Top

Ruby rockt

März 17, 2017 by  

Michael Luxenburger – Mitten im Meer, also in England, ist es wie in München: das Wetter kann sich blitzschnell dramatisch ändern. Hastdunichtgesehen ist der Frühling weg und der Winter da. Nach 18 Grad und Sonne pur am Mittwoch waren heute in Cheltenham Wollmützen und dicke Pullis angesagt. Klar, dass der Fotograf am bisher einzigen Tag, an dem er ihn gebraucht hätte, seinen Pullover im Hotel vergessen hatte. So schnell nicht vergessen wird dagegen den heutigen Tag das Duo Walsh/Mullins, das nach zwei enttäuschenden Tagen vier Mal erfolgreich war und den Wettkampf Irland – England damit auf 14:7 stellte. Erfolgreich war auch der Fotograf, der sich nach seinem Wettcoup im Stayers Hurdle einen Geldbeutel mit großem Stauraum kaufen muss.

Da wir auch gestern zu spät zum Abendessen zurück ins Inn gekommen waren – wir sahen gerade noch den Schlosser aka Koch das Haus verlassen, mussten wir uns wieder mit Chips begnügen, die wir mit einer Dose Guinness herunterspülten. Grund für die Verspätung war die lange vergebliche Suche nach unserem Auto, das sich versteckt hatte. Dass der Fotograf, übrigens der geborene Linksverkehrler, gerne die Elastizität unseres Peugeot Dieselmotors testet, indem er versucht, im 6. Gang anzufahren, ist aber nicht als Racheakt für diesen Streich zu verstehen. Heute erreichte er damit einen neuen Grad der Perfektion, als er, scheinbar erschreckt von der Fahrtfreigabe durch einen Parkwächter, mit dem hopsenden Peugeot fast eine Fußgängerbrücke besuchte. Das Frühstück im Mary Arden Inn in Wilmcote bei Stratford Upon Avon wird ja mittlerweile von der halben Welt beobachtet, da es als Morning Line via Facebook jeden Tag ab 8 Uhr englischer Zeit gestreamt wird. Also wird auch demnächst der lokale Metzger großen Zulauf bekommen, da er die Sausages macht, die wir dort mit großem Genuss verspeisen. Shakespeare’s Mutter Mary Arden, die hier früher gewohnt hat, haben sie damals sicher auch gemundet.

Doch nun zum Spocht.

Einen großen Pfeil hatte Willie Mullins noch im Köcher, und der traf in der JLT Novices Chase voll in die Mitte. In einer Kampfpartie wies der Favorit Yorkhill (2/1) dank eines superfeinen Rittes von Ruby Walsh den Schlussangriff von Top Notch (Daryll Jakob/Nicky Henderson, 7/2) knapp, aber sicher ab. Dessen Reiter hätte früher entschlossener los reiten sollen, dann hätte er den Sieger möglicherweise gestellt. Wie eine Schachtel rohe Eier hatte Walsh sein Pferd quasi um den Kurs getragen, immer hinten im Feld neben dem unglücklichen Flying Angel, der durch den stürzenden Riesenaußenseiter Baily Cloud Mitte gegenüber um alle Chancen gebracht wurde. Dann nahm er Yorkhill nach innen und hatte an den Rails eine Traumpassage. Trotz eines Rumplers am letzten Hindernis reichte es letztlich sicher, der grandiose vorletzte Sprung half dabei. Disco (Brian Cooper/Noel Meade, 4/1) hielt deutlich hinter Top Notch Platz drei. Man merkte es Ruby, der im Führring von großem Jubel empfangen wurde, deutlich an, wie groß der Stein war, der ihm da vom Herzen gefallen war. Das gilt sicher auch für Trainer Mullins. „Ich hätte ihn vielleicht noch etwas länger in Reserve halten sollen, da er nicht mehr viel macht, wenn er mal in Front liegt. Doch als Top Notch an seine Seite kam, zog er nochmal an. Er ist ein sehr gutes Pferd“, sagte Walsh. Willie Mullins war natürlich erleichtert. Endlich ein Sieg beim Festival. „Auf der Siegerlisten zu stehen, ist toll. Das in einem Gruppe 1-Rennen zu schaffen, ist noch besser. Das ist gut für Ruby, gut für mich, und das bringt Vertrauen in das ganze Team zurück. Es waren zwei harte Tage zuvor, aber so ist es eben.“

16.03.2017 - Cheltenham; Winners presentation with connections of Yorkhill after winning the JLT Novices Chase (Registered As The Golden Miller Novices Chase) Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

16.03.2017 – Cheltenham; Winners presentation with connections of Yorkhill after winning the JLT Novices Chase (Registered As The Golden Miller Novices Chase) Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Der Autor hatte sich, da er im Pertemps Network Final Handicap Hurdle keine so rechte Meinung hatte und auch mit seinem Tipp nicht ganz so glücklich war, einmal die Trends vorgenommen. Demnach trugen 9 von 10 Siegern der vergangenen Jahre weniger als 11 st 4lb und waren 8 Sieger zwischen 132 und 142 gerated. Selbstverständlich gewann dann ein Pferd, das 11-11 trug und 148 rating hatte. Und endlich gab es für Jockey Davy Russell nach fünf zweiten Plätzen einen vollen Erfolg. Presenting Percy (Patrick Kelly, 11/1) war mit einer Bombenform aus Irland angereist und bestätigte die Vermutung, dass er noch nicht am Ende seines Könnens angelangt ist. Es war ein blitzsauberer Ritt des sympathischen Iren, der den Schlussangriff des von 33/1 auf 16/1 herunter gewetteten Barney Dwan (Paddy Brennan/Fergal OBrien) sicher abwehren konnte. Jury Duty (Jack Kennedy/Gordon Elliott, 9/1) kam auf den letzten 100 Metern nicht richtig weiter, konnte aber den Riesenaußenseiter The Tourard Man (Alan King, 66/1), auf dem der junge Stift Kevin Dowling seinen ersten Ritt beim Festival absolvierte, sicher für Platz drei halten.

16.03.2017 - Cheltenham; Presenting percy ridden by Davy Russell wins the Pertemps Network Final (A Handicap Hurdle) (Listed Race) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

16.03.2017 – Cheltenham; Presenting percy ridden by Davy Russell wins the Pertemps Network Final (A Handicap Hurdle) (Listed Race) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Weil es so schön war, legte das Duo Walsh/Mullins dann gleich nochmal auf Gruppe 1-Niveau nach. Wie andere Ware zog der Favorit Un De Sceaux (7/4) in der Ryanair Chase seine Kreise und galoppierte mit etwa zehn Längen Vorsprung nach dem letzten Hindernis den Berg hinauf. Zwar rückte ihm Sub Lieutenant (David Mullins/Henry De Bromhead, 8/1) im Ziel noch auf 1 1/2 Längen auf den Pelz, doch hatte man nie den Eindruck, dass er den Führenden noch einholen könnte. Aso (Charlie Deutsch/Venetia Williams, 40/1) raufte sich dahinter noch auf Rand drei. Sehr enttäuschend war das Laufen von Uxizandre, der nie im Rennen und im Ziel 30 Längen hinter dem Sieger war. Der bescherte seinem Betreuer den 50. Sieg beim Festival, und Mullins war voll des Lobes über sein Pferd: „Er ist ein. Superpferd. Ein Eiserner. Ein richtiges Rennpferd. Mutig, stark und gesund. Und sein Sprung über das letzte Hindernis: spektakulär.“ Walsh schloss sich dem an: „Er ist so zuverlässig und so ehrlich. En großartiges Pferd.“

16.03.2017 - Cheltenham; Winners presentation with Ruby Walsh after winning the Ryanair Chase (Registered As The Festival Trophy Steeple Chase) Grade 1 with Un De Sceaux at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

16.03.2017 – Cheltenham; Winners presentation with Ruby Walsh after winning the Ryanair Chase (Registered As The Festival Trophy Steeple Chase) Grade 1 with Un De Sceaux at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Und die Mullins/Walsh-Festspiele gingen weiter. Mit Nichols Canyon (10/1) hatten im Sun Bets Stayers Hurdle die Wenigsten gerechnet, aber wenn es läuft, dann läuft es eben. Über weite Strecken hatte der Sieger von 2015, Cole Harden, in gewohnter Manier vorne das Tempo diktiert, bis auf auf den letzten 200 Metern die Speedpferde angerauscht kamen. Neben dem Sieger Nicholas Canyon, den Ruby Walsh an der Außenseite gewaltig schnell machte, zeichnete sich dabei besonders der Riesenaußenseiter Lil Rockefeller (Trevor Wheelan/Neil King, 33/1) aus. Im Ziel war es gerade mal eine Dreiviertel Länge, die der Mullins-Schützling vor dem tapferen Hard Spun-Sohn lag. Der klare Favorit Unowatimeanharry (Noel Fehily/Harry Fry, 5/6) galoppierte dahinter nur einen Strich und sah nie wirklich gefährlich aus. Nimmt man zum Maßstab, dass in diesem Feld nun wirklich kein anderes Pferd der Sonderklasse gewesen ist, dann kann der nicht ganz in Ordung gewesen sein. Doch, ein Klassepferd war drin, Jetzki, der Sieger des Champion Hurdle von 2014. Der kommt allerdings nicht über die Steherdistanz, wie man jetzt weiß. Noch im Bogen ging er händevoll, aber bereits ab Mitte der Geraden kam er nicht mehr weiter.
„Das war vielleicht eine Vorstellung“, freute sich Mullins über seinen dritten Tagessieger. „Ich dachte nicht, dass ihm drei Meilen besonders liegen. Doch Ruby hat ihn perfekt ruhig auf die Beine kommen lassen und die Rails in der Geraden bekommen, was eine große Hilfe war. Das Pferd ist hart und hat mit den Jahren gelernt, ruhiger zu sein.“ Happy war auch Neil King, der Trainer des Zweitplatzierten. „Das ist absolut fantastisch. Trevor hat ihm einen glänzenden Ritt gegeben. Das Pferd ist heute so gut wie noch nie gesprungen. Am letzten Hindernis war es vielleicht etwas eng, doch ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Lil Rockefeller Nichols Canyon ohne den kleinen Fehler geschlagen hätte. Jockey Trevor Wheelan war sogar ein wenig enttäuscht: „Ich dachte, wir hätten ihn geschlagen. Doch, wenn man es genau betrachtet, sind wir nur von einem mehrfachen Gruppe 1-Sieger geschlagen worden.“

Die Plate Handicap Chase war dann die übliche Materialschlacht, die mit Road To Respect (Brian Cooper/Noel Meade, 14/1) erneut an ein irisches Pferd ging, danach holte sich ein schon fast arrogant reitender Ruby Walsh mit Let’s Dance (Willie Mullins, 5/6) das Mares Novices Hurdle. Walsh, der damit ebenso wie Mullins seinen vierten Tagessieger feierte, wartete ewig im hinteren Drittel und fuhr dann seine Stute an den Rails ohne großen Aufwand nach vorne. Dahinter holte sich Barra (Brian Cooper/Gordon Elliott, 12/1) mit kurzem Kopf Platz 3 gegen Dusky Legend (Wayne Hutchinson/Alan King, 20/1). Der Tipp des Autors, Toe The Line, brach auf der Flachen nieder und war leider nicht mehr zu retten.

16.03.2017 - Cheltenham; Winners presentation with Ruby Walsh after winning the Sun Bets Stayers Hurdle Grade 1 with Nichols Canyon at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Ruby Walsh holding his face in his hands. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

16.03.2017 – Cheltenham; Winners presentation with Ruby Walsh after winning the Sun Bets Stayers Hurdle Grade 1 with Nichols Canyon at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Ruby Walsh holding his face in his hands. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Ein dramatisches Finale brachte dann der Fulke Walwyn Kim Muir Challenge Cup, ein Handicap für Amateurrennreiter. Denn Pendra (Derek O’Connor, Charlie Longsdon, 16/1), der zu den stärker gewetteten Pferden gehörte und nach dem letzten Sprung wie der Sieger aussah, wurde vom Riesenaußenseiter Domesday Book (Stuart Edmunds, 40/1) noch niedergerungen. Gina Andrews zeigte auf dem Sieger gewaltige Finishkraft. Es ist schon stark, wie die Mädels hier reiten. Dritter wurde mit Premier Bond (Waley Cohen/Nicky Henderson, 9/1) eines der gemeinten Pferde.

Nun gut, es kann nicht immer gut laufen. Während der Autor seine Wunden leckte, befand sich der Fotograf im Grinsemodus. Gestern war er genau anders herum. Aber es gibt ja noch ein Morgen. Gold Cup Day.

© Fotos: turfstock.com, München

turfstock-banner-590px

Be Sociable, Share!

Comments are closed.


Die Leserkommentare an dieser Stelle geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sondern die unserer Leser. Die Redaktion behaelt sich vor, beleidigende, verleumderische, diskriminierende oder unwahre Passagen zu entfernen, Eintraege zu kuerzen und gegebenenfalls nicht zu veroeffentlichen.

Bottom