerner an, der bei seinem zweiten Platz in der Kölner Union schon angedeutet hatte, das er größeres Potential besitzt. Den siebten Platz des Favoriten Monterosso unter Kieran Fallon hingegen darf man nach dem dritten Hammerrennen binnen eines Monats (siehe oben) getrost als Formabschwung infolge von Überlastung werten.

Ob der Achte Lyssio nun wirklich der verlässlichste Steher im Stall von Peter Schiergen ist, lässt sich anhand des Derby-Ergebnisses nicht klären. Jedenfalls galt Lyssio in seinem Stall immer als viel versprechendes aber spätreifes Pferd. Sein respektables Abschneiden nach einem zuvor eher unglücklichen sechsten Platz in dem erwähnten Bremer Derbytrial mag man jedenfalls als Versprechen werten. Für den Rest des Feldes war der Boden zu hart, der Rennverlauf unglücklich und die Sonne stand zu tief.

© Foto: privat

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