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turfkopf – Wer darf da ernüchtern?

Oktober 21, 2010 by Hemke 

Hemke Label Wiener Walzer © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Aus Quadrath-Ichendorf meldete die Sportwelt in ihrer Ausgabe vom 15.10., dass der Schlenderhaner Derbysieger 2009 seine Saison beendet hat, um in der Gestütsdependance in Disternich bei Düren den Winter über aufzutanken und mit leichten Trainingseinheiten für die nächste Saison neu aufgebaut werden soll. Soweit entspricht der Meldungsstand dem, was zu erwarten war. Das begleitende Statement des Schlenderhaner Generalmanagers Gebhard Apelt verheißt allerdings für die kommende Saison nicht unbedingt Gutes: „ […] Die diesjährige Saison verlief sicherlich ernüchternd. […] Was wir wissen ist, dass Wiener Walzer keinen schweren Boden kann. Aber was die Distanz angeht, da müssen wir uns noch einmal so richtig Gedanken machen.“

Aha. Rekapitulieren wir einmal: Eigentlich hatte die Saison für Wiener Walzer am 2. Mai im Gr.1-Prix Ganay in Paris über 2100 m beginnen sollen. Das Engagement wurde wegen einer leichten Erkältung des Hengstes ausgelassen. Stattdessen begann Wiener Walzer drei Wochen später auf kaum optimalen 1850 m gegen eine übermächtige Goldikova und Khalid Abdullahs Byword, der zu diesem Zeitpunkt durch vorausgegangene Starts bereits einen erheblichen Konditionsvorteil hatte. Der dritte Platz wurde als respektable Leistung gewürdigt. Ebenso war die Form weitere dreieinhalb Wochen später, als er in den Prince of Wales´ Stakes im Rahmen des Royal Ascot-Meetings gegen Weltklassepferde wie Twice Over und wieder Byword nicht weit zurück Fünfter wurde, aller Ehren wert.

Der erste Saisonsieg schien dann im Rahmen des Hamburger Derbymeetings fällig, als er im von Düsseldorf an die Elbe verlegten Gr.1-Deutschland-Preis knapp Zweiter wurde. Wiener Walzers Titelverteidigung im Kölner Gr.1-Rheinlandpokal Mitte August fiel tiefem Boden zum Opfer. Warum die alternative Nennung zu den International Stakes im Rahmen des Ebor Meetings von York ausgelassen wurde, ist nicht bekannt. Der Boden dort war jedenfalls gut. Der schwache sechste Platz im Gr.1-Großen Preis von Baden Anfang September erklärte sich über schlechte Blutwerte des Tieres, was auf eine leichte Infektion schließen lässt, so dass er zu diesem Start indisponiert war. Der Start im Pariser Gr.1-Prix de l´Arc de Triomphe gegen die europäische Steherelite erfolgte auf weichem Geläuf, an sich wäre es also konsequent gewesen, ihn hier erst gar nicht antreten zu lassen. In den Prognosen der französischen Galoppsportzeitschrift Paris Turf vor dem Rennen wurde Wiener Walzer genau deswegen schon vor vornherein abgeschrieben. Das Resultat fiel mit Platz zwölf bei 19 Startern erwartungsgemäß aus, warum Gebhart Apelt der Sportwelt in den Notizblock diktiert „eine gute Platzierung im Mitteltreffen wäre schon möglich gewesen“, bleibt sein Geheimnis. Was ist Platz zwölf anderes?

Jedoch liegt der Eindruck nahe, dass einige der Einsätze von Wiener Walzer nicht zu Bedingungen erfolgten, die er für optimale Leistungen benötigt. Der späte Pariser Saisonstart des Tieres über 1850 m erfolgte auf allzu kurzer Distanz und auch das Rennen in Royal Ascot über 2012 m erfolgte auf einer Distanz, die nach Bekunden seines ständigen Jockeys Adrie de Vries zumindest das untere Minimum dessen ist, was für den Hengst gut ist. Der Plan für einen Start im Monat August, als sich der Hengst in Hochform befunden haben dürfte und er im vergangenen Jahr seinen zweiten Gr.1-Titel in Köln einheimste, wurde anscheinend ohne Not dran gegeben.

Warum ein Crack wie Wiener Walzer anscheinend nicht – wie es in englischen Topställen üblich ist – vor jedem Start einer Blutuntersuchung unterzogen wird, sondern schlechte Blutwerte und damit ein Infekt erst nach einem enttäuschenden Einsatz auf Baden-Badener Toplevel festgestellt wird, sei dahingestellt. Der Pariser Start auf viel zu weichem Geläuf Anfang Oktober bleibt ohnehin das Geheimnis der Schlenderhaner Renndisposition. Eine erfolgreiche Bilanz sieht in der Tat anders aus. Ist die Frage, ob nicht eher Wiener Walzer Grund hätte, über sein Management ernüchtert zu sein.

Wiener Walzer ist nach allem Bekunden aus seinem Umfeld ein ruhiger und unkomplizierter Zeitgenosse. Warum also setzt man ihn nicht einfach auf Distanzen zwischen 2100 und 2400 m auf abgetrocknetem Geläuf ein und vielleicht auch zu Saisonbeginn in einem Gr. 2 oder Gr.3-Rennen, um mit einem Sieg zu starten. Zudem erscheint es ratsam, ihn nicht unbedingt auf Linkskursen wie Baden-Baden einzusetzen und man sollte berücksichtigen, dass er entsprechend seiner Formen aus den letzten beiden Jahren seinen Höhepunkt zwischen Juni und August erreichen dürfte. Dementsprechend sollte der Saisonstart auch nicht zu spät liegen, damit die Kondition im Juni stimmt. Ach ja und eine kleine Blutuntersuchung vor jedem Rennen könnte auch nicht schaden. Wenn man sich daran hält, braucht man mit dem Derbysieger 2009 nicht „neu“ anzufangen. Dann wird Wiener Walzer – sofern er gesund bleibt – auch so wieder zurück auf die Siegerstrasse finden – auf Toplevel. Großes Turfkopfehrenwort!

© Foto: turfstock.com, München

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