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turfkopf – Kleines Überlebenstraining auf Veliefendi

April 27, 2011 by  

Hemke Label Wettraetsel © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Reisen soll ja bekanntlich bilden. Dass dabei die Entfernung nicht unbedingt etwas über den Erkenntnisgewinn aussagt, versteht sich von selbst. Es soll ja schon Menschen gegeben haben, die aus entferntesten Weltregionen mit einem einzigen Gedanken zurückgekehrt sind – dem nach einem Sauerbraten (bitte nicht vom Pferd!). Besonders offensichtlich tritt die Erfahrung der Differenz dort zu Tage, wo sich der Mensch in der Fremde in vermeintlich vertraute Gefilde begibt. Also etwa wenn der Kölner in ein Düsseldorfer Brauhaus geht oder der Münchner auf ein US-amerikanisches Oktoberfest.

Interessant ist insoweit immer auch der Besuch einer Galopprennbahn im Ausland, auf dem Istanbuler Veliefendi Hipodromu zum Beispiel. Zwar ist der Kurs mit Turf- und breiter Sandbahn sowie einer Flutlichtbeleuchtung für beide Geläufe sehr komfortabel ausgestattet. Auch die individuelle Videoanalyse nach den einzelnen Rennen auf den Bahnmonitoren entspricht dem, was man aus dem englischen Rennsport-TV gewohnt ist. Doch Zuschauerbereiche wie Tribüne, Wetthalle und Gastronomie können in punkto Investitionsrückstand mit deutschen Rennbahnen bestens konkurrieren. Sehenswert ist auch der Souvenirladen, der hunderte überwiegend vergoldeter Statuetten galoppierender und springender Pferde ausstellt, die man sich bestenfalls als arabischer Scheich in die hinterste Ecke der Deckhengststation stellen kann. Und die Wettscheine muten an, als müsste man darauf gleich an Ort und Stelle seine türkische Steuererklärung anfertigen.

Kern der Herausforderung auf Veliefendi aber ist tatsächlich die Sprache. Oder auch die mangelnde Vorbereitung der Expedition. Aber wer ahnt denn auch in diesen touristenüberfluteten Istanbuler Ostertagen, dass sich anscheinend auf der gesamten, an diesem windig kalten Werktagsabend ohnehin nur spärlich besuchten Rennbahn, wirklich niemand finden lässt, der auch nur zwei Sätze in einer gängigen westeuropäischen Fremdsprache spricht, in der man im Zweifel immer noch radebrechen könnte. Die Hilfsbereitschaft, das türkische Wettsystem zu erklären, ist grenzenlos und sehr wortreich, nur leider vergebens.

Das Verhängnis begann an dem Wettschalter, an dem ich meinen natürlich fehlerhaft ausgefüllten Wettschein abgeben wollte. Die freundliche junge Frau versuchte mir mit Engelsgeduld zu erklären, wo der Fehler lag. Da ich dem türkischen Redeschwall aber nichts erwidern konnte, zog sie ihren nicht minder freundlich dreinblickenden Kollege zu Rate, der es in einem wesentlich langsameren Türkisch mit mir versuchte. Als ich immer noch nicht verstand, wurde per Telefon der Chef gerufen: Der leitete seine Ausführungen gleich mit der hilfreichen Erklärung „sorry no English, no French, no German“ ein, was immerhin schon mir sieben verständliche Worte waren, dabei blieb es aber auch. Dafür sprach er noch deutlich langsamer türkisch mit mir als sein Vorredner, etwa so wie ein alte Langspielplatte bei falscher Umdrehungszahl. Das rief nun natürlich die hinter mir in der Schlange wartenden Besucher auf den Plan, die ihre Wetten platzieren wollten. Allerdings reagierte niemand ungehalten oder ungeduldig, wie das vermutlich an allen westeuropäischen Wettschaltern der Fall gewesen wäre. Nein, das Türkisch beschleunigte sich wieder merklich, ich nehme an, man versuchte mir unter Aufbietung aller Umformulierungskünste aufs Einfachste zu erklären wie der Wettschein auszufüllen sei, nur: ICH SPRECHE KEIN TÜRKISCH. Als sich diese entmutigende Erkenntnis unter dem Pulk von etwa einem dutzend Menschen verbreitete, aus dem ich als mittelblonder Westeuropäer herausschaute, fingen die Herrschaften an untereinander zu diskutieren. Worüber weiß ich nicht, aber es schien anregend zu sein.

Mittlerweile drängte die Zeit und ich zeigte dem verzweifelten Dreigestirn hinter dem Wettschalter zwei Pferdenamen im Rennprogramm, die ich eigentlich hatte auf Sieg setzen wollen. Den Ausschlag für Tornado hatte der Name gegeben, das andere Pferd war Mitfavorit. Was weiß ich schon von Pferden, die in Istanbuler Handicaps laufen? Von dem 50 Liraschein hielt der gute Mann mir ganze zwei Lira ab. Ich verzeifelte. Doch zu weiterem Nachhaken reichte es nicht, das Rennen war gestartet. Wie konnte es anders sein, Tornado gewann überlegen vor Cavusoglu, dem Mitfavoriten. Und ich war um 20 EUR reicher. Die Herrschaften hatten in ihrem weisen Ratschluss eine exakte Zweierwette für mich platziert.

Übrigens habe ich den weiteren Abend hindurch nur diese türkische Variante der Zweierwette gespielt, die ordentliche Quoten ergibt, aber auch in der Vollkombination mehrerer Pferde nur reduzierte Einsätze verlangt, ähnlich unserer Zwillingswette. Das Hauptrennen des Abends war übrigens das auf Gr.3-Level ausgetragene und mit umgerechnet etwa 70.000 € dotierte Istanbul Büyüksehir Bele über 1900 m für 4jährige und ältere Pferde. Hier gaben einige der bekanntesten türkischen Pferde ihr Jahresdebut: Pan River, türkischer Derbysieger 2008 und mittlerweile mehrfacher türkischer Gr.1-Sieger, der durch seine wiederholten Dubai-Starts das wohl auch international bekannteste türkische Pferd ist, während der Derbysieger des Vorjahres, Mystical Storm, immerhin auch schon drei türkische Gr.1-Siege vorzuweisen hat.

Das erlesene Feld komplettierten die beiden mehrfach in der Türkei Gr.1-platzierten Kurtiniadis und Inspector. Diese Gr.1-Rennen sind allerdings – im Gegensatz zu den auch in Deutschland viel beachteten internationalen Gr.2-Rennen (u.a. Bosphorus-Trophy), die jedes Jahr Anfang September ebenfalls auf Veliefendi gelaufen werden – nur für türkische Pferde zugänglich. Dem ebenfalls nur national ausgeschriebenen Istanbul Büyüksehir Bele konnte man in dieser Besetzung allerdings tatsächlich auch ein internationales Gr.3-Niveau zuschreiben. Dass Pan River dann gegenüber dem bereits in diesem Jahr gelaufenen Sieger Transacoustic das Nachsehen hatte und Mystical Storm sogar im hinteren Feld verschwand, sei in Anbetracht der babylonischen Erfahrungen des Abends nur am Rande vermerkt.

© Foto: turfstock.com, München

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Comments

One Response to “turfkopf – Kleines Überlebenstraining auf Veliefendi”
  1. Herbert Vogel sagt:

    Sehr schöner Reisebericht.
    Mit Schmunzelgarantie.

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