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turfkopf – Autofahren mit Scalo!

September 27, 2010 by  

Hemke Label Scalo © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Scalo zu reiten scheint ein besonderes Vergnügen zu sein – zumindest wenn man Autos mag: „Bei seinem Sieg in München ließ er sich fast wie ein Auto fahren“, äußerte Andreas Wöhler nach dem Sieg des von ihm trainierten Hengstes im Gr. 3-Bavarian Classic Ende Mai. Und Siegjockey Olivier Peslier äußerte nach seinem Sieg im mit 155.000 € dotierten Kölner Gr.1-Preis von Europa: „Scalo galoppierte unterwegs schon ausgezeichnet, ließ sich fahren, wie ein Auto. Ich hatte früh in der Geraden ein exzellentes Gefühl und war der Meinung, dass wir gewinnen würden. Er steht und hat Endgeschwindigkeit.“ In der Tat war die Kölner Leistung makellos: Vom Ende her rollte er das Feld trotz des weichen Boden von 5,1 cm souverän auf und schien jederzeit noch zulegen zu können. Der überlegenen Siegerin des Gr.1-Preises von Baden, Night Magic, blieb das Nachsehen und Rang zwei. Nachdem sie das Rennen über von ihrem Stammjockey Karoly Kerekes stets in optimaler Warteposition an vierter Stelle des Feldes hinter ihrem Pacemaker Northern Glory gehalten worden war, kam sie im entscheidenden Moment gegen Scalo nicht weiter.

Ungefährdet blieb die Sholokhov-Tochter des Stalles Salzburg aber anderthalb Längen vor dem auf Platz drei endenden Kölner Weltenbummler Quijano unter Andrasch Starke. Damit lag zwischen Night Magic und Quijano bis auf eine Viertel Länge die gleiche Distanz wie in Baden-Baden. Schon gehen die Gerüchte, der Fährhofer könnte noch eine Saison im Training bei Peter Schiergen anhängen. Als vierte kam das zweite Wöhler-Pferd ein, die Karlshoferin Soberania unter Eduardo Pedroza, eine weitere halbe Länge zurück. Nachdem sie vergangenes Jahr zweite hinter Night Magic im Düsseldorfer Preis der Diana (Gr.1) war, hatte sie mit einem vierten Platz im prestigeträchtigen Pariser Gr. 1-Prix Vermeille im September 2009 für viel Aufsehen gesorgt und war danach in Frankreich im Training geblieben – allerdings mit bescheidenem Erfolg. Nachdem sie nun zu Wöhler ins Training zurückgekehrt ist, scheint sie an ihre Formen aus dem Vorjahr anknüpfen zu können.

Der einzige englische Gast, der von Michael Bell trainierte Allied Powers, der immerhin schon zum dritten Mal in einem Gr.1-Rennen in dieser Saison in Deutschland an den Start kam, enttäuschte dagegen als Siebter, dies zumal, da der Hengst als Spezialist für weichen Boden gilt. Ganz im Gegensatz zum Schlenderhaner Wiener Walzer, der – nach den starken Regenfällen der letzten Tage – dem Rennen erwartungsgemäß als einziger Nichtstarter wegen des weichen Bodens fern geblieben war. Ob er nun gegen alle Mutmaßungen seiner Nennung für den Prix de l´Arc de Triomphe in der nächsten Woche folgen wird, bleibt abzuwarten. Der Boden auf den Pariser Rennbahnen an diesem Wochenende war besser als in Köln, auf der Grenze von gut zu weich. Die Woche über ist für Paris trockenes Wetter vorhergesagt, aber am nächsten Wochenende droht Regen – sofern die Wochenvorschau verlässlich ist.

Scalos Sieg nun im Preis von Europa hat fast etwas von einem Lebenszeichen des bisher so blassen klassischen Jahrgangs 2010. Doch so dieser eindreiviertel Längen-Erfolg über die starke Night Magic auch zu werten ist, schade bleibt, dass dieser freundliche Sportwagen der Marke Ittlingen, der in Köln mit spitzen Ohren über die Ziellinie galoppierte, ausgerechnet im Union-Rennen und anschließend im Deutschen Derby so völlig unter Wert geschlagen wurde. Nach seinen beiden leichten Gr. 3-Siegen in Frankfurt und München in diesem Frühjahr konnte er erst mit seinem respektablen Gruppe 2-Sieg im Prix Guillaume d´Ornano Mitte August im normannischen Seebad Deauville an seine Frühform anknüpfen. Die Gründe dafür sah Trainer Wöhler bei beiden Rennen in einem unglücklichen Rennverlauf.

Zwei weitere Umstände könnten die Leistungsschwankungen erklären: Obwohl Lando-Söhne wie Scalo eigentlich guten Boden bevorzugen sollten, fällt auf, dass die Siege in Deauville auf schwerem und Köln auf weichem Boden gelangen, während bei Union-Rennen und Derby jeweils guter Boden vermerkt wurde. Darüber stellt sich die Frage, wie gut Wöhlers Stalljockey Eduardo Pedroza mit Scalo zurecht kommt: Zwar gewann er mit ihm das Frankfurter Grupperennen, aber eben nicht in Union und Derby. Der Erfolg kehrte für Scalo mit französischen Jockeys zurück: In Deauville saß der zur Zeit mit 15 (!) Renntagen Sperre belegte Maxime Guyon im Sattel, in Köln Olivier Peslier, den Scalos Eigentümer Manfred Ostermann eigens hatte einfliegen lassen. Könnte sein, dass er damit genau richtig gelegen hat.

Scalo scheint noch eine Menge Entwicklungspotential zu haben, wie Trainer Wöhler nach dem Rennen andeutete. Peslier berichtete, dass er kurz vor dem Ziel Scalo nochmal habe anschieben müssen, da er wegen der vielen Fotografen vor dem Zielspiegel schon die Arbeit einstellen wollte. Anscheinend wähnte er sich schon im Ziel. Das passt zu der Charakterisierung des Hengstes, die Wöhler vor dem Union-Rennen lieferte: „Scalo ist […] sehr neugierig. Er findet alles Mögliche in seiner Umgebung interessant. Scalo macht in der Arbeit wie auch im Rennen nur das Nötigste.“ Wirklich nicht unsympathisch, dieser junge „Energiesparwagen“, für den als nächstes noch ein Gr. 1-Rennen in Kanada auf dem Programm stehen könnte.

Für den Kölner Rennverein bedeutete dieser nur halb verregnete Renntag gegenüber der Regen-Katastrophen vom Gr.1-Rheinland-Pokal von Mitte August eine zumindest halbe Wiedergutmachung. Immerhin bot der Europa-Renntag mit sage und schreibe vier Listen- und der von Baron Ullmanns Alianthus unter Adrie de Vries gewonnenen Gr.2- Europa-Meile ein Programm, dass in Deutschland seines gleichen nicht kennt. Nicht ohne Vergnügen konnte man recht viel englisch, französisch und niederländisch im Publikum hören. Welcher andere Tag – außer dem Derby – zieht sonst schon nennenswert Galoppsporttouristen an!

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© Foto: turfstock.com, München

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