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Turfcast fragt im Dutzend – Michael Luxenburger

Oktober 30, 2008 by  

turfcast.de – turfcast.de freut sich Ihnen heute die 12-er Serie von Michael Luxenburger vorzustellen. Der ehemalige Münchener Rennkommentator, Kommentator im Galoppsportformat „The Race is on“ bei Premiere Win, ausgewiesener Kenner der englischen Rennsportszene, Italienliebhaber, Journalist und gern gesehen und gelesener Gastschreiber bei turfcast.de, Weißwurstfan und Pferdeversteher und, und, und, gibt sich die Ehre und nimmt Stellung zu den Themen, die die Turfgemeinde bewegen, aber auch zu ganz persönlichen Themen. Lesen und genießen Sie.
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1. Sie waren lange Jahre Rennkommentator auf der Münchener Rennbahn, Moderator bei der Telewette und PremiereWin. Sie kommentieren das White Turf Meeting in St. Moritz und haben als erster Deutscher ein Rennen in England kommentiert. Wie wird man Rennkommentator?
Als ich in Iffezheim das erste Mal Manfred Chapman gehört habe, war mir klar: Sowas willst Du auch mal machen. Ich habe immer mit einem Kassettenrecorder seine Rennkommentare aufgenommen und sie bei der Heimfahrt nach München im Auto abgespielt. Er ist ganz deutlich der Beste in Deutschland, weil er Emotionen nicht aufsetzt, sondern sie tatsächlich hat, was man gut hören kann. Außerdem hat er auch jetzt noch im Ziel immer Recht, auch wenn es nur Kurzer Kopf und Nase war.

Ich habe dann mit einer selbst gebauten Telefon Übertragungsanlage aus Iffezheim die Rennen mit Münchner Pferden für Münchner Lokalradios übertragen. Da saß ich oben auf der alten Clubtribüne. Als mich da mal ein ganz hoher Offizieller des Dachverbands wegscheuchen wollte, verfügte der damalige Präsident des Internationalen Clubs, Carl-Friedrich Fürst zu Oettingen-Wallerstein: „Der bleibt da.“

Der Münchner Rennkommentator Ernst Epner musste aus gesundheitlichen Gründen seinen Job quittieren, worauf mich Riem-Geschäftsführer Horst Gregor Lappe fragte, ob ich mir das zutrauen würde. Abwechselnd mit Nikolaus von Miltitz, ebenfalls ein Rookie beim Kommentieren, legte ich dann los. Die Anfänge waren schrecklich. Ich hatte ein Fernglas, mit dem ich kaum was erkennen konnte, war nervös und sah manchmal Pferde eingangs des Schlussbogens vorne, die sonst kein Mensch auf der Rennbahn dort gesehen hatte. Vor lauter Angst und Stress habe ich in der ersten Zeit zwei Kilo da oben pro Einsatz abgenommen. Glücklicherweise hat sich meine Vorstellung dann graduell gebessert. In diesem Job ist Routine das Wichtigste. Man muss ganz einfach Rennen, Rennen, Rennen und nochmals Rennen anschauen und blitzschnell sehen, denken und sprechen – und das möglichst gleichzeitig.

2. Welchen Job im Rennsport möchten Sie gerne machen und warum?
Einen Fernsehsender redaktionell beraten, der das effizient macht, was der Rennsport am dringendsten braucht: Seine unserer heutigen Gesellschaft gerecht werdende Außendarstellung. Es ist geradezu erschütternd, mit ansehen zu müssen, wie das in allen Bereichen der Medienlandschaft versäumt wird, sieht man mal von der optisch sehr ansprechenden Gestaltung der Sportwelt ab. Das beginnt mit den unattraktiven Bildern der Rennverfilmung, geht weiter mit dem Versäumnis, Renntage als Event zu verkaufen, und endet noch lange nicht damit, dass man entweder nicht willens oder nicht in der Lage ist, Jockeys und Pferde als das zu präsentieren, was sie in der heutigen Zeit sein müssen, um wahrgenommen zu werden: Eine Art von Popstars.

Das macht man in den USA, das macht man in England. Ein Renntag muss am nächsten Tag nicht nur auf den Sportseiten der Zeitungen vorkommen, sondern vor allem im Klatsch-Department. Sonst wird der Rennsport nie von denen wahrgenommen, an die man ja heran will: Neue Interessenten, die eines Tages auch wetten. In der wirklich schönen Zeit bei Premiere Win habe ich vor allem eines gelernt: Man verkauft einen Sport nicht über ihn selbst, sondern über die Bilder und die Geschichten, die seine Protagonisten produzieren. Dass da Potenzial da ist, beweist die hohe Zahl der wettenden Stammzuschauer der Sendung, die zu schätzungsweise 70 Prozent vorher nichts mit dem Galopprennsport zu tun hatten. Die wurden aber nicht von den deutschen Rennen angelockt, sondern von denen aus den USA. Und warum? Weil die Fernsehbilder mit ihren Close Ups vom Endkampf großartig waren, wogegen es bei uns manchmal aussieht, als würden da ein paar Ameisen über den Rasen ziehen. Zudem bot das Ballyhoo, das man dort um Pferde und Jockeys und um weibliche Jungstars wie Anna Napravnik machte, die so wichtigen Identifikationsmöglichkeiten.

Wer Pferde und Reiter näher kennen gelernt hat, der wettet auch auf sie. Eine Randsportart stößt nur auf breiteres Interesse, wenn sie unterhaltsam präsentiert, personalisiert und immer wieder erklärt wird, auch wenn das dem Fachpublikum auf den Keks geht. Das haben die Verantwortlichen bei Premiere Win gut erkannt und mit geringem Aufwand eine Sendung gemacht, die einfach Leben in die Bude gebracht hat. Was haben die so genannten Fachleute des Rennsports sich über uns das Maul zerrissen. Aber ich treffe bei den Meetings in Iffezheim viele, die Premiere Win jetzt nachtrauern (wobei ja kaum einer aus der Szene damals zugab, die Sendung anzuschauen). Wenn man an die mediale Aufbereitung des Rennsports mit der Borniertheit des Fachmanns herangeht, hat man schon verloren. Dann stellt man nur die üblichen Verdächtigen zufrieden. Und mit denen alleine kommt man nicht weiter.

3. Sie sind Mitglied in der Besitzergemeinschaft Munich Syndicate und Mitbesitzer der Mutterstuten Mandel Set und Decollete. Gute gezogene Rennpferde sind aktuell preiswert zu kaufen. Lohnt es sich für einen kleinen Züchter überhaupt noch, Rennpferde zu züchten?
Es lohnt sich absolut nicht mehr, weil man nur noch Pferde verkaufen kann, deren Vater gehyped ist und dementsprechend Decktaxe kostet. Der andere Markt, also der für potentielle Rennpferde statt Mode-Jährlinge, wäre komplett kaputt, wenn nicht Pferdeleute aus Ungarn oder der Slowakei bei den Aktionen aktiv wären, die das Pferd genauer ansehen als sein Pedigree. Ich habe mich ja an dieser Stelle schon über das veraltete Handicap-System bei uns ausgelassen, das jeden bestraft, der sich einen Jährling zulegt. Warum haben denn die klassischen Pferdebesitzer früherer Tage im niedrigeren Marktsegment, die Metzger- und Bäckermeister, die Leute aus dem Mittelstand, keine Lust mehr, sich ein junges Rennpferd zuzulegen? Weil sie, nachdem sie nach der Kaufinvestition erst mal ewig reingebuttert haben, bis ihr Pferd endlich startfähig ist, faktisch die Todesstrafe bekommen, falls ihr Dreijähriger ein Rennen gewinnt. Wenn der dann in den Ausgleich gegen ältere Pferde muss und von einem GAG 60 plus erschlagen wird, dann dürfen sie ein weiteres Jahr nur zahlen, zahlen und nochmals zahlen. Da kaufen sie sich doch lieber einen vom Handicapper notorisch unterbewerteten England-Import.

4. Das Sales & Racing Meeting ist seit letzten Sonntag Geschichte. Sie waren auch vor Ort. Wie haben Sie das Meeting erlebt?
Es war dank überschaubarem Besuch ein sehr gemütliches Meeting. Die langen Schatten, die die Herbstsonne warf, wurden allerdings von der Länge der Gesichter übertroffen. Auch was die Quoten in den Kombinationswetten angeht. Die Umsatzentwicklung auch dort ist erschütternd, aber man braucht sich nicht darüber zu wundern. Die Iffezheimer Rennbahn hat durch den Umbau viel von ihrem Flair verloren und bietet dem durchschnittlichen Rennbahnbesucher kein Zuhause mehr. Über die zwei Auktionstage, die ich gesehen habe, deckt man lieber den Mantel des Schweigens. Ich denke aber, dass einige Käufer Pferde bekommen haben, die ein Vielfaches ihres Verkaufspreises wert sind.

5. Kennen Sie ein Rezept, um die kontinuierlich fallenden Umsatzeinbrüche auf dem Wettmarkt zu stoppen?
Diese Frage habe ich teilweise schon unter Punkt zwei beantwortet. Zusätzlich muss man sich von der Illusion frei machen, das Problem dadurch zu lösen, dass man den Buchmachern immer mehr Rechte, aber immer weniger Pflichten einräumt. Da das Direktorium die Entwicklung auf dem Internet-Wettmarkt komplett verschlafen hat, muss man sich einfach wieder darauf besinnen, dass ein Besuch der Rennbahn für das wettende Publikum attraktiv und befriedigend ausfallen muss. Die Zahl der Rennen pro Tag muss gekürzt werden. Wer geht schon auf eine Sportveranstaltung und bleibt auch da, die fünf Stunden dauert? Zu glauben, dass man Umsätze durch Wettvermittlung der Buchmacher auf die Bahn langfristig halten kann, ist schon sehr blauäugig. Buchmacher haben ihre Berechtigung im Sport und sind eine Bereicherung für den Wetter, aber sie sind als Konkurrenten anzusehen und dementsprechend zu behandeln. Deswegen ist es meiner Ansicht nach auch nach unternehmerischen Gesichtspunkten eine Katastrophe, den besten Trumpf, den man in der Hand hat, nämlich die Bildrechte, langfristig abzutreten. Die paar Millionen, die man dafür eventuell bekommt, retten den Sport dann auch nicht. Wenn schon, dann sind nur kurzfristige Deals vertretbar, die Jahr für Jahr neu verhandelt werden müssen.

6. Die Lage im deutschen Rennsport ist ernst. Der Renn-Klub Frankfurt am Main hat Insolvenz angemeldt. Die Rennvereine müssen seit Jahren gravierende Umsatzeinbußen verkraften. Deutschlandweit stehen 2624 aktive Galopper -Stand: 16.10.08, Quelle: DVR- im Training. Immer mehr Renntage fallen aus. Die Aktiven sprechen von einer Untergangsstimmung. Sehen Sie einen Hoffnungsschimmer am Horizont?
Der einzige Hoffnungsschimmer ist für mich, dass es an der Basis des Sports immer Leute gab, gibt und geben wird, die notfalls die Sache selber in die Hand nehmen. Die so genannten Überzeugungstäter werden es sein, die den Rennsport erneuern, und nicht die Funktionäre und Krisenmanager.

7. Die Strukturreform ist beschlossene Sache und mit RaceO + Partner ist auch der Investor bekannt. Welche Erwartungen haben Sie an die Führungskräfte der Strukturreform?
Gemessen an der bisherigen Performance setze ich in die derzeitigen Führungskräfte keine Erwartungen.

8. Wo wetten Sie bevorzugt? Auf der Rennbahn vor Ort oder im Internet?
Ich wette gerne auf der Rennbahn, auch um den Sport zu unterstützen, und da ich es mit dem englischen Wett-Guru John Mc Cririck halte: „Come racing!“ Ein Blick auf die Pferde im Führring und beim Aufgalopp ist für mich ein wesentlicher Bestandteil meiner Wettentscheidung. Sehr gerne und immer öfter fliege ich zu Rennen nach England, vor allem im Winter in der National Hunt Saison. Im Internet wette ich vorwiegend auf englische Rennen, da dort die Vorabinformationen einfach besser sind. Sowas wie die frei zugängliche Datenbank der Racing Post gibt es bei uns eben nicht.

9. Was würden Sie machen, wenn es in Deutschland keine Galopprennen mehr gäbe?
Dann würde ich eben noch öfter nach England fliegen.

10. Wie sind Sie in den Rennsport gekommen?
Mein Schulfreund Peter Mayer, der leider so früh verstorbene Mann der Riemer Trainerin Jutta Mayer, hatte mich in den 70er Jahren mal nach Riem mitgenommen, mein erster Besuch auf einer Rennbahn. Ich habe dann mit einer blanken Dreierwette a 2.50 Mark auf den Einlauf Aprilius – Whip It Quick – Robby über 3000 Mark gewonnen. Da hängt man dann natürlich am Haken.

11. Erzählen Sie uns ihr kuriosestes Erlebnis im Rennsport.
Das war beim Champions Meeting in Newmarket. Dank der Partnerschaft zwischen der White Turf Association und Newmarket Racecourse bekam ich die Chance, dort auf der Bahn ein Rennen zu kommentieren, was dann im Gegenzug Mike Cattermole in St. Moritz machen sollte.

Wir waren dort in die Box des Chairman eingeladen, mit tollem Buffet, Champagner und anderen erfreulichen Dingen. Zwei Stunden vor besagtem Rennen, ich hatte mich lediglich an den Kaffee gehalten, teilte man mir mit, dass es mit dem Kommentieren nichts würde. Ich wollte simultan in Deutsch, Englisch und Italienisch kommentieren, wie ich das in St. Moritz mache, aber dann bekamen die Offiziellen kalte Füße. Sie hatten Angst, dass die Leute in den Wettbuden in ganz England Amok laufen würden, wenn sie einen deutschen Rennkommentar zu hören bekommen. Na gut, dachte ich, dann halt nicht, wo ist der Champagner? Die Enttäuschung und die Erleichterung hielten sich in etwa die Waage, und ich begann, in der private box mit ausführlichen Sozialisierungs-Aktivitäten, was auch das eine oder andere Glas „Bubbles“ mit sich brachte. 30 Minuten vor dem Start des besagten Rennens kam der Chef des Fernsehsenders Racing UK zu mir und sagte: „Michael, we’ve found a way! Get yourself ready for commentating the race!“ Oh Gott. Ich war nicht mehr wirklich arbeitsfähig. Aber es gab kein Zurück. Man hatte es so geregelt, dass der an diesem Tag engagierte Bahnkommentator Richard Hoiles in den Wettbuden zu hören war und ich ausschließlich auf der Bahn. Mit weichen Knien schlich ich rauf in die Box, und dann ging es auch schon los. So ganz schlecht kann es nicht gewesen sein, denn ich bekam nachher im Führring eine Standing Ovation von den Rennbahnbesuchern. Diesen Tag werde ich nie vergessen.

12. Welcher Galopper ist Ihr persönlicher Star und warum?
Mein persönlicher Star? Schwierig, es gibt und gab so viele, die da in Frage kommen. Ich bewundere die Pferde im National Hunt, die teilweise über viele Jahre Höchstleistungen vollbringen. Stellvertretend nenne ich Inglis Drever, den dreimaligen Sieger des World Hurdle beim Cheltenham Festival. Ein hartes Pferd mit großer Klasse und viel Charisma.

© Text & Foto: turfcast.de, München

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