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turfkopf – Warme Kleidung bitte – auch bei Hitze!

Juli 19, 2010 by Hemke 

Hemke Label Multi-KultiRolf C. Hemke – Die Hamburger Derbyankunft vom vergangenen Sonntag mit dem souveränen Sieger Buzzword wiederholte quasi die Geschehnisse vom Tag zuvor: Da hatte der Godolphin-Hengst Campanologist die beiden deutschen Topsteher Wiener Walzer und Quijano mit dreiviertel Länge Abstand sicher auf die Plätze zwei und drei verwiesen.

„Erst hatten wir kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu“, lautet einer der prominentesten Fußballer-Aphorismen, in diesem Fall dem ehemaligen Dortmunder Jürgen Wegmann zugeschrieben. Kein Glück hatte der deutsche Derbysieger 2009, Wiener Walzer, bereits im Vorfeld seines Starts zum Großen Preis von Lotto Hamburg (Gr.1, 2400 m, 155.000 €). In der Nacht regnete es in Hamburg kräftig, so dass die Bodentiefe von 4, 3 cm am Freitag auf 4, 5 cm am Samstagmorgen aufweichte. 4, 5 cm ist der Grenzwert, bei dem der Boden noch als gut und noch nicht als „weich“ einzustufen ist. Wir erinnern uns: Im vergangenen Jahr hatte es rund um den Preis von Baden einige Aufregung um den Start von Wiener Walzer gegeben – wegen des weichen Bodens von 4,6 cm. Bis in die englische Rennsport-Presse hinein waren die Analysten nach dem vierten Platz von Wiener Walzer einhellig der Meinung, dass der Boden für den Derbysieger zu weich war. Das Hamburger Geläuf trocknete allerdings unter der Nachmittagssonne wieder etwas ab. Der Wert wurde nachträglich wieder auf 4, 3 korrigiert. Dieser Wert stellt sicherlich den Grenzwert dessen dar, was Wiener Walzer, Spezialist für festen Boden, noch laufen „kann“, wenn er Bestform abrufen soll. Bei seinem Derbysieg war der Boden 3, 6 cm tief, bei seinem Sieg im Kölner Rheinlandpokal 4, 2 cm.

Das Pech im eigentlichen Sinne stellte sich dann unmittelbar vor dem Rennen ein, als sein Pacemaker Steuben wegen Fiebers vom Rennen abgemeldet werden musste. Da kein weiterer Hase startete und kein Frontrenner auszumachen war, konnte man sich schon vor dem Rennen ausrechnen, dass Wiener Walzer – der kein Schlusssprinter ist, sondern eine schnelle Fahrt benötigt – selbst die Kraft raubende Führarbeit würden leisten müssen. Eine nicht unbedingt Erfolg versprechende Konstellation.

Dennoch war das Vertrauen der Wetter enorm. 20:10 notierte der populäre Hengst kurz vor dem Rennen. Seine unmittelbaren Verfolger, der von Michael Bell trainierte Grand Prix de Chantilly-Sieger (Gr.2, 2400 m, 130.000 €, 06.06.2010) Allied Powers unter Ioritz Mendizabal notierte 41:10. Der Godolphin-Hengst Campanologist unter Frankie Dettori, von Wiener Walzers Trainingsgefährten Getaway bei seinem letzten Lebensstart Mitte Juni noch geschlagener Dritter im Gran Premio di Milano (Gr.1, 2400 m, 243.000 €, Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=zw_npM8Uaok) notierte zum Schluss 43:10. Der von Mark Johnston trainierte Kölner Europa Preis-Sieger des Vorjahres (Gr.1, 2400 m, 155.000 €) Jukebox Jury unter Royston Ffrench stand 66:10. Bei seinen letzten beiden Starts in Epsom (Coronation Cup am 4.6.2010, Gr.1, 2423 m, ca. € 250.000; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=7yHtf32lr9k) und Royal Ascot (Hardwicke Stakes am 19.6.2010, Gr.2, 2400 m, ca. € 150.000) war er abgeschlagen eingelaufen. Der von Peter Schiergen trainierte Fährhofer Globetrotter Quijano unter Andrasch Starke hingegen, der als Vierter im Gran Premio di Milano wieder ansteigende Form hatte erkennen lassen, stand 82:10.

Nach zügiger Fahrt durch Wiener Walzer setzte sich Campanologist unter Frankie Dettori etwa 200 m vor dem Ziel vom letztjährigen Derbysieger unter Adrie de Vries ab. Der packte zwar nochmal an und mobilisierte Reserven war aber nicht mehr in der Lage, den Godolphin-Hengst zustellen. Im Gegenteil, auf den letzten Metern kamen Quijano, der zwischenzeitlich abgetauchte Jukebox Jury und Allied Powers noch einmal stärker auf, so dass Wiener Walzer nur mit Kopf vor dem Fährhofer Wallach und dieser mit einem weiteren Kopf vor dem Europa-Preis-Sieger und Allied Powers blieb.

Wo also stehen Wiener Walzer und Quijano? Für letzteren geht die Formkurve nach einer enttäuschenden Dubai-Kampagne und einem immerhin respektablen Abschneiden im Gran Premio di Milano eindeutig nach oben. Blieb er dort noch 2,5 Längen hinter dem Dritten Campanologist war es hier nur mehr eine Länge. Und Wiener Walzer? Misst man die Form über seinen kürzlich erst verletzungsbedingt pensionierten Trainingsgefährten Getaway, der in besagtem Mailänder Rennen den Godolphin-Hengst mit 3 ¼ Längen distanzierte, dann müsste man Wiener Walzers Form im Vergleich zu Ascot als eher rückläufig einstufen. Dem widerspricht allerdings die Aussage des Godolphin-Quartiers, die ihren eigenen Hengst als deutlich gesteigert einschätzten.

Interessant ist die Formentwicklung Wiener Walzers im Vergleich zu dem von John Gosden trainierten Drittplatzierten Tazeez aus den Prince of Wales´s Stakes (Gr.1, 2012 m, ca. 511.000 €; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=KlE520zNmBU, siehe Turfkopf-Kolumne „Royal Ascot“): In dem Parallelrennen in Newmarket, den Princess of Wales´s Stakes (Gr. 2, 2414 m, ca. 110.000 €, 08.07.2010) schlug er die beiden Topfavoriten Spanish Moon und Holberg, wurde als Mitfavorit hinter zwei Außenseitern aber wieder nur Dritter. Die echte Aufwertung einer Form liest sich anders.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Distanzfrage. Immerhin bedeutete der Deutschland-Preis mit seinen 2400 m die Rückkehr auf die Derbydistanz nach 1850 m im Pariser Prix d´Ispahan (Gr.1, 250.000 €, 23.05.2010) und 2012 m in Ascot. So wie Wiener Walzer auf den letzten Metern nochmals anpackte und seinen zweiten Platz verteidigte, erscheint diese Distanz keinesfalls als Problem. Auf Distanzen jenseits der 2000 m scheint er besser aufgehoben als auf den kürzeren Strecken. Zumindest diese Erkenntnis kann sein Trainer Jens Hirschberger mit nach Quadrath-Ichendorf bei Köln nehmen.

Bezüglich der weiteren Pläne mit Wiener Walzer hält sich Schlenderhan derzeit bedeckt. Der Hengst besitzt Nennungen für die beiden Kölner Gruppe 1-Prüfungen, den Rheinland-Pokal und den Preis von Europa, ebenso für den Großen-Preis von Baden und den Prix de l´Arc de Triomphe. Vor Überraschungen ist man aber nicht gefeit, denn im Vorfeld zum Deutschland-Preis ließ Jens Hirschberger verlautbaren, dass alternativ nicht, wie noch nach Royal Ascot geäußert, der Dallmayr-Preis anvisiert worden sei, sondern ein Rennen in York. Fragt sich welches. Zeitlich naheliegend wäre ein Gruppe 2-Rennen, die Sky Bet York Stakes über 2012 m am 24.07. gewesen. Eine Option, die dem deutschen Galoppsportfan auf den ersten Blick nicht unbedingt einleuchtet, da die deutschen Gruppe 1-Rennen sportlich nicht unbedingt schwere Anforderungen stellen als gut besetzte Gruppe 2-Rennen in England, aber doch zumeist höher dotiert und auch vom Black Type-Status her höher einzustufen sind. Oder aber doch wieder ein englisches Hammerrennen, die Juddmonte International Stakes (Gr.1, 2082 m, 17.08., ca. 750.000 €) zur Eröffnung des Yorker Ebor-Meetings? Alternativ hätte Wiener Walzer am 15.08. auf seiner Heimatbahn den Rheinland-Pokal zu verteidigen! Gegen wen? Der in Köln trainierte Quijano und Campanologist haben Nennungen.

Der Beutezug Godolphins auf deutschen Rennbahnen geht schon vorher weiter: Wenn der Godolphin-Hengst Alexandros am nächsten Sonntag im Dallmayr-Preis in München antritt, wovon derzeit auszugehen ist. Dann darf sich auch der bisher einzige deutsche Gruppe 1-Sieger der laufenden Saison, der von Andreas Wöhler trainierte und im Premio Presidente della Repubblica in Rom (Gr.1, 2000 m, 297.000 €, 16.5.2010, Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=dRuGvgRYuqw) erfolgreiche Querari ganz warm anziehen, trotz der herrschenden Temperaturen.

© Foto: privat

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