Ein Pferd für das Grand National
April 4, 2011 by Luxenburger
Michael Luxenburger – Er hat schon länger davon geträumt. Einmal beim Grand National dabei zu sein. Einfach nur hinfliegen und zuschauen? Zu banal für einen Mann wie Silvio Staub (Foto).
Also hat er sich ein Pferd gekauft, das gut genug ist, beim Grand National in Aintree, dem Rennen der Rennen im englischen National Hunt-Kalender, eine Rolle zu spielen. Das Grand National Meeting in Liverpool/Aintree beginnt am Donnerstag, 7. April, und dauert bis Samstag. Das Racing-Web-TV Equi8 überträgt alle Rennen, am Samstag gibt’s eine moderierte Sendung rund um das Grand National.
Der 35-jährige Staub ist ein schillernder Typ. Der jüngste König des Engadin, den dieser geschichtsträchtige Wettbewerb in St. Moritz je hervorgebracht hat. Silvio Staub, gelernter Ofenbauer und Inhaber eines alt eingesessenen Handwerksbetriebs in diesem Metier, hat diese Gesamtwertung des weltexklusiven Skijöring beim White Turf im Jahr 1998 gewonnen. Der Draufgänger hat sich mittlerweile aus dem wilden Geschehen auf der Schneepiste zurückgezogen. Er ist Familienvater, und er ist als Nachfolger von Ruedi Fopp CEO der White Turf Racing Assiociation. In seinen Händen liegt die Verantwortung der Organisation des vielleicht stylischsten Rennsport-Events weltweit.
Zusammen mit seinem Freund Urs Degiacomi, ein lokaler Unternehmer, der auch in Staubs anderem Rennsportunternehmen, der Scuderia del Clan, aktiv ist, hat er den Stall Filsal Stadeg gegründet und auf Vermittlung des schweizer Agenten Andy Wyss den französischen Spitzensteepler Or Noir De Somoza erworben. “Andere bauen sich für das Geld ein kleines Häuschen”, sagt Staub, nach dem Preis des Pferdes befragt. Er muss im Rennen 11 stone 4 pound tragen, was natürlich eine Menge Holz ist. Staub hat das Pferd, das in Frankreich in Gruppe 3 und 2-Prüfungen kaum einmal aus dem Geld gewesen ist, zu David Pipe ins Training gegeben. In der letzten Märzwoche waren Urs und er drüben in England und haben sich angeschaut, wie Pipe das Pferd arbeitet. Staub ist begeistert von Pipe und seinen Leuten: “Das sind solche Profis, das kann man kaum beschreiben. Und dabei unheimlich herzlich und offen. Ich hatte schon Pferde in Frankreich und der Schweiz im Training. Aber sowas habe ich noch nicht erlebt. Sensationell.” Wyss hatte ihm schon den Grand Prix-Sieger Rolling Home besorgt, der in den Farben der Scuderia Del Clan jetzt in Frankreich Hürdenrennen bestreiten und auch ein riesiges Talent für die großen Sprünge sein soll.
Aber zurück zu Or Noir De Somoza. Der Neunjährige stand in den Vorwetten bei 50/1, und dann gab Pipe’s Stalljockey Tom Scudamore der englischen Fachzeitschrift The Racing Post ein Interview, in dem er den Frankreich-Import in Schweizer Besitz als “das vergessene Pferd” bezeichnete. Scudamore war schlicht begeistert: “Er springt fantastisch und geht ausgezeichnet in der Arbeit. Dieses Pferd wird viele im Grand National überraschen. Ich freue mich sehr auf den Ritt.” Er sieht den Neunjärigen als gute Chance, dieses legendäre Rennen am kommenden Samstag zum ersten Mal zu gewinnen. Sein Großvater hat das geschafft. Seinem Vater, dem mehrfachen Championjockey Peter Scudamore, ist dieses Kunststück nicht gelungen. Der Kurs für Somoza sank nach Scudamore’s Loblied kurzzeitig auf 25/1, am Montag war er wieder für 50/1 zu bekommen. “Scudamore reitet unser Pferd jeden Tag. Andere dürfen ihn nicht reiten”, erzählt Staub, der mit seinem Compagnon und Freunden am Donnerstag rüberfliegen will. “Mrs Pipe hat mir gesagt, ich müsste unbedingt schon am Freitag, dem Ladies Day, kommen”, sagt Staub, der sich total auf das Abenteuer Grand National freut: “Ich habe mir einen Traum erfüllt.” An diesem Freitag werden Staub und seine Freunde das Duell erleben, das im Champion Hurdle von Cheltenham nicht zustande kam: Binocular gegen Peddlers Cross. Sie treffen im Aintree Hurdle aufeinander. Hinter beiden stehen Fragezeichen. Peddlers Cross hatte bei seiner knappen Niederlage beim Festival gegen Hurricane Fly ein extrem hartes Rennen, und Binocular musste wegen einer Allergie mit dem Training aussetzen. Ich habe die Hoffnung, dass Celestial Halo ein Grade One gewinnen kann, noch nicht ganz aufgegeben. Die Distanz 2 Meilen 4 Furlongs passt genau. Tag eins des Meetings im einleitenden Liverpool Hurdle bringt das zweite Aufeinandertreffen des seit elf Rennen ungeschlagenen Staying Hurdler-Stars Big Bucks mit seinem zwei Jahre jüngeren Herausforderer Grands Crus. Ich glaube, Big Buck’s hat imm noch etwas im Tank und wird Sieg Nummer zwölf einfahren. In der Totesport Bowl Chase sollte mein anderer Held neben Bible Lord, der wundervolle Denman, endlich wieder einen Grade One-Sieg schaffen. “The Tank” hat ein absolut lösbares Rennen gefunden. Ich denke, dann wird endgültig die Entscheidung darüber gefallen sein, ob ich mein Bad zuhause in den Denman-Farben (denen vom Gold Cup-Sieg) kacheln lassen werde.
Natürlich ist Or Noir De Somoza, das Pferd in St. Moritzer Farben, im Grand National nur ein Außenseiter, wenn auch ein chancenreicher. Denn der Franzose besitzt die Grundschnelligkeit, die ein Pferd für dieses Rennen vor allem auf gutem Boden, den es eventuell am Samstag geben wird, braucht, auch wenn es über 4 Meilen 4 Furlongs führt und damit das längste Hindernisrennen Englands ist. Natürlich muss der neunjährige Wallach noch die Frage nach dem Stehvermögen beantworten. Der Kurs muss zweimal bewältigt werden, die Hindernisse sind mächtig. Viel Geld ist auf What A Friend (10/1) unterwegs, der mit Scheuklappen im Gold Cup in Cheltenham wie verwandelt lief. Mit Oscar Time (12/1) könnte Sam Waley-Cohen das Triple King George/Gold Cup/Grand National schaffen, womit er endgültig in den Geschichtsbüchern als erfolgreichster Amateurreiter aller Zeiten stehen würde. Big Fella Thanks (12/1) und Backstage (12/1) haben in den letzten Tagen viel Geld auf sich vereint, während The Midnight Club (7/1) schon länger als Favorit gehandelt wird. Profiwetter JP McManus hat sich schnell noch Bluesea Cracker (20/1) für das Grand National gekauft, der Oscar Time schon mal geschlagen hat. Silver By Nature (14/1) sollte man nicht unterschätzen, Becauseicouldntsee (28/1) steht ohne Ende, kann aber auch über zweieinhalb Meilen gewinnen und ist mein chancenreicher Außenseiter, aber ich entscheide mich für Oscar Time. Und ein bißchen Sieg/Platz habe ich natürlich auch auf Or Noir De Somoza gesetzt.
Foto: swiss-image/Andy Mettler





