Top

Quevega hat das Sixpack

März 11, 2014 by  

20140311Cheltenham0108.JPGMichael Luxenburger – Wenn alles zu gut läuft, dann kann man es zwar einerseits genießen, aber andererseits beschleicht einen dann doch das Gefühl: Kommt da etwa noch das dicke Ende? Nun gut, das English Pound-Level nach dem ersten Renntag würde es ja zeigen. Bis die Pferde am Dienstag zum ersten Mal den Cheltenham Hill hinaufgepowert sind, war jedenfalls fast alles erstklassig.

Die Anreise
Zwar gab es vor der Fahrt zum Flughafen die üblichen Hiobsbotschaften aus dem Münchner S-Bahn-Lager – diesmal war zur Abwechslung ein Zug liegengeblieben – doch hielten sich die Verspätungen im Rahmen und wurden von einer sehr schicken Blondine an der Kasse des Duty Free-Shops mehr als ausgeglichen, denn die Mittvierzigerin hatte ihre Bluse in genau dem richtigen Maße nicht zugeknöpft, dass es zwar sehr anregend, aber nicht billig aussah. Das verriet große Klasse. Für unsere Passkontrolle hatte die Bundespolizei ihre hübscheste Kraft eingesetzt, und im Flieger durften wir in Reihe 11 am Notausgang Platz nehmen, wo man Beinfreiheit wie in der ersten Klasse genießt. Der Fotograf hatte sich bis dahin noch nicht ein einziges Mal peinlich angestellt, was zwar für die Geschichte nicht gut, aber für den geschmeidigen Beginn der Reise sehr förderlich war. Wir hoffen alle, dass er bald wieder der Alte wird. Seinem Verhandlungsgeschick hatten wir die Edelsitze zu verdanken, da er der Dame am Check In plausibel klar machen konnte, dass er soweit der englischen Sprache mächtig sei, um im Notfall die Passagiere mit dem richtigen Gebrauch des Notausgangs vertraut zu machen. Zu seinem Glück verlangte sie keine Sprechprobe.

Blick aus dem Flugzeug. © turfstock.comNun reisten wir also sozusagen als Kabinenhilfspersonal. Während der Autor die FAZ studierte (ein ausgezeichneter Artikel über das neue Buch „Hybris“ von Meinhard Miegel gefiel ihm besonders), versuchte sich der Fotograf als Autor. Allerdings beschlossen dann beide, dass es lieber beim Versuch bleiben sollte. Schließlich ist der Fotograf ja auch der deutlich bessere Fotograf als der Autor. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ ist hier das passende Sprichwort, und der Autor wirft jetzt nicht fünf Euronen ins Phrasenschwein. Die nächste positive Überraschung wartete dann beim Autovermieter, denn der bestellte Kleinwagen war nicht vorrätig, und so wurden wir um zwei Klassen upgegradet, ohne dafür mehr zu löhnen. Ein im Sonnenlicht glänzender Citroen C4 Picasso, eine Art Raumschiff, trug uns dann gen Glouchester, und der Fotograf, der dankenswerterweise traditionell die Chauffeurdienste erfüllt, spielte an den vielen elektronischen Überflüssigkeiten herum, als sei er im Disneyland.

Wir wohnen ja immer im Dark Barn, einer umgebauten Pferdestallung aus dem 18. Jahrhundert, das einen gewissen schrulligen Charme hat, der sich auch auf sein Personal überträgt. Stammleser dieses Blogs werden sich noch an den barkeependen 60-jährigen Snowboarder erinnern, der zugleich auch ein besonders miserabler Koch gewesen ist. Der war zwar auch noch da, allerdings hatte er zum Maurer umgeschult und war gerade dabei, eine Art Verlies zu konstruieren, wobei ihm der riesige Steinhase, der Chef des weitläufigen Gartens, neugierig zuschaute. Da wir ja von Natur aus Abenteurer sind und der neue Koch, gleichzeitig Concierge und Hausverwalter, dank seines marokkanischen Aussehens vielleicht etwas bessere Kochkünste versprach, entschieden wir uns todesmutig, im Dark Barn zu Abend zu essen.

Wir tranken uns zuvor in der untergehenden Sonne mit Cider und John Smith’s Mut an, denn die leidvollen Erfahrungen mit der Küche des Dark Barn aus dem vergangenen Jahr, als der Fotograf ein Lamm-Steak serviert bekam, das wahrscheinlich von einem überfahrenen Dachs stammte, waren noch nicht verarbeitet.

Nun gut. Glücklicherweise zeigte der Fotograf bei der Auswahl seines Hauptgerichts, dass er weiter in der Lage ist, die falsche Entscheidung zu treffen. Sein Steak war eine gut durchgebratene Schuhsole, begleitet von einem riesigen Pilz, den wahrscheinlich der Zauberer Merlin in der Tiefe der Cotswolds gefunden und mit einem reitenden Boten in die Küche des Dark Barn geliefert hatte. Die Fritten hatten nicht nur das Aussehen von ausgelutschten Zitronen-Achteln. Der Autor war von seiner Huhn-Kasserole in Weißwein mit Wintergemüse durchaus angetan, was auch für die Vorspeise galt: Shrimps-Spieße an Salatgarnitur. Da hatte sich der Fotograf geschickterweise angeschlossen. Allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Das Huhn war weich wie ein ehemaliger Lege-Sklave, der bereits für drei Suppen seine Karkasse bereitgestellt hatte.

Am Tag darauf hatte der Fotograf die unglückliche Idee, schon um halb acht loszufahren, um noch ein Paar Bilder vom Trackwork zuschießen. Dummerweise hatte er dabei vergessen, dass es auch in England Berufsverkehr gibt. Nach 90 Minuten Staustehen kamen wir dann aber noch rechtzeitig an, um im Guinness Village ohne langes Anstehen zwei Pints zu genießen. Wir trafen Kollegen aus aller Welt, Derek Thompson von der BBC herzte den Autor, und die schottische Fotografin Louise fragte den Kollegen, wann er denn angekommen sei. „Ich bin im Mediazentrum“, antwortete er sicherheitshalber. Gut, dass ihn die Lufthansa-Check In-Dame nicht in Sachen Englisch examiniert hat, dachte sich der Autor. Da der Fotograf nach wie vor mit den Folgen der durchgebratenen Schuhsole zu kämpfen hatte, griffen wir sicherheitshalber noch zur traditionellen Medizin, um die Spätfolgen englischen Pub-Foods zu minimieren: einem Underberg.

20140311Cheltenham0011.JPGDas Spektakel beginnt
Aber dann: endlich Rennen. Mit dem berühmten Cheltenham Roar schickten die gut 60 000 Zuschauer im Prestbury Park die 18 Pferde im ersten Rennen des Cheltenham Festivals 2014 auf den Weg. Das Supreme Novices Hurdle gewinnt traditionell ein richtig gutes Pferd, und Vautour (Ruby Walsh/Willie Mullins, 7/2) tat das in atemberaubendem Stil. Start – Ziel, wie im Vorjahr mit Champagne Fever, drückte Walsh dem Rennen seinen Stempel auf. Nur konnte diesmal keiner folgen, als Vautour auf den letzten 400 Metern absprang. Der galoppierte wie eine Maschine. Gilgamboa (AP McCoy/Edna Bolger) brachte sich durch einen Fehler am vorletzten Sprung um alle Chancen, auch The Liquidator (Tom Scudamore/David Pipe) hielt lange mit, doch gegen den Sieger und die stark aufkommenden Josses Hill (Andrew Tinkler/Nicky Henderson, 14/1) und Vaniteux (Barry Geraghty/Nicky Henderson, 11/1) hatten beide keine Chance, als es um die Platzierungen zwei und drei hinter dem viel Eindruck machenden Sieger ging. „Wir wussten, dass er ein gutes Pferd ist, aber so eine Performance haben wir dann doch nicht erwartet“, sagte Mullins: „Das war eine fantastische Vorstellung. Er hat die anderen wie Maiden behandelt.“ Ruby Walsh hatte diese Leistung seinem Pferd nach den Trainingseindrücken nicht zugetraut. „Aber heute hat Vautour gezeigt, dass er ein höllisch gutes Pferd ist.“ Der mitfavorisierte Schlenderhaner Irving landete auf Platz neun. Doch sein Trainer Paul Nicholls, der an diesem Tag leer ausging, warnte davor, sein Pferd vorzeitig abzuschreiben: „“Er wurde nach hinten abgedrängt und kaum gut den Berg hinauf. Die sind vorne ein Höllentempo gegangen. Es wird schon noch einen anderen Tag geben.“„Ruby Ruby“-Rufe hallten durch die Winners Enclosure, als Walsh und Vautour zur Siegerehrung kamen.

Fast hätte es dieses Szenario nach der Arkle Chase ein weiteres Mal gegeben, doch machte dem Irischen Starjockey sein englischer Kollege Tom Scudamore einen Strich durch die Rechnung. Es hatte lange nach einem Sieg von Champagne Fever (Ruby Walsh/Willie Mullins, 11/4) ausgesehen, der immer vorne das Tempo diktierte. Grandouet (Barry Geraghty/Nicky Henderson) kam nie richtig mit, wogegen Trifolium (Bryan Cooper/Charles Byrnes, 11/4) immer vorne dabei war. Einen Moment sah es so aus, als könnte Valdez (Robert Thornton/Alan King, 9/1) alle außen überrennen, doch kam er nicht richtig weiter, als es auf die letzten 200 Meter ging. Ganz anders der Riesenaußenseiter Western Warhorse (Tom Scudamore/David Pipe, 33/1). Vor dem letzten Sprung noch Fünfter, drehte er mächtig auf und hatte auf der Ziellinie einen kurzen Kopf Vorsprung vor Champagne Fever. Trifolium hielt Platz drei vor dem gut gelaufenen Valdez. Der Trainer des Siegers, David Pipe, meinte nach dem Rennen: „ich bin überrascht, erleichtert, und sehr glücklich, einen Sieger zu haben. Sein Besitzer hatte mich überredet, das Pferd im Arkle starten zu lassen. Ich wollte mit ihm eigentlich in ein Handicap gehen.“ Jockey Tom Scudamore fügte an: „Ich kann es nicht glauben. Ich dachte mir, die sind verrückt, Western Warhorse in diesem Rennen laufen zu lassen. Ich konnte die Pace mitgehen, aber sein Springen hielt ihn im Rennen. Und dann hat mein Pferd den Berg richtig attackiert.“ Willie Mullins, Trainer von Champagne Fever, kündigte an, das Pferd künftig über weitere Distanzen zu starten: „Wir sind vom Resultat enttäuscht, aber nicht von seiner Vorstellung.“ Rock On Ruby machte früh Fehler, und Noel Fehily vollbrachte eine artistische Meisterleistung, um überhaupt im Sattel zu bleiben, die mit großem Beifall von den vollgepackten Tribünen quittiert wurde.

Ein ähnliches Kunststück gelang Nico De Boinville in der Baylis & Harding Handicap Steeplechase, als der Nachwuchsmann einen bösen Rumpler von Ma Filleule (Nicky Henderson, 33/1) aussitzen konnte und dafür mit Platz zwei hinter Holywell (Richie McLernon, Jonjo O’Neill, 10/1) belohnt wurde. Der Novice Chaser, der im vergangenen Jahr hier noch das Pertemps Hurdle als Außenseiter gewonnen hatte, kämpfte die Henderson-Stute knapp nieder. Dahinter holten sich der Oldie The Package (Tom Scudamore/David Pipe, 16/1) und Green Flag (Peter Buchanan/Lucinda Russell, 16/1) die Plätze. Die Favoriten Hadrian’s Approach und Alfie Sherrin enttäuschten. Vor allem ersterer hatte früh Probleme. Wie so oft scheinen die vorderen Pferde der RSA-Chase kaum gut genug zu sein, wenn es dann ein Jahr darauf in die guten Handicaps geht.

20140311Cheltenham0079.JPGDas Champion Hurdle hielt, was es versprach, wurde aber leider durch den bösen Sturz von Our Conor (Daniel Mullins/Dessie Hughes) überschattet. Der letztjährige Sieger des Triumph Hurdle musste noch auf der Bahn eingeschläfert werden, da er sich eine schwere Rückenverletzung zugezogen hatte. Die 65 000 Zuschauer sahen einen Glanzritt von Barry Geraghty, der den Schützling von Jessica Harrington (9/1) immer unter den ersten drei ganz innen hielt. Der blendend springende Milan-Sohn, zum ersten Mal mit einem Hood unterwegs, hatte sich dann nur noch mit My Tent Or Yours (AP McCoy/Nicky Henderson, 3/1) auseinanderzusetzen, nachdem der Favorit und Vorjahressieger Hurricane Fly auf dem abgetrockneten Boden außen nicht durchzog und noch von The New One (Sam Twiston-Davies/Nigel Twiston-Davies, 5/1) für Platz drei abgefangen wurde. Der wurde durch den Sturz von Our Conor stark behindert und musste dann einfach zu viel aufholen. Während Willie Mullins seine Enttäuschung über den vierten Platz von Hurricane Fly kaum verbergen konnte („Ich dachte, er wäre gut genug in Form, um zu gewinnen“), freute man sich riesig im Lager des Siegers. „Das ist ein großartiges kleines Pferd“, sagte Jockey Barry Geraghty über Jezki. Auch der Zweite ist toll gelaufen.“ JP MacManus, dem die beiden Erstplatzierten gehören, war glücklich: „Es bedeutet mir wahnsinnig viel, im Champion Hurdle den Sieger und den Zweiten zu haben. Für mich dreht sich Jahr für Jahr alles um dieses Rennen.“ Jetzki war übrigens der Tipp des Autors, wie Leser dieses Blogs sicher mitbekommen haben. Als Gegner hatte er My Tent Or Yours angesagt. Eine schöne Zweierwette, die bei ihm die Löcher aus den Rennen davor wieder füllte. Und noch mehr. Der Fotograf hatte bis zu diesem Zeitpunkt die Auszahlkasse noch nicht aufsuchen können.
Das änderte sich allerdings mangels Wette auch nach dem Mares Hurdle nicht, das die grandiose Quevega (Ruby Walsh/Willie Mullins, 8/11) nun schon zum sechsten Mal gewann. Großartig schlug sich des Autors Außenseiter-Tipp L‘ Unique (Robert Thornton/Alan King, 25/1), die lange um den Sieg mitmischte. Wie erwartet, lag ihr der gute Boden, womit sie die schlechten Vorleistungen in dieser Saison zurechtrückte. Sie musste sich außer Quevega nur Glen’s Melody (Paul Townend/Willie Mullins, 14/1) beugen.

In der Terry Biddlecombe National Hunt Steeple Chase über vier Meilen rechneten alle mit einem Zweikampf Shutthefrontdoor gegen Foxrock, doch ersterer machte zu viele Fehler, und der andere kam mit dem guten Boden nicht zurecht. Den Sieg holte sich Midnight Prayer (Mr. Joshua Newman/Alan King, 8/1) nach Kampf gegen den Mitfavoriten Shotgun Paddy (Mr. Derek O‘ Connor/Emma Lavelle, 7/2) und unseren Tipp Suntiep (Mr. P.W. Mullins/Willie Mullins, 9/1), der das ganze Rennen über auf dem letzten Platz zu sehen war und nach dem letzten Sprung aus unmöglicher Position einen derartigen Speed entwickelte, dass er fast noch gewonnen hätte.
Der Autor freute sich auch über Platz drei, da er seine beiden Außenseiter-Tipps Sieg/Platz aufeinander geschoben hatte, was eine sehr schöne dreistellige Summe ergab. Das zu Anfang befürchtete Blutbad blieb also aus. Der Fotograf hielt sich beim Wetten stark zurück. Sein Tag kommt noch. Wenn das magische Pferd namens Zarkandar läuft. Das ist am Donnerstag. Aber auch am Mittwoch haben wir hier ein großartiges Programm.

Die Tipps des Autors: Carlingford Laugh in der RSA Chase (10/1), Get Me Out Of Here im Coral Cup (25/1), Captain Conan (6/1) in der Queen Mother Chase und Black Hercules (7/1) im Champion Bumper.

Und das tippt der Fotograf: Cup Final im Neptun Hurdle, Carlingford Laugh in der RSA Chase, Del‘ Arca im Coral Cup und  Baily Green in der Queen Mother Chase.

© Fotos: turfstock.com, München

turfstock-banner-590px

Comments are closed.


Die Leserkommentare an dieser Stelle geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sondern die unserer Leser. Die Redaktion behaelt sich vor, beleidigende, verleumderische, diskriminierende oder unwahre Passagen zu entfernen, Eintraege zu kuerzen und gegebenenfalls nicht zu veroeffentlichen.

Bottom