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Good bye Goldikova, Midday, Vanjura

November 11, 2011 by  

Hemke Label Zazou © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Es gibt Wochenenden, an denen passiert so einfach gar nichts. Man starrt die Decke an, hört die Uhr ticken und schon das Summen einer Stubenfliege stellt eine willkommene Abwechslung dar. Und es gibt andere Tage, an denen der Strom der Ereignisse nicht abreißt. Danach ist dann irgendwie alles ein bisschen anders als zuvor.

Ein solches Wochenende hatte der deutsche Rennsport erst Anfang Oktober und wenn man mal eine etwas erweiterte, kontinentale Perspektive einnimmt, dann war das vergangene Wochenende auch so eines. Nun bringen die großen internationalen Renntage am Ende einer Saison es so mit sich, dass sich lieb gewonnene Heroen von der Bahn verabschieden, um in die Zucht zu wechseln. Dazu gehörten beim US-amerikanischen Breeders´ Cup im fernen Churchill Downs nun die beiden großartigen Stuten Midday und Goldikova.

Die 14fache Gruppe I-Siegerin aus dem Stall von Freddie Head konnte in dieser Saison nur noch zwei ihrer sechs Auftritte gewinnen, so dass die Niederlage gegen den 658:10-Außenseiter Court Vision in der Breeders´ Cup Mile nicht völlig unerwartet kam. Natürlich hatten dem Publikumsliebling nicht nur die Franzosen die Daumen gedrückt, auch die Eigner des Sensationssiegers äußerten ein gewisses Bedauern, dass ihr Pferd ausgerechnet gegen Goldikova gewonnen habe. Allerdings musste deren Team letztendlich froh sein, dass diese ihren dritten Rang behalten durfte. Allzu riskant mutete das Manöver ihres Steuermanns Olivier Peslier an, als er sie zu Beginn der Zielgeraden aus einer Tasche an den Rails nach außen auf die freie Bahn ziehen musste. Dabei schnitt sie auch die beiden Pferde, die ihr die Niederlage beibrachten. Hätte die Anabaa-Tochter gewonnen, wäre es kaum vorstellbar gewesen, dass sie ihren Titel behalten hätte – bei aller Sympathie für die große alte Dame der Meile.

Khalid Abdullahs sechsfache Gruppe I-Siegerin Midday hingegen, die bei ihrem finalen Karrierestart im Breeders´Cup Turf nur Sechste – zwölfeinhalb Längen hinter St Nicholas Abbey – wurde, wird ihren Fohlen einige abenteuerliche Schwänke aus ihrer Rennkarriere erzählen können. Zum Beispiel von ihrer großen Rivalin Sariska, die sie erst besiegen konnte, als diese im vergangenen Jahr ihre Selbstpensionierung beschloss und in zwei Toplevel-Prüfungen für die Damen, den Yorkshire Oaks und im Prix Vermeille von Longchamp, zwar in die Boxen einrückte, dort aber dann trotz allen guten Zuredens stehen blieb. Auch der Triumph der irischen Familie O´Brien in ihrem letzten Rennen, dem 3 Mio. US-Dollar schweren Breeder´s Cup Turf, dürfte eine Anekdote unter dem Titel „Wenn der Vater mit dem Sohne“ Wert sein. Immerhin ist Joseph O´Brien auf dem von seinem Vater Aidan trainierten Ballydoyle-Hengst St Nicholas Abbey der jüngste Sieger in der Geschichte des Breeders´ Cup. Fast unnötig zu erwähnen, dass auch noch niemals ein Sohn einen von seinem Vater trainierten Hengst im Breeders´ Cup zum Erfolg führte.

Eine weitere hübsche Rennsport-Posse bot der Einlauf des mit 5 Mio. US-Dollar BC Classic, des prestigeträchtigen Hauptrennens des Rennwochenendes, in dem der einzige europäische Vertreter, Aidan O´Briens So You Think guter Sechster wurde. Ein Jahr nach dem gegen Blame so unglücklich auf den letzten Metern verschenkten zweiten BC Classic-Erfolg der bis dahin ungeschlagenen Superstute Zenyatta, gelang deren ständigen Jockey Mike Smith die persönliche Wiedergutmachung. Mit einem von diesem Pferd noch nicht gesehenen Endspurt überrannte der von Bill Mott trainierte Drosselmeyer von außen kommend acht Pferde und hatte am Zielpfosten anderthalb Längen Vorsprung. Noch 150 m vor dem Pfosten hatte es nach einem Start-Ziel-Erfolg von Bob Bafferts Schützling Game on Dude unter Chantal Sutherland ausgesehen – Mike Smiths Ex-Freundin. Sie wäre mit einem Erfolg die erste Amazone gewesen, die den BC Classic gewonnen hätte. Hätte ihr der Ex mit Drosselmeyer nicht den Spaß verdorben. Ob Mike Smith damit irgendwelche offenen Rechnungen begleichen konnte oder er ihr einfach nur eine Nase gedreht hat, wurde nicht kolportiert.

Diesseits des großen Teichs richtete sich der Fokus ein letztes Mal auf die römische Rennbahn von Capannelle, wo mit dem mit 297.000 Euro dotierten Premio Roma über 2000 m die letzte Gruppe I-Prüfung für die älteren Pferde ausgetragen wurde. Das Rennen bestritten immerhin gleich vier deutsche Pferde gegen vier italienische Kollegen und ergänzt um den Vorjahressieger, Godolphins Rio de la Plata unter Frankie Dettori. Nach dem natürlichen Lauf der Dinge hätte Rio de la Plata gewinnen müssen gefolgt von dem konstantesten der italienischen Grand Prix-Pferde, dem Schimmel Voilà Ici. Die deutschen Pferde hätten im Zweifel die Plätze drei bis sechs unter sich ausgemacht. Doch Galoppsport ist, wenns anders läuft.

So fasste sich Mickael Barzalona auf dem von Waldemar Hickst trainierten Zazou ein Herz und löste den vielleicht allzu früh auf der Zielgerade führenden Russian Tango unter Eduardo Pedroza an der Spitze ab und zog auf einige Längen davon. Frankie Dettori auf Rio de la Plata beantwortete diese Attacke einen Hauch zu spät. Zwar kam der Godolphin-Hengst auf den letzten hundertfünfzig Metern noch stark auf, aber der Pfosten stand für Zazou genau richtig. Er gewann mit einem kurzen Kopf. Dahinter stellte sich dann die korrekte Reihenfolge ein: „Natürlich“ gelang es Voilá Ici noch Russian Tango ebenfalls auf der Ziellinie mit einem Kopf das dritte Preisgeld wegzuschnappen. Fünfter wurde der Schlenderhaner Mawingo unter Adrie de Vries und Sechster Schiergens Lindenthaler unter Andrasch Starke. Zazou, der eigentlich seinen letzten Karrierestart bestreiten sollte, wird dem Vernehmen nach jetzt vermutlich doch nochmals antreten. So ein Gruppe I-Rennen gewinnt man ja auch nicht alle Tage. Hongkong könnte jetzt sein Ziel sein.

Auch an diesem römischen Renntag galt es, noch eine sympathische Stute zu verabschieden, der leider der ersehnte Gruppe I-Erfolg in ihrer Karriere versagt blieb. Immerhin schlug die von Roland Dzubasz trainierte Vanjura zum Abschluss nochmals gute Hengste auf Gruppe II-Level im mit 153.000 Euro dotierten Premio Ribot über die Meile. Mit einer Länge Rückstand das Nachsehen hatte der auch von deutschen Bahnen bestens bekannte Godolphin-Hengst Emmerald Commander, Andreas Wöhlers Indomito wurde Fünfter.

© Foto: turfstock.com, München

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