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Laute Rücktrittsforderungen gegen den Präsidenten

September 30, 2011 by  

Symbolbild von den Tribuenen in Riem. © turfstock.com/Baloghturfcast.net – Es war eine ruhige Pressekonferenz am letzten Mittwoch auf der Galopprennbahn in München. Rennvereinsmitglied Christian Dullinger (Geschäftmann und Gestütsbetreiber) sowie fünf weitere Mitglieder des Münchener Rennvereins e. V (MRV) hatten zur Pressekonferenz geladen, um die aktuelle Lage um den geplanten umstrittenen Grundstücksverkauf und weitere Geschehnisse der letzten Zeit zu erläutern.

Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung vom 13.09.2011 (turfcast.net berichtete) sollten die Weichen der krisengeschüttelten Münchner Galopprennbahn für die Zukunft gestellt werden. Der Verkauf der Rennbahnstraße, die Installation von Solaranlagen auf Stalldächern und der Verkauf des Trainingsgeländes waren die Hauptthemen, über die die 53 anwesenden Mitglieder abzustimmen hatten. Letztendlich kam es zum Zerwürfnis einer großen Mitgliedergruppe  mit dem amtierenden Präsidenten Dr. Norbert Poth und zum Rücktritt von drei Vorständen des gemeinnützigen Traditionsvereins  im Münchner Osten. Was war geschen?

Stephan Eigenstetter (Geschäftsmann und Mitglied MRV) erklärte,  dass der Rennverein einen ca. 5600 Quadratmeter großen Straßenteilbereich im Mai 2011 an die Stadt München für fast 150.000 Euro verkauft habe.  Das sei geschehen, ohne dass dessen Präsident Dr. Norbert Poth die Mitglieder auf einer Versammlung Ende April 2011 darüber informiert und sich die notwendige Legitimation, wie in der Vereinssatzung vorgeschrieben, eingeholt hat. Auf der außerordentlichen  Mitgliederversammlung am 13.09. wollte sich der Präsident den Deal mit der Stadt München im Nachgang absegnen lassen. Bei der Abstimmung konnte Poth jedoch nicht die vorgeschriebene dreiviertel Mehrheit einfahren.  Der Verkauf war damit ohne Legitimation in Eigenregie von Poth und dem Rechtsanwalt Labbé durchgezogen worden. „Das ist ein Satzungsbruch und ein Vertrauensschaden“, beschreibt Eigenstetter die Situation. Unterstützung bekommt er von dem ehemaligen Vizepräsidenten des MRV,  Bernd Weiss, der ebenfalls Kritik an der Arbeit des MRV-Anwalts Walter Labbé übt. „Er hätte in dem Kaufvertrag auf die nötige Zustimmung der Mitglieder des MRV hinweisen müssen“, sagt Weiss. Die Stadt München habe zudem einen zu hohen Preis gezahlt. Labbé hatte ein Angebot aus dem Rathaus von über 73.000 Euro.  Da die Stadt aber schnell bauen will, konnte er fast das Doppelte rausholen. „Er hat die Stadt auflaufen lassen“, kommentiert  Weiss das Immobiliengeschäft, der dadurch extreme Nachteile für den MRV bei zukünftigen Geschäften mit der Stadt befürchtet. Er will Poth dafür zur Rechenschaft ziehen und sieht genauso wie Eigenstätter, dass Poth hier einen vorsätzlichen Satzungsbruch begangen habe.

Weitere Kritik gab es an den  Solaranlagen, die auf den Dächern der maroden Stallungen der Galopper installiert werden sollten. „Wir würden uns nichts mehr wünschen als die Sanierung der Dächer und Stallungen“, kommentierte Dullinger diesen Punkt. Poth hatte das Projekt und die Verträge jedoch nicht ausgeschrieben, auch waren die Verträge später nicht einsehbar. Auch darüber sollte nachträglich abgestimmt werden. Der Solarunternehmer  will  bis zu 25 Jahre die Anlagen nutzen.  Notwendig wäre dazu die Belastung von Grundstücksflächen des Vereins mit einer beschränkten persönlichen Dienstbarkeit. Die Kritik richtete sich gegen die lange Laufzeit, in  der Rennverein nicht über seine Dächer verfügen kann. Auch habe es keine Angaben gegeben, ob für den MRV Provisionen in die Kasse fließen würden. Dr. Gabriele Seitz (Pferdezüchterin und Mitglied MRV) sprach hier von einem vereinsschädigenden Deal.

Scharfen Gegenwind bekam Poth dann für den geplanten Verkauf der Trainingsbahn an die Immobilienfirma Concept Real zwei GmbH, deren Geschäftsführer Erich Schwaiger ist. Weiss bemängelt die „vielen undurchsichtigen Vertragsinhalte“. Die Poth-Skeptiker ließen den Vertrag von mehreren Rechtsanwälten prüfen. Das einhellige Ergebnis sei gewesen,  dass der Vertrag mit den beiden Nachträgen sehr zum Vorteil des Käufers formuliert worden ist. Der Optionsnehmer kann sich demnach  bis 2033 überlegen, ob er die Trainingsbahn kaufen möchte. Der Rennverein kann in dieser Zeit nicht über seinen Grund und Boden verfügen und verliert damit die Möglichkeit, ein besseres Kaufangebot anzunehmen. Und sollte gebaut werden, muss der Rennvererin für Ausgleichsflächen sorgen, was mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden ist. Dass  der Kaufpreis an den Lebenshaltungsindex und nicht an den Baulandindex gekoppelt ist, birgt nach Meinung der Opposition ein großes finanzielles Risiko für den Verein. Doch die größte Gefahr sehen Weiss und Eigenstätter in dem Passus, dass dem Käufer oder mehreren Gläubigern die Möglichkeit eingeräumt wird,  nach erfolgter notarieller Beurkundung das Grundstück mit einer Grundschuld von bis zu einer Milliarde Euro zu beleihen. Theoretisch könnte der Käufer die Trainingsbahn aus der Grundschuld kaufen, befürchtete die Mehrheit der Mitglieder des Rennvereins und verwehrte Poth die notwendige Dreiviertelmehrheit.

Durch  die notarielle Beurkundung dieses Vertrags sind Kosten von fast 120.000 Euro aufgelaufen. Kosten für einen Verkauf,  für den Poth keinen Auftrag von den Mitgliedern erhalten hatte. Nach Ansicht von Weiss, Eigenstätter und  Seitz ein eindeutiger Satzungsverstoß. „Wir haben ihn (Poth) doch gewählt, jetzt sind wir enttäuscht“, kommentierte Antonie Bögl (Pferdezüchterin und Mitglied des MRV) das Vorgehen des amtierenden Präsidenten.

Unklar sei auch der hohe Geldabfluss aus der Vereinskasse. Weiss rechnete vor, dass bei Amtsantritt Poths über 700.000 Euro an Guthaben auf den Konten des MRV waren. Plus den fast 150.000 Euro aus dem Deal mit der Straße hatte der Verein eine Kapitaldecke von fast 900.000 Euro zur Verfügung. Der Verein habe in den letzten Jahren immer ein Zinsbelastung von über 400.000 Euro tilgen müssen und dennoch  seit 2008 wirtschaftlich gearbeitet. Dazu habe der Rennverein Einnahmen von über einer MillionEuro  aus Miet-/Pachteinnahmen.

Unverständnis löst auch ein neues Gruppe 2-Rennen in München aus. „Grupperennen rechnen sich nicht“, erklärte Weiss. „Um ein Grupperenennen wirtschaftlich zu veranstalten, muss ein Wettumsatz von über  einer Million Euro erwirtschaftet werden, ohne Sponsoren ist hier nichts zu verdienen“, so der ehemalige Vizepräsident weiter.

Der neue Renntag während der Wiesn-Zeit werde keine Zuschauermassen anziehen, prognostizierte Seitz.  Der Renntag ist aus Sicht der Skeptiker daher unvernüftig. „Da wird Geld vernichtet“, vermutet Weiss,  und er stellte die Frage in den Raum:  „Wollte man den Rennverein bewußt in die die Richtung einer Insolvenz treiben,  um mit dem Verkauf des Trainingsgeländes das Tafelsilber verkaufen zu können“?

Die Botschaft an Poth ist klar: „Rücktritt, um den Weg frei zu machen für Neuwahlen“, so Moderator Christian Dullinger. Seine Vision und die der fünf bei der Pressekonferenz anwesenden Mitglieder für die Zukunft des Münchner Rennvereins sei geprägt von demokratischem Verhalten, Transparenz in der Kommunikation von Vereinsdingen, Wertschöpfung im Sinne des Rennsports und einem angemessenen Umgang mit Risiken.

Und was sagt Dr. Norbert Poth zu den Vorwürfen? „Die Stadt brauchte ein Stück Gehweg“, erklärte Poth auf Nachfrage von turfcast.net. „Dass der Münchener Rennverein noch über den Straßenstreifen verfügte, wusste keiner im MRV“, berichtet Poth weiter. Und er schiebt noch nach, dass nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm für einen gewidmeten Grund, wieder hier vorliegt,  kein Rechtsanspruch bestehe. Der Kaufpreis liegt in dem Fall bei 0,50 Euro/Quadratmeter. Die Stadt hat 13 Euro geboten und Labbé 26 Euro rausgeholt. „Es war im Mai  kein Geld mehr für die Gehälter vorhanden“, bescheibt der Präsident die damalige Lage. Nur durch einen Griff in seine Privatschatulle habe Poth schlimmeres verhindern können. „Der Verkauf der Straße war das Beste für den Verein“, rechtfertigt er sein Handeln.

Was sagt der Präsident zu dem Vertrauensbruch gegenüber den Mitgliedern? „Es tut mir Leid, da haben sie Recht – In dem,  dass die Mitglieder übergangen worden sind. Es war aber ein mords Deal“.

Und der geplante Verkauf der Trainingsbahn? „Ich verhandle mit Schwaiger nicht mehr weiter!“, sagt Poth. Am 18. September hat er an Helmut von Fink einen Brief geschrieben,  um auf dessen Gegenangebot für das Grundstück einzugehen. Poth warte jetzt auf ein formuliertes Angebot des Bankiersohns. Dass er, wie in einigen Medien berichtet,  an dem „Schwaiger-Deal“ festhält,  „Ist falsch“, so Poth.

Wie erklärt Norbert Poth den Vertragsinhalt, dass der Käufer oder mehrere Gläubigerdas Grundstück mit einer Grundschuld bis zu einer Milliarde beleihen dürfen? „Erst wenn der Käufer den kompletten Kaufpreis bezahlt hat, und nicht vorher, also wenn das Grundstück letztendlich ihm gehört, kann er es doch beleihen so viel er will. Da könnten auch 10 Milliarden stehen“, erklärt er den umstrittenen Paragraphen.

Und was gibt es zu den Rücktrittsforderungen zu sagen? „Sollen sie doch einen Gegenkandidaten aufstellen“, fordert Poth die Oppositon heraus.

Enttäuscht ist  Poth über einen  Offenen  Brief an die Sport-Welt,  der u.a. seinen Rücktritt fordert. Er war unterzeichnet mit „Mitglieder des MRV“. Aus Sicht des Präsidenten ist so ein Vorgehen „feige und gemein.“

© Foto: turfstock.com, München

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