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Shakespeare im Bratwurst-Dilemma

März 13, 2018 by  

20180313_way_to_cheltenhamMichael Luxenburger – Ruby wieder voll da, aber Shakespeare im Bratwurst-Dilemma: So lässt sich Tag eins des Cheltenham Festivals 2018 zusammenfassen. Das Schlimmste im Leben ist, wenn sich etwas Bewährtes ändert. Vor allem, wenn es so essentielle Dinge wie Essen betrifft. Dass man mittlerweile beim BA-Flug nach London nichts mehr umsonst zu futtern bekommt, ist jetzt nicht wirklich schlimm, da der verkrumpelte Fraß im Plastiksäckchen meistens eher ungenießbar war. Dass jetzt aber sogar der Kaffee 2,30 Pfund kostet, ist allerdings nicht so schön, zumal er gegenüber dem Freikaffee früherer Zeiten nicht an Qualität gewonnen hat. Der Fotograf hatte sich gegen den Ausfall der kostenlosen Speisung mit einer Schüssel Paella zum zarten Preis von 12.40 Euro gewappnet. Doch er orderte sie so kurz vor dem Abflug, dass er trotz rasend schnellen Kauens gute drei Löffel des Fisch-Reis-Gemüse-Gemenges stehen lassen musste, da er bereits namentlich zum Gate einberufen worden war. Etwa 4,80 Euro Spätpaella verblieben so im Gefäß. Der Autor hatte gut gefrühstückt und konnte den Flug deshalb ungefüttert überstehen. Er hatte als Sitznachbarin eine etwa 30-jährige Handyspielsüchtige, deren tiefblau geschlagenes Auge vermuten ließ, dass sie gerade vor ihrem rabiaten Freund nach London flüchtete. Seine Aufmerksamkeit erlangten allerdings eher die Schuhe der Dame im Sitz schräg vor ihm, da sie aus genau dem gleichen Stoff wie der Teppichbelag des Flugzeugbodens gefertigt waren. Der Flug war ruhig, nicht der “bumpy ride”, den der Kapitän angekündigt hatte. Einen solchen hatte später Kathie Walsh. Aber nicht im Flugzeug.
Doch zurück zum Thema. Was hatten Autor und Fotograf im vergangenen Jahr das English Breakfast in ihrer Unterkunft Mary Ardens Inn in einem kleinen Ort bei Stratford Upon Avon gelobt. Brilliante Bratwürste, frischer krosser Speck – vorbildlich. Dummerweise kam die Hotelleitung vom Bewährten ab und engagierte einen neuen Koch, der Würstchen und Speck nicht mehr beim Metzger, sondern im Supermarkt holt. Außerdem scheint er den Speck erst zu verwenden, wenn sein Haltbarkeitsdatum um mindestens zwei Monate überschritten ist.
Wir werden mit der Managerin reden. So geht es nicht.
Ansonsten ist es wieder sehr schön in William Shakespeare’s Geburtsort, dessen Mutter Mary Arden im Pub unseres Cottages ja anno dunnemals ihr Bier geschlürft hat. Der Hauch der Geschichte umweht uns also hier, was einem allerdings nichts hilft, wenn die Bratwürste . . .
Erschwerend kommt für den Autor hinzu, dass er vor einiger Zeit mit dem Rauchen aufgehört und sich dadurch sein Geschmacksempfinden deutlich verbessert hat. Dann ist es natürlich absolut kontrapunktiv, in England zum Essen zu gehen – es sei denn, man ist willig und dazu in der Lage, mindestens 50 Pfund pro Person dafür auszugeben. Das wollten wir nicht, und deshalb blieben wir im Dunstkreis der Working Class und sprachen beim erstbesten Asiaten vor. Wenn das, was uns ein paar widerwillig dreinschauende indische Kellner in ihrem puffig eingerichteten und ziemlich abgekratztes Etablissement vor den Toren von Stratford da vorgesetzt haben, wirklich die per großem Plakat versprochene “traditionelle indische Küche” gewesen ist, dann kann man nur sagen: arme Inder. Hauptsächliche Ingredienzen der Gerichte waren traniges Fett und zerkochte Zwiebeln, wobei die Speisen immerhin per Servierwagen zu Tisch gefahren wurden. Die Kellner kurvten mit den Dingern über den mit Essensresten aus 30 Jahren verklebten Teppichboden, als wäre das die einzige Freude, die ihnen noch geblieben war. Gut, dass wir am Nachmittag im Supermarkt Chips und Bier gekauft hatten – das wird wohl zukünftig erst mal unser Abendessen sein.

Zumal der erste Tag wettechnisch nicht ganz so verlaufen war, als dass wir uns den Besuch in einem Restaurant der Upper Class leisten könnten.

Und damit zum Spocht.
Nach einem regnerischen Vormittag hatte der Himmel aufgerissen, und ein formidables Sonne-Wolken-Arrangement sorgte für großartiges Licht über dem Prestbury Park. Da es eine Woche lang geregnet hatte, war der Boden tief. Gleich im einleitenden Supreme Novices Hurdle, das traditionell mit dem Cheltenham Roar aus 65 000 Kehlen auf den Weg gebracht wurde, sah man alles, was den National Hunt Support so attraktiv macht. Gutes Tempo von Anfang an und einen packenden Endkampf den Cheltenham Hill hinauf. Summerville Boy (Noel Fehily/Tom George, 9/1) bestätigte seinen früheren Erfolg über Kalashnikov (Jack Quinlan/Amy Murphy, 5/1), als er trotz dreier Fehler unterwegs wieder bestens ins Laufen kam und eine lange Kampfpartie mit einem Hals Vorsprung für sich entschied. Mengli Khan (Jack Kennedy/Gordon Elliott, 14/1), der immer unter den ersten Fünf gelegen war, sicherte sich Platz drei. Der Favorit Getabird (Ruby Walsh/Willie Mullins) war nur anfangs vorne zu sehen und endete auf einem enttäuschenden 11. Platz. Sein Laufen war völlig ausdruckslos gewesen. Für Kalashnikov ist jetzt laut seiner Trainerin die Saison beendet. Auch sein Dasein als Hürdler, denn er wird über die großen Hindernisse gehen. Merken sollte man sich Mengli Khan, der auf gutem Boden möglicherweise gewonnen hätte, was auch sein Reiter so sah.

13.03.2018 - Cheltenham; Feature: Photographers capture the moment at winners presentation Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Summerville Boy winning the Sky Bet Supreme Novices Hurdle Grade 1 with Noel Fehily. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2018 – Cheltenham; Feature: Photographers capture the moment at winners presentation Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Summerville Boy winning the Sky Bet Supreme Novices Hurdle Grade 1 with Noel Fehily. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Einen klassischen Ruby Walsh-Ritt sahen die 65 000 Zuschauer dann in der von leider nur fünf Pferden bestrittenen Arkle Trophy, der zwei-Meilen-Chase für Novices. In aller Ruhe schaute er mit Footpad (Willie Mullins, 5/6) zu, wie sich vorne Petit Mouchoir (Davy Russell) und Saint Calvados (Aidan Coleman) die Köpfe wegfegten. Das konnte auf der tiefen Bahn nicht gut gehen. Als Ruby den richtigen Zeitpunkt gekommen sah, mal richtig zu stellen, wer hier das beste Pferd ist, war das Rennen im Handumdrehen gelaufen. Völlig überlegen spazierte er den Berg hinauf, während sich weit dahinter Brain Power (Nico De Boinville/Nicky Henderson, 14/1) mit gutem Schlussakkord noch den zweiten Platz vor Petit Mouchoir sicherte. Mullins feierte seinen 55. Sieger beim Cheltenham Festival, und er sagte über Footpad: “Ich habe selten ein Pferd gehabt, das sich so stark verbessert hat, seitdem es von den Hürden zu den größeren Sprüngen gewechselt ist. Sein Springen hat sich weiter verbessert, und stehen kann er auch. Da könnten wir glatt ein Gold Cup-Pferd im Stall haben.” Über seinen Jockey sagte Mullins: “Ruby ist der Meister. Nach dem frühen Fehler hat er das Pferd ruhig wieder auf die Beine kommen lassen, und ihn dann zurück ins Rennen geführt. Es gibt nichts besseres als einen Sieger am ersten Tag zu haben. Der Druck ist weg.”

13.03.2018 - Cheltenham; Footpad ridden by a jubilant Ruby Walsh wins the Racing Post Arkle Challenge Trophy Chase Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2018 – Cheltenham; Footpad ridden by a jubilant Ruby Walsh wins the Racing Post Arkle Challenge Trophy Chase Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

In der Ultima Handicap Steeple Chase mit 18 Startern hatte der Autor die Pferde auf den Plätzen zwei bis vier angesagt – nur den Sieger leider nicht. Da es aber mit Coo Star Sivola (Lizzie Kelly/Nick Williams, 5/1) der Favorit war, hatten die Zuschauer unserer Morning Line aus dem Mary Arden Inn sicher gut abgesahnt. Shantou Flyer (James Bowen/Richard Hobson,14/1) musste sich nach heroischem Kampf dem neun Pfund weniger tragenden Rivalen um einen Hals geschlagen geben, Vintage Clouds (Danny Cook/Sue Smith, 7/1) und Beware The Bear (Jeremiah Mc Grath/Nicky Henderson, 14/1) landeten dahinter auf den Plätzen in einer sehr schön gelaufenen Steeplechase. Ein Fehler am letzten Hindernis kostete Shantou Flyer den Sieg und den Autor einen substantiellen Gewinn, was auch Shantou Flyer’s Reiter so sah.

Ein härteres Stück Arbeit als erwartet wurde das Champion Hurdle für den klaren Favoriten Buveur D’ Air (Barry Geraghty/Nicky Henderson, 4/6), denn der vor dem Rennen stark herunter gewettete Melon (Paul Townend/Willie M., 7/1) erwies sich als hartnäckiger Gegner. Und da auch Mick Jazz (Davy Russell/Gordon Elliott, 25/1) besser lief als zu erwarten war, entspann sich ein attraktiver Dreikampf den Berg hinauf. Dank der größeren Klasse setzte sich schließlich der Henderson-Schützling durch, doch auf guter Bahn hätte das vielleicht anders ausgesehen. Sichtlich genug hat dagegen Yorkhill. Nach zwei enttäuschenden Rennen hatte man den Mullins-Schützling zurück auf die Hürdenbahn beordert, doch der Presenting-Sohn galoppierte ohne Lust und eierte immer am Schluss des Feldes herum, bis ihn sein Jockey schließlich anhielt.
Zwei der Brandfavoriten hatten sich also durch gesetzt, doch den dritten erwischte es. “Besser als je zuvor” sei seine Apples Jade in Form, hatte ihr Trainer Gordon Elliott vor dem Mares Hurdle verkündet, doch aus einem Rennen immer im Vordertreffen konnte die Stute nicht zulegen, als es um die Wurst ging. Sie ging immer einen Tick schlechter als die Siegerin Benie Des Dieux (Ruby Walsh/Willie Mullins, 9/2) und die Zweitplatzierte Midnight Tour (Davy Russell/Alan King, 33/1). Auch hier gab es ein dramatisches Finale, wobei die drei Erstplatzierten über die ganze Breite des Einlaufs verteilt waren.

13.03.2018 - Cheltenham; Buveur D'Air ridden by Barry Geraghty (green-yellow silks) wins the Unibet Champion Hurdle Challenge Trophy Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: Melon ridden by Paul Townend (yellow silks). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

13.03.2018 – Cheltenham; Buveur D’Air ridden by Barry Geraghty (green-yellow silks) wins the Unibet Champion Hurdle Challenge Trophy Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: Melon ridden by Paul Townend (yellow silks). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Die Novices Chase für die Amateure über 3m7f wurde zu einem echten Stamina-Test, der wieder ein dramatisches Finale brachte. Rathvinden (P.W. Mullins/Willie Mullins, 9/2) und MS Parfois (William Biddick/Anthony Honeyball, 11/2) duellierten sich ohne Nachsicht, der lange führende Sizing Tennessee (Barry O’Neill/Colin Tizzard, 8/1) wurde mit Rang drei belohnt. Eine Tapferkeitsmedaille hätte Kathie Walsh verdient gehabt, denn ihr Pylonthepressure machte Fehler um Fehler, und seine Reiterin schaffte es jedes Mal mit artistischem Geschick, im Sattel zu bleiben.

“Wäre, wäre, Fahrradkette” sagt Loddar Maddeus ja immer so schön. Weil Jockey Sam Twiston-Davies seinen Ibis Du Rheu (25/1) an dritter Stelle liegend mit der Brechstange in den letzten Sprung schickte, machte der einen schweren Fehler, der ihm möglicherweise den Sieg in der abschließenden Close Brothers Handicap Novices Chase kostete. So entwickelte sich die sechste heiße Kampfpartie des Tages, die das Leichtgewicht Mister Whitaker (Brian Hughes/Mick Chanson, 13/2) mit Kopf gegen Rather Be (Jeremiah McGrah/Nicky Henderson, 12/1) entschied. Rocklander holte Platz drei gegen Barney Dwan und den unglücklichen Ibis De Rheu.

Für den Autor endete der Tag wettechnisch trotz des Rumplers seines Mumms Ibis noch gut, da er die Zweierwette um 2 Pfund getroffen hatte, was immerhin 90-fachen Einsatz brachte. Im Gegensatz zum Jahr zuvor blieb das Blutbad an Tag eins also aus.

Dafür waren 2017 die Bratwürste um Klassen besser. Was lernen wir daraus: Man kann nicht alles haben. Die Oma-Sprüche sind eben immer passend.

© Fotos: turfstock.com, München

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