turfkopf – Warum Kieren Fallon nicht im Derby reiten durfte
Juni 9, 2011 by Hemke
Rolf C. Hemke – Das Epsom Derby 2011 ist Geschichte. Aber es spinnen sich jedes Jahr so viele wunderbare Geschichten rund um dieses sagenhafte Ereignis, dass man immer nur Bruchteile davon erzählen kann. Für einen echten Aufreger oder auch Lacher sorgte in diesem Jahr mal wieder die unschuldigste aller Skandalnudeln, der sechsfache englische Championjockey und dreifache Derby-Siegreiter Kieren Fallon. Mit seinen 46 Lenzen ist der Ire nun wahrlich nicht mehr der jüngste im Geschäft, aber niemand trifft die Fettnäpfchen so zielgenau wie er – das macht die Jahrzehnte lange Erfahrung. Seine kleine Wikipedia-Biographie liest sich eher wie das Vorstrafenregister eines unbeholfenen Kleinganoven denn die eines Jockeychampions.
Zwischen 2004 und 2007 lief gegen ihn ein Verfahren wegen illegaler Rennabsprachen mit dem Ziel des Wettbetrugs und der Geldwäsche. Dementsprechend war seine englische Jockeylizenz zwischen Juli 2006 und Dezember 2007 ausgesetzt. Ebenfalls im Juli 2006 wurde er in Chantilly positiv auf eine verbotene Dopingsubstanz getestet und von Ende 2006 an für ein halbes Jahr gesperrt. Am 7. Dezember 2007 wurde er zusammen mit seinen Mitangeklagten vom Vorwurf des Wetttbetrugs freigesprochen, dafür wurde just einen Tag später ein neuer positiver Dopingtest aus Deauville bekannt, was ihm eine 18-monatige Sperre einbrachte. Am 4. September 2009 gab er sein Comeback in Lingfield.
Ruhig geworden ist es um Fallon deshalb nicht. Dafür sorgt schon seine – vorsichtig gesagt – etwas eigenwillige Berufsauffassung. Während er in großen Rennen schon oft genug mit atemberaubenden Ritten sein Können unter Beweis gestellt hat und allemal mit einem Frankie Dettori oder Johnny Murtagh in einem Atemzug genannt werden muss, so lässt sein Einsatz bei kleineren Rennen gerne mal zu wünschen übrig. Davon konnte sich etwa noch beim Dubai Racing Carnival 2010 der damalige Kölner Neutrainer Manfred Hofer bei einem Ritt Fallons auf dem von ihm trainierten Ex-Schlenderhaner Titurel überzeugen. Normalerweise reagieren Trainer – so damals auch Hofer – in Anbetracht solcher Leistungen mit einem Jockeywechsel und buchen Fallon für das nächste Rennen nicht mehr. Es ist aber auch schon verschiedentlich vorgekommen, dass sich Fallon in solchen Fällen körperlicher Übergriffe erboster Eigentümer erwehren musste.
Der türkische Unternehmer Ibrahim Araci, Eigentümer des nicht uninteressanten Derby-Pferdes Native Khan, focht sein Sträusschen mit Herrn Fallon etwas wirkungsvoller und nachhaltiger aus. Und dies an einem Ort, an dem Kieren Fallon ohnehin kein Unbekannter ist: Vor Gericht. Stein des Anstoßes war die langfristige gegebene und fünf Tage vor dem Rennen wieder zurückgezogene Zusage, Native Khan, wie schon verschiedentlich zuvor, auch im Derby zu reiten. Fallon hatte sich mit dieser Zusage langfristig seinen Derbyritt sichern wollen. Doch als ihn in der Woche vor dem Derby sein alter Arbeitgeber Aidan O´Brien anrief und ihm anbot, seinen Derbymitfavoriten Recital zu reiten, konnte er nicht widerstehen, und sagte Ballydoyle zu.
Während Araci nun wegen vorsätzlicher Vertragsaufsage vor ein Londoner Gericht ging und von einem “willkürlichen und zynischen Vertragsbruch” sprach, berief sich Fallon auf ein “unschuldiges Mißverständnis”. Mit dieser augenklimpernden Kleinmädchenentschuldigung wäre er im kuscheligen englischen Galoppsport vermutlich auch ungeschoren durchgekommen, doch sein szenefremder, türkischer Gegner hatte anderes im Sinn. Er verklagte Fallon im Wege einer einstweiligen Verfügung mit dem Ziel, ihm jedweden Derbyritt zu untersagen. Ein nach Einschätzung der Racing Post selbst im schillernden englischen Galoppsport einmaliger Fall.
Fallon verbrachte also den gesamten Donnerstag vor dem Derbymeeting vor Gericht und konnte den High Court mit seinem Unschuldsblick überzeugen. Die einstweilige Verfügung wurde abgewiesen. Doch ach, schade, schade, leider wurde eine Berufung vor dem Court of Appeal zugelassen. Und der verkündete am Samstagmorgen, 9 Uhr, also gut sechs Stunden vor dem Derbystart, das Verbot der Teilnahme von Kieren Fallon am Derby. Sein irischer Landsmann Pat Smullen übernahm kurzfristig den Ritt und wurde mit Recital Sechster. Native Khan, ebenfalls von einem Iren, dem großartigen Johnny Murtagh, geritten, wurde Fünfter. Platzgelder verdienten beide Eigentümer. Können Sie mir gerade nochmal weiterhelfen: Wer war jetzt der Dumme in der Geschichte?
© Foto: turfstock.com, München






