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turfkopf – Ein Versprechen war das schon…

Juni 17, 2010 by  

Label_HemkeRolf C. Hemke – Die Bilanz des Ascot-Starts von Wiener Walzer, dem deutschen Derbysieger 2009, liest sich auf den ersten Blick nüchtern: Fünfter in einem der prestigeträchtigsten englischen Rennen, den mit rund 511.000 € dotierten Prince of Wales´s Stakes (Gr. 1, 2012 m) im Rahmen des legendären Royal Ascot-Meetings (Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=KlE520zNmBU). Bei genauerem Hinsehen allerdings ist das Resultat durchaus bemerkenswert: Mit zwei-dreiviertel Längen Rückstand auf den Sieger Byword verkürzte der Schlenderhaner seinen Abstand zu dem Fabre-Hengst erheblich, der ihn bei seinem Saisondebut im Pariser Prix d´Ispahan noch auf zehn Längen distanzieren konnte.

Der Auftritt Wiener Walzers am Pfingstsonntag (23.5) in Longchamp (Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=xQVlD8UkRK4) war eine Notlösung, daran hatte sein Trainer Jens Hirschberger von vornherein keinen Zweifel gelassen. Eigentlich hatte der Hengst bereits im Prix Ganay (2.5.) in Paris in die Boxen einrücken sollen, was sich aufgrund einer leichten Erkältung allerdings nicht realisieren ließ. So diente der Start drei Wochen später auf allzu kurzer Distanz (1850 m) und gegen die übermächtige Goldikova insbesondere der Vorbereitung. Seine Platzierung auf Rang drei täuschte darüber hinweg, dass sich die Bahnrekord laufende Goldikova und der von ihr nur um eine halbe Länge geschlagene Byword an diesem Tag in anderen Galoppdimensionen bewegten als der Rest des Feldes. Die viertplatzierte Stacelita, immerhin letztjährige französische Prix de Diane-Siegerin, folgte – ebenfalls mit Saisondebut – weitere sechs Längen hinter Wiener Walzer zurück. Ihr Trainer Claude Rouget schaltete daraufhin erstmal einen Gang zurück: Sie gewann am vergangenen Montag (14.6) La Coupe (Gr. 3) in Longchamp.

Hirschberger hingegen hielt an der Großaufgabe für Wiener Walzer fest. Und nimmt man Byword als einen Formindikator kann sich der Trainer bestätigt fühlen: Denn während sein Schützling erst den zweiten Saisonauftritt absolvierte, begann Byword bereits Anfang April in einem Listenrennen in Maisons-Lafitte und setzte sich noch am Maifeiertag im Prix du Muguet in Saint-Cloud lediglich mit kurzem Kopf gegenüber Gris de Gris und anderthalb Längen gegenüber Andreas Löwes Sehrezad durch (Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=0VAgVLtBsrM&feature=related). Der Konditionsvorteil Bywords gegenüber Wiener Walzer dürfte also auch in Ascot noch nicht zu vernachlässigen gewesen sein, dies zumal der Schlenderhaner dem Vernehmen nach im heimischen Training nicht gerade übereifrig sein soll, sondern eher dazu tendiert, seine Pflicht zu erfüllen. Man wird also tendenziell davon ausgehen können, dass er sein Formhoch erst in der zweiten Saisonhälfte erreicht, wenn er bereits einige Rennen absolviert hat. Sein respektabler Sieg letztes Jahr im Kölner Rheinland-Pokal Mitte August (Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=bNShk6zod6I) könnte das bestätigen, auch wenn Hirschberger im Vorfeld von Ascot nochmals betont hatte, für wie stark er die Entwicklung des Hengstes nicht nur über die Winterpause, sondern gerade nochmals in den letzten drei Wochen hält.

Doch gerade die entscheidende Schlussphase des Rennens von Ascot lässt darauf schließen, dass Wiener Walzer immer noch nicht bei 100 % angelangt ist. Nach dem Rennen sagte Adrie de Vries: „Das Rennen war für mich völlig in Ordnung, es lief alles glatt und ich war in einer guten zweiten Position. Als das Rennen dann schneller wurde, lief er unverändert weiter – er beschleunigte nicht. Ich denke, er könnte zwei- oder vierhundert Meter mehr vertragen – aber der Boden war perfekt, das war genau das, was er mag.“ GaloppOnline.de hingegen zitierte Gebhard Apelt, den Racing Manager von Schlenderhan mit den Worten: „Wiener Walzer war Fünfter nach Zielfoto, da war mehr drin. Er sollte eigentlich an vierter Stelle gehen, doch an zweiter Position hatte er die Nase zu früh im Wind.“ Was schließt der geneigte Leser daraus?

Hat sich Adrie de Vries nicht an die Rittorder gehalten, als er Wiener Walzer schon nach wenigen hundert Metern auf die zweite Position beorderte und das Feld das Rennen über mitanführte? Hätte er Wiener Walzer eher während des Rennens verstecken und auf Warten reiten sollen? Wäre dieser dann besser abgesprungen und hätte noch beschleunigen können? Wäre ein Hase, wie ihn Hirschberger mit dem Ullmann-Hengst Next Vision im Prix d´Ispahan einsetzte, die Lösung gewesen, um Wiener Walzer während des Rennens im Feld zu halten? Fakt ist, dass Next Vision und Goldikovas Hase Celebrissime das Pariser Rennen so schnell gemacht haben, dass Wiener Walzer auf der Geraden nichts mehr zuzusetzen hatte. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so drastisch, war auch der Ausgang der Prince of Wales´s Stakes – ohne Hase. Fakt ist aber auch, dass Wiener Walzer schnelle Rennen braucht, damit seine hohe Grundgeschwindigkeit zum Tragen kommt und er nicht im Einlauf ausgesprintet wird (der Einsatz eines Hasens ist für ihn also grundsätzlich sinnvoll). Drängt sich bei solchen Überlegungen aber nicht doch – abgesehen von einer weiteren Formentwicklung des Pferdes – die vorsichtig formulierte Einschätzung von Adrie de Vries auf, dass der Derbysieger auch international wieder auf die Derbydistanz gehört? Ist ein Pferd, das ausgewiesene Steher wie Getaway und Godolphins Eastern Anthem schon als Dreijähriger im Kölner Rheinland-Pokal geschlagen hat und dabei immer wieder zulegen konnte, nicht auf der Distanz hinreichend ausgewiesen?

Jedenfalls kann man Jens Hirschberger – egal wie er sich entscheidet – für die weitere Saisonplanung nur den Mut wünschen, Wiener Walzer weiter auf dem gewählten Topniveau einzusetzen. Dass das Pferd diese Klasse kann, hat er mit seiner Leistung in Ascot bereits bewiesen. Im geschlagenen Feld landete hier Weltklasse: Der Arc-Dritte 2009 Cavalryman mit Frankie Dettori, der unverwüstliche Presvis unter Kieran Fallon, genauso wie Pferde, die aktuelle beste Gruppe 1-Formen mitbringen. Godolphins Allybar war Ende März im Herzschlagfinale des Dubai World Cup (allerdings auf dem Kunstbelag Tapeta!) nur um Zentimeter geschlagener Dritter und die Französin Shalanaya war zweite hinter Godolphins Cutlass Bay im bereits angesprochenen Pariser Prix Ganay.

Nennungen besitzt Wiener Walzer nun u.a. für den Deutschland-Preis (Gr.1, 2400 m) am Derby-Wochenende in Hamburg, den Großen Preis von Baden (Gr.1, 2400 m) und den Prix de l´Arc de Triomphe (Gr.1, 2400 m). Alternativ zu Hamburg könnte sich natürlich auch ein neuerlicher Start in Ascot anbieten, in den berühmten King George VI and Queen Elizabeth Stakes (Gr.1, 2414 m, ca. 1,2 Mio € – Weltklasse-Feld garantiert). Die Distanzfrage scheint damit fast vorentschieden. Wie die Route tatsächlich aussehen wird, hängt aber nicht nur von Hirschberger ab, sondern entscheiden die jeweiligen Bodenverhältnisse (abgetrocknet, bitte sehr und kein Matsch an den Hufen!). Im Vergleich zu Ascot wäre Hamburg ein Schritt zurück auf der internationalen Skala – immer noch eine Gruppe 1-Prüfung, aber eben eine deutsche. Da tummelt sich zumeist nicht unbedingt die internationale Topklasse. Allerdings hätten wir auch gegen einen überlegenen Sieg Wiener Walzers nichts einzuwenden, bevor es wieder an die ganz großen Aufgaben geht…

© Fotos: Rolf C. Hemke, Köln

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  1. […] m, ca. 511.000 €; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=KlE520zNmBU, siehe Turfkopf-Kolumne „Royal Ascot“): In dem Parallelrennen in Newmarket, den Princess of Wales´s Stakes (Gr. 2, 2414 m, ca. 110.000 […]

  2. […] Wiener Walzer träfe – nach derzeitigem Planungsstand – auf ein Weltklassefeld. Mit dem von Henry Cecil trainierten Twice Over, zweiter in den Prince of Wales´s Stakes und zuletzt überlegener Sieger der Coral Eclipse Stakes in Sandown Park (Gr.1, 2010 m, ca. 600000 €; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=7OvbN7kdV7E) hat er sich bereits gemessen. Als weiterer relativ sicherer Starter gilt der von Aidan O´Brien für Ballydoyle trainierte Irish Derby-Sieger 2009 (Gr. 1, 2400 m, 1.5 Mio €) und überlegene Coronation Cup-Sieger 2010 (Gr.1, 2414 m, ca. 270000 €, 04.06.2010) Fame and Glory und dessen dreijähriger Trainingsgefährte Jan Vermeer, aktuell jeweils Dritter im Irish Derby (vgl. auf dieser Website: Derbyfieber ) und Grand Prix de Paris 2010 (Gr.1, 2400 m, € 600.000). Der englische Derbysieger 2010 Workforce hat ebenfalls eine Nennung, sein Start wird aber von seinem Auftreten in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes (Gr.1, 2414 m, ca. 1,2 Mio €) abhängen. Aus Frankreich wird der von Andre Fabre trainierte Byword erwartet, der als Sieger der Prince of Wales´s Stakes sowohl Twice Over als auch Wiener Walzer besiegte (Gr.1., 2012 m, ca. 511.000 € Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=KlE520zNmBU; vgl. auf dieser Website: Turfkopf Royal Ascot). […]



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