Luxis Reisen – Cheltenham 2007
April 6, 2007 by Ekbert
turfcast.de – Das Cheltenham Festival Of Racing ist immer für eine Überraschung gut. Im vergangenen Jahr wurde eine Pamper Zone eingeführt – nicht etwa für Buchmacher, die eine Wette von JP McManus laufen und deshalb die Hosen voll haben: Nein, hier können Mütter ihre Babies wickeln. Für heuer engagierte Bahnchef Edward Gillespie, dessen extravagante Ader sich nicht nur in schrillen Sonnenbrillen zeigt, erstmals einen Märchenerzähler. Gut, die findet man auch in den Führringen deutscher Galopprennbahnen, aber hier handelt es sich um den offiziellen Poeten der Rennbahn Cheltenham. Henry Birtles (40) schreibt Gedichte über den Rennsport und hat sie die ganzen vier Tage über an einem eigenen Stand rezitiert. Insider behaupten, von seinen Märchen könnte so mancher Trainer beim Vortrag für die Besitzer noch was lernen. Im Hauptberuf verdealt Birtles übrigens die Fernsehrechte für den Dubai World Cup.
Zwar kosteten die Tickets in der Members enclosure diesmal schon schlappe 80 Pfund, so dass man umgerechnet plus Parkplatz erst mal 135 Euro los war, bevor das Vergnügen beginnen konnte. Die 233 000 Rennsportfans, die sich den Spaß leisteten, (es gibt auch Tickets ab 20 Pfund), sorgten nicht nur für eine Stimmung, die absolute Gänsehaut-Ware darstellte, sondern bildeten mit rund sieben Millionen Pfund Eintrittsgeldern auch den Grundstock für ein Rennpreis-Niveau, das schon fast unwirklich erscheint: Fast 3,9 Millionen Pfund waren in den 24 Rennen ausgelobt (alleine 425 000 Pfund im Gold Cup, in dem Kauto Star andere Ware darstellte), 1,5 Millionen davon bezahlten die diversen Sponsoren. Diese Zahlen wirken allerdings fast lächerlich gegen die des Wettumsatzes. 541 Millionen Pfund gingen durch die Hände der Buchmacher (200 stehen auf der Bahn), und am Totalisator wurden 2006 zehn Prozent des gesamten jährlichen Toto-Umsatzes aller englischen Bahnen (1300 Meetings!) gemacht. Heuer wird’s kaum anders aussehen. Man könnte noch weiter in Zahlen schwelgen, denn alleine sie stellen schon imposant dar, welchen Stellenwert das Festival Of Racing hat – uns deutschen Rennsportfreunden bleibt da nur der blanke Neid.
Allerdings: Von nichts kommt nichts, heißt es so schön, denn alle Topstars des Metiers sind am Start, und was die Organisatoren an logistischer Klasse offenbaren, ist schon atemberaubend. Es flutscht einfach. Am Ende des Renntages summieren sich gerade mal sieben Minuten Verspätung, Zielfotos sind blitzschnell ausgewertet und auch verkündet, wer essen und trinken will (und wer will das dort nicht, vor allem das superfrische Guinness, täglich aus Irland eingeflogen, ist schon das Hingehen wert), hat etwa 60 Bars und Stände zur Auswahl, an denen in den vier Tagen unter anderem 20 000 Flaschen Champagner, 50 000 Sandwiches und 225 000 Pints des schon erwähnten Braunbiers konsumiert werden.
Soweit die Zahlen, jetzt die Geschichten. Harry Findlay, ein Profiwetter erster Güte, landete auch heuer wieder ein großes Ding. Sein junger Steepler-Star Denman, trainiert von Paul Nichols, der wieder die Trainerwertung mit vier Erfolgen vor Alan King gewann, ging in der Royal & Sun Alliance Chase vom Start bis ins Ziel dermaßen überlegen und sprang auch ohne Fehler, dass Findlay um sein Geld nicht zu fürchten brauchte. Er hatte zu allen möglichen Festkursen bis runter auf 6/5 etwa 150 000 Pfund gesetzt, was ihm eine (zugegebene) Million einbrachte. Zu einem absoluten Klassejockey hat sich Richard “Chocolate” Thornton entwickelt, der mit vier Erfolgen Ruby Walsh auf Platz zwei verwies und dabei für Trainer Alan King das Zwei-Meilen-Double schaffte: Sowohl My Way To Solzen (Arkle Trophy) als auch Voy Por Ustedes (Queen Mother Chase) zeigten dabei überzeugende Leistungen und wirkten so, als sei da noch einiges im Tank. Sensationell ist die Performance des neuen Trainers Dr. Richard Newland, der erst seit vier Monaten die Lizenz besitzt und lediglich vier Pferde im Stall hat. Sein erster Starter beim Festival, Burntoakboy, holte sich den Coral Cup, ein heißes Hürden-Handicap, mit dem Finger in der Nase und zahlte flotte 10:1. Bevor das Pferd zum Tierarzt Newland kam, hatte es in seiner Heimat Irland 27 Starts absolviert und dabei kaum einmal den Zielrichter belästigt. Lächerliche 10 000 Pfund hatte der Doktor auf den Tisch gelegt, die Siegbörse betrug 45 000 Pfund.
Tja, und wie lief’s denn selbst beim Wetten, wird der geneigte Leser jetzt fragen. Die Antwort lautet, dass heuer nach anständigen bis guten Performances die Jahre davor gerade noch ein Blutbad vermieden werden konnte. Ein paar nette 50/50 EW-Wetten mit Platzerfolgen (Le Volfoni 16/1, Mistanoora 40/1, Baron De Feypo 20/1, Distant Thunder 8/1) waren schon drin, aber die dicken Dinger . . . Ich sehe jetzt noch das mitleidige Gesicht von Channel 4-Anchorman und Cheltenham-Rennkommentator Mike Cattermole vor mir, als ich ihm und seinem Kollegen Richard Hoiles (zwei Top-Profis) vor dem Champion Hurdle (der 14/1-Sieger Sublimity machte mächtig Eindruck) in der Kommentatorenbox stolz meine 150 Euro-EW-Wette auf Asian Maze (25/1) präsentierte. “Die Stute hättest Du auch bei mir wetten können”, meinte er, und nach einem Dritel des Rennens sah ich, dass er recht hatte. Die wettet man besser in Aintree. Nur gut, dass mir die Cheltenham-Stammgäste, Trainer Christian von der Recke und Gestüt Römerhof-Chef Michael Andree, am Mittwoch vor dem Ballymore Novices Hurdle einen Sieger steckten, als ich sie vor der Waage traf: Massini’s Maguire, dessen Sieg über Wichita Lineman im ersten Drittel der Saison tatsächlich die beste Form aller Teilnehmer darstellte. Die Frau von Trainer Peter Hobbs hatte Andree den Tip gegeben., Richard Johnson den braven Massini mit meinen 50/50 im Sattel bei 25/1 entschlossen Start-Ziel zum Sieg geritten. Danke, Mrs. Hobbs, Danke Herr Andree – und überhaupt: Danke, Cheltenham, für diese Jahr für Jahr unvergleichlich aufregende, schöne, faszinierende Veranstaltung.
Michael Luxenburger
© Michael Luxenburger, Text und Bild





