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turfkopf – Die gestohlene Show

Juni 8, 2011 by  

Hemke Label U.K. Derby2011 © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Die Rivalität von Franzosen und Engländern ist historisch begründet. In Zeiten europäischer Vereinheitlichung ist sie Teil einer sorgsam gehätschelten Identitätspflege, hüben wie drüben. Als Kölner Turfblogger fühlt man sich – bei den im Vorfeld großer Sportveranstaltungen regelmäßig an den Tag gelegten Rivalitäten – beinahe an das Gekläffe der Wichtigtuer aus dem Kölner Vorort Düsseldorf erinnert.

In Frankreich wird der über 2100 m führende und mit 1,5 Mio € dotierte Prix du Jockey-Club als eine der wichtigen Galoppprüfungen wahrgenommen, die in der Publikumsgunst aber deutlich hinter dem Arc und dem schicken Stutenderby Prix de Diane – ebenfalls in Chantilly ausgetragen – rangiert. Auf dem eleganten, historischen Rennkurs entlang der Großen Ställe und in Sichtweite des ehemaligen königlichen Wasserschlosses von Chantilly drängeln sich an einem sonnigen Sonntag wie dem vergangenen geschätzte 20.000 bis 25.000 Besucher, kaum mehr also als zum Deutschen Derby in Hamburg oder zur Deutschen Diana auf den Düsseldorfer Grafenberg strömen.

Das über 2400 m führende und mit ca. 1,4 Mio € dotierte englische Derby hingegen ist eine nationale Angelegenheit mit häufig bis zu 100.000 Galopp-Party feiernden Zuschauern. Jedes Jahr stehen schon Tage zuvor die Zeitungen davon voll, beherrscht der Galoppsport die Titelseiten auch der seriösen Tagespresse, so wie dies in Deutschland allein der Fußballnationalmannschaft bei großen Turnieren gelingt. Die Schlagzeilen im Vorfeld des diesjährigen Derbys waren noch um einiges emotionaler als sonst: Es ging um mehr, um ein nationales Interesse, die Queen und ihren Street Cry-Sohn Carlton House. Zum ersten Mal kam während der 59-jährigen Regierungszeit von Queen Elisabeth der Derbyfavorit aus dem königlichen Stall – bei immerhin bereits acht vorhergehenden Derbystartern. Als Carlton House sich beim Training zu Beginn der Derbywoche leicht verletzte und seine Teilnahme in Frage stand, konnte man der Frage nach dem Gesundheitszustand des vierbeinigen Sportstars nicht mehr entgehen. Man fühlte sich an die Diskussion um Ballacks Ferse im Vorfeld der letzten WM erinnert. Die erlösende Nachricht kam keine 48 Stunden vor dem Derbystart, Carlton House hatte seine Abschlusstraining ohne Mucken absolviert.

Fortan schien es nur noch einen nationalen Gegner zu geben, der sich dem Triumph der Queen entgegenstellen konnte. Der für das irische Ballydoyle-Syndikat von keinem Geringeren als dem französischen Dauerchampion Andre Fabre in Chantilly trainierte Montjeu-Sohn mit dem beziehunsgreichen Namen Pour moi („Für mich“). So wie die englische Presse den Hengst hochschrieb hätte er allerdings besser den Namen Contre nous („Gegen uns“) getragen. In der Tat wirkt die Eigentümer-Trainer-Konstellation wie eine gelungene Verschwörung. Die erfolgsverwöhnte Ballydoyle-Operation stellte zum letzten Mal 2002 mit New Approach den Sieger des Epsom-Derbys, der letzte Sieg eines in Frankreich trainierten Pferdes lag sogar schon 35 Jahre zurück. Und nun, im Jahr der endgültigen englisch-irischen Versöhnung, nach dem historischen Besuch der Queen in Irland, wäre doch nun wirklich einmal irische Dankbarkeit und Bescheidenheit angebracht gewesen, oder? Aber nein, vier in Irland trainierte Ballydoyle-Pferde bot Aidan O´Brien auf und die schärfste Waffe des Hauses führt nicht der Haustrainer s sondern ausgerechnet ein Franzose im Revers.

Die Racing Post sah sich denn auch dazu veranlasst, am Donnerstag vor dem Derby unter der Überschrift „Die einzigartigen Anforderungen in Epsom sind den Franzosen fremd“ zu begründen, warum es beileibe kein Zufall sei, dass es in Epsom seit Empery 1976 keinen französischen Derbysieger mehr gegeben habe. Einerseits, so konzidiert die Racing Post, sei natürlich das nationale französische Derby, das traditionell nur einen Tag nach dem Epsom-Derby ausgetragen wird, ein Grund dafür, warum nur wenige Hengst den Weg über den Kanal fänden. Aber die eigentliche Begründung liefert Andre Fabre höchstpersönlich: „Der Stil, in dem französische Rennen gelaufen werden, lehrt Pferde nicht gerade das Epsom Derby zu gewinnen“. Und der französische Starjockey Olivier Peslier ergänzt: „Das Tempo ist ein anderes und die Bahn ist anders als alle französischen“. Was man unbedingt so stehen lassen kann.

In jedem anderen Galoppsportland wäre eine Bahn wie Epsom wahrscheinlich schon lange stillgelegt. Der Anstieg bis Tattenham Corner, der lange Abfall die Zielgerade entlang bis die Bahn wieder einen Knick nach oben macht und zum Zielpfosten hin ansteigt, das ist bei Tageslicht betrachtet einer Derbyrennbahn unwürdig. Oder aber gerade andersherum: Sie stellt die Pferde vor so harte Prüfungsbedingungen, wie sie ein Derby nur verlangen kann. Jedenfalls ist der Ruf des Epsom Derby als eines der härtesten Flachrennen der Welt schon in Anbetracht dieser Bahn mehr als gerechtfertigt.

Da klangt es dann schon als fast nachvollziehbar, wenn der in Frankreich beheimatete englische Trainer John Hammond zuvor anmerkte, dass er die Chancen der beiden französischen Derbyteilnehmer, des von Alain de Royer-Dupré für den Aga Khan trainierten Vadamar und von Pour moi als nicht allzu hoch einschätzte, da beide Pferde für ein Rennen in Epsom noch viel zu unerfahren seien. Doch das stellte sich diesmal als ein typischer Fall von Denkste heraus. Zu Beginn der Zielgeraden lag Pour moi unter dem französischen Nachwuchsstar Mickael Barzalona noch am Ende des Feldes und schien die vorne den Ballydoyle-Pacemaker angreifenden Pferde Memphis Tennessee nicht gefährden zu können. Doch Pour moi kam an diesem strahlenden Frühsommernachmittag gegen alle scheinbaren Plausibilitäten am besten mit dem Kurs klar und überrannte das Feld mit sensationellem Turbo-Antritt von außen und entschied das Rennen mit den letzten Galoppsprüngen mit einem Kopf für sich gegenüber dem längs der Zielgeraden führenden Galileo-Sohn Treasure Beach unter Colm O´Donoghue. Weil Carlton House den Rennverlauf gegen sich hatte und zweihundert Meter vor dem Ziel dann auch noch ein Hufeisen verlor, kam der Hengst der Queen unter dem letztjährigen Workforce-Siegreiter Ryan Moore nicht weiter und blieb als Dritter dreiviertel Länge hinter Treasure Beach. Was für ein Pech! Doppelsieg für die Ballydoyle-Interessen unter französischer und irischer Fahne. Die Galoppsportnation England in der Zange ihrer Nachbarn.

Da richteten sich einen Tag später natürlich alle Blicke auf eine mögliche englische Revanche im Prix du Jockey Club. Immerhin datieren die letzten englischen Erfolg in Chantilly erst aus den Jahren 2005 als Godolphin mit dem von Saeed bin Suroor trainierten Shamardal und 2000 als Michael Jarvis´ Holding Court siegten. Mit Godolphins Casamento, trainiert von Mahmoud al Zarooni, dem von John Gosden für Prinzessin Haya von Jordanien trainierten Colombian und dem irischen 1000 Guineas-Sieger Roderic O´Connor aus O´Briens Ballydoyle-Stall war die englisch-irische Fraktion so stark vertreten wie eh und je.

Doch Casamento, der unter Frankie Dettori lange vorne ging, brach dreihundert Meter vor dem Ziel ein, er scheint noch weit von seinen Gr. 1-Siegformen des letzten Jahres entfernt zu sein. Roderic O´Connor machte sich im Finish zwar deutlicher Bemerkbar, ihm schien der Weg aber doch etwas zu weit zu werden. Allein der Gosden-Hengst Colombian als Vierter konnte positiv überraschen. Der Sieg aber ging mit ¾ Länge Vorsprung an den bisher nur wenig geprüften, nun mehr weiterhin ungeschlagenen Dalakhani-Sohn Reliable Man unter Gérald Mossé aus dem Training von Alain de Royer-Dupré. Ein überzeugender Sieger, der seine Wertigkeit allerdings noch unter Beweis stellen muss. Zumal der dritte Platz des Totofavoriten Baraan aus dem Training von Jean-Claude Rouget zurück und dem Besitz des Aga Khan nach Revanche ruft. Denn der Hengst hatte den Start völlig verschlafen und musste zu beginn gut vierzig, fünfzig Meter aufholen, was hinten raus leicht zum Sieg hätte reichen müssen. So aber hatte er mit 2 ¾ Längen hinter dem Sieger das Nachsehen. Zweiter wurde –zum sechsten Mal und in unterschiedlichen Rennen in Folge – Bubble Chic, zuletzt im Gr.2- Prix Greffuhle Runner up zu einen gewissen Pour moi.

© Foto: turfstock.com, München

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Comments

One Response to “turfkopf – Die gestohlene Show”
  1. Blücher sagt:

    Gut geschgrieben. Aber auch die Kölner sollten langsam mal wissen, daß Düsseldorf kein Vorort des Römerlager ist, sondern Köln der Parkplatz von Düsseldorf, zuweilen auch als Düsseldorf-Süd II bezeichnet.

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