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turfkopf – Dringend gesucht: Der Arc-Favorit 2010

September 14, 2010 by  

Hemke Label Sariska © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Man gehe in den Vermeille, um herauszufinden, wo Enora stehe, sagte Trainer Torsten Mundryvor dem Start seiner deutschen Diana-Siegerin 2010 aus dem Gestüt Röttgen. Unter keinem Geringeren als dem belgischen Star-Jockey Christophe Soumillon trat die dreijährige Stute am Sonntag, 12. September im mit 350.000 € dotierten und über 2400 m-führenden Prix Vermeille (Gr. 1) in Paris-Longchamp an, einem der prestigeträchtigsten Stutenrennen Europas.

Ihre Gegnerinnen war ein Großteil der Topelite der Stuten des Kontinents: Darunter die von Michael Bell trainierte Sariska, u.a. Siegerin der englischen und irischen Oaks 2009. Die von Henry Cecil betreute Midday, Sariskas Dauerrivalin, die diese nur einmal hinter sich lassen konnte, in den Gr. 1-Yorkshire Oaks Mitte August, als Sariska in der Startbox stehen blieb und den Absprung verweigerte (Siehe Turfkopf: „Pferde die was wollen…“). Sarafina, die bis dahin noch ungeschlagene französische Prix de Diane-Siegerin 2010 aus dem Stall von Alain de Royer-Dupré, und Plumania, die in diesem Jahr so groß gesteigerte Stute aus dem Stall von André Fabre, die Ende Juni den Gr.1-Grand-Prix de Saint-Cloud gegen so unbedeutende Pferde wie den dreimaligen Arc-Zweiten Youmzain gewinnen konnte.

Die Messlatte für Enora lag also hoch. Doch wenn man an den Achtungserfolg der letztjährigen deutschen Diana-Zweiten Soberania denkt, die im vergangenen Jahr trotz Behinderung durch die deswegen später disqualifizierte Siegerin Dar Re Mi noch Vierte wurde, dann hätte Enora zumindest um die Platzierungen mitlaufen können. Doch entweder war sie völlig von der Rolle oder der Diana-Sieg ein Glückstreffer: Als Drittletzte erreichte sie die Zielgerade, Soumillon begann früh seine Arbeit auf der Stute, doch diese hatte nichts zuzusetzen, so dass der Reiter auch früh seine Arbeit wieder einstellte. Enora erreichte abgeschlagen mit zehn Längen Rückstand zum Feld als Elfte das Ziel. Es gewann Midday vor Plumania und Sarafina, ein trefflicher Favoriteneinlauf.

Bleibt anzuwarten, ob sich Gründe für Enoras Abschneiden finden lassen. Als eine gewisse Night Magic, aktuelle Siegerin im Gr. 1-Großen Preis von Baden, im vergangenen Jahr auf gleicher Bahn im Gr.1-Prix de l´Opéra am Tag des Prix de l´Arc de Triomphe ihr erstes Rennen nach dem Sieg in der deutschen Diana absolvierte, wurde sie nach langer Führung auf der Zielgeraden vom Feld geschluckt und kam ebenfalls abgeschlagen ein. Ihr Trainer Wolfgang Figge erklärte später, die Stute sei rossig gewesen. An den Qualitäten von Night Magic wird heute keiner mehr zweifeln. Es bleibt also abzuwarten, wie sich Enora entwickelt. Als nächstes hat sie u.a. eine Nennung für eben jenen Prix de l´Opéra am 3. Oktober, wie auch die aktuell Zweite der Diana, die von Peter Schiergen trainierte Elle Shadow. Hoffen wir also, dass sich der aktuelle deutsche Stutenjahrgang in diesem Rennen besser verkaufen wird.

Übrigens formell letzte war Enora im Prix Vermeille nicht. Immerhin eine der großen Stuten blieb hinter ihr: Sariska. Was hatte ihr Trainer Michael Bell nicht alles unternommen, um die Wiederholung eines Vorkommnisses wie in York zu vermeiden: Doch trotz Pferdeflüsterer und einem Startboxen-Sondertraining blieb Sariska erneut zu Hause. Trainer und Eigentümer erklärten noch am selben Abend den Rückzug der Superstute aus dem aktiven Rennsport. Sie hat sich quasi selbst ins Gestüt geschickt. Offensichtlich wollte sie es so.

Es bleiben Fragen, die nur die Zukunft beantworten kann: Was wird jetzt aus Midday? Kann sie noch siegen, auch wenn Dauerrivalin Sariska nicht in den Boxen stehen bleibt? Oder bleibt jetzt als nächste Midday stehen? Den Plänen ihres Trainers Henry Cecil und ihres Eigentümers Khalid Abdullah zufolge käme für dieses Happening insbesondere der Breeders´ Cup Filly & Mare Turf Anfang November in Frage, den sie bereits im vergangenen Jahr gewann. Ein Start im Arc steht nach derzeitigen Planungen nicht auf dem Programm. Dafür müsste Midday nachgenannt werden. Englische Kommentatoren fordern dies nach den beiden letzten überzeugenden Auftritten der Stute dringend ein.

So titelt Steve Dennis in seiner online-Kolumne für die Racingpost.com: „I´m asking. Please, please run Midday in the Arc“ und er schreibt weiter: „Dieses Blog verlangt nicht viel. Ein Glas kaltes Doom Bar, ein Paket Chips, nur ein bisschen Ruhe und Frieden. Aber dennoch flehe ich: Bitte Khalid Abdullah, bitte Henry Cecil, meldet Midday für den Prix de l´Arc de Triomphe nach, ein Rennen, das sie gewinnen kann.“ Und nicht unbegründet weist er daraufhin, dass ein Start im Arc den ohnehin geplanten Start im Breeders´ Cup Filly & Mare Turf einen Monat später in keiner Weise in Frage stellen würde. Midday wäre sicherlich eine aussichtsreiche britische Option. Als sichere Arc-Starterin wäre sie auch alsbald heiße Favoritin bei den Buchmachern.

Danach sehnt sich derzeit ganz Galoppsport-England und -Frankreich. Denn nach dem gloriosen Arc 2009 mit Sea the Stars und nach der tragischen Verletzung von Harbinger Anfang August dieses Jahres fehlt der Arc-Edition 2010 der heiße Favorit, oder – um im Bild zu bleiben – das attraktive Zugpferd. Die Gr. 2-Arc-Trials Prix Niel (für die Dreijährigen) und Prix Foy (für die vierjährigen und ältere Pferde), die am 12. September rund um den Prix Vermeille stattfanden, machten noch wenig Lust auf den Showdown am ersten Oktobersonntag.

Im mit € 130.000 dotierten Prix Foy über 2400 m bestätigte der von Andre Fabre für Khalid Abdullah trainierte Byword als Vierter gegen gut-, aber nicht hochklassige Konkurrenz, dass er die 2400 m nicht so recht zu stehen vermag. Hier gewann der längste Außenseiter im Feld, der von John Gosden trainierte Duncan unter William Buick. Zweiter wurde der japanische Gruppe 1-Sieger Nakayama Festa, der gezielt für den Arc vorbereitet wird und sicherlich eine interessante und nicht zu unterschätzende Außenseiter-Position im Arc-Feld einnehmen wird. Der Prix Foy wirft natürlich Frage auf, ob und wenn ja welches Pferd der saudische Prinz Khalid Abdullah, Eigentümer des Juddmonte-Imperiums und einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Rennstallbesitzer zur Zeit, in den Arc schicken will. Mit Byword und dem von Henry Cecil trainierten Twice Over verfügt er über zwei Top-Mitteldistanzler, die aber anscheinend beide über 2400 m nicht gut genug sind, um gegen die Weltelite eine Klinge zu schlagen. Insoweit könnte natürlich tatsächlich Midday wieder in Betracht kommen, die auf Kurs und Distanz im Prix Vermeille nichts hat anbrennen lassen.

Das weitere Arc-Trial am Vermeille-Tag war der ebenfalls mit € 130.000 dotierte und über 2400 m führende Prix Niel, den mal wieder die beiden französischen Top-Dreijährigen Behkabad und Planteur unter sich ausmachten: Bereits im über 2400 m führenden Grand Prix de Paris für die Dreijähigen am 14. Juli hatte Behkabad Planteur mit einer dreiviertel geschlagen, jetzt reichte es noch mit einem Kopf hin. Den beiden Pferden fehlt es in den Augen der Kommentatoren bereits deshalb an Charme, weil sie nach diesen beiden Auftritten zu urteilen als nahezu gleich stark einzuschätzen sind und sich schon deshalb keiner der beiden als der große Arc-Favorit herausstellen lässt.

Dennoch werteten die englischen Buchmacher Behkabads Sieg so, dass dieser nun den Wettmarkt anführt – vor dem bisherigen Marktführer, dem letztjährigen Irish-Derby-Sieger Fame and Glory. Dieser, von Aidan O´Brien trainierte Ballydoyle-Hengst ist zwar seit vier Rennen ungeschlagen und gewann bei seinem überlegenen Sieg im Gr. 1-Coronation Cup von Epsom Anfang Juni gegen eine gewisse Sariska souverän, doch fiel sein letzter Sieg in den Gr. 2-Royal Whip Stakes auf dem irischen Curragh Anfang August ziemlich blass aus. Seitdem lief er nicht mehr und bis zum Arc wird er auch nicht mehr an den Start gehen. Die lange Pause, aber auch das eher enttäuschende Abschneiden von Fame and Glory im Prix de l´Arc de Triomphe des vergangenen Jahres (er wurde mit viereinhalb Längen zurück Sechster) lässt die Buchmacher zweifeln. Alternativ könnte für Aidan O´Brien der diesjährige Irish Derby-Sieger Cape Blanco, Anfang September noch überlegener Sieger in den über 2000 m führenden Gr. 1-Irish Champion Stakes in Leopardstown gegen den Favoriten Rip van Winkle, ins Rennen gehen. Doch auch wenn er das Irish Derby über 2400 m gewann, so tauchen auch bei diesem Pferd Bedenken im Hinblick auf seine Stamina auf. Seine überzeugendsten Rennen lieferte er auf der Mittelstrecke ab.

Wenn man mal von Pferden absieht, die nach ihren letzten Leistungen außer Form scheinen – vom diesjährigen englischen Derbysieger Workforce (übrigens auch ein Abdullah-Pferd), über den französischen Derbysieger Lope de Vega bis hin zum auch in Bestform nur als Außenseiter in Betracht kommenden deutschen Derbysieger 2009, dem Schlenderhaner Wiener Walzer – dann bietet sich doch immerhin noch einer an, der es wirklich verdient hätte wie kaum ein anderer: Der schon zu aktiven Rennzeiten legendäre Globetrotter und dreifache Arc-Zweite (2007-2009) Youmzain. Der diesjährige Arc ist vermutlich seine letzte Chance, aber vielleicht auch seine größte!

© Foto: turfstock.com, München

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