Top

turfkopf – Ballydoyle for ever

Juni 29, 2010 by Hemke 

kolumne_hemke2Rolf C. Hemke - Derby-Fieber auf dem irischen Curragh und anderswo

I. Das Derbyfieber ist im Moment eine weit verbreitete Seuche. Man wundert sich, dass die Pharmaindustrie noch keine millionenschwere Impfkampagne ausgelöst hat. Zugegebenermaßen ist das in Zeiten von Fussball-Welt- oder Europameisterschaften ein regelmäßiger Befund. Dass deshalb gleich das Deutsche Derby, gemeint ist das Echte, das Galoppderby, um zwei Wochen auf den 18.07. nach hinten verschoben wurde, ist allerdings die Ausnahme – bisher. Denn schon wird diskutiert ob der Termin Mitte Juli nicht grundsätzlich der bessere sei.

Für internationale Derbytouristen – von denen es vor allem auf den britischen Inseln viele gibt – wäre das eine gute Meldung. Denn bisher lagen der deutsche und der irische Derbytermin parallel. Was nun wirklich ärgerlich ist, weil man als deutscher Derbygänger so zwangsläufig das wichtigste irische Flachrennmeeting verpassen musste, an dem von Freitag bis Sonntag gleich sechs Grupperennen auf dem Plan stehen: Neben dem Irischen Derby (Gruppe 1, 2400 m, 1.250 000 €) und den prestigeträchtigen Railway Stakes (für 2-jährige, Gr. 2; 100.000 €; 1200 m) am Sonntag, die bereits am Samstag ausgetragenen und seit 2004 mit Gruppe 1-Status versehenen Pretty Polly-Stakes (für 3-jährige und ältere Stuten,188.000 €, 1800 m). Darüber hinaus verteilen sich drei weitere Gruppe 3-Rennen auf das Wochenende.

II. Die Gründe für die Faszination, die ein Derby auslösen kann, sind bekannt: Allgemein gesprochen liegen sie im direkten Vergleich bekannter oder sich ähnelnder Größen. Ob man vom Lokalderby Schalke gegen Dortmund ausgeht oder von dem „WM-Klassiker“ Deutschland gegen England. Dort, genauer gesagt im englischen Epsom, ist auch der Begriff des „Derby“ entstanden, als am 4. Mai 1780 erstmals die Derby Stakes ausgetragen wurden, ein Leistungsvergleich für 3-jährige Vollblutpferde. Diese wurden nach Edward Smith Stanley, dem 12. Earl of Derby benannt, dem Gastgeber einer Party, anlässlich derer die ersten Derby Stakes stattfanden (übrigens spricht sich die gleichnamige Stadt Derby und damit auch das Rennen bei korrekter englischer Aussprache „Darbie“ und gerade nicht, wie im deutschen gerne falsch ausgesprochen „Dörbie“).

Mit Übernahme des englischen Leistungssystems für Vollblüter wurde in allen wichtigen Galoppsportländern auch eine derartige Derby-Prüfung eingeführt. Daneben sieht die englische Systematik vier weitere, sogenannte klassische Prüfungen vor: die 1000 Guineas (in Deutschland ausgetragen in Düsseldorf, 1600m für 3-jährige Stuten), die 2000 Guineas (in Deutschland das Kölner Mehl-Mühlens-Rennen, 1600 m für 3-jährige Hengste und Stuten), das Stutenderby (2400 m, in Deutschland der Düsseldorfer Preis der Diana) und das St. Leger (in Deutschland in Dortmund ausgetragen, 2800 m, seit 2007 nicht mehr nur für dreijährige sondern auch für ältere Hengste und Stuten zugänglich). In Irland fällt die örtliche Zuordnung der einzelnen Rennen leichter: Alle fünf klassischen Prüfungen finden auf dem Curragh statt. Schon der Name weist auf die historische Bedeutung des Ortes hin: Der Name leitet sich aus dem gälischen Wort Cuirreach her, was so viel wie „Rennbahn“ bedeutet. Das erste historisch belegbare Rennen an diesem Ort fand im Jahr 1727 statt, doch gilt es als sicher, dass hier auch schon vorher Rennen stattgefunden haben. Heute heißt die ganze Hochebene ca. 50 km von Dublin entfernt und zwischen den Orten Kildare und Newtown gelegen „the Curragh“. Das erste irische Derby wurde hier 1866 ausgetragen.

III. Wird man als Galoppsportlaie mit einem Derbyfeld konfrontiert fühlt man sich erstmal überfordert. Fünfzehn, zwanzig oder manchmal noch mehr junge Pferde sind da gelistet, deren Namen man im Zweifel noch nie gehört hat. Das Erstaunen perfekt macht dann in solchen Situationen das Entzücken des Gesprächspartners, der vielleicht ausgerechnet Insider ist und über die Pferde plaudert wie über alte Freunde. In der Tat bekommt auch ein Fußballderby erst dann für den Betrachter Brisanz, wenn er die Situation, aus der dieses Duell heraus stattfindet, zumindest einschätzen kann. Wenn ich als Australier nichts vom deutschen Fußball verstehe, interessiert mich auch das Lokalderby zwischen dem 1. FC Köln und dem Kölner Vorort-Club Bayer Leverkusen nicht. Will man also das englische, irische oder französische Derby genießen, kommt man nicht ohne eine gewisse Beobachtung der dortigen Galoppsportszene aus, ansonsten bleiben die Pferdchen eben unbekannte Größen. Der Weg eines Pferdes auf ein Galopp-Derby hin kann dabei einen ganz eigenen, unterhaltsamen Charakter entwickeln.

IV. Nehmen wir das kleine Drama um den Ullmann-Hengst Scorcher samt der Vorgeschichte seines Vollbruders Suestado aus dem Vorjahr: Dieser war zum Deutschen Derby im vergangenen Jahr noch stärker gewettet als der großartige, vom gleichen Trainer Jens Hirschberger trainierte Wiener Walzer. Doch im Rennen war der Favorit früh geschlagen. Danach tauchte er gar nicht mehr auf der Rennbahn auf und dem Vernehmen nach, wird er wohl auch nicht mehr dorthin zurückkehren. Scorcher überzeugte bei seinem Lebensdebut ähnlich wie es Suestado anfangs tat. Sein Auftritt in einem kleinen Maidenrennen vor dem Krefelder Busch-Memorial Ende April war überragend. Die Kölner Union (Gr.2, 2200 m, am 13.6.), die wichtigste deutsche Derbyvorprüfung (wenn auch kein „klassisches“ Rennen im Sinne des englischen Leistungssystems so doch das älteste (seit 1834) auf deutschem Boden ausgetragene Galopprennen) ließ er wegen kleinerer gesundheitlicher Probleme aus. In einem mittelklassigen Rennen (Course B) in Maisons-Lafitte überzeugte Scorcher wenig später mit einem überlegenen Sieg, was ihn zum klaren Derbyfavoriten machte. Doch dann wurde er kaum eine weitere Woche später vom Derby abgemeldet – wegen „Wachstumsproblemen“. „Mit seinem rechten Bruder Suestado“, so Gebhard Apelt, General Manager des Gestüt Schlenderhan, „haben wir im Vorjahr großes Pech gehabt, das soll sich nicht wiederholen“. Die Derbyblase Scorcher ist geplatzt.

V. Ein anderes, kleines Drama spielte sich vor dem englischen Derby rund um den irischen Ballydoyle-Stall ab: Seit seinem überlegenen Erfolg in der Racing Post-Trophy in Doncaster letzten Herbst (für 2-jährige Hengste und Stuten, Gr.1, 1609 m, ca. 240000 €, Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=LjTgpAOK_Vs) war der von dem irischen Erfolgstrainer Aidan O´Brien trainierte St. Nicholas Abbey unumstrittener Favorit. Dies blieb er auch, als sein Trainingsgefährte Cape Blanco den hocheingeschätzten Workforce (Trainer Sir Michael Stoute) in den Dante Stakes von York (Gr. 2, 2092 m, ca. 180000 €), der wichtigsten englischen Derby-Vorprüfung (quasi dem Pendant zum deutschen Union-Rennen) schlug. Doch dann wurde St. Nicholas Abbey wenige Tage vor dem Derby wegen „leichter muskulärer Probleme“ – dem Vernehmen nach aber eher wegen chronischer Formschwäche – abgemeldet. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich O´Brien im Hinblick auf Cape Blanco schon für einen Start im französischen Derby entschieden, das regelmäßig am selben Wochenende wie das Epsom-Derby stattfindet. So wurde mit Jan Vermeer plötzlich die dritte Ballydoyle-Farbe zum Favoriten. Einen Außenstehenden mag die Dominanz dieses einen irischen Trainers wundern, doch der Ballydoyle-Stall, die Rennabteilung des berühmten irischen Coolmore Stud, ist neben Godolphin, dem privaten Rennstall der Maktoums, der Regentenfamilie von Dubai, die größte Galoppsport-Operation weltweit, geschätzte einhundert Millionen Euro ist allein der Pferdebestand der Rennabteilung wert. Pointe der diesjährigen Ballydoyle-Zauderei rund um die beiden wichtigsten Derby-Rennen ist, das der Favorit Cape Blanco als Zehnter im französischen Derby (Prix du Jockey Club in Chantilly, Gr.1, 2100 m, 1,5 Mio €) ebenso enttäuschte wie Jan Vermeer als Vierter im englischen Derby (Gr.1, 2423 m, ca. 1,5 Mio €, Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=yj0_36H2sic). Letzterer war nicht einmal bestes Ballydoyle-Pferd in diesem Rennen, da sein Pacemaker At first Sight so viele Längen voraus war, dass es hinter dem Mitfavoriten Workforce noch zum zweiten Platz für den Riesenaußenseiter reichte.

VI. Das irische Derby, das jeweils drei oder vier Wochen später als das englische und französische Derby ausgetragen wird, ist die klassische Revanche für das englische Derby oder aber auch der klassische Vergleich zwischen französischem und englischem Derbysieger. Nichts von alledem stand allerdings in diesem Jahr auf dem Programm. Der Ammerländer Lope de Vega, überlegener Sieger des französischen Derbys (Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=6cIPiZyMpfU), hat derzeit noch eine Nennung für den Prix Jean Prat (Gr. 1, 1600 m, 04.07.) in Chantilly und soll Mitte August in Deauville gegen Goldikova antreten (15.8., Prix Jacques le Marois, Gr.1, 1600 m, € 600000). Workforce soll in die King George VI and Queen Elizabeth Stakes in Ascot (Gr. 1, 2414 m, 24.07.) gehen. Auf dem Curragh war also am letzten Wochenende quasi freie Bahn für Aidan O´Brien, der gleich fünf Pferde sattelte. Neben Jan Vermeer und Cape Blanco auch den Epsom-Zweiten At first Sight und den -Fünften Midas Touch. Als Pacemaker wurde dieses mal Bright Horizon eingesetzt, der seinem Trainer nicht so hochklassig die Rechnung verderben sollte wie At first Sight in Epsom.

Gegen die Ballydoyle-Armada stellten sich nur einige wenige englische Top-Dreijährige: Nachdem Godolphin Chabal wegen zu trockenem Boden abgemeldet hatte, war der Hauptgegner in dem von Mark Johnston für den Kronprinzen von Dubai, Hamdan bin Mohammed al Maktoum, trainierten (also nicht zu Godolphin gehörigen) Monterosso zu sehen. Seine Form wies in diesem Jahr steil nach oben und mündete neun Tage vor dem Irischen Derby im Sieg in den Kind Edward VII Stakes von Royal Ascot (Gr.2, 2414 m, ca. € 180000, 18.6.; Rennvideo: http://www.youtube.com/watch?v=rwq9vDV99OQ) in denen At first Sight Vierter wurde. Monterosso firmierte dann unmittelbar vor dem Rennen tatsächlich auch als Favorit kurz vor Cape Blanco. Auch der von Michael Bell trainierte Coordinated Cut, Dritter hinter Workforce und Cape Blanco in den Dante Stakes und Siebter in Epsom, war als Gegener ernst zu nehmen.

Doch es kam dann so, wie es sich Aidan O´Brien nur wünschen konnte: Pacemaker Bright Horizon, der unter Jockey Sean Levey eine höllisch schnelle Fahrt vorgelegt hatte, baute rechtzeitig vor der Zielgeraden ab und übergab At first Sight und dann dem stark aufkommenden Midas Touch das Kommando. Mitte der Geraden machten sich dann Monterosso außen und Jan Vermeer innen stark bemerkbar, liefen zwar zu Midas Touch auf, bekamen ihn aber nicht in den Griff, bevor dann Cape Blanco unter Ballydoyles Jockey Nr.1 Johnny Murtagh den Turbo anwarf und unwiderstehlich anzog. Die drei Ballydoyle-Hengste setzen sich noch klar von Monterosso ab, dem neun Tage nach seiner großen Vorstellung in Ascot anscheinend noch die Kraft fehlte, nachzusetzen. Aidan O´Brien gelang also mal wieder die Dreierwette mit seinen eigenen Pferden – nach 2002 und 2007 bereits zum dritten Mal. Zudem war es sein fünfter Sieg im Irischen Derby in Folge. Im letzten Jahr war kurzfristig der von dem Iren John Oxx trainierte Supergalopper Sea the Stars wegen zu tiefen Geläufs abgemeldet worden, sodass dessen damaliger Dauerrivale Fame and Glory wenigstens einmal – in seiner Abwesenheit – prominent zum Zuge kam.

Nachdem der französische Derbysieger Lope de Vega von seinem Trainer Andre Fabre eher auf Meilendistanz angesetzt werden dürfte, gibt es nun also wenigstens die Möglichkeit, dem Duell zwischen englischem und irischem Derbysieger entgegenzufiebern: Am 24.7. dürfte es in den King George VI and Queen Elizabeth Stakes in Ascot (Gr. 1, 2414m, 1, 2 Mio €) soweit sein. Vorher aber, am 18.7. heißt es erstmal im Deutschen Derby (Gr.1, 2400 m, 500000 €) in Hamburg “and they´re off“!!!

Es wird der Adobe Flash Player benötigt und im Browser muss Javascript aktiviert sein.

© Fotos: Vera Lisakowski

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • MisterWong
  • Twitter
  • del.icio.us
  • LinkedIn
  • Technorati
  • LinkArena
  • MySpace
  • Yigg
  • Digg
  • Blogosphere News
  • StumbleUpon

Diskutieren Sie mit.

Ihre Meinung ist gefragt ...
wenn Sie wollen mit Avatar!


Die Leserkommentare an dieser Stelle geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sondern die unserer Leser. Die Redaktion behaelt sich vor, beleidigende, verleumderische, diskriminierende oder unwahre Passagen zu entfernen, Eintraege zu kuerzen und gegebenenfalls nicht zu veroeffentlichen.

Bottom