Das deutsche Handicap-System
Juni 1, 2008 by Ekbert
turfcast.de – Das Frühjahrsmeeting in Iffezheim hat wieder mal gezeigt, dass das deutschen Handicap-System dringend den Realitäten angepasst werden muss. Sechs Handicaps alleine am ersten Wochenende wurden von Auslands-Importen, die kein Vorjahres-GAG haben, gewonnen. Zwei dieser Pferde, die von Werner Glanz in München-Riem trainierte Barathea-Tochter Sophia Gardens (Foto, GAG 60 Kilo) und die von Marion Rotering in Langenhagen betreute Montjeu-Stute Miami Tallyce (52 Kilo GAG), siegten mit dem Finger in der Nase. Erstere ist in ihrem Heimatland England nach einem zweiten Platz in Kempton und einem Sieg in Southwell (beides auf Sand) mit einem Rating von 67 (entspricht etwa 71 GAG) eingestuft, letztere mit 60 (67 kg GAG). Sie legten am Schlusstag dann beide noch einen ebenso überlegenen Sieg wie beim ersten Start im Meeting drauf, wobei letztere einen Rennverlauf hatte, der mit “unglücklich” noch vornehm umschrieben ist. Bei beiden sind noch einige Kilos im Sattel, zumal Sophia Gardens als Zweijährige in einem guten Maiden in Warwick zweite in einem 14er-Feld war und dafür ebenfalls ein Rating von 67 bekam – dieses von der Racing Post. Sieht man sich die Laufbahn der beiden Pferde an, dann sind diese Siege kein Wunder, sondern eine Folge einer Rennordnung, die in Sachen Einstufung der Pferde so tut, als wäre es die große Ausnahme, dass fertige Rennpferde aus dem Ausland importiert werden, um hier Rennen in Ausgleichen zu laufen.
Beide Pferde wurden, wie das ein guter Trainer eben macht, der die Segnungen der Rennordnung auszunützen weiß, perfekt auf diese Rennen hingefahren. Also: nach drei im bekannten Muster abgelaufenen Aufbaustarts (über falsche Distanz, mit Nachwuchsreitern, mit oder ohne SKL oder auf unpassendem Boden) konnten Sophia Gardens und Miami Tallyce mit einer 10 bzw. 15 Kilo günstigeren Marke als die Einschätzung in ihrem Heimatland im deutschen Handicap einsteigen.
Nächstes Beispiel: Sonntag, 18. Mai, Iffezheim. Mario Hofers The Jay Factor (GAG 54 kg), der letztes Jahr in England mit einem offiziellen Rating von 67 (ca. 71 GAG) einen Hals geschlagen Zweiter in einem Handicap in Windsor war, und die mit 55 kg GAG eingestufte, von Werner Glanz vorbereitete Spanish Needle (England: OR 60 = 67 kg GAG) machen einen Ausgleich IV über 1200 Meter in Baden-Baden sechs Längen vor dem restlichen Feld unter sich aus. Der Clou dabei: Da beide Pferde, die jedes mehr als zehn Kilo in der Hand haben, im Ziel nur um eine Nase getrennt waren (wer von beiden wirklich gewonnen hat, darüber kann man streiten), erhält der Sieger nur das Pflichtaufgewicht. Weiter gewannen die vom Ausgleicher immer noch nicht erfassten Seriensieger Sky Crusader und Boss Mak, zwei der von Christian Freiherr von der Recke seit Jahren blendend gemanagten England-Importe, um nur noch diese beiden zu erwähnen: Da kann man schon ins Grübeln kommen.
Drehen wir die Geschichte einfach mal weiter. Spanish Needle gewinnt bis Hamburg kein Rennen, aber die Dritte aus erwähntem Rennen, von der Reckes Princess Ileana (59 Kilo), zum Beispiel leicht einen Ausgleich IV in Mannheim. Die ist zwar auch importiert, aber hat wohl nicht mehr allzu viel in der Hand. Dann wäre dieses Pferd mit den fünf Kilo Pflichtaufgewicht gut im Ausgleich III zu Hause, und stünde, mit Spanish Needle verglichen, die in Iffezheim in einem heißen Ausgleich IV sechs Längen vor ihr lag, nach deutschem GAG nun um neun Kilo höher als das Pferd, gegen das sie nicht den Hauch einer Chance hatte. Von der tatsächlichen Relation ganz zu schweigen.
Das kann doch nicht sein. Auf der anderen Seite fällt auf, wie hoch die Marken im Handicap von Pferden sind, die dreijährig ein Maidenrennen gewinnen oder in diesen Rennen nur in die Nähe einer Platzierung laufen. Die Mehrzahl dieser Pferde läuft nach der ersten Einschätzung des Ausgleichers eigentlich nur noch, um wieder um Nachlass zu betteln. Es kann doch nicht sein, dass diese jungen Pferde meistens überschätzt und damit für den Ausgleich „rasiert“ werden, während man den Import-Pferden einen offensichtlichen Bonus gewährt. Eigentlich müsste es doch gerade umgekehrt sein.
Ich möchte mit diesen Anmerkungen weder dem Ausgleicher einen Vorwurf machen, der sich an die Vorgaben in der Rennordnung halten muss, noch die Trainer kritisieren, die erfolgreich mit den Import-Pferden operieren. Sie würden ihren Job nicht gut machen, wenn sie die derzeitige Situation nicht ausnützen würden. Wie ich aber aus einigen Gesprächen weiß, sehen sie durchaus die Ambivalenz der Geschichte.
Denn: Wie soll ein heimischer Trainer einen neuen Besitzer animieren, einen deutsch gezogenen Jährling zu kaufen, um ihm dann zu erklären, er müsse drei Jahre warten, um die „Neuerwerbung“ als geschonten Vierjährigen günstig in unserem Rennsystem platzieren zu können? Im Ausland gibt es doch genügend günstige, fertige Pferde zu kaufen, mit denen man in Deutschland sogar einen fetten Handicap-Bonus erhält. Der einzige Ausweg aus der Misere ist momentan, dem Pferd in Italien Inländergeltung zu verschaffen, denn dort sind nicht nur die Rennpreise höher, sondern auch das Rennsystem ist fairer zu jungen Pferden. Oder man startet in Frankreich in Verkaufsrennen oder den gut dotierten Handicaps. Was dazu führt, dass deutsche Rennvereine um dreijährige Starter betteln oder die Prüfungen ganz streichen müssen.
Auch wenn es die genannten Auswege für Pferdeeigner gibt: Es wird immer schwieriger für heimische Züchter, die ihren Nachwuchs auf einer deutschen Auktion anbieten, aber aufgrund fehlender Perspektive für das Pferd auf deutschen Rennbahnen keinen Käufer finden. In Deutschland muss endlich ein Rennsystem realisiert werden, das es den zwei- und dreijährigen durchschnittlich talentierten Pferden ermöglicht, zumindest drei oder vier Rennen zu gewinnen und damit für ihre Besitzer in etwa die Trainingskosten in dieser Zeit herein zu galoppieren. Derzeit sieht die Realität so aus: Wer mit einem durchschnittlichen Dreijährigen früh im Jahr ein Maidenrennen gewinnt oder zu sehr in die Nähe des Siegers kommt, kann zumindest den Rest der Saison dank Marken von 68 bis 70 Kilo vergessen. Das Pferd kann 60 Kilo, nicht mehr. Bis es auf diese Marke runter ist, muss es schon acht Mal ohne vollen Erfolg gelaufen sein. Wenn der Besitzer Glück hat, verdient das Pferd in dieser Zeit 1000 Euro. Das kann niemanden ermutigen, sich einen Jährling oder Zweijährigen anzuschaffen.
Wir brauchen ein Rennsystem, das in Zukunft auch dem durchschnittlichen Dreijährigen eine Perspektive geben kann und nicht nur das Management von älteren Import-Pferden leicht macht. „Secondo Maiden“ wie in Italien etwa wären ein guter Anfang, dann müsste allerdings die Maiden-Prämie gestrichen werden. Da laufen Dreijährige, die ein Sieglosen-Rennen gewonnen haben, bis zum zweiten Erfolg mit kleinem Mehrgewicht gegen Sieglose und Debutanten, deren Gewicht ebenfalls gestaffelt ist. Von den nach Gewinnsumme ausgeschriebenen, unzähligen verschiedenen Maiden- und Allowance-Rennen für Dreijährige in den USA ganz zu schweigen. Und wir brauchen ein flexibleres Handicap-System. Es wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung, das Preisgeld, das momentan machbar ist, sinnvoller zu verteilen. Der heimische Jährlingsmarkt wäre auch für deutsche Kunden wieder attraktiver. Es würden wieder mehr Pferde früher in den Rennstall einrücken und demnach auch wieder eher an den Start kommen. Es würde wieder mehr Starter für jedes Rennen geben. Und, nicht zuletzt: Junge Pferde am Start sind attraktiver für alle am Rennsport Beteiligten, für Veranstalter, Trainer, Besitzer und nicht zuletzt die Züchter.
Michael Luxenburger
© Text: Michael Luxenburger
© Foto: turfcast.de, München





