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turfkopf – Neuer Glanz: Enora siegt im deutschen Stutenderby

August 2, 2010 by  

kolumne_hemke_dianaRolf. C. Hemke – Man konnte sie auf der Rechnung haben, diese von Torsten Mundry für das Gestüt Röttgen trainierte Enora. Man musste nicht. Sie ist in ihrem Jahrgang spät geboren, am 28. April 2007. Sie war zweimal in kleinen Kölner Stutenrennen im Juni gelaufen. In ihrem ersten Rennen am 13.6. unterlag sie – noch sichtlich unerfahren – bezeichnenderweise gegen Night Fashion, die Vollschwester der letztjährigen Diana-Siegern Night Magic. Das andere Mal, am 30.6, gewann sie leicht mit 2 Längen gegen Pferde, die diese Form seitdem nicht unbedingt aufgewertet haben. Doch wenn man den Rennverlauf analysierte, konnte man schon sehen, dass da eine Stute mit großer Galoppade gewonnen hatte: Denn immerhin saß die Stute dreihundert Meter vor dem Ziel in den hinteren Regionen des Feldes noch ziemlich fest und musste einen erheblichen Bogen nach außen ziehen, bis sie die Spitze erreicht. Dort musste sie nur einmal kurz aufgefordert werden, um sich mit ein paar Galoppsprüngen leicht frei zu machen.

Diese beiden kleinen Rennen brachten ihr vom Handicapper eine Bewertung von 72 kg. Damit war sie das Pferd mit der niedrigsten Vorbewertung für den 152. Preis der Diana in Düsseldorf, das mit 400.000 € dotierte Deutsche Stutenderby (Gruppe 1). Sie bekam den letzten verfügbaren Startplatz im Feld. In stärkeren Jahren hätte dieses GAG (Gewichtseinstufung nach Leistung, die u.a. den Ausschlag über die Qualifikation für das Deutsche Derby und den Preis der Diana gibt) kaum ausgereicht. Doch so ging sie als frisches, aber auch dunkles Pferd in das Rennen. Mit einer Siegeventualquote von 162:10 stand sie zwar formell als Außenseiterin im Rennen, aber nur vier Stuten waren stärker gewettet als sie.

Terry Hellier muss sich die Aufzeichnung des Rennens vom 30.06. sicherlich mehr als einmal angeschaut haben. Woher hätte er sonst soviel Vertrauen zu diesem Pferd entwickeln können? Beim Einbiegen in die Schlussgerade lag er noch auf dem vorletzten Platz, sparte ihr innen ein paar Meter und wich dann genauso wie Eugen Frank im Rennen am 30.06. ganz nach außen aus um ihr dort freien Raum für ihren zwingenden Schlusssprint zu geben. Und sie packte ganz groß an! Ließ die Mitfavoritin Elle Shadow nur für einen Moment wie die Siegerin aussehen und zog dann ohne Federlesens an dem Starke-Ritt vorbei. Eine sensationelle Leistung von Terry Hellier auf einer Stute, die sich schon bald als das Ausnahmepferd des Stutenjahrgangs 2007 erweisen könnte.

Diese Enora war eigentlich das einzige, wirklich dunkle Pferd im diesjährigen Diana-Feld. Natürlich besteht in jedem dieser Jahrgangsklassiker – egal ob Derby oder Guineas – die Möglichkeit, dass sich ein Pferd erst hier voll zu erkennen gibt. Das macht ja den Reiz aus. In einer interessanten Entwicklung schienen vor dem Rennen insbesondere die Ittlingerin Amare, frische Düsseldorfer Listensiegerin von Anfang Juli, als sie gleich ein halbes Dutzend ihrer Diana-Gegnerinnen hinter sich ließ. Mundry-Jockey Eugen Frank hatte ihr auch den Vorzug gegenüber Enora gegeben. Amare fand aber nie richtig ins Rennen und wurde nur Zwölfte. Aktuell gegenüber ihrer Zweijährigen-Kampagne deutlich gesteigert scheint dagegen die frische Siegerin aus dem Mailänder Gruppe 3-Premio Mario Incisa della Rocchetta Tech Exceed, eine Wöhler-Stute, die auch die Wahl von Champion Eduard Pedroza war. Sie wurde gute drei Längen hinter der Siegerin zurück Fünfte.

Elle Shadow, die zweitplatzierte, führte gleich ein Trio von Asterblüte-Pferden auf den Geldrängen an: Mit Nicea unter Martin Dwyer auf dem dritten Rang (Siegquote: 248:10), zuletzt Dritte in dem besagten Düsseldorfer Listenrennen hinter Amare, scheint Peter Schiergen eine weitere groß gesteigerte Stute im Stall zu haben. Gestüt Bonas Lagalp unter Andreas Göritz (Siegquote: 387:10), im Frühjahr zwischenzeitlich einmal Talking Horse, wurde nicht minder überraschende Vierte. Inwieweit die Stuten diese Leistungen bestätigen können, bleibt abzuwarten. Nach der Enttäuschung im Deutschen Derby muss der Diana-Renntag für Schiergen eine sehr positive Enttäuschung gewesen sein. Denn auch das Abschneiden der Mitfavoritin Elle Shadow (Siegquote: 46:10), die sich damit zumindest als das derzeit beständigste Pferd ihres Jahrgangs erwiesen haben dürfte, war alles andere als selbstverständlich: Nach ihrem schwachen Abschneiden im Berliner Gr.2-Diana-Trial im Mai hinter Vanjura und Waldjagd und der Niederlage im Gr.3 Hamburger Stutenpreis am zweiten Juli-Sonntag durfte man sehr wohl gewisse Zweifel anmelden, ob sie die hohe Meinung, die nach ihrem überlegenen Sieg in einem Mülheimer Listenrennen Anfang Mai entstanden war, rechtfertigte.

Nimmt man die Niederlage Elle Shadows gegen die mittelklassige englische Stute Miss Starlight aus dem Hamburger Grupperennen zum Massstab, so muss sich dieser deutsche Stutenjahrgang erst noch beweisen. Daran ändert auch der siebte Platz der Godolphin-Stute Hibaayeb, frische Gr.2-Siegerin aus Ascot, unter Frankie Dettori in der Diana nichts. Denn Hibaayeb scheint eine mehr als unbeständige Kantonistin zu sein. Sie startete als eine der beiden Favoritinnen Mitte Juli in das irische Diana-Pendant, die Gr.1-Irish Oaks als Mitfavoritin auf gutem (!) Boden und wurde letzte. Frankie Dettori mutmaßte nach diesem Ritt, der Boden sei ihr schon zu weich gewesen. Der weiche Düsseldorfer Boden (4,6 cm) war es aber dieses Mal nicht. Godolphin, der Rennstall der Herrscher von Dubai, verlautbarte nach dem Rennen, die Stute sei rossig gewesen. Dafür ist der siebte Platz prima. Aber nicht nur wegen der vergeblich aufgewendeten 40.000 € Nachnennungsgebühr für den Start von Hibayeeb war der Renntag für Godolphin ärgerlich.

Ein Blick in de Abstammung der Siegerin Enora gibt darüber Aufschluss: Sie ist die Tochter der Enrica, und damit Halbschwester des großen Stehers Egerton, der u. a. zweimal den Hamburger Idee Hansa-Preis 2006 und 2008 auf Gruppe 2-Ebene über 2400 m gewinnen konnte. Ihr Vater Noverre aber war ein erfolgreicher Meiler für Godolphin, der u.a. 2001 mit Frankie Dettori im Sattel die Gr.1 Sussex-Stakes von Goodwood gewann. 2003 wurde er im Godolphin-eigenen Kildangan Stud, County Kildare, in Irland aufgestellt. Man gab ihm aber nur wenig Zeit sich zu bewähren. Obwohl er einige wenige erfolgreiche Nachkommen bis dahin auf den Rennbahnen zeitigte, wurde er 2008 an ein indisches Gestüt verkauft.

Seitdem aber feiern die Noverre-Nachkommen großartige Siege: Der Hengst Summit Surge gewann am letzten Juli-Wochenende die Gr.2-York-Stakes. Die dreijährige, von Mick Channon trainierte Noverre-Stute Music Show gewann Anfang Juli die Gr.1-Falmouth-Stakes in Newmarket und wurde parallel zur Deutschen Diana gute Zweite hinter der momentan wohl unschlagbaren Goldikova im Gr.1-Prix Rothschild von Deauville. Da sollten im Godolphin-Management so langsam Köpfe rollen.

Im Hinblick auf Enora macht diese späte Erfolgsgeschichte von Noverre aber Mut. Nach dem bedauerlichen Verkauf der diesjährigen 1000 Guineas-Ersten Kali und –Dritten Neon Light nach Japan und die USA darf man die Hoffnung haben, dass das Kölner Gestüt Röttgen ihre erste Diana-Siegerin seit 29 Jahren zukünftig in der eigenen Mutterstutenherde halten will. Bis dahin trägt Elle Shadow nicht mehr allein die Last des deutschen Stutenjahrgangs. Auf dass sich Enora als das entpuppt, als das sich ihre englische Alterskollegin schon erwiesen hat: Als echte Show.

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© Fotomontage: turfstock.com, München

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