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Sam hat’s nochmal gemacht

März 18, 2011 by Luxenburger 

Sam Waley-Cohen und Long Run gewinnen den Gold Cup. © turfstock.comMichael Luxenburger – Ich gehe ja schon ein paar Jahre zum Pferderennen, aber es gibt immer wieder was Neues. Der vierte Tag des Cheltenham Festivals, Gold Cup Day, bescherte mir die höchste Platzquote meiner Wettkarriere. Und Long Run, der mit Abstand beste Staying Chaser, holte sich den begehrten Pott – geritten von einem Amateur. Es war der beste Gold Cup, den ich je gesehen habe. Und das sind eine Menge gewesen.

Wer Zarkandar; (Paul Nicholls/Daryll Jakob, 13/2), den Halbbruder der mehrfachen Gruppensiegerin Zarkava, bei seinem leichten Debut-Sieg in Newbury gesehen hatte, hatte ihn ganz oben bei den Favoriten für das Triumph Hurdle, Prüfung für vierjährige Novices, angesiedelt. Und der Azamour-Sohn enttäuschte seine Anhänger nicht. Nach einem Rennen im vorderen Viertel des Feldes macht Daryll Jakob, der in guter Form reitet, Mitte der Geraden Ernst, und sein Pferd schüttelte den Berg hinauf locker die irische Stute Unaccompanied (Dermot Weld/Paul Townend, 11/2) ab, die ihrerseits keine Promleme hatte, Grandouet auf Distanz zu halten. Ein absolut formgemäßer Einlauf also, den der Favorit Sam Winner auf Rang vier komplettierte. Der war mitten im Rennen plötzlich aus der Spitzengruppe auf den vorletzten Platz zurückgefallen, nachdem er Ruby Walsh zweimal vom Gebiss gegangen war. Paul Nicholls nannte den Sieger nach dem Rennen “unseren kleinen Hurricane Fly”. Und er fügte an: “Im Sommer kann er sich noch weiter formieren, es ist noch gar nicht abzusehen, was dieses Pferd noch alles leisten kann.” Jockey Daryl Jakob war überglücklich über seinen ersten Festival-Sieger: “Ich hatte ein Traumrennen. Und mein Pferd hat ein richtig schönes Finish hingelegt.”

Der Coral Cup war das übliche Rätselraten, zumal die Iren einige nicht erfasste und dunkel gehaltene Kandidaten an den Start brachten. Das Rennen brachte dann das heißeste Finsih des Meetings, in dem Ruby Walsh und A.P. McCoy nach dem letzten Sprung bis zur Linie kämpften, bis eine Nase zu Gunsten von Ruby mit Final Approach (Willie Mullins, 10/1) gegen A.P. mit dem gegambelten Get Me Out Of Here (Jonjo O’Neill entschied. Totes Rennen wäre aber die gerechtere Wahl gewesen. Nearby (Philip Hobbs/Chris Davies, 66/1) kämpfte sich auch Platz drei. Den hatte ich 20 Pfund Platz gespielt, da er auf fester Bahn dreimal gewonnen hatte, bis er dann zweimal im Sumpf steckenblieb. Am Toto zahlte er auf Sieg weit über 1000/10 und auf Platz 303/10! Das war die höchste Platzquote, die ich jemals getroffen hatte.

Das Albert Bartlett Hurdle, ein Novices-Rennen für die Steher, holte sich in großem Stil Bob’s Worth (Nicky Henderson/Barry Geraghty, 15/8). Der klare Favorit canterte schon eingangs der Geraden locker auf und ließ dann dem Stallgefährten Mossley (A.P. McCoy, 12/1) , der sich länger als erwartet tapfer gewehrt hatte, sicher hinter sich. Court In Motion (Emma Lavelle/Jack Doyle, 16/1) komplettierte den Einlauf.

In der Morning Line, der immer super gemachten Vorschausendung von Channel 4, hatten die altgedienten Rennsportjournalisten McGrath und Ted Walsh den jungen Amateurreiter Sam Waley-Cohen ordentlich maßgenommen. Nach dem Motto: Dein Pferd ist zwar gut, aber was will denn so ein windiger Freizeitreiter im Rennen der Rennen. Wenn sie am 26. Dezember vergangenen Jahres genau hingesehen hätten, wäre ihnen nicht entgangen, dass der junge Mann den im Familienbesitz befindlichen Long Run (7/2) schon beim Sieg in der King George Chase in jeder Hinsicht ausgezeichnet geritten hatte. Lediglich John Francome , ehemaliger Championjockey, stimmte nicht in das Kreuzverhör ein. Der Mann hat eben Ahnung. Waley-Cohen servierte seinem Pferd, das unterwegs einige Fehler machte, im Gold Cup einen optimalen Rennverlauf und ließ sich auch nicht von Ruby Walsh linken, der mit Kauto Star (Paul Nicholls, 5/1) sein Heil in der Flucht suchte, als die lange das Tempo machenden China Rock (kam leider nicht heil aus dem Rennen) und der Vorjahressieger Imperial Commander müde wurden. Der großartige alte Kämpfer Denman (Paul Nicholls, 8/1), von Sam Thomas mit viel Ruhe und Vertrauen immer als fünftes Pferd gehalten, sah einen Moment gefährlich aus, aber dann löste sich Long Run unter dem Jubel der 70 000 auf der Bahn noch überlegen von seinem einzigen noch verbliebenen Gegner. Kauto Star hielt dahinter um eine Nase vor What A Friend den dritten Platz. Midnight Chase hatte in keiner Phase des Rennens auch nur den Hauch einer Siegchance, zog sich aber mit Platz 5 vor Tidal Bay gut aus der Affäre. Er ist eben nur ein Handicapper, wenn auch ein guter. Erfahrungsgemäß reicht das in der besten Klasse nicht.

33 Jahre hatte Trainer Nicky Henderson auf einen Sieg im Tote Gold Cup warten müssen. Und Sam Waley-Cohen war nach 1981, als Jim Wilson dieses Rennen gewann, der erste Amateur, dem dieses Kunststück gelang. Long Run war der erste Sechsjährige seit Mill House 1963, der im Rennen der Rennen triumphierte. Der Trainer sagte nach dem Rennen: “Ich dachte, Long Run würde vielleicht Probleme bekommen, sich zu lösen. Doch als es ihm gelungen war, wusste ich, dass wir gewinnen würden. Dieses Pferd kann stehen ohne Ende. Und Sam hat ihm einen großartigen Ritt gegeben.” Der 28-jährige Reiter bezeichnete das Rennen als “tollstes Erlebnis, das ich jemals hatte. Als ich die Gerade herauf und in den Jubel der Masse kam, da hatte ich das Gefühl, in das Maul eines Löwen zu reiten.”

Im Gold Cup der Amateure setzte sich die Seuche des lokalen Trainers Nigel Twiston-Davies fort. Baby Run, als Banker des Meetings angesehen und Vorjahressieger, warf am vorletzten Hindernis seinen jungen Reiter ab, als er einen kräftigen Rumpler machte. Dem 16-jährigen Trainersohn, der Baby Run ritt, war das wohl alles zu viel. Nachher war er in Tränen aufgelöst. Jetzt war der Weg frei für Zemsky , von Ian Ferguson in Nordirland trainiert und von Derek O’Connor sauber geritten. Er hatte keine Probleme, den 110/1-Außenseiter Mid Div And Creep und den von Pricewise, dem exzellenten Tipping Service der Racing Post, empfohlenen Oskar Delta (20/1) in Schranken zu halten. Mit dem Ausfall von Baby Run dürfte gut die Hälfte der Placepot-Tickets geplatzt sein. Meines glücklicherweise nicht. Er zahlte über 4000 Pfund für ein Pfund Grundeinsatz, was auch noch schönes Geld brachte, wenn man ihn wie ich für 20 Pence getroffen hatte.

Ein knallhartes Rennen mit extremem Tempo war dann das Martin Pipe Conditional Jockeys Race, ein Hürden-Handicap über zwei Meilen viereinhalb Furlongs. Emmet Mullins zeigte auf dem Favoriten Sir des Camps (9/2) eiskalte Nerven, als er ihn vom Ende des Feldes Mitte der Geraden nach vorne brachte, als den vorderen Pferden das Benzin ausging. Dahinter landeten mit Son Of Flicka (28/1), First Point (20/1) und Indian Daudaie (25/1) drei Außenseiter. Mehr als 26 000:10 gab es am Toto für die Zweierwette.

Ebenfalls in halsbrecherischem Tempo wurde das abschließende Rennen gelaufen, die Grand Annual Chase. Mit dem Sieg von Oiseau de Nuit hatte kaum einer gerechnet, was sich in der Quote von 40/1 widerspiegelte. Auch hier landeten mit Askthemaster (50/1) und Leo’s Lucky Star (20/1) weitere Aussenseiter. Die Zweierwette zahlte am Toto über 62 000:10!

Ja, es war wieder ein unglaublich spannendes, buntes, wildes, Guinness-getränktes und hochklassiges Festival. Cheltenham, das sind eben die Olympischen Spiele des Hindernissports. Über 250 000 Besucher an den vier Tagen, und das bei Entrittspreisen zwischen 30 und 80 Euro, Wettumsätze jeden Tag hoch im zweistelligen Millionenbereich. Nur die Fish&Chips sind hier von eher bescheidener Qualität. Trotzdem: Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.

© Foto: turfstock.com, München

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