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Nur für Mullins lacht die Sonne nicht

März 15, 2017 by  

Michael Luxenburger – Was für ein großartiger Tag! Frühling in Cheltenham, die Rennbahn bei 18 Grad in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Und überhaupt nichts passiert, im Vorwege des Rennbahnbesuchs. Zum Leidwesen des Autors, der jetzt leider überhaupt nichts Lustiges über den Fotografen schreiben kann. Ein Sonnentag war es auch für die Bookies. Denn der zweite der drei Topfavos des Festivals, Douvan, ging sang- und klanglos unter. Hunderttausende von Siegschieben waren damit geplatzt.

Ein unfallfreies Frühstück, eine spaßige Morning Breakfast Line auf Facebook (Seite Turfcast.com), wie üblich gekochte Champignons auf dem Teller und der Toast nicht verbrannt: Da konnte William Shakespeare, dessen Büste wir uns auf den Tisch gestellt hatten, auch nicht maulen. Da wir gestern Abend so spät aus dem Media Center raus kamen, dass wir im Inn nichts mehr zu Essen schnappen konnten, gab es dann auf dem Zimmer Guinness aus der Dose mit Gemüsechips. Auch nicht schlecht. Diese Chips aus Rote Beete, Karotte und Petersilienwurzel sind sehr lecker und kosten in England nur ein Pfund. Aber, apropos Pfund: Wer glaubt, die hätten weniger Kalorien als Kartoffelchips, denn: ist ja nur Gemüse!!, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Und schließlich sind ja Kartoffeln auch Gemüse.
Deshalb sofort zum Spocht.

15.03.2017 - Cheltenham; Willoughby Court ridden by Davids Bass (yellow-black silks) wins the Neptune Investment Management Novices Hurdle (Registered As Baring Bingham Novices Hurdle) Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: Neon Wolf ridden by Noel Fehily (green-red silks). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

15.03.2017 – Cheltenham; Willoughby Court ridden by Davids Bass (yellow-black silks) wins the Neptune Investment Management Novices Hurdle (Registered As Baring Bingham Novices Hurdle) Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: Neon Wolf ridden by Noel Fehily (green-red silks). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Der begann gleich mit einem echten Kracher. Denn wie sich der vom Start weg führende Willoughby Court (David Bass/Ben Pauling, 14/1) im Neptune Novices Hurdle in einer mitreißenden Kampfpartie schließlich mit einem Kopf gegen den Favoriten Neon Wolf (Noel Fehily/Harry Fry, 2/1) durchsetzte, das war schon ein grandioser Einstieg in den Ladies Day im Prestbury Park. Allerdings profitierte der Sieger auch von einem Fehler des Favoriten am letzten Hindernis. Doch das soll die Leistung des Pauling-Schützlings nicht schmälern. Dreieinhalb Längen dahinter holte sich Messire Des Obeaux (Daryl Jakob/Alan King, 8/1) Platz drei. Bis er am viertletzten Hindernis zu Fall kam, schien Consul De Thaix noch Chancen zu haben, wogegen es frühzeitig im Rennen abzusehen war, dass Willie Mullins auch in diesem Rennen keinen Sieger haben würde. Ruby Walsh musste sich auf dem zweiten Favoriten Bacardys schon bald rühren, doch der ging keinen Meter und wurde angehalten. Der Tipp des Autors, Brelade, kam noch in guter Haltung zum letzten Hindernis, doch dann konnte er nicht zulegen und landete auf Platz sechs. Acht Rennen hintereinander beim Festival ohne Mullins-Sieger, da muss man in der Chronik schon weit zurückblättern.
„Alle Achtung vor dem Sieger, der konnte immer wieder zulegen“, sagte Neon Wulf’s Trainer Harry Fry. „Ich bin absolut mit dem Laufen meines Pferdes. Wir haben da ein ganz feines Pferd im Stall.“ Jockey David Bass, dessen Pferd Charbel gestern im Arkle an zweiter Stelle liegend am vorletzten Hindernis gefallen war, strahlte übers ganze Gesicht: „Gestern, das war eine gewaltige Enttäuschung für mich und Trainer Kim Bailey. Aber heute, das war einfach brillant. Alles lief nach Plan. Mein Pferd war extrem tapfer in der Geraden. Er ist ein Riesensteher. Ich denke, er hat eine große Zukunft als Chaser.“ Pauling meinte, alles sei genau nach Plan gelaufen: „Außer uns war kein Frontrunner am Start. Also sagte ich zu David: Bring ihn in einen guten Rhythmus und lass ihn einfach machen was er kann. Das war ein absolut außergewöhnlicher Ritt von David.“

15.03.2017 - Cheltenham; Impressions of the 2017 Cheltenham Festival - Day two at Cheltenham-Racecourse/Great Britain.: Photofinish in the RSA Novices' Chase (Grade 1) between Might Bite ridden by Nico de Boinville (No. 7) and Whisper ridden by Davy Russell. Might Bite ridden by Nico de Boinville (No. 7) winning the RSA Novices' Chase (Grade 1). Second place: Whisper ridden by Davy Russell. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

15.03.2017 – Cheltenham; Impressions of the 2017 Cheltenham Festival – Day two at Cheltenham-Racecourse/Great Britain.: Photofinish in the RSA Novices‘ Chase (Grade 1) between Might Bite ridden by Nico de Boinville (No. 7) and Whisper ridden by Davy Russell. Might Bite ridden by Nico de Boinville (No. 7) winning the RSA Novices‘ Chase (Grade 1). Second place: Whisper ridden by Davy Russell. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Ähnliches ist über das Finish in der folgenden RSA Novices Chase zu sagen. Der Autor hatte ja in der Morning Breakfast Line aus dem Mary Arden Inn in Stratford Upon Avon seine Bedenken hinsichtlich des Favoriten Might Bite (Nico De Boinville/Nicky Henderson, 7/2) geäußert. Schließlich ist das Pferd ein Sohn von Scorpion, und die sind oft etwas weich und nicht die größten Kämpfer. Vor dem letzten Bogen sprang er zwar auf etwa 15 Längen vom Feld weg, das er bis dahin zusammen mit Alpha Des Obeaux und Acapella Burgeois angeführt hatte. Als die beiden im Schlussbogen genug hatten, schien der Sieg des Henderson-Schützlings nur noch Formsache zu sein. Doch von weit hinten hatte sich unter einem exzellenten Ritt von Davy Russell der Stallgefährte Whisper (4/1) herangeschlichen, der mit zunehmender Renndauer immer besser ins Springen gekommen war. Den letzten Sprung nahm Might Bite noch mit etwa sieben Längen Vorsprung, jedoch krabbelte er eher drüber und schien schon sehr müde sein. Sein Reiter spürte die Gefahr, doch unter der rechts geführten Peitsche brach der Favorit krass nach rechts weg und durchmaß die ganze Bahn. Das nützte Russell für einen Angriff mit dem schnurgerade gebliebenen Whisper, doch er musste sich mit einer Nase geschlagen geben. Bellshill (Ruby Walsh/Willie Mullins, 5/1) wurde zehn Längen dahinter dritter. Wäre Might Bite nicht vom reiterlosen Marinero, der ganz außen neben ihm galoppierte, sozusagen an die Hand genommen worden, wäre er sicher komplett weggebrochen. Das sah auch sein Reiter so: „Wir kamen im perfekten Abstand an das Hindernis. Doch da sah Might Bite den Eingang zur Bahn und verlor die Konzentration. Er wollte dorthin, aber dann sah er das reiterlose Pferd und dachte wohl: Oh, wir sind ja noch im Rennen. Ohne dieses reiterlose Pferd hätten wir nicht gewonnen.“
„Als er hier in einem Novice Hurdle lief, hat er genau das Gleiche gemacht“, sagte Trainer Henderson. „Er hat ein riesiges Talent. Aber ihr ist ja noch ein Baby und hat wenig Erfahrung. Er steht vor einer großen Zukunft“, so Henderson weiter. Ein großes Lob gab es für Davy Russell, den Reiter von Whisper: „Er hat alles richtig gemacht. Er sollte das Pferd geruhsam auf die Beine kommen und dann ins Rennen kriechen lassen. Das war perfekt.“
Der Autor, der natürlich Whisper gewettet hatte, hatte sich dann an seinen Spruch in der Breakfast Morning Line erinnert: Nichts geht über Festival-Form. Und da kamen zwei Pferde im Coral Cup in Frage: Supersundae (Robbie Power/Jessica Harrington, 16/1) und Taquin Du Seuil (Aidan Coleman, Jonjo O’Neill, 12/1). Und genau in dieser Reihenfolge liefen sie in diesem 25-Pferde-Rennen ein. Da der Sieger 270:10 am Toto zahlte und man beim Festival in den Handicaps immer besser dort wettet, weil die Quoten deutlich höher als bei den Buchmachern sind, ergab das für den Autor, der auch noch die Zweierwette hatte, einen höchst erfreulichen Gewinn. Mit Who Dares Wins (Wayne Hutchinson/Alan King, 33/1) und Monksland (Donagh Myler/Noel Meade, 66/1) landeten zwei weitere Außenseiter auf den Plätzen drei und vier. „Ich wusste, dass er auf gutem Boden ein. Ganz anderes Pferd ist“, kommentierte Jessica Harrington die Leistungssteigerung ihres Supasundae. „Robbie Power gab ihm einen großartigen Ritt. Er war immer dort im Feld, wo er sein wollte. Immer die Führenden im Blick und genug Platz.“

15.03.2017 - Cheltenham; Winners presentation with Noel Fehily after winning the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1 with Special Tiara at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

15.03.2017 – Cheltenham; Winners presentation with Noel Fehily after winning the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1 with Special Tiara at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Und dann folgte eine Götterdämmerung. Denn wie einige Mullins-Startern zuvor hatte der Riesenfavorit Douvan (Ruby Walsh/Willie Mullins, 2/9) eines der drei „sicheren Dinger“ des Festivals, schon eingangs der Geraden in der Queen Mother Champion Chase nichts mehr zuzusetzen. Auffallend war zuvor, wie schlecht er sprang. „Das hat er niemals zuvor gemacht. Ich könnte mir vorstellen, dass er irgend ein physisches Problem hat. Vielleicht hat er einen Muskel oder ein Band gezerrt. Hoffentlich ist es nur das. Mein Job ist es nun, herauszufinden, was es ist, und wie lange es dauert, das wieder in Ordnung zu bringen.“ Jockey Ruby Walsh meinte: „Wir waren weit vor dem Ziel geschlagen, er sprang nicht gut. Er hat sich nicht gut angefühlt.“ Laut Walsh ging Douvan aber nicht lahm.
Des einen Leid ist wie so oft des anderen Freud. Noel Fehily legte einen inspirierten Ritt hin, und sein Special Tiara (Henry De Bromhead, 11/1), ein alter Bekannter in Cheltenham, konnte vorne immer zulegen und auch den Schlussangriff des starken Fox Norton (Aidan Coleman/Colin Tizzard, 7/1) abwehren. Ein Kopf Vorsprung war es im Ziel. Dritter wurde sechs Längen dahinter Sir Valentino (Paddy Brennan/Tom George, 33/1). „Das ist das Rennen, das ich schon immer mal gewinnen wollte“, sagte ein überglücklicher Fehily. Er habe sich gewundert, wo Douvan abgeblieben war: „Ich dachte, Ruby wurde mich verfolgen, doch mein Pferd fand einen tollen Rhythmus in der Gegenseite und sprang besser als jemals zuvor. Er ist ein wundervolles Pferd und hat diesen Erfolg verdient.“ Schließlich war der zehnjährige Special Tiara dreimal in der Champion Chase Zweiter gewesen.

15.03.2017 - Cheltenham; Cause Of Causes ridden by Jamie Codd wins the Glenfarclas Handicap Chase (A Cross Country Chase) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

15.03.2017 – Cheltenham; Cause Of Causes ridden by Jamie Codd wins the Glenfarclas Handicap Chase (A Cross Country Chase) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Die Glenfarcas Steeple Chase, ein Rennen über den Cross Country Kurs, wurde leichte Beute für das Klassepferd im Rennen, Cause Of Causes (Mr. James Codd/Gordon Elliott, 4/1). Dem hatte man im Januar sozusagen den Kurs gezeigt, was dem Autor aufgefallen war. 20/1 gab es damals auf den Sieg des Dynaformer-Sohns im Besitz von JP McManus. Und die Tatsache, dass sich der Kurs in den letzten drei Wochen vor dem Festival bis auf 4/1 verschlechterte, lässt vermuten, dass der Besitzer da auch ein paar Mark draufgelegt hat. Wie auch immer, als Codd etwa 200 Meter vor dem Ziel Ernst machte, war es um die Gegner schnell geschehen. Neun Längen legte er zwischen sich und den Trainingsgefährten Bless The Wings (Davy Russell, 10/1), Dritter wurde der Favorit Cantlow (AP Heskin, Edna Bolger, 9/4).
Während mit dem 33/1-Sieger im Fred Winter Juvenile Hurdle, Flying Tiger (Richard Johnson/Nick Williams, 33/1) kaum einer gerechnet hatte, kam der Ausgang des Finales nicht ganz unerwartet. Hier ging das Desaster für Willie Mullins ebenso weiter wie die Bonanza für Gordon Elliott. Denn mit unserem Tipp Fayonagh (James Codd, 7/1) gewann ein weiteres Pferd des irischen Trainers den Weatherbys Champion Bumper, das Flachrennen am Ende des Renntags. Fast vom letzten Platz kam die Kalanisi-Stute angerauscht und legte zwischen sich und den schon wie der Sieger aussehenden Debouchet (Daniel Mullins/Margaret Mullins, 10/1) noch knapp zwei Längen. Dritter wurde Claimantakinforgan (Nico De Boinville/Nicky Henderson, 22/1) und bestätigte die gute Festival-Form des Henderson-Stalls. Der hat jetzt drei Sieger, Elliott aber sogar schon fünf.
Jetzt fragen sich alle: Was ist mit den Mullins-Pferden los? Kein Sieger nach Tag zwei. Und kein Sieg für Ruby Walsh. Allerdings: Schon vor dem Festival lief es beim irischen Champion-Trainer nicht wie gewohnt. Und der zweite große Verlierer ist bisher der mehrmalige englische Championtrainer Paul Nicholls. Noch kein Pferd in der Platzierung – das ist ein echtes Desaster. Der Autor kann dagegen nach diesem zweiten Tag des Cheltenham Festivals nicht mehr klagen.

© Fotos: turfstock.com, München

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