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Nur Mut, das Produkt Rennsport stimmt

September 14, 2010 by  

Michael Luxenburger im Portrait. © turfstock.com/Baloghturfcast.net – Bei aller Euphorie über die erfolgreiche Große Woche in Iffezheim darf man nicht übersehen, dass sich die Strukturprobleme im deutschen Rennsport nicht durch ein erfolgreiches Meeting auf der Premium-Bahn in Luft auflösen. Der abgesagte Renntag am 19.09.2010 in Frankfurt (Anm. d. Redaktion -Quelle Renn-Verein Frankfurt/Main e.V.-: „… wegen nicht mehr gesicherter Finanzierung“.) zeigt, dass das finanzielle Fundament der Rennvereine, sieht man mal vom mit viel Grundbesitz gesegneten Münchener Rennverein ab, längst nicht mehr ausreichend ist. Iffezheim ist nur durch die Übernahme der Bahn durch ein grundsätzlich nach kommerziellen Gesichtspunkten wirtschaftendes Unternehmen auf die Erfolgsspur gekommen. Auch wenn diese Entwicklung aus der Not geboren wurde, ist sie doch richtungweisend für alle Rennbahnen in Deutschland.

Die Struktur eines gemeinnützigen Vereins ist für das Geschäft Pferderennnen schon lange nicht mehr geeignet. Genauso, wie man sich Rennpferde nicht mehr ausschließlich als Hobby hält, müssen auch auf den Bahnen längerfristige Unternehmensmodelle greifen, um einen Fortbestand der Rennbahnen zu sichern. Sie müssen wie eine Firma geführt werden, und das Produkt Rennsport ist zu behandeln wie eine Ware, die nach kommerziellen Gesichtspunkten zu vermarkten ist. Das fängt bei der Werbung an und hört bei den Eintrittspreisen noch lange nicht auf. Sicher kann man bei uns noch keine 80 Euro wie etwa in Cheltenham oder 60 Euro in Newbury beim Hennessy Gold Cup verlangen, doch ein sportliches Großereignis wie ein Gruppenrenntag sollte doch an der Kasse ebensoviel bringen als ein Fußballspiel der Zweiten Bundesliga, wo man schon mal 40 Euro für einen guten Platz ausgeben muss. Aber hier geht die Angst bei den Rennvereinen um: „Dann kommt doch keiner mehr und wettet“, ist das Argument. Dabei wird aber geflissentlich übersehen, dass diejenigen Rennbahnbesucher, denen beispielsweise 15 Euro Eintritt zu viel wären, sowieso kaum mehr wetten als fünf Euro pro Renntag. Wenn man den Umsatz von normalen Renntagen auf Bahnen wie München, Hannover oder Köln mit dem der Top-Veranstaltungen dort prozentual vergleicht, dann bringen 15 000 Leute zwar geringfügig mehr Wettumsatz, aber dieses Mehr steht in keinem Verhältnis zum Mehr an Rennbahnbesuchern. Außerdem sollte man mal daran denken, dass ein zu geringer Eintrittspreis die Erwartungshaltung an das Event herunterschraubt. Fünf Euro Eintritt – das kann ja nichts Tolles sein. Wenn dann noch, wie bei solchen Gelegenheiten vor nicht allzulanger Zeit in Dortmund und München geschehen, nach dem fünften Rennen die Bratwürste ausgegangen sind, dann spricht das ebenfalls für die These, dass Vereinsvorstände mit der Ausrichtung von Großveranstaltungen heutezutage schlichtweg überfordert sind.

In Iffezheim ist man auch durch Einführung einer härteren Türe den richtigen Weg gegangen. Wenn an einem durchschnittlichen Renntag von 500 Besuchern 100 mit Ehren- und sonstigen Freikarten auf der Bahn sind, dann stimmt das Verhältnis nicht mehr. Also ist es durchaus richtig, die Begleitperson eines Direktoriumsausweis-Inhabers zur Kasse zu bitten und nicht mehr alle 250 Mitglieder eines Galoppclubs umsonst auf die Bahn zu lassen. Es sind die kleinen Dinge, mit denen man anfangen muss. Sanieren beginnt erst mal bei den Basics. Zudem wird eine Veranstaltung, für die man weniger ausgeben muss als für einen Kinobesuch, nicht Ernst genommen. Mit verbilligten Familienkarten kann man ja weiter Anreize geben und einer gewissen sozialen Verantwortung nachkommen.

Zum Flair des Besonderen, ein ganz wichtiges Verkaufsargument gerade bei einem Genre wie dem Rennsport, hat übrigens auch die deutlich wahrnehmbare Corporate Identity beigetragen, mit der sich Baden Racing in der großen Woche präsentiert hat. Natürlich ist auch dort noch nachzubessern, aber man kann davon ausgehen, dass das auch schnell geschehen wird. Warum denn nicht, wie in England üblich, zwei oder drei Zuschauer-Bereiche einführen? Je besser die Sicht aufs Ziel, desto mehr kostet eben die Eintrittskarte. Das ist doch in anderen Sportstadien genauso. Auch spezielle Kassen für Wetter, die im jeweiligen Rennen mehr als 20 Euro anlegen wollen, würden viel bringen. Also: Nur Mut, das Produkt Rennsport stimmt und braucht sich hinsichtlich seiner Qualität hinter keinem anderen Sportereignis zu verstecken. Nur wird es nach wie vor, außer eben jetzt mit sehr guten Ansätzen in Iffezheim, viel zu schlecht verkauft.

Michael Luxenburger

© Foto: turfstock.com, München

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Comments

4 Responses to “Nur Mut, das Produkt Rennsport stimmt”
  1. j-weller sagt:

    da vergleicht man doch wieder äpfel mit birnen. dort ein zeitlich begrenztes „meeting“, hier normale renntage, wo ja schon ein listenrennen etwas besonderes ist. agl IV und sieglose bestimmen die karte. und dafür dann vip I bis vip III ? nur so kriegt man die bahnen leer. ausschließlich das unterbinden der internetwetten auf kosten der rv-totos kann die änderung bringen. aber das muß die politik mögen dürfen. in frankreich hats bisher gut geklappt …

  2. thomasd sagt:

    Das Thema Eintrittsgelder kann man schon differenziert betrachten. Zumal im Augenblick der Fussball von einer „Streikwelle“ erfasst wird, weil sich die Fan’s die hohen Eintrittsgelder für die Stehplätze nicht mehr gefallen lassen. Bremen, Dortmund, Wolfsburg und einige andere Fan-Clubs haben schon zum Boykott aufgerufen. Und da geben die Leute neben dem Eintrittsgeld nix mehr für Wetten aus, um den Verein zu finanzieren.

    Es gab mal einen Rennbahnangestellten, der die Meinung vertrat, wer Eintritt zahlt, ist selber Schuld….

    Der Eintritt ist eine legitime Einnahmequelle und es gibt keinen Grund, das „Produkt“ zu verschleduern. Trotzdem muss man die Rahmenbedingungen sehen, dass sich die Vereine in Deutschland zusätzlich über die Wetten finanzieren. Deshalb hinkt der Vergleich mit Englan in meinen Augen.

    Und was den freien Eintritt für Club-Mitglieder betrifft: Immer eine Frage, ob es auch Gegenleistung dafür gibt.

  3. Ekbert sagt:

    Die Eintrittspreise beim Pferderennen sind eine zuverlässige Einnahmequelle, auf die die Rennvereine nicht verzichten dürfen. Die Rennvereine tun sich so schon schwer Geld in die Kassen zu bekommen. Er gibt kaum einen kostendeckenden Rückfluß durch die Wetteinnahmen. Über die Bildrechte kommt auch kaum was in die Kasse. Ich sehe keinen Grund, dass der Rennverein vieles kostenfrei zur Verfügung stellen oder auf Eintrittsgelder verzichten soll. Ein Rennverein hat jeden Monat seine Rechnungen zu bezahlen.

    Mir gefällt die Idee von einem Eintrittspaket mit Wettgutschein, Programm und einem Getränk. Da haben alles etwas davon. Clubmitglieder können zu vergünstigten Konditionen auf die Rennbahn, dann bleibt immer noch was übrig zum Wetten.

  4. uk sagt:

    Die Engländer haben in Sachen Eintrittspreisen manchmal ziemlich „einen an der Waffel“. Selbst für Wald- und Wiesenrenntage sind 20 Pfund offensichtlich normal. Diese Preise wird es in Deutschland beim Galopprennen nie geben, was auch vernünftig ist. Freier Eintritt auch für Toprennen ist aber auch nicht die Lösung. Die Idee mit dem Eintrittspaket gefällt mir sehr gut.
    Im übrigen kann man in Turfdeutschland seit Jahrzehnten das selbe Lied singen: Es fehlt einfach an Marketing, die Rennvereine wissen doch oft gar nicht was sie wollen. Ich besuche seit über 20 Jahren Rennbahnen im Westen – eine Besucherbefragung habe ich in dieser Zeit noch nie erlebt. Oder dass es für Stammgäste besondere benefits gibt – nichts! Alles schon seit Jahren diskutiert, aber passiert ist nichts…

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