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Luxis Reisen – Brighton 2010

Juni 8, 2010 by Ekbert 

20100606brig_uk_122_cropturfcast.net – Die Schlachten in Epsom waren geschlagen. Die in Cheltenham erworbenen Pfund-Bündel hatten sich dort leider verschlankt wie im Idealfall die Taille nach zwei Wochen Nulldiät, und das Flugzeug zurück in die Heimat ging erst am Montag. Was also machen mit dem angebrochenen Sonntag? Ab nach Brighton, zum Renntag “Alice in Raceland” (wow, die Grinsekatze!!), auf die abgefahrene Berg- und Talbahn auf dem imposanten Hügel oberhalb der Küste.

Zuvor musste natürlich die Seaside begutachtet werden. Das Seebad Brighton, in etwa 45 Zugminuten von London Victoria Station aus zu erreichen, hat seine besten Tage schon lange hinter sich. Mehrere verlassene Hotels an der Promenade, deren Fensterrollos wie Tränensäcke herabhängen, sind ein Zeugnis dafür. Und 200 Meter vor dem Strand steht das traurige Gerippe des zweiten großen Vergnügungsparks neben dem Brighton Pier. Der andere Park ist abgebrannt und wirkt wie ein düsteres Denkmal. Am Strand trifft sich die coole Jugend der Stadt mit Freaks aus London. Sie haben Sofas mitgeschleppt und viel Rotwein. Auch die eine oder andere Tüte kreist. Man erholt sich von Samstagnacht, deren Reste man in der Stadt sieht: So viele Flaschen und Bierdosen liegen an keiner süditalienischen strada statale. Riesige Möwen naschen an Picknick-Körben, und auf dem Brighton Pier mit seiner voluminösen Spielhölle schlagen Hunderte die Zeit an den Geräten tot. Ein Besuch auf der Rennbahn wird schnell zur erfreulicheren Alternative.

Channel Four-Clown Derek Thompson ist dort in seinem Element. Zwischen einem weißen Riesenkaninchen, dem Gaukler (Johnny Depp war’s aber nicht) und einer ganz erstaunlichen Fantasy-Gestalt reißt der TV-Moderator und Rennkommentator  seine gewohnt flachen Witze und redet sich den Restalkohol vom Vorabend aus der Birne. Das macht er super. Thommo wäre der Starverkäufer jeder Kochtopf-Brigade, und er gibt jedem der vielen Tombola-Gewinner das Gefühl, jener sei gerade der wichtigste Mensch der Welt. So muss eine Rennbahn-Moderation sein, wenn  keine Grupperennen auf der Karte stehen, und nicht das tranige Runtergebete des Rennprogramms wie meistens bei uns in Deutschland. Thommo interviewt Jockeys, Besitzer, Trainer, Offizielle – jeden, der ihm in die Finger kommt.

Ich treffe Trainer Milton Harris, den ich aus Cheltenham kenne. Er nimmt gerade seine Stute in Empfang, die gerade Vorletzte in einem Handicap 6 geworden ist. “She’s not really good”, meint der umtriebige Milton, der auch gerne nach St. Moritz zum White Turf kommt. “But she’ll win small races in Gemany. I will persuade the owner to sell her. I’ll call Christian.” Damit meint er seinen Freund Christian von der Recke. Der hat ja ein gutes Näschen für preiswerte England-Importe.

Bei Windstärke 7 muss man seinen Bierbecher gut festhalten, die Sonne brennt, aber die kühle Brise lässt einen das nicht spüren. Die Leute aus Brighton haben sich zurechtgemacht wie fürs Derby, und die Offfcials sind total nett. Ohne Probleme hab ich sofort eine Freikarte bekommen, und sie sind richtig stolz, einen racing journalist from Germany auf der Bahn zu haben. Das kommt da wohl nicht alle Tage vor.

Die Bahn ist der Hammer. Ein dog leg, also ein Kurs mit engem Bogen. Vom Start weg geht’s über die meisten Distanzen heftig den Berg runter, direkt neben einer viel befahrenen Straße. Dann kommt der Knick, in dem sich die Reiter zum ersten Mal gegenseitig umbügeln. Das wiederholt sich dann Mitte der kräftig ansteigenden Geraden, wenn die Pferde schon wackeln und auf der engen Piste die beste Position für das Finish gesucht wird. Meistertrainer Henry Cecil, der große Cecil, hat zwei Pferde hergeschickt. Die sollen natürlich gewinnen und tun das auch. Bei seinem zweiten Ritt in dieser Mission quetscht Tom Queally den armen David Probert dermaßen an die Rails, das sein Pferd fast ins Gras muss. In vier der sechs Rennen gibt es eine Stewards Enquiry. Doch da die insgesamt 12 (!) behinderten Pferde so stark rasiert werden, dass sie im Finish keine Rolle mehr spielen, bleibt es jeweils beim tatsächlichen Einlauf. Das erinnert an alte Zeiten in Herxheim, als sich die Reiter immer vor der wilden Hatz auf dem Kurs am Weinstand ordentlich Mut angetrunken haben.

Da ich David Probert, obwohl der vor 14 Tagen in München eines meiner Pferde geritten hat und sowohl ein sehr guter Jockey als auch ein guter Typ ist, im ersten Rennen kein Vertrauen geschenkt habe, entgeht mir ein 25/1-Sieger (310:10  am Toto). Die diesjährige Epsom-Seuche (2009 vier Sieger getroffen, alles Außenseiter) geht also weiter. Also gönne ich mir lieber ein weiteres Pint Lager, setze mich in die Sonne und schaue entspannt den äußerst knackigen Rennen zu. Superschöne kleine Bahn, dieser Brighton Racecourse. Hoffentlich überlebt er die auch im englischen Rennsport lauernde Krise. Nur habe ich leider trotz Wonderland die Grinsekatze nicht getroffen.

© Text: Michael Luxenburger, München
© Foto: turfstock.com, München

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