Top

turfkopf – Immer auf dem Teppich bleiben

September 8, 2010 by Hemke 

Hemke Label Bodenhaftung © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Das war eine glanzvolle Große Woche. Keine Frage. Allein am ersten September-Sonntag mit dem „Großen Preis von Baden“ als Hauptrennen wurden in zehn Rennen 1,313 Millionen Euro umgesetzt, was eine Steigerung des Wettumsatzes von 13,3 % bedeutet. Rund 68.000 Zuschauer besuchten die Rennbahn, insgesamt wurden fast 4,9 Mio. Euro an den Wettkassen umgesetzt. Die Umsatzsteigerung auf die ganze Woche bezogen beträgt 20,1 %, obwohl vier Rennen weniger ausgetragen wurden. Die zahlreichen Supersonder-Dreierwetten, Jackpots und Viererwettenaktionen, Quick-Picks und was sich die Herrschaften von Baden-Racing nicht alles haben einfallen lassen, zogen den Zockern das Geld aus der Tasche. Prima. Ob das auf Dauer eine Methode ist, den deutschen Rennsport wieder attraktiver werden zu lassen, wird die Zeit zeigen. Immerhin wirkten die Maßnahmen kurzfristig. Man kann im Oktober einen bereits gestrichenen Renntag wieder aufleben lassen. Das sind positive Meldungen, die der deutsche Rennsport dringend braucht.

Auch die BBAG-Jährlingsauktion vermeldet prozentuale Steigerungen. Allein der Matratzenfabrikant Hans-Gerd Wernicke kaufte sieben Jährlinge für fast eine halbe Million Euro. Wenn da nicht demnächst noch ein Derbysieger aus seinem Stall Salzburg kommt. Dieses Jahr gelang zunächst ein weiterer Coup mit Night Magic. Die Rechnung mit dem nachnominierten Pacemaker Northern Glory ging prächtig auf. Im rechten Moment Mitte der Zielgeraden warf Night Magic ihren Turbo an und ließ die Hengste stehen. Als zweiter eindreiviertel Längen zurück raufte sich der Veteran Quijano ins Ziel. Bei der Reportage von Manfred Chapman hätte man fast den Eindruck bekommen können, dieser trage den alten Haudegen persönlich ins Ziel. War aber dann doch nicht so. Der Senior lief von ganz alleine auf den zweiten Platz. Acht Jahre und noch so fit. Eindreiviertel Längen vor dem letztjährigen Arc-Dritten Cavalryman. Vierter wurde dann, nur um eine Nase geschlagen, der Pacemaker Northern Glory, unbestritten ein prima Listenpferd, das, so machten es die Kommentatoren flugs aus, „das Rennen seines Lebens“ gelaufen sei. Aha. Hat er einen Gutteil seiner Nachnennungsgebühr wieder reingeholt. Ein treuer Bursche.

Aber mal die rosarote Brille bei Seite gelegt. Was war das eigentlich für ein seltsames Rennen? Sind Cavalryman und Wiener Walzer da überhaupt mitgelaufen? Frankie Dettori äußerte nach dem Rennen echtes Erstaunen über die Leistung seines Rittes: “Ich kann mir die Leistung von Cavalryman nicht erklären. Er ist nicht entsprechend seiner Fähigkeiten gelaufen und ich kenne keine offensichtlichen Gründe dafür.“ Der Akku sei leer gewesen, ließ Adrie de Vries demgegenüber lakonisch verlauten, nachdem Wiener Walzer in bester Haltung in die Zielgerade eingebog und dann quasi stehen blieb. Er kam als Sechster durchs Ziel mit einem Kopf hinter Allied Powers, der auf für ihn allzu abgetrocknetem Geläuf unterwegs war.

Der Sieg von Night Magic war ein überlegener und sicherlich hätten Cavalryman und Wiener Walzer auch in Normalform einige Probleme mit der Stute bekommen. Doch dieser Große Preis von Baden war mehr ein Rennen mit drei, allenfalls vier als mit sieben Pferden: Über Quijano gerechnet, den der Derbysieger 2009 im Juli in Hamburg knapp schlug, hätte Wiener Walzer mindestens um Platz zwei kämpfen müssen. Und wenn man die Leistung von Cavalryman aus den International Stakes von York aus Mitte August zu Grunde legt, wo er Vierter wurde hinter Topfpferden wie Rip van Winkle und Twice Over, derzeit vierter und siebter der aktuellen Weltrangliste, dann hätte er Night Magic kräftig auf den Zahn fühlen müssen. Ob man in den nächsten Tagen von den betroffenen Ställen Gründe für dieses bescheidene Abschneiden zu hören bekommt, bleibt abzuwarten. Immerhin lässt die formelle Bestätigung der Nennung von Wiener Walzer für den Prix de l´Arc de Triomphe einige Tage nach dem Badener Patzer aufhorchen. Allzu schwer scheint man in Schlenderhan das Badener Rennen nicht zu gewichten. Ein nüchterner Blick auf die Formen des Pferdes mahnt auch zu nichts anderem als Gelassenheit.

Wiener Walzer ging als frisches Pferd in das Rennen und der Boden war mit 4, 2 cm fest genug – auch für seinen Geschmack. Dennoch drängt sich der Vergleich mit der Badener Vorjahresleistung des Derbysiegers auf. Damals war er Vierter geworden und das enttäuschende Abschneiden war allgemein auf den weichen Boden (4,5 cm) zurückgeführt worden, auf dem Wiener Walzer bekanntlich nicht seine Bestleistung abrufen kann. Doch vielleicht spielte auch schon im letzten Jahr ein weiterer Faktor mit in die Leistung hinein: Denn aus Baden-Baden ist hinreichend bekannt, dass es gleich eine Reihe von Pferden gibt, die mit Linkskursen so ihre Probleme haben.

Schaut man sich die Bilanz von Wiener Walzer in dieser Saison an, hat er sich – abgesehen von dem Badener Patzer – bei allen vorher gehenden Rennen (jeweils auf Rechtskursen) trotz stark variierender Distanzen zwischen 1850 und 2400 m im Rahmen seines zu erwartenden Leistungsspektrums bewegt: Als reelles Gruppe 1-Pferd, das auch in internationalen Spitzenfeldern in die Platzierung laufen kann, aber natürlich Fortune braucht, um zu siegen. Und das hat in dieser Saison tatsächlich gefehlt. Aber welches Rennpferd, welcher Sportler wäre davon nicht abhängig? Selbst ein Superstar wie Aidan O´Briens Rip van Winkle kann auf gerade drei Gruppe 1-Erfolge in seiner Karriere zurückblicken. Da nimmt sich das Vorjahres-Doppel von Wiener Walzer auf der gleichen Ebene – wenn auch in Deutschland eingelaufen – so schlecht nicht aus.

Bei aller Freude also über die nach ihrem unglücklichen zweiten Platz aus dem Dallmayr-Preis nun wieder glänzend aufgelegte Night Magic: Die 37 %-Leser, die in der aktuellen Galopp-Online-Umfrage meinen, Night Magic müsse jetzt im Prix de l´Arc de Triomphe starten, überschätzen den Badener Sieg. Da ist es mehr als erfreulich, wenn Trainer Wolfgang Figge bei aller Euphorie Bodenhaftung bewahrt und für Night Magic als nächstes den Preis von Europa mit seiner Stute anvisiert. In diesem Rennen wird sie beste Chancen auf ihren dritten Gruppe eins Sieg haben. Und wenn das Gestüt Schlenderhan jetzt nicht vor lauter Schreck Wiener Walzer doch noch in die Winterpause steckt, könnte es in diesem Rennen zu einem neuerlichen Aufeinandertreffen der Diana-Siegerin und des Derbysiegers 2009 kommen… und dann werden die Karten neu gemischt!

© Foto: turfstock.com, München

turfstock-banner-590px

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • MisterWong
  • Twitter
  • del.icio.us
  • LinkedIn
  • Technorati
  • LinkArena
  • MySpace
  • Yigg
  • Digg
  • Blogosphere News
  • StumbleUpon

Diskutieren Sie mit.

Ihre Meinung ist gefragt ...
wenn Sie wollen mit Avatar!


Die Leserkommentare an dieser Stelle geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sondern die unserer Leser. Die Redaktion behaelt sich vor, beleidigende, verleumderische, diskriminierende oder unwahre Passagen zu entfernen, Eintraege zu kuerzen und gegebenenfalls nicht zu veroeffentlichen.

Bottom