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Gold für John und Jessica

März 18, 2017 by  

17.03.2017 - Cheltenham; Winners presentation with Ann and Alan Potts. Jockey Robbie Power kissing Sizing John after winning the Timico Cheltenham Gold Cup Chase (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.comMichael Luxenburger – Man lernt ja auch im vorgerückten Alter nie aus. Vor allem, wenn man mit einem so angenehm unkonventionellen Menschen wie dem Fotografen unterwegs ist. Und so hat der Autor endlich erfahren, wie man indisches Essen korrekt zu sich nimmt. Aber dazu später. Zuerst das wirklich Wichtige: Die Iren holten sich auch den Gold Cup. Sizing John ist der neue King.
Wie an jedem Tag hier beim Cheltenham Festival wurde es auch am Donnerstag wieder ziemlich spät, bis wir das schicke Media Center verlassen konnten. Das präsentiert sich übrigens nicht nur von der Örtlichkeit her mittlerweile in exzellentem Zustand. Was waren das noch für Zeiten, als wir in einer windigen, zugigen Bude im Guinness Village zusammengepfercht waren . . . Die freundliche Catering Crew bemüht sich intensiv um das Wohl der Pressemenschen, was darin gipfelt, dass eine charmante ältere Inderin jeden Abend die Runde macht und fragt, ob man denn noch irgend etwas zu essen oder zu trinken möchte, da das Personal demnächst nach Hause gehen würde. Zuvor schon tauscht sie kalt gewordene Capuccino-Reste gegen frischen aus. Der Wohlfühlfaktor ist also hoch und wird nur von der Tatsache getrübt, dass sich viele englische Kollegen zuhause wohl durch Pfannkuchen fressen, um in das oder aus dem Haus gehen. Dass man Türen auch schließen kann, ist ihnen wohl neu. So heizt der Presseraum die abendlich äußerst kalte Rennbahn auf, und wer nahe der Türe sitzt, braucht Moon Boots und lange Unterhosen. Aber sonst ist alles prima.

16.03.2017 - Stratford; Indian cuisine. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

16.03.2017 – Stratford; Indian cuisine. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Es wurde also wieder so spät, dass der Koch aka Schlosser des Inn erneut bereits nach Hause gegangen war. Was irgendwie verständlich ist, bereitet er ja jeden Tag ab 8 Uhr das hervorragende English Breakfast zu (genial, die Bratwürste!). Wir waren ja schon in einigen englischen Hotels, aber das Breakfast im Mary Arden Inn in Wilmcote, einem kleinen Ort nahe Stratford Upon Avon, ist das bisher beste. Also saßen wir hungrig im Pub des Hauses vor unserem Bier, als die Wirtin den Vorschlag machte, wir könnten doch etwas bei einem Take Away bestellen. Das ginge ganz einfach via Internet. Der erste Vorschlag, ein Laden namens Istanbul, war dank des wild gewordenen Bosporus-Heinis sofort unten durch. Außerdem gab es da alles, von Pizza über Chicken Wings bis Kebab, was bei uns alle Alarmglocken läuten ließ. Da klang der Inder mit dem viel versprechenden Namen Balti Kitchen schon deutlich besser. Da wir mit der Internet-Bestellung nicht zurande kamen, bot uns die Wirtin an, die Order per Telefon zu machen. Diverse Tikka und Tandori Dishes, Pepsila und Shahi Tarka wurden geordert, und schon nach 20 Minuten kam der Bote aus Stratford Upon Avon mit einer Vespa an und überreichte uns freundlich lächelnd eine gut gefüllte Plastiktüte. Leider nicht uns, sondern dem Fotografen, der sie augenblicklich fallen ließ. Mittlerweile hatte die Wirtin zwei Teller und Besteck gebracht.
Der Fotograf blickte verschämt zu Boden (da lagen Tikka, Pepsila und Tandori, Salat und Nan) und schüttete dann den Inhalt aus der Tüte auf die Teller. Gerechterweise muss man aber erwähnen, dass die Vorspeise – der Fotograf hatte runde Dinger aus Huhn und Pakora, die aussahen wie behaarte Billardkugeln, der Autor Tikka Huhn mit Unmengen von Ingwer und Zwiebeln – in ihren Schälchen geblieben war.
Das Essen war vorzüglich. Gut gewürzt, nicht zu fett, und noch richtig heiß. Ein Hoch auf den Take Away-Inder und die nette Wirtin!
Aber nun zum Spocht.
Das Triumph Hurdle, die Gruppe 1-Prüfung für die Vierjährigen, sah im Favoriten Defi Du Seul (Richard Johnson/Philip Hobbs, 5/2) einen überlegenen Sieger. Fünf längen Vorsprung hatte er nach einem Rennen auf Warten vor Mega Fortune (Davy Russell/Gordon Elliott, 7/1), der sich seinerseits gegen Bapaume (Ruby Walsh/Willie Mullins, 10/1) mit kurzem Kopf durchsetzen konnte. Als Johnson vor dem letzten Sprung Ernst machte, war es um die Gegner schnell geschehen. Ein großes Rennen lief der Riesenaußenseiter ExPatriot, der auf dem Weg zum Start seine Reiterin Rachael Blackmore absetzte und eine halbe Extrarunde drehte. Eingangs der Gerden hatte er jede Chance, doch dann verließen ihm im Finish die Kräfte, so dass nur der vierte Platz heraussprang. Der zweite Favorit Charli Parks kam nach einem guten Moment vor dem letzten Sprung nicht mehr weiter und landete auf Rang 6.
„Um ehrlich zu sein, war ich das ganze Rennen nur der Passagier“, sagte Richard Johnson mit einem Augenzwinkern über die Überlegenheit von Defi Du Seuil. „Er war das beste Pferd im Rennen, er sprang und ging immer gut. Ich war immer glücklich mit ihm. Es ist einfach eine Ehre, dieses Pferd reiten zu dürfen.“ Freudentränen hatte Trainer Philip Hobbs in den Augen. „Das ist so eine Erleichterung! Er war das ganze Jahr lang Favorit, und es ist einfach großartig, wenn es dann gut geht. Er ist so ein fantastisches Pferd.“ Befragt nach den Zukunftsplänen für Defi Du Soleuil, meinte Hobbs: „Champions Hurdle oder Arkle, das werden wir sehen. Er könnte beides machen.“

17.03.2017 - Cheltenham; Defi Du Seuil ridden by Richard Johnson wins the JCB Triumph Hurdle Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

17.03.2017 – Cheltenham; Defi Du Seuil ridden by Richard Johnson wins the JCB Triumph Hurdle Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

418 Tage hatte er keine Rennbahn mehr gesehen, doch der in Deutschland gezogene Soldier Hollow-Sohn Arctic Fire (Paul Townend/Willie Mullins, 20/1), Zweiter im Champion Hurdle 2015, erinnerte sich im County Hurdle an alte Klasse. Das war eine großartige Trainingsleistung des irischen Champions, der damit seinen fünften Sieg beim Festival feierte. In einer heißen Kampfpartie setzte er sich nach einem Rennen aus der Reserve mit kurzem Kopf gegen L’Ami Serge (Daryl Jakob/Nicky Henderson, 25/1) durch, und mit Ozzie The Oscar (Tom O’Brien, Philip Hobbs, 50/1) landete ein weiterer Außenseiter auf Platz drei. Erst dahinter landete mit Air Horse One (Noel Fehily/Harry Fry, 10/1) eines der gemeinten Pferde. Alte Klasse setzte sich hier also durch, denn L’Ami Serge war 2015 Fünfter im Supreme Novices Hurdle gewesen und hatte danach sogar ein Gruppe 1-Rennen gewonnen. Wakea hatte mit Donagh Meyler einen Ausreißversuch gestartet und war eingangs der Zielgeraden noch mit etwa 20 Längen vorne gelegen, doch dann kamen die Räuber. Joey Sasa, der Tipp des Autors, kam in guter Haltung als sechstes Pferd zum vorletzten Sprung, machte dort aber einen üblen Fehler.
„Das war vielleicht ein Trainingskunststück von Willie Mullins, Arctic Fire nach so langer Renbahnabstinenz wieder zurück zu bringen“, sagte Paul Townend nach dem Rennen. „Er hatte Höchstgewicht, aber das nicht ohne Grund. Er ist ein Klassepferd. Ich ritt ihn im Wissen, dass er das beste Pferd ist, und das hat sich glücklicherweise ausgezahlt. „Eigentlich hatte ich ja nach den Arbeitsleistungen Reneti favorisiert. Ich dachte eher, dass wir Arctic Fire laufen lassen, um seinen Besitzern eine gute Zeit zu machen.“ Mullins gab dann noch die aktuelle Information über den Gesundheitszustand von Douvan: „Er hat eine Stressfraktur des linken Darmbeins. Eine Weile Ruhe in der Box, und dann sollte er wieder in Ordnung sein.“

17.03.2017 - Cheltenham; Arctic Fire (No.1) ridden by Paul Townend chased home by the field wins the Randox Health County Handicap Hurdle (Grade 3) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

17.03.2017 – Cheltenham; Arctic Fire (No.1) ridden by Paul Townend chased home by the field wins the Randox Health County Handicap Hurdle (Grade 3) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Und wieder Willie Mullins. Allerdings nicht mit dem gemeinten Pferd, Augusta Kate, sondern mit der zweiten Wahl Penhill. Paul Townend holte im Albert Bartlett Novices‘ Hurdle mit dem Mount Nelson-Sohn, der für Luca Cumani ordentliche Flachklasse gezeigt hatte, bereits seinen zweiten Tagessieg. Als er mit dem immer gut springenden Penhill in der Geraden Ernst machte, war es um den in guter Haltung innen in den Einlauf kommenden Monalee (David Mullins/Henry De Bromhead, 8/1) schnell geschehen. Man muss allerdings sagen, dass sich Mullins Eingangs des Bogens ziemlich rüde Platz geschaffen hatte, was auf Kosten des Favoriten Death Duty geschah. Der machte dann am letzten Hindernis einen Fehler, den Brian Cooper nicht aussitzen konnte. Auch der Sieger wurde am vorletzten Hindernis behindert, so dass ihn Townend ganz nach außen nehmen musste. Um so höher ist seine Leistung einzuschätzen. Noch gravierender war bei dieser Gelegenheit die Behinderung von Constantine Bay. Der kam fast zum Stehen und konnte das trotz einer guten Schlussleistung nicht mehr aufholen.

17.03.2017 - Cheltenham; Penhill ridden by Paul Townend wins the Albert Bartlett Novices Hurdle (Registered As The Spa Novices Hurdle Race) Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

17.03.2017 – Cheltenham; Penhill ridden by Paul Townend wins the Albert Bartlett Novices Hurdle (Registered As The Spa Novices Hurdle Race) Grade 1 at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Und dann der Gold Cup. Man hatte zwar Sizing John durchaus auf dem Radar, doch zweifelten viele sein Stehvermögen an, schließlich war er ja im vergangenen Jahr Zweiter im über eine Meile kürzeren Arkle gewesen. Auffällig war schon bald, wie gut der Schützling von Jessica Harrington unterwegs war und wie sicher er sprang. Nach dem viertletzten Sprung machte er zügig Boden gut, führte kurz nach dem vorletzten Hindernis und baute den Vorsprung nach dem letzten aus. Doch dann kamen die Räuber. Die waren schon am drittletzten Sprung um ein chancenreiches Pferd dezimiert, denn Cue Card fiel wie im Vorjahr am drittletzten Sprung, als er noch ausgezeichnet zu gehen schien. Djakadam, den die Wetter zum Favorit gemacht hatten, machte am vorletzten Sprung einen Fehler und kam danach nicht weiter, nachdem er kurz vorne gewesen war. Er landete schließlich auf Rang vier. Während Native River (Richard Johnson/Colin Tizzard, 7/2) vorne unverdrossen weiter kämpfte und sogar kurz für den Sieg infrage zu kommen schien, rauschte von hinten Minella Rocco (Noel Fehily/Jonjo O’Neill, 18/1) heran und schnappte sich noch das zweite Geld vor dem Tizzard-Schützling, der seine hohe Einschätzung voll bestätigte.
„Es ist unglaublich“, sagte der Siegreiter nach dem Rennen. „Jessica Harrington ist ein Genie. Ich hatte immer die Überzeugng, dass das Pferd stehen kann. Alles lief perfekt. Ich hatte ein komplett störungsfreies Rennen.“ Harrington, deren erster Starter im Gold Gup Sizing John war, meinte: „Ich kann es echt nicht glauben. Er war absolut fantastisch. Es war sein großartiges Springen, das ihm den Sieg gebracht hat.“ More Of That konnte im Finish nicht zulegen und landete auf Rang sechs. Die Enttäuschung des Rennens war Outlander, der früh angeschoben werden musste und 51 Längen hinter dem Sieger auf Rang 10 einkam.

17.03.2017 - Cheltenham; Sizing John (yellow-green) ridden by Robbie Power wins the Timico Cheltenham Gold Cup Chase (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: Minella Rocco ridden by Noel Fehily (green-yellow silks). Third place: Native River ridden by Richard Johnson (blue-red-yellow silks). Fourth place: Djakadam ridden by Ruby Walsh (pink silks). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

17.03.2017 – Cheltenham; Sizing John (yellow-green) ridden by Robbie Power wins the Timico Cheltenham Gold Cup Chase (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Second place: Minella Rocco ridden by Noel Fehily (green-yellow silks). Third place: Native River ridden by Richard Johnson (blue-red-yellow silks). Fourth place: Djakadam ridden by Ruby Walsh (pink silks). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Den Gold Cup der Amateure holte sich Pacha Du Polder (Miss Brierie Frost/16/1) gegen Wonderful Charm (Miss Katie Walsh, 7/2), womit Trainer Paul Nicholls, der bisher nicht ein Pferd in die Platzierung gebracht hatte, einen Doppelerfolg feierte. Keine Überraschung dagegen war der Sieg von Champagne Classic (John Slevin/Gordon Elliott, 12/1) im Martin Pipe Conditional Jockeys Handicap Hurdle, und auch der Sieger im abschließenden Johnny Henderson Grand Annual Challenge Cup war nicht unerwartet, denn mit Rock The World (Robbie Power/Jessica Harrington, 10/1) setzte sich der Vorjahresdritte durch und gab Jessica Harrington’s großartigem Festival mit drei Siegern das Sahnehäubchen.
Tja, das war’s mit dem viertägigen Wahnsinn in den Cotswolds. Da Fotograf und Autor jeder je einen guten Tag mit satten Wettgewinnen hatten, kamen sie unverletzt aus dem Festival davon. Auf ein Neues 2018.

© Fotos: turfstock.com, München

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