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Turfcast fragt im Dutzend – Manfred Chapman

November 23, 2008 by  

turfcast.de – Manfred Chapman, die Stimme des deutschen Galopprennsports, wie man ihn oft bezeichnet, ist aus diesem nicht wegzudenken. Ohne seine Rennkommentare würde es nur halb so viel Spaß machen im Derby mitzufiebern oder die Meetings in Baden-Baden zu verfolgen. Manfred Chapman gelingt es wie kaum einem anderen die Emotion des Sports in die Zuschauer zu bringen. Er ist ein Kenner der Szene, ihrer Licht und ihrer Schattenseiten und er würzt seine Professionalität mit seiner menschlichen Art. Das macht die von ihm kommentierten Rennen zu einem Erlebnis. Da er sich am Mikrofon im Kommentatorenturm oft Kommentare verkneifen muss, soll er bei Turfcast fragt im Dutzend nun so richtig zu Wort kommen.

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1. Sie haben 1971 ihr erstes Rennen kommentiert, den Preis von Europa in Köln. Der vierjährige Hengst Lombard gewann damals dieses Gruppe 1 Rennen. Waren Sie nervös und können Sie sich noch daran erinnern?
Das war damals ein frühes und vor allem völlig unerwartetes Highlight meines Lebens. Ich habe seinerzeit noch auf der Rennbahnstrasse gewohnt, also genau vis a vis vom Weidenpescher Park. Es war ein freier Tag, kein Dienst für die Sport-Welt. Das gesamte Tagesprogramm und speziell natürlich den Preis von Europa kannte ich in- und auswendig. Es war ziemlich spät am Nachmittag, erst nach dem fünften oder sechsten Rennen. Da sprach mich dann mein heute noch verehrter Kollege Hans Heicke an, ich möge doch für ihn in die Bresche springen, da auch er ganz kurzfristig vom WDR-Hörfunk einen Auftrag für den Preis von Europa bekommen hatte. Ich habe nicht lange überlegt, einfach ja gesagt. Schnell nach Hause, Fernglas rausgekramt, kurz noch einmal in die Sport-Welt geschaut, ein paar Notizen für die Parade in mein Programmheft gekritzelt und dann war es auch schon so weit.

Aus welchen Gründen auch immer, der Sprecherplatz war damals auf der zweiten Tribüne. Völlig frei, ohne jegliche Möglichkeit einer Programmablage, mittendrin in einer Menschenmasse, ein an normalem Draht befestigtes Mikrofon. Es gab tausend Gründe, nervös zu sein oder zu werden. Lampenfieber habe ich gespürt, aber keine Nervosität. Ich war mir meiner Sache sicher. Mit erst 23 Jahren nimmt man vermutlich alles lockerer. Während der Parade kam ich auch mit meiner Stimme klar, die ich übrigens zum ersten Mal in meinem Leben über die Lautsprecheranlage gehört habe. Mit dem Rennen selbst hatte ich keine Probleme, auch wenn es aus der geschilderten Perspektive überhaupt nicht einfach war, den Hals-Vorsprung von Lombard gegenüber Cortez hundertprozentig zu behaupten. Das ist heute aus der Vogelperspektive in Zielnähe doch ein gutes Stück leichter. Ein Jahr später, dann aber rechtzeitig informiert, hatte Hans Heicke wieder dasselbe Problem. Hans Heinrich von Loeper, damals der Generalsekretär des Direktoriums, hat das Rennen kommentiert. Den Grund dafür habe ich nie erfahren.

2. Als der Kommentator für die Sendung „The Race is on“ einmal zu spät kam, musste ich notgedrungen ein Rennen in Amerika kommentieren. Trotz O-Ton auf den Kopfhörern, Einblendung der Namen war ich hoffnungslos überfordert. Zusehen-lesen-zuhören-denken-sprechen alles noch gleichzeitig war zuviel. Welchen Tipp können Sie mir geben um solch eine Situation zu meistern?
Einen Tipp kann ich nicht geben. Jeder Mensch ist unterschiedlich. Und meine Sache ist das ohnehin nicht. Ich brauche den Live-Charakter und ich interessiere mich auch nicht für rennende Pferde in Amerika. Hartmut Faust und ich haben nach der Wende in Hoppegarten ein Seminar für mögliche Rennkommentatoren abgehalten. Was dabei herum kam, darüber sollte man nicht reden. Die eigene Stimme kann zum größten Feind einer Person werden. Ich persönlich habe vielen Menschen eine Chance gegeben. Die einzigen unter sehr vielen, die bestanden haben, waren Thomas Horwart und Pan Krischbin. Die anderen kamen grün und blau vom Sprecherplatz und haben sofort die weiße Flagge gehisst.

3. Sie haben als Rennkommentator den Überblick über das gesamte Rennen und können so auch die Pferde genau verfolgen. Erkennen Sie einen Derbysieger noch bevor es ein anderer tut?
Das hat mit dem Deutschen Derby und anderen Highlights überhaupt nichts zu tun. Es gibt aber andere Rennen, wo ich einen vermeintlichen Sieger früh entdecken kann. Ich verweise dann aber auch auf meine Fehlerquote. Falsche Pferde zu nennen ist eine persönliche Katastrophe. Es liegt in der Natur der Sache. Ich persönlich beklage seit Jahrzehnten die schlechte Rennverfilmung. Speziell in Baden-Baden über die Meile laufen einem die Pferde aus dem Auge, aus dem Fernglas und auch aus dem Monitor. Die Tiere werden immer kleiner und die Dresse der Jockeys sind nicht mehr zu erkennen. Man kann das ändern, hätte es spätestens zu n-tv-Zeiten auch tun sollen, aber da hat sich dann leider nichts getan.

4. Jockeys sprechen oft davon, dass man ein Rennen lesen muss. Was meinen die Jockeys damit?
Klar kann man ein Rennen im Vorfeld lesen. Wenn man sich für alles interessiert, alles immer beobachtet – und im Fall der Jockeys – die anderen Pferde mit reitet. Nicht nur im Rennen selbst, auch auf der Kiste ohne Engagement. In Deutschland reiten einige Jockeys, die sich international überhaupt nicht zu verstecken brauchen. Ich brauche da keine Namen zu nennen, das kann sich jeder mit ein wenig Fantasie persönlich zusammenbauen.

5. Sie waren früher selbst Besitzer von Rennpferden. Kann man in Rennen in denen das eigenen Pferd läuft eigentlich noch neutral kommentieren?
Es ist auf jeden Fall ein schwammiges Gefühl. Man lässt ja ein eigenes Pferd ohne persönliche Ambitionen nicht so einfach mitlaufen. Der Podestplatz ist immer im Hinterkopf. Mit meinen Pferden habe ich es weder in Baden-Baden noch Hamburg erreicht. Der Pan Tau war in Iffezheim unter Andrasch Starke immer klar favorisiert, landete aber im Mittelfeld. In Baden-Baden hätte es mit Shining Crystal fast geklappt, dann wurde sie in die Zange genommen und meine Stimme überschlug sich. Nutzt ja nichts, der Andy Boschert hat damals den Sattel in die Ecke geklatscht. Er konnte überhaupt nichts dafür. Die Stute hätte zwar nie verloren, aber es war ein verseuchtes Rennen.

6. Kennen Sie ein Rezept um die kontinuierlich fallenden Umsatzeinbrüche auf dem Wettmarkt zu stoppen?
Ein Rezept zu finden für ein offensichtlich nicht auf dem Markt befindliches Medikament ist nicht einfach. Ich habe die Glanzzeiten des Galopprennsports miterlebt. Das waren die Zeiten, als es keinen Elektronen-Toto gab. Die Menschen auf den Galopprennbahnen haben mit Akribie die Durchsage der Vorwetten erwartet und diese auf unterschiedliche Art und Weise notiert und verarbeitet. Stattdessen gibt es Hinweise, ein Pferd im Handicap nicht zu wetten, weil es nur bescheidene 20 plus am Toto steht. Mit anderen Worten werden die Laien, die neuen Besucher, die wir benötigen, zunächst einmal verunsichert und dann an die so ganz wenigen Monitore, die es auf deutschen Galopprennbahnen noch gibt, gejagt – ich sag´s mal so. Hat sich denn im Deutschen Galopprennsport überhaupt schon jemand Gedanken darüber gemacht, wie schwer es ist, eine Wette zu platzieren? Die Wettscheine sind altertümlich und unverständlich. Die WENIGEN Monitore sind nur mit Routine zu finden und in der Regel vollkommen deplatziert. Nur in den seltensten Fällen gibt es für die Kunden noch eine kurzfristige Wettmöglichkeit. Wer sich mal auf seine Sitzschale begeben hat, der behauptet seinen Platz. Aber die schnelle Möglichkeit zum Wetten, die gibt es nicht oder kaum. Auch nicht in Baden-Baden und Hamburg. Außerdem geht es um Parkplatzgebühren, Eintrittspreise, teure Gastronomie usw. Wer hat danach noch Geld zum Wetten?

7. Wo wetten Sie bevorzugt? Auf der Rennbahn vor Ort oder im Internet?
In England bewette ich bei einem Internet-Anbieter bevorzugt die Ritte von Richard Hughes mit ganz kleinen Einsätzen. Auf deutschen Galopprennbahnen wette ich nur, wenn ich nicht im Einsatz bin. Also fast gar nicht.

8. Was würden Sie machen wenn es in Deutschland keine Galopprennen mehr gäbe?
Das wird zu meinen Lebzeiten hoffentlich nicht passieren.

9. In Deutschland herrscht im Rennsport ein Fachkräftemangel und die Rennställe stehen im direkten Wettbewerb für qualifiziertes Personal. Der Arbeitsalltag eines Pferdewirts ist schwer und die Entlohnung oftmals gering. Wenige der Nachwuchskräfte schaffen den dauerhaften Sprung in die Jockeyelite. Der Ausbildungsberuf Pferdewirt/in Rennreiten spielt daher bei der Berufswahl der Jugendlichen kaum noch eine Rolle. Was muss passieren, um dieses Berufsbild wieder attraktiv auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren?
Die Arbeitszeiten in Verbindung mit Rennpferden lässt sich nicht ändern. Alles andere ist Einstellungssache, an der die meisten scheitern.

10. Wie sind Sie in den Rennsport gekommen?
Das ist hinlänglich bekannt. Ich bin ein halbes Pferd und damals auf der Schwarzwaldstraße in meinem Geburtsort Frankfurt/Main in einem ehemaligen und umgebauten Pferdestall groß geworden. Den Geruch hatte ich also von klein auf in der Nase.

11. Welcher Galopper ist Ihr persönlicher Star und warum?
Tanja Belle, sie wird jetzt von Toylsome gedeckt. Warum? Sie gehört unserer besten Freundin und sie war ein tolles Rennpferd, leider ganz zum Schluss nicht mehr ganz gesund. Aber ansonsten…..

12. Erzählen Sie uns Ihr kuriosestes Erlebnis im Rennsport.
Da fällt mir spontan die Geschichte mit meinem Freund Prokop Pustina, dem Hotelier vom Hotel am Friedrichsbad ein. Der war Mitbesitzer meiner Pferde Sandown Park und Shining Crystal. Letztere hatte unter der Ägide von Manfred Weber eine lange Verletzungspause, konnte dann in Hassloch unter Andy Boschert wieder starten. Unverlierbar gibt es nicht, aber wir haben es so gesehen. Sie hat ja auch ganz leicht gewonnen und zahlte hoch in den 200ern Sieg. Siegwetten hatte ich Prokop verboten, weil jeder Zwanziger oder Fuffziger dort den Toto offensichtlich kippen würde. Also gab es nur die Kombi-Wette, mit der er aber nichts anfangen konnte. Dann kam er also zu meiner Frau Uschi und fragte, was er denn nun machen solle. So richtig wusste sie das auch nicht, also hat sie zum Nothebel gegriffen. Shining Crystal hat die 12, die steht ja, in welchem Monat hast Du Geburtstag (in April) und in welchem Deine Frau (in August). Das Ding gebacken, die drei kombiniert, drin das Ding. Dreierwett-Quote ca. 25 000 DM. Mit fünf DM getroffen. Abends nach dem Rennen ruft er uns an den runden Tisch. Tausend für Uschi, tausend für meine Frau, und so ging das weiter.

Am nächsten Morgen kommt er an unseren Frühstückstisch mit folgenden Worten: „Hab ich mich vertan, hat meine Frau nicht Geburtstag in die August, erst in die September.“ So kann man auch Geld verdienen,…..

© Text & Foto: turfcast.de, München

Comments

One Response to “Turfcast fragt im Dutzend – Manfred Chapman”
  1. galoppi sagt:

    Tja, da hat der Manni wieder mal total Recht! Die Rennverfilmung… Die Qualität wird und wird nicht besser. Oft nur eine Kamera und zwischen dieser und den Hauptdarstellern kommen Bäume und Büsche als Nebendarsteller oft besser ins Bild – und der Kommentator in Verlegenheit. Es fehlen aber nicht nur Kameras, sondern auch Kameraleute (Pan Krisbin hat man in Ffm kommentiert: „…das ist der gute Kameramann…“ – da kam bei mir doch glatt ein Grinsche durch… = lästerliches Lächeln), hochwertige Kameras und Wiedergabegeräte – aber vor allem ein Regisseur der in Sachen Dramaturgie begeistern muß.

    Auf manchen Rennbahnen sieht man – aus aktuellem Anlass – Rennbilder aus Frankreich, England und der übrigen Welt. Was dann folgt ist schlimmer als der schlimmste Regenschauer: lustlos präsentierte Bilder „unserer“ Rennen – eher grau in grau als bunt und lebendige wie die Blusen der Jockeys. Dagegen ist ein Stark-Regen eher „Hamburger Schmuddelwetter!

    Im Hannoverschen Führring hörte ich ein Mitglied der Rennleitung fluchen, dass es noch soweit kommt, dass die Bahnkamera zur Hauptsache wird. Schön wäre es, denn dieser Satz zeigt das ganze Dilemma. Aber eines haben die Engländer und Franzosen nicht: Sie haben keinen Manfred Chapman

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