Top

turfkopf – Länderkampf und Ponychaos in Deauville

August 23, 2010 by Hemke 

Hemke Label Deauville © Vera LisakowskiRolf C. Hemke – Wenn man vom Yorker Ebor-Meeting zu den Sommerrennen ins normannische Nobel-Seebad Deauville reist, ist das ein Kulturschock: Dort die sommerlich-heitere Festlichkeit, der Yorker Schlips-und-Kragen-Dresscode erscheint niemals als Zwang, sondern als dezenter Hinweis der Veranstalter auf die Nobilität des Ereignisses. Eine Stadt feiert sich und seine altehrwürdige Rennwoche mit Stil und Klasse. Hier der französische Familienrenntag: veritable Kinderkirmes mit Rennbetrieb. Die Horden von Sprösslingen strandurlaubender Familien, die auf Ponyrücken – nein nicht über eine eigene Reitbahn sondern quer über das Gelände geführt werden, zwischen Fressbuden und Wettschaltern hindurch – geben dem sommerlichen Massenbetrieb auf der zu klein dimensionierten Rennbahn von La Touques die spezifische Chaosnote. Wer seine Klischees von schlecht gekleideten Engländern und eleganten Franzosen bestätigen will, wird eines Besseren belehrt. Die englischen Anzüge sitzen, während diverse französische Galoppsportfreunde die Rennbahn eindeutig mit dem Strand verwechselt haben oder vielmehr mit der Umkleidekabine vor dem Strandbesuch. Wie anders jedenfalls erklärt man sich solch unappetitliche Einblicke, wie sie keinesfalls nur ein vereinzelter, stark übergewichtiger Mann bot – oberhalb seiner viel zu engen und auf Halbmast hängenden Boxershorts. Vielleicht erleichtert ja so eine zur Schau getragene Kimme die Wetttreffer.

Während im Rahmen des Ebor-Meetings dieses Jahr nur wenige ausgewählte französische Hochkaräter den Vergleich mit der englischen und irischen Elite suchten, konnte man den vergangenen Sonntag, 22.08., in Deauville mit seinen vom Darley-Gestüt gesponserten sage und schreibe vier Gruppeprüfungen, zwei Gr.1-, und jeweils einem Gr.2- und Gr.3-Rennen geradezu als inoffiziellen Ländervergleich betrachten, der nach Kampf mit 3:1 an Frankreich ging. Die mit 80.000 € Gr.3-Prüfung Prix de la Nonette für dreijährige Stuten über 2000 m ging an Jean-Claude Rougets Lily of the Valley unter Christophe Soumillon vor Luca Cumanis in Newmarket trainierter Italian Oaks-Siegerin Contredanse unter Kieran Fallon, die zuletzt fünfte hinter der Yorkshire-Oaks-Siegerin Midday, Stacelita und Antara in den Gr.1- Nassau Stakes im Rahmen des Glorious-Goodwood-Meetings Ende Juli war.

Im zweiten Stutenrennen des Tages, dem mit 250.000 € dotierten Gr.1 Prix Jean Romanet über 2000 m, wiederholte sich dann der Clash der französischen Superstute Stacelita, im Mai noch dem deutschen Derbysieger 2009 Wiener Walzer im Gr.1-Prix d´Ispahan von Longchamp unterlegen, gegen die deutsch gezogene Godolphin-Stute Antara. Bis Ende letzten Jahres noch in Hoppegarten im Training bei Roland Dzubasz und überlegene Siegerin des Berliner Gr.3-Preis der Deutschen Einheit 2009, entwickelt sich die Platini-Tochter immer weiter zur erfolgreichsten Stute im großen und renommierten Godolphin-Lager. Nachdem Stacelita unter Christophe Soumillon zu Beginn der Zielgeraden nach verschlepptem Renntempo bereits früh die Spitze übernommen hatte, jagten Antara und Frankie Dettori das französische Siegerpärchen bis zum Zielpfosten, der für Stacelita genau richtig stand. Nur mit Kopfvorsprung behielt sie gegen Antara das bessere Ende. Beide Stuten peilen jetzt voraussichtlich die Gr.1-E.P.Taylor Stakes, ein renommiertes Stutenrennen in Toronto, an. Bedenkt man, dass Antara auch letztes Jahr erst im Herbst ganz groß in Schwung kam, könnte dort ihr erster Gr.-1-Treffer fällig werden.

Der einzige englische Treffer gelang im Hauptrennen des Tages, dem mit 350.000 € dotierten Prix Morny für zweijährige Pferde. Hier stand mit Libranno unter Richard Hughes aus dem Formstall von Richard Hannon einer der versprechenden englischen Zweijährigen im Feld. Doch mit dem von David Simcock trainierten Dream Ahead unter William Buick gewann ein Pferd, das nach einem überlegenen Maidensieg Mitte Juli in Nottingham überhaupt erst sein zweites Rennen bestritt. Wie sich der Hengst locker und leicht auf der Hälfte der Zielgeraden vom Feld löste und mit anderthalb Längen vor dem Franzosen Tin Horse unter Thierry Jarnet einlief ohne den Eindruck zu machen, sich sonderlich zu verausgaben, das war mehr als respektabel. Von diesem Pferd sollte man noch viel hören. Die englischen Buchmacher erkoren ihn sofort zu einem Mitfavoriten für die englischen 2000 Guineas im Mai 2011. Libranno wurde gut drei Längen zurück enttäuschender Sechster, während sich die in deutschem Besitz befindliche Stute Pontenuovo, die von Yves de Nicolay trainiert wird, als Dritte beachtlich schlug. Eine Notiz am Rande wert ist sicherlich, das William Buick, englischer Jockey Shooting Star, am Tag zuvor mit Debussy die Arlington Million in Chicago, eines der wichtigsten US-amerikanischen Grasbahnrennen, gewonnen hatte.

Das einzige Rennen mit Beteiligung eines Pferdes, das auch in Deutschland trainiert wird, war der Gr.2-Prix Kergorlay, das mit 130.000 € dotierte Supersteher-Examen über weite 3000 m. Hier trat der von Waldemar Hickst in Köln trainierte beste deutsche Marathon-Läufer „Rocky“ Très Rock Danon an. Mit dem von Startrainer Royer-Dupré in Chantilly trainierten Américain setzte sich einer der Mitfavoriten durch gegen den ehemaligen Aga Khan-Hengst Manighar, der jetzt von Luca Cumani trainiert wird. Der italienisch-stämmige Trainer bemerkte nach den Ehrenplätzen seiner beiden Starter in seiner trockenen Art, er litte heute anscheinend an „Seconditis“. Rocky hingegen wurde nach einem Kraft raubenden Ritt von der Spitze nur Fünfter. Bei einem weniger offensiven Ritt von Dominique Boeuf wäre da vermutlich einiges mehr möglich gewesen. So verteidigte Rocky nur noch mit Kopfvorteil das letzte Preisgeld von € 4550 vor dem Franzosen Green Tango unter Ronan Thomas.

Nach so einem Tag kann es passieren, dass man grübelnd den Heimweg nach Deutschland antritt. Die deutsche Zucht kam einmal wieder zu vollen Ehren. Am Material kann es nicht liegen. Warum gelingen die big points gerade in dieser Saison mal wieder nur den üblichen Verdächtigen, gerade wenn die Pferde aus deutscher Zucht stammen? Was zum Beispiel wäre aus Antara geworden, wäre sie bei Roland Dzubasz im Training geblieben? Oder anders gefragt: Warum muss sich eine hochklassige Stute wie die derzeit von Dzubasz trainierte Vanjura auf unterdurchschnittlich besetzten deutschen Auktionsrennen auf viel zu kurzer Distanz knapp behaupten anstatt sich auf einer Rennbahn wie in Deauville auf internationalem Gruppeparkett und optimaler Distanz gegen eine Lily of the Valley zu messen? Die Orientierung einiger deutscher Trainer Richtung Frankreich mag ja mittlerweile ausgeprägt sein. Aber die Entschuldigung, in Deutschland gäbe es „zu wenig geeignete Rennen“ ist immer noch an der Tagesordnung. Man darf sich weiter wundern.

Es wird der Adobe Flash Player benötigt und im Browser muss Javascript aktiviert sein.

© Fotos: Vera Lisakowski

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • MisterWong
  • Twitter
  • del.icio.us
  • LinkedIn
  • Technorati
  • LinkArena
  • MySpace
  • Yigg
  • Digg
  • Blogosphere News
  • StumbleUpon

Diskutieren Sie mit.

Ihre Meinung ist gefragt ...
wenn Sie wollen mit Avatar!


Die Leserkommentare an dieser Stelle geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sondern die unserer Leser. Die Redaktion behaelt sich vor, beleidigende, verleumderische, diskriminierende oder unwahre Passagen zu entfernen, Eintraege zu kuerzen und gegebenenfalls nicht zu veroeffentlichen.

Bottom