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turfkopf – Pferde, die was wollen

August 19, 2010 by  

Hemke Label York © Vera LisakowskiRolf C. Hemke – Pferde sind auch nur Menschen. Mit Fell, vier Beinen und eben jenem großen Kopf, von dem schon das Sprichwort besagt, dass sich damit besser denken lässt als mit dem menschlichen Gegenstück. Sariska zum Beispiel, die Epsom und Irish Oaks-Siegerin 2009, hat am Donnerstag für ihren Trainer Michael Bell und Jockey Jamie Spencer mitgedacht: Die Pivotal-Tochter, die weichen Boden bevorzugt, sollte in den Yorkshire Oaks, einem prestigeträchtigen, mit etwa € 380.000 dotierten Gr.1-Stutenrennen über 2414 m in York antreten. Wegen des guten Bodens hatte ihr Trainer unmittelbar vor dem Rennen Bedenken angemeldet und gemutmaßt, dass ihre bereits dreimal unterlegene Dauerrivalin Midday diesmal wirklich reelle Siegchancen hätte. Ob Sariska diese Zweifel gehört hat und Konsequenzen zog oder ob sie aus ganz eigenen Motiven den Entschluss fasste, zwar in die Boxen ein-, beim Start aber nicht wieder auszurücken, war nach dem Rennen nicht zu erfahren. Selbst als gestandene Protagonistin war Sariska nicht für Statements zu haben.

Die Lacher aber hatte sie allemal auf ihrer Seite. Wie Jamie Spencer nach dem Öffnen der Boxentüren verzweifelt auf Sariska hin- und herrutschte wie ein Fünfjähriger, dessen Karussellpferd plötzlich den Dienst versagt, das war sehenswert! Leider hatte Papa Bell gerade kein passendes Kleingeld zur Hand. Sariska blieb einfach stehen und Midday unter Tom Queally zog ihre eigene Show ab. Ging vierhundert Meter vor dem Ziel an die Spitze, setzte sich zweihundert Meter vor dem Ziel überlegen von der diesjährigen English- und Irish-Oaks-Siegerin Snow Fairy ab und passierte mit drei Längen Vorsprung überlegen das Ziel. Michael Bell war nach dem Rennen nicht sonderlich amüsiert und in dem Tonfall, in dem er sagte „wir müssen mit den Eigentümern über die weiteren Startpläne“ sprechen, hätte er auch sagen können, „ich muss mit ihren Eltern reden“. Zum Abschluss grummelte er dann noch: „Der Stute gehts gut und wie Jamie Spencer sagte, niemand ist gestorben.“ An die Gurgel wäre er ihr womöglich aber schon ganz gerne gegangen.

Die Yorkshire Oaks, die mit ca. € 830.000 dotierten Juddmonte International Stakes, Gr.1, über 2092 m und die Gr. 1-Nunthorpe Stakes über 1004 m am abschließenden Freitag sind die drei Toprennen im Rahmen des Ebor-Meetings von York, dem größten und ältesten Galoppmeeting im Norden von England. Seit 1843 bereits wird das namensgebende Ebor-Handicap auf der Rennbahn von Knavesmire direkt vor den Toren von York ausgetragen und ist bis heute – jeweils am zweiten Renntag ausgetragen – das lokal populärste Rennen.

Die größte internationale Aufmerksamkeit genießen die Juddmonte International Stakes, die als einer der absoluten Höhepunkte der englischen Rennsaison gelten und die auch in diesem Jahr mit einer höchst beachtlichen Besetzung aufwarteten: Mit Aidan O´Briens Rip van Winkle (Irland), Andre Fabres Byword (Frankreich), Endo Bottis Jakkalberry (Italien), den beiden Godolphin-Pferden Cutlass Bay und Cavalryman (beide Saeed bin Suroor / Vereinigte Arabische Emirate), sowie einigen englischen Topferden, darunter Henry Cecils Twice Over und Richard Hannons Dick Turpin war Weltklasse am Start. Leider war der deutsche Derbysieger 2009, der von Jens Hirschberger trainierte Wiener Walzer, der lange für dieses Rennen vorgesehen war, in der Vorwoche abgemeldet worden – obwohl der Yorker Boden in einem nahezu perfekten Zustand für den Schlenderhaner Crack gewesen wäre.

Wie Wiener Walzer hier abgeschnitten hätte lässt sich natürlich nur spekulieren. Rechnet man seine Form über Jakkalberry, der seinen Trainingsgefährten Getaway Mitte Juni im Gran Premio di Milano nach Kampf schlug, hätte er ähnlich wie in den Prince of Wales´s Stakes im Juni im besseren Mittelfeld landen können. Jakkalberry wurde – bei nicht ganz glücklichem Rennverlauf – hinter Dick Turpin Sechster. Der von Wiener Walzer im Juni noch geschlagene Cavalryman landete – bei seinerseits deutlich steigender Formkurve – auf Rang vier. Weiter vorgedrungen wäre er vermutlich nicht, dazu war das Toptrio Rip van Winkle, Byword und Twice Over in dem hochklassigen Feld dann doch allzu überlegen.

Lange sah es nach einem Sieg der beiden im Besitz von Khalid Abdullah stehenden Hengste Twice Over und Byword aus. Im Hinblick darauf, dass Abdullahs Gestüt Juddmonte auch namensgebender Sponsor des Rennens ist, wäre das Geld also beinahe im Hause geblieben. Wäre da nicht immer wieder dieser genialische Ballydoyle-Stalljockey Johnny Murtagh, der es so oft schon noch ein bisschen besser konnte als seine Kollegen – in diesem Falle als der französische Jungstar Maxim Guyon (Byword) und der ehemalige Schlederhander Stalljockey Tom Queally (Twice Over). Wie Murtagh Rip van Winkle auf den letzten hundert Metern noch an den beiden Abdullah-Hengsten vorbeischob und auf der Linie eine sichere halbe Länge vorne lag, das war zum Niederknien. Khalid Abdullah, Tom Queally und Trainer Henry Cecil hielten sich dafür mit dem Sieg von Midday in den Oaks schadlos.

Nachdem Rip van Winkle im letzten Jahr gleich dreimal gegen Sea the Stars das Nachsehen hatte und bei seinem US-Gastspiel Anfang November im Breeders´ Cup Classic gegen die amerikanische Wunderstute Zenyatta bereits ausgebrannt wirkte, hat Aidan O´Brien dieses Jahr die Saison anscheinend besser auf sein Pferd ausgerichtet. Dafür spricht die kontinuierliche Leistungssteigerung über die letzten drei Rennen und die Erkenntnis, das Rip van Winkle, trotz seiner beiden Gr. 1-Treffer über die Meile als Dreijähriger, auf weiteren Distanzen besser aufgehoben sein könnte. Fernziel, so O´Brien, ist erneut der Breeders´ Cup Classic. Bei einem Aufeinandertreffen mit Rip van Winkle in dieser Form wird sich auch die bisher ungeschlagene Zenyatta kräftig strecken müssen.

© Fotos: Vera Lisakowski

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  2. […] Oaks Mitte August, als Sariska in der Startbox stehen blieb und den Absprung verweigerte (Siehe Turfkopf: „Pferde die was wollen…“). Sarafina, die bis dahin noch ungeschlagene französische Prix de Diane-Siegerin 2010 aus dem […]



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