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Mit dem Assi im Sollbruchstellen-Flieger nach Newbury

Dezember 1, 2014 by  

20141129newbury0001M. Luxenburger – Das Leben ist ein einziges Auf und Ab. Ich gebe zu, das ist jetzt ein Klischee, aber ich warne eindringlich davor, die Macht der scheinbaren Banalitäten zu unterschätzen. Es mag also dem einen oder anderen Leser banal vorkommen, dass der Tod eines Fish&Chips-Ladens den Autor zum Philosophieren über den Zustand der Welt gebracht hat. Doch diese Geschichte ist auch ein Lehrstück über den Untergang des Abendlands durch die Globalisierung.

lada_20141128Dabei hatte die Reise nach Newbury zum Hennessy Gold Cup Meeting ganz harmlos begonnen. Weder klagte der Fotograf (links, ohne Bart) über Unwohlsein wie zuletzt vor dem Trip nach Ascot, als ein Besuch in einem türkischen Lokal seine Eingeweide in Alarmzustand versetzt hatte. Noch gab es bei der Einfahrt ins Parkhaus am Münchner Flughafen irgendwelche Probleme. Der tiefblaue, schicke Lada-Jeep des Autors (rechts, mit Bart) flutschte schlangengleich auf einen Stellplatz gleich am Abflug-Gate, und trotz früher Morgenstunde checkten beide geschmeidig ein. Nach der traditionellen Parfümdusche im Duty Free (die Tester-Fläschen werden hier anders als in Heathrow nicht von argwöhnisch blickenden Angestellten bewacht) und dem Erwerb einer Zwölferpackung Underberg (im schicken Metallkästchen) bei einer extrem hübschen Kassenfrau, die den Fotograf entfernt an sein verehrtes Wegzeigemädchen in Hong Kong erinnerte, ging es auch schon in die Maschine der British Airways. Die war als solche aber nicht erkennbar, war sie doch als Ehtihad-Flieger verkleidet. Das Design erinnerte an ein Lehrflugzeug für Berufsschüler, denn es sah aus, als hätte man da 2000 Sollbruchstellen aufgemalt.

urbaneat_20141128Wie auch immer, der Flug war voll in Ordnung, zumindest, was die British Airways angeht. Sogar das Frühstück war durchaus genießbar, was ja nicht immer der Fall ist, seitdem das Unternehmen Urban Eat bei der BA für das Catering sorgt. Stammleser dieses Blogs werden sich an das Croissant auf dem Flug zum Ascot Champions Day erinnern, dessen Füllung vermutlich aus einer am Picadilly Circus überfahrenen Taube stammte, was von Urban Eat aber später heftigst dementiert wurde. Diesmal war eine Scheibe Schinken drin, begleitet von echtem Käse und einem Salatblatt. Da auch das Croissant nicht an mehrfach verwendetes Packpapier erinnerte, waren wir mit Urban Eat einigermaßen versöhnt. Zumal die servierende Stewardess ein Lächeln hatte, das mit seiner blitzenden 180-Grad-Zahnreihe die Grinsekatze aus Alice in Wonderland hätte ehrfurchtsvoll erstaunen lassen. Soweit alles gut.

Dummerweise klappte der sehr verspannt aussehende Typ auf dem Sitz vor dem Autor seine Rückenlehne mit derartiger Verve herunter, dass es jenem die Knie intensiv gegen die Brust drückte. Er quittierte das mit heftigem Druck ins Kreuz des Vordermanns, der wiederum mit heftigem Zappeln antwortete. Hätte der Autor doch Ritalin dabeigehabt. Das hätte er dem Rückenlehnenklapper mit Freuden zwangsweise eingeflöst. Es ist einfach asoziales Verhalten, auf Kurzstreckenflügen den Sitz zurückzuklappen. Da der unangenehme Kerl (er hatte auch gefärbte Haare) sowohl auf freundliche als auch auf unverschämte Kommentare nicht reagierte, musste der Autor das alles einfach ertragen.

Aber die Strafe folgte auf dem Fuß. In Heathrow bildete sich eine große Schlange am Labyrinth zur Passkontrolle, Autor und Fotograf waren im Vorderfeld dabei, da sie geschickt an den Innenrails Boden gut gemacht hatten. Der Rückenlehnen-Prolet hatte sich mit seiner affigen Prada-Aktentasche zur leeren Eingangskontrolle begeben, für die man einen Pass mit Chip und Gesichtserkennung benötigt. Ob er jetzt nicht den richtigen Ausweis hatte oder die Kamera sich einfach weigerte, dieses verkrampfte Gesicht zu erkennen – wir wissen es nicht. Jedenfalls sperrte sich das Gate beharrlich dagegen, den Kerl durchzulassen. Auch eine herbeigeeilte Flughafenfee konnte nicht helfen. Wir müssen zugeben, dass wir die Szene mit großem Vergnügen beobachtet haben. Mit hochrotem Kopf musste der Sitzlehnen-Rambo schließlich wieder zurück – und sich ganz hinten in der Schlange anstellen.
Wunderbar. Das Leben ist doch gerecht.

Normalerweise wäre ja längst die erste eigenartige Aktion des Fotografen fällig gewesen, aber er hat sich im Lauf der Jahre ja durchaus zu einem kompatiblen Individuum entwickelt. Er wäre aber nicht der Fotograf, wenn es nicht doch etwas Erwähnenswertes in dieser Hinsicht auch auf dieser Reise gegeben hätte. In Heathrow bestand er also darauf, als stolzer Besitzer einer Oyster Card für den London Transport mit dem von Railtrack betriebenen Bus nach Reading zu fahren. Den berechtigten Einwand des Autors, dass dieser Bus in keinster Weise zu London Transport gehöre und deswegen die Austernkarte nichts bringen würde, wischte er arrogant weg. Wir wetteten um die Guinness in Newbury, dass seine Oyster Card für die Reading-Fahrt genauso wenig bringen würde wie beim Kauf von Austern in einem Fish Monger. Als er sie der indischen Busticketschaltertante entgegen reckte, erntete er nur einen absolut verständnislosen Blick aus müden braunen Augen. Das war zu erwarten. Später, als er mit einer Zugschaffnerin um sein irrtümlich einkassiertes Zugticket weiter nach Newbury City kämpfte, zeigte er aber, dass sein bisher nur fürs Womanising taugendes Denglish auch solchen Verhandlungen standhält.

Ihr wartet jetzt sicher auf die Geschichte über den Untergang des Abendlands. Jetzt kommt sie. Der Autor war ja schon von seiner Freundin Cilla Osgood, Organisationschefin von Newbury Racecourse, vorgewarnt worden. Sie hatte ihn vorsichtig darüber informiert, dass es eine Änderung in Sachen Fish & Chips gegeben hätte. Der alte Laden, in dem zwei schwarzgelockte übergewichtige Italiener und eine heftig geschminkte, etwa 80-jährige englische Lady mit viel Herz und Können großartigen frischen Kabeljau in einen herrlich lockeren Teigmantel hüllten, um ihn dann sorgsam in einem heißen Palmenfett-See zu frittieren, sei leider geschlossen. In ihm (und der angrenzenden gemütlichen Bar) würde jetzt das Rennbahn-Sekretariat residieren. Man hätte aber einen Ersatz geschaffen. „Ich hoffe, der entspricht deinem Standard“, fügte sie etwas ängstlich hinzu.

fishuchips_20141128Das tat der neue Laden absolut nicht. Zwar hatte man die alte Totesport-Wettbude in einen durchaus akzeptables kleines Restaurant umgebaut, aber was darin serviert wurde, war nicht tragbar. Denn auch das Fish&Chips-Departement ist jetzt von einer dieser schrecklichen börsennotierten Übelfraß-Kette übernommen worden, deren Ziel es ist, ungenießbares Essen zu überhöhten Preisen rauszuhauen. Als Ausgleich für das miese Essen hat man die unterbezahlten Angestellten in relativ ordentliche Uniformen gesteckt, in denen sie wie Menschlein aus dem Lego-Land aussehen. Für schlappe 8.50 Pfund (11 Euro) bekommt man nun einen großen, immerhin kross frittierten Teigbatzen, in dem sich schamhaft ein mickriger Fisch versteckt, der in seiner langen Zeit als Tiefkühlopfer sämtlichen Geschmack verloren hat. Vermutlich ist das auch kein Kabeljau, sondern ein in extensiver Schnellzucht gequälter Pangasius, dem man sein Leid anschmeckt. Er lag auf geschmacklosen riesigen Fritten, die angeblich „handgeschnitten“ waren. Was immer das auch sein mag.

So hatte also das Hennessy Meeting etwas von seinem Zauber verloren. Glücklicherweise entdeckte der Autor eine nicht von erwähntem Lowfood-Unternehmen betriebene Bar, die köstlichen, frisch panierten und knackig frittierten Tintenfisch, serviert auf einem Ruccola-Bett, mit sehr guter Knoblauch-Mayonnaise im Angebot hatte. Das Ganze für fünf Pfund. Geht doch! Sie heißt „Squid & Pig“, was daher kommt, dass es auch gegrillte Chorizo, also scharfe spanische Schweinewurst gibt. Nun gut, dann werden wir eben künftig dort essen. Der Fish&Chips-Laden wird uns nicht mehr sehen. Damit die Aktionäre zufrieden sind, wird bei dieser weltweit agierenden Kette (die auf Englands Rennbahn immer häufiger auch geschmacksneutrale, labbrige Spanferkel-Semmeln und gräßliche Burger anbietet) an Qualität gespart. Soweit also der Exkurs in die Segnungen der Globalisierung. Die sicher auch dafür verantwortlich ist, dass der kleine Stand mit den beiden netten älteren Herren, die früher ein köstliches, mit Hingabe gerührtes Fisch-Curry, diverse Muscheln in Essig und Aal in Gelee zu freundlichen Preisen feilboten, ebenfalls ausradiert ist.

So, und jetzt endlich zum Spocht.
Wichtigstes Rennen am Freitag war die Grade 2 Novices Steeple Chase, die ab und an ein sehr gutes Pferd gewinnt. Hier sei an den leider im Gold Cup verunglückten Gloria Victis erinnert, oder an den Vorjahressieger Valdez. Diesmal gefiel mit einer tadellosen Start-Ziel-Performance Coneygree (Nico De Boinville/Mark Bradstock), der sicher auch vom frühen Ausfall des Favoriten Saphir De Roi (Sam Twiston-Davies/Paul Nicholls) profitierte, dessen Pilot schon am dritten Sprung einen kräftigen Rumpler seines Pferdes nicht aussitzen konnte. Der siebenjährige Wallach wurde von seinem Trainer nach fast zweijähriger Pause in exzellenter Form vorgestellt, er sprang wie das berühmte Glöckerl. Gut war auch die Vorstellung von No Buts (Tom Scudamore /David Bridgewater), der in der Open Handicap Steeple Chase das Vertrauen der Zocker in überlegenem Stil rechtfertigte, die ihn von 14/1 auf 6/1 runtergewettet hatten. Scu holte sich auch mit vier Siegen die Meetingswertung und sorgte für das einzige Erfolgserlebnis des Autors, dessen Wetterei sich ansonsten in den Regionen eines Blutbads bewegte. Er hatte auch Scudamore’s Pferd Tullyesker Hill (David Pipe, 10/1) nur deshalb gewettet, weil er vor dem Rennen mit Scudamore zusammengerasselt war, als der gerade vom Waagegebäude zum Führring eilte. Immerhin hat der Autor dieses Zeichen gesehen und entsprechend gehandelt.

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29.11.2014 – Newbury; Many Clouds ridden by Leighton Aspell (white cap) jumping the final fence on his way to victory at the Hennessy Gold Cup Chase (Handicap) (Grade 3). Second place: Houblon Des Obeaux ridden by Aidan Coleman (red cap). Third place: Merry King ridden by A P McCoy (green cap). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Als er vor dem Hennessy Gold Cup am Samstag neben Trainerin Venetia Williams (superschick wie immer angezogen) an der Bar im Berkshire Stand lehnte hat er leider nicht entsprechend gehandelt. Ihr tapferer Houblon Des Obeaux wurde nämlich in einer heroischen Kampfpartie (wo nimmt der kleine Kerl nur diese Kraft her) Zweiter und zahlte 50/1. Ich mag dieses Pferd, aber dachte, dass er unter Höchstgewicht keine Chance hätte. Wenn er mit Cheltenham besser zurecht käme, wäre das durchaus eine Form, die ihm im dortigen Gold Cup Chancen geben würde. Der Sieg ging an Many Clouds in den immer gerne gesehenen gelb-grünen Farben von Trevor Hemmings. Der lokale Trainer Oliver Sherwood hatte den Cloudings-Sohn auf den Punkt vorbereitet, und Leighton Aspell zeigte auf dem 8/1-Mitfavoriten einen überlegten Ritt. Dieser Jockey ist eh unterbewertet. Der Autor hatte Rocky Creek und Unioniste gewettet. Die endeten angehalten bzw. meilenweit geschlagen als Sechster. Es waren die einzigen Pferde von Trainer Paul Nicholls, die er gewettet hat, und natürlich die einzigen Pferde aus diesem Quartier, die bei diesem Meeting nicht gewonnen haben oder platziert waren. Soviel zur derzeitigen Form des Autors als Wetter.

zarkandar_20141128Was bleibt auf der Habenseite? Der Fotograf hat einen Zarkandar-Schal (Anm.d.Fotografen: Wunderbar!) erstanden, den er wahrscheinlich auch im Bett anziehen wird. Der Autor hat für das Familien-Weihnachten 18 Christmas Crackers beim Injured Jockeys Fund erworben. Die er erstaunlicherweise problemlos als Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen Heathrow brachte. Leute, da ist Schwarzpulver drin! Aber die Zahnpasta-Tube nehmen sie einem ab. Ist da jetzt auch die Globalisierung schuld? Selbstverständlich.

© Fotos: turfstock.com, München

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