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Trio beschert das Quartett

Dezember 1, 2013 by  

20131130Newbury0119.JPGM. Luxenburger – Es ist ja nicht so, dass wir jedes Jahr alleine deswegen nach Newbury reisen, um dort auf der Rennbahn die wahrscheinlich besten Fish&Chips zu essen, die man in England bekommen kann. Ganz nebenbei darf man auf der bildschönen Bahn in Berkshire auch noch den Hennessy Gold Cup genießen – schlichtweg d a s Handicap für die Drei-Meilen-Steepler im ersten Drittel der National Hunt-Saison. Diesmal brachte es für Fotograf und Autor noch ein brillantes Extra. Danke, Triolo D‘ Alene.

fotoAnkunft des Peruaners?
Nachdem der Fotograf erstaunlicherweise ohne Zwischenfälle durch den Sicherheitscheck am Münchner Flughafen gekommen war und der Flug mit British Airways abgesehen von der äußerst charmanten Kabinenbesatzung auch keine Bonmots geliefert hatte, steuerte der Fotograf in Heathrow zielsicher den falschen Eingang im Irrgarten an der Passkontrolle an. Dort, wo Tschetschenen, Peruaner und Nepalesen aufgerufen sind, war am wenigsten los, was ihn natürlich magisch anzog. Möglicherweise hielt die Security-Tante den Fotografen wegen seiner clownesken Pudelmütze für einen Angehörigen letztgenannten Volksstammes, so dass er nach einer kurzen Zurechtweisung durch durfte und dann feixend auf den Autor wartete. Der hatte sich brav auf die 200-Meter-Strecke auf der im Zick-Zack ausgesteckten Bahn zum Schalter begeben. Wie sie es immer dort schaffen, aus Luftlinie zehn Meter einen halben Marathon zu machen, ist schon große Kunst.

20131129Newbury0003.JPGDas Ritual
Danch wurde das Ankunftsritual zelebriert: Ein Bier, eine Zigarette und ein Underberg. Wir entschieden uns diesmal für ein Cambridge Ale von Marks&Spencer, das wir „Unioniste“ tauften, da uns der hübsche Schimmel auf dem Etikett an Paul Nicholls‘ talentierten Chaser erinnerte. Behütet von einer Kunst-Installation, die aus rund 70 orangefarbenen und grünen Schubkarren bestand, bereiteten wir uns so im Lichthof des Busbahnhofs auf den ersten Renntag in Newbury vor. Um das Kunstwerk aufzuwerten, warf der Autor das leere Underberg-Fläschchen über die linke Schulter in einen der Schubkarren. Das Feuerzeug fiel dagegen unbemerkt ins Gras hinter der Begrenzungsmauer. Wir ahnten es da noch nicht. Aber diese kleinen Besonderheiten sollten sich später zu einem erfolgreichen Stück Magie zusammenfügen.

Wer vom Flughafen Heathrow zum Newbury Racecourse will, nimmt am besten den Rail Link Bus nach Reading und dann den Zug nach Newbury, der direkt an der Rennbahn hält. Wie immer, wenn man bei Great Western weiß, dass viele Menschen mitfahren wollen, nimmt man die kleinstmögliche Zuggarnitur. Schließlich gibt es in England ja eine Klassengesellschaft, und wer sich kein Privatflugzeug leisten kann, der soll eben leiden. Der guten Laune im Zug tat das aber keinen Abbruch, und nach einer kurzweiligen Fahrt spuckte uns der Waggon nahe dem Eingang Owners & Trainers aus, wo der Autor traditionell einen Teller Weihnachtsplätzchen von Rischart (der Kilopreis nähert sich dem von Gold) gegen Freikarten für die Premier Enclosure tauschte. Wie zu erfahren war, warten die Mädels im Sekretariat immer schon sehnsüchtig auf die munich bisquits. Die Fish&Chips, die glücklicherweise noch immer in der saugemütlichen Bude aus den 20er Jahren serviert werden, waren wieder erstklassig und wurden mit einem ebenfalls astreinen Guinness runtergespült.

Dermaßen gestärkt schlenderten Autor und Fotograf durch Tag eins des Hennessy Meetings, trafen ihre Freunde Cat und Jim aus Hamburg und die eine oder andere Wette. Allerdings verlief der Freitag für Cat und viele andere deutlich aufgeregter. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte das Mode-Departement von Newbury Racecourse den Dresscode für die Premier Enclosure (Kartenpreis: etwa 70 Euro) dahingehend verschärft, dass T-Shirts, Rollkragenpullis und Jeans zu absoluten No Go’s erklärt wurden. Diese Leute könnten ja die Rennen in der niederen Klasse anschauen, schließlich müssten sie ja dort auch nicht in einem Schuppen stehen, verlautbarte der zuständige Manager. Auch Damen mit zu kurzen Röcken wurden gnadenlos abgewiesen, was der Autor gar nicht verstehen kann. Die Kontrolleure nötigten die Besucher sogar dazu, ihre Jacken aufzuknöpfen, um nachzuschauen, ob sich darunter nicht etwa doch etwas ohne Kragen versteckt. Da man auf allen National Hunt-Kursen bisher Jeans noch nicht als Teufelswerk angesehen hatte, steckte auch Cat in einer solchen, so dass sie die Rennen nicht wie gewohnt mit dem Autor vom besten Platz im Haus, dem Balkon im dritten Stock der Premier Tribüne, verfolgen konnte.

Apropos Rennen: Den besten Eindruck am Freitag machte der Novice Chaser Wonderful Charm (Paul Nicholls/Darren Jakob), der das Grade 2-Rennen als 8/11-Favorit mit dem Finger in der Nase gewann. Das war kein wirklicher Aufreger, der trug sich nach der von Cantlow (Paul Webber/A P Mc Coy, 6/1) gewonnenen Handicap Chase zu. Die Jockeys Dominic Elsworth und Timmy Murphy hatten sich schon beim Auscantern einen erst verbalen Streit geliefert, der sich dann in der Jockeystube etwas handfester gestaltete. Murphy, der seinen Konkurrenten im Rennen maßgenommen hatte, bezahlte das mit einer ausgekugelten Schulter und musste seine Ritte auch für Samstag absagen. Was genau in der Jockeystube passiert ist, wird derzeit ermittelt.

20131130Newbury0069.JPGAutor und Fotograf bezahlten ein an sich nicht übles Abendessen bei einem etwas obskuren Inder in Newbury Broadway namens Hot Pepper mit einer eher unruhigen Nacht im Hilton North. Eigentlich hatten wir ja vorgehabt, in einem Lokal namens Gurkha Chief zu nepalesische Küche zu genießen, doch da war kein Platz mehr zu bekommen. Wir erschlugen die Magennerven tags darauf mit einem opulenten full english breakfast und machten einen Verdauungsspaziergang vom Bahnhof Newbury zur Rennbahn, bei dem wir von Jockey-Legende Willie Carson überholt wurden, der so gerade noch hinter dem Steuer seines Geländewagens hervorlugte. Glücklicherweise kamen wir zu spät zum ersten Rennen, so dass wir den Placepot nicht mehr abgeben konnten. Wir wären schon im dritten Rennen, das der alte Kämpe Tatenen (Richard Rowe/Leighton Aspell, 14/1) völlig überlegen gewann, rausgeflogen, so dass wir schon mal 24 Pfund gespart hatten. Davor hatte Valdez (Alan King/Robert Thornton, 2/1) die Novices Handicap Chase in überragendem Stil gewonnen, und Chok Thornton strahlte unter seiner neuen Kurzhaarfrisur (Foto) mit der Sonne um die Wette. Als sich der schon unterwegs schlampig springende klare Favorit At Fishers Cross (Rebecca Curtis/Barry Geraghty, 10/11) durch einen schweren Fehler am letzten Hindernis um alle Chancen geblundert hatte, war der Weg frei für meinen alten Liebling Celestial Halo (Paul Nicholls/Darryl Jakob, 7/2), der davon unbeeindruckt zu einem sicheren Start-Ziel stiefelte. Wahrscheinlich hätte er aber sowieso gewonnen.

20131129Newbury0049.JPGDie Magie beginnt
Nachdem My Tent Or Yours in Newcastle das Fighting Fifth Hurdle als Favorit gewonnen hatte (A P McCoy hatte sich richtigerweise für ihn und gegen At Fishers Cross entschieden), dachten Fotograf und Autor kurz mal an ihre Ten To Follow-Listen. Das ist ein Wettbewerb von Totesport, bei dem man Listen von Pferden zusammenstellt, die dann die ganze Saison für einen laufen und Punkte machen können. Eine Liste kostet zehn Pfund. Jeden Monat gibt es für die am Ende beste Liste 10.000 Pfund, am Ende winken ca. 260.000 Pfund für den Gesamtsieger. Unser Quartett ist mit 40 Listen am Start. Dank des braven Zelts, das einer unser Banker ist, lagen wir mit allen Listen gut im Rennen und hatten mit Invictus, Hadrian`s Approach und Triolo D‘ Alene drei Eisen im Hennessy-Feuer. Am 5. Sprung musste sich Erlaubnisreiter Nico de Boinville von Hadrian’s Approach (Nicky Henderson, 12/1) verabschieden, der zweite Favorit Lord Windermere (Dougie Costello/Jim Cullotty, 7/1) wurde dabei behindert und am 14. Hindernis noch einmal maßgenommen und spielte ebenso keine Rolle mehr wie der Favorit Our Father (David Pipe/Conor O’Farrell, 11/2). Er lag lange am Schluss des Feldes, machte dann schnell Boden gut, kam aber nach dem viertletzten Sprung nicht mehr weiter. Unterdessen hatten sich Invictus (Robert Thornton/Alan King, 8/1) und der bestechend gehende Triolo D‘ Alaine (Foto; Nicky Henderson/Barry Geraghty, 20/1) gute Ausgangslagen verschafft. Whrend Invictus die zweijährige Pause spürte und in der Geraden nachgab, machte sich der Henderson-Schützling noch leicht gegen Rocky Creek (Paul Nicholls/Darryl Jakob, 8/1) und Theatre Guide (Colin Tizzard/Joe Tizzard, 33/1) frei, der seinerseits klar vor Highland Lodge (Emma Lavelle/Leighton Aspell, 6/1) endete.

20131130Newbury0120.JPGDer Anruf
Noch dachten weder Fotograf noch Autor an die Ten To Follow. Bis das Handy klingelte. Der Judge, Harry Schneider, dritter Mann im Syndicat neben Jippi Carvalho, war dran. „Wir sind vorne“! Der November hat nur 30 Tage, auf den anderen Bahnen war auch Schluss. Wir bedanken uns bei Triolo D’Alene, dessen 26/1 am Toto uns den Sieg sicherten, da wir ihn genapt hatten und die Toto-Quote deshalb doppelt zählte. Wir hatten uns für ihn als sexy horse entschieden: ein Pferd, das nur wenige auf ihren Listen haben und das gut genug ist, um viele Punkte zu machen. Eigentlich war er unser Grand National-Pferd gewesen. Übrigens auch das von Trainer Henderson. „Das haben wir jetzt wohl vergeigt“, sagte er nachher lachend. „Aber so einen Hennessy-Sieg nimmt man ja doch gerne mit“. Die Stallform war in den vergangenen Wochen bescheiden gewesen, dann kamen die Siege von My Tent Or Yours und vom brillianten Fuchs Triolo. „Es braucht gerade mal eine Stunde, und schon sieht das Leben wieder glänzend aus“, sagte Philosoph Henderson.

Dem können Fotograf und Autor nur zustimmen. Zwar gab es schon davor nicht viel zu maulen, weil beide ja schon immer damit gut fahren, lieber in Erlebnisse zu investieren als in Aktien, doch das war dann doch das icing on the cake, wie die Engländer so schön sagen. Und die Magie dieses Wochenend-Trips war noch nicht verstrichen. Beim Abschlussritual in Heathrow – ihr wisst, was da passiert – schloss sich der Kreis. Das Underberg-Fläschchen lag noch im Schubkarren. Und das Feuerzeug daneben im Gras. Ein Jumbo Jet stieg über dem Glasdach in den Nachthimmel. Am Montag geht’s nach Hong Kong. Feuerblitz ist schon dort. Die nächsten Erlebnisse warten.

© Fotos: turfstock.com, München

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