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Fünfmal Irland am St. Patrick’s Day

März 12, 2020 by  

Michael Luxenburger – Der Autor hatte einen üblen Traum. Corona ging in Cheltenham viral, das ganze Rennbahngelände im Prestbury Park wurde zur Hochrisikozone erklärt. 65 000 Leute unter Quarantäne. Es gab dann zwar Guinness for free und Champagner ohne Ende, aber Hummer &Co. waren schnell vergriffen, und bald gab es nur die roten, mit gefärbtem Fett und Sägemehl gefüllten Würstchen, die man in billigen Hotels zum English Breakfast serviert bekommt. Als dann noch Meetingsbanker Paisley Park in seinem Traum wie später auch in Wirklichkeit unterging, wachte der Autor auf. Leider war ihm aber der 50/1-Sieger des Stayers Hurdle, Lisnagar Oscar, nicht im Traum erschienen.  Einer der nur zwei nicht irischen Sieger der sieben Rennen am St. Patrick’s Day.

Der Fotograf musste einen Schreckensmoment im Pressezelt überstehen, als er sein Handy nicht finden konnte. Der Autor riet ihm, doch mal am Auto nachzusehen. Tatsächlich lag das iPhone auf dem Dach des kobaltblauen Spacemobils. Da der Fotograf heute morgen unter dem Eindruck eines wirklich leckeren Full English Breakfast (mit Blutpudding!) den Autor erneut für seine Kochkünste lobte, sei hier mal eine Lanze für englische Lebensmittel gebrochen, die ähnlich wie die dortige Küche deutlich besser als ihr Ruf sind. Und jeder Koch ist ja nur so gut wie die Ingredienzen, die ihm zur Verfügung stehen.

Beim abendlichen Einkauf im Waitrose Supermarkt, der es an Klasse mit der Kaufhof Galleria aufnehmen kann, hat man zum Beispiel beim Fisch Auswahl unter fünf Variationen frischen Lachses, gekrönt von Sockeye-Wildlachs zu einem absolut erschwinglichen Preis. Oder die Vielfalt der Bratwürste, alle von exzellenter Qualität. Fünf verschiedene regionale Sorten, deren Fleisch von im Freien lebenden Schweinen stammt – gezeugt von Ebern mit edlem Pedigree, wie der Aufschrift auf der Packung zu entnehmen ist. Wir hatten uns bisher für die köstlichen Lancasterchire Sausages entschieden, werden morgen vielleicht die aus Berkshire probieren, die eine etwas andere Textur haben (und einen anderen Eber als Sauenproduzent). Wenn man in der Countryside unterwegs ist, dann sieht man die prächtigen Tiere in ihren großzügigen Freiluft-Koben. Auch das Geflügel ist überwiegend lokal, also von kleineren Farmen aus der Gegend. In seiner ganzen Laufbahn als Hobbykoch hat der Autor noch nie einen so zarten, saftigen frischen Ingwer verwenden dürfen. Mit solchen Zutaten kann man schon kochen. Mit Grauen denkt er daran, was uns Deutschen in den Supermärkten zugemutet wird. Aber wir schlucken ja alles. Hauptsache, das Kilo Halsgrat kostet 3.99 Euro.

Aber genug vom Essen.  Jetzt endlich zum Spocht.

Die große Frage vor dem ersten Rennen, der mit 150 000 Pfund dotierten Marsh Novices Steeple Chase, stellte „The Mashine“ Faugheen (Paul Townend/Willie Mullins, 3/1): Kann ein Zwölfjähriger dieses Top-Rennen für Novices gewinnen? Der Sieger des Champion Hurdle 2015, immer wieder von Verletzungen geplagt, zeigte eine beeindruckende Leistung, die nach einem packenden Finish zwischen drei Pferden mit Rand drei belohnt wurde. Den Sieg fighteten in einer Ding Dong Battle Melon (Patrick Mullins/Willie Mullins, 14/1 ) und Samcro (Davy Russell/Gordon Elliott, 4/1) aus, wobei Letzterer nach Zielfotoentscheid buchstäblich die Nase im Ziel vorne hatte. Das riss die Zuschauer auf den voll besetzten Tribünen von den Stühlen. Der mit 7/2 stark gewettete Itchy Feet war schon früh aus dem Rennen,als sein Jockey Gavin Sheehan einen heftigen Rumpler seines Pferdes am vierten Sprung nicht aussitzen konnte.

12.03.2020 – Cheltenham; Samcro ridden by Davy Russell wins the Marsh Novices‘ Chase (Grade 1) (Registered As The Golden Miller) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

„Er ist das vorletzte Hindernis sehr schlampig gesprungen“, doch über das letzte ist er dann geflogen“, sagte ein zufriedener Davy Russell nach dem Rennen. „Mein Pferd ist mutig wie ein Löwe, mit dem letzten Galoppsprung ging es wieder an Patrick’s Pferd vorbei.“ Nach einer Eloge auf den Besitzer Gigginstown Stud (Ryanair) beschrieb er Samcro näher: „Alle mögen ihn. Er ist ein sanftes Pferd mit einer tollen Attitüde, er versucht immer, dich zufriedenzustellen. Ich weiß, er ist noch ein Novize, aber ein sehr professioneller. Zuletzt lief er nicht so gut, doch Gordon meinte, dass da immer noch Feuer in Samcro brenne. Er veränderte einfach ein paar Dinge in der Routine. Für Gordon gibt es keine festen Regeln – das ist das Schöne an ihm.“

„Er war sozusagen das vergessene Pferd“, meinte Gordon Elliott über seinen Samcro, dem man sogar einen neuen Stall gebaut hatte, damit er im Freien bleiben konnte, was er so sehr mag. „Die Mädels im Stall und Jack Madden, der sich jeden Tag um ihn kümmert, haben Tag und Nacht daran gearbeitet, dieses Pferd hinzubekommen. Er war verschleimt, und es war sehr schwierig, das abzustellen. Aber es hat ja geklappt. Das war schon ein tolles Gefühl, ihn gewinnen zu sehen. Es ist einfach großartig, ihn zurück zu haben.“

Wenn es läuft, dann läuft es. Der Spruch kostet zwar fünf Euro ins Phrasenschwein, aber speziell beim Cheltenham Festival hat er seine Berechtigung. Denn im zweiten Rennen, dem Pertemps Network Final Handicap Hurdle über knapp fünf Kilometer, setzte sich das Pferd durch, das dem Führenden in der Besitzer-Wertung gehört, vom bisher erfolgreichsten Jockey geritten wurde und vom vorne liegenden Trainer betreut wird. Das Höchstgewicht Sire Du Berlais (Barry Geraghty/Gordon Elliott, (10/1) rang in einem spannenden Finish den Stallgefährten The Storyteller (Davy Russell/Gordon Elliott, 11/2) nieder. Der Schimmel Tout Est Permis (Eoin Walsh/Noel Meade, 14/1) belegte klar dahinter Rang drei. Damit gewann Sire Du Berlais zweimal hintereinander dieses Rennen. Dieses Kunststück war zuletzt Buena Vista 2010 und 2011 gelungen.

12.03.2020 – Cheltenham; Sire Du Berlais ridden by Barry Geraghty wins the Pertemps Network Final Handicap Hurdle (Grade 3) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Trainer  Elliott hatte dem siegreichen Höchstgewicht erstmalig Scheuklappen angelegt, „nur um ihn etwas schärfer zu machen. Ich hatte allerdings Sorgen wegen des sehr weichen Bodens. Doch Barry holte alles aus ihm heraus.“ Seinen fünften Sieg beim Festival 2020 kommentierte er so: „Meine Pferde laufen einfach überragend.“ Jockey Barry Geraghty hatte schon vor dem Rennen ein gutes Gefühl: „Ich dachte mir, dass mein Pferd eine gute Chance haben müsste, obwohl er drei Pfund mehr Gewicht als im vergangenen Jahr tragen musste. Vom Start weg war er im Geld und fegte nur so über die Hürden.“

Es war schon früh abzusehen, dass der Favorit der mit 350 000 Pfund dotierten Ryanair Chase zumindest nicht leicht gewinnen wird. Denn A Plus Tard (Rachael Blackmore/Henry De Bromhead, 7/4) sendete bereits vor dem drittletzten Sprung Notsignale, seine Reiterin musste ihn da bereits aufmuntern. Ganz anders der spätere Sieger Min (Paul Townend/Willie Mullins, 2/1) der das Rennen von vorne bestimmte und auch im Finish stark genug war, den stark aufkommenden Außenseiter Saint Calvados (Gavin Sheehan/Harry Whittington, 16/1) knapp in Schach zu halten. A Plus Tard wurde eineinhalb Längen dahinter Dritter.

12.03.2020 – Cheltenham; Winners presentation with (from left) Rich Ricci, jockey Paul Townend and Susannah Ricci, after winning the Ryanair Chase (Registered As The Festival Trophy) (Grade 1) with Min at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

„Im vergangenen Jahr hatten wir in der Queen Mother Champion Chase die falsche Taktik gewählt. Wir haben die Lektion gelernt. Er liebt es eben, das Rennen von vorne anzugehen“ sagte Min’s Trainer Willie Mullins. „Er ist heute fantastisch gesprungen. Damit hat er die anderen unter Druck gesetzt.“ Jockey Paul Townend fügte hinzu: „Wir haben anfangs ordentlich Tempo gemacht. Als wir wieder vor den Tribünen waren, habe ich Gas weg genommen, und er hat einen feinen Rhythmus in seinen Sprüngen gefunden. Er ist ein unglaubliches Pferd, und ich bin sehr froh, dass er hier seinen großen Tag feiern konnte.

Der Favorit des Stayers Hurdle, Paisley Park, ließ seine Anhänger dagegen schon etwa 600 Meter vor dem Ziel vor Schreck erstarren. Denn der Schützling von Trainerin Emma Lavelle, der in dieser Saison die Szene der Staying Hurdlers eindeutig dominiert hatte, ging da bereits keinen Meter und musste sich quälen, um einigermaßen Anschluss an die vorderen fünf Pferde zu halten. Aus dieser Gruppe erwies sich dann Lisnagar Oscar (Adam Wedge/Rebecca Curtis, 50/1) als stärkstes Pferd, der nach Kampf mit Ronald Pump (Brian Cooper/Matthew Smith, 20/1) und Bacardays (Patrick Mullins/Willie Mullins, 33/1) zwei weitere Außenseiter auf die Plätze verwies. Das schraubte die Quoten von Zweier- und Dreierwette mit 14 640:10 respektive 283 806 :10 in astronomische Höhen. Die stark gewettete Apples Jade war das Rennen angegangen, als habe sie Hummeln unter der Satteldecke. Doch ihre meilenweite Führung hielt nur etwa zwei Drittel des Rennens.

12.03.2020 – Cheltenham; Winners presentation with jockey Adam Wedge and connection after winning the Paddy Power Stayers‘ Hurdle (Grade 1) with Lisnagar Oscar at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Paisley Parks Trainerin Emma Lavelle war verständlicherweise enttäuscht von ihrem Pferd, das nur auf Platz sieben landete. Der 4/6-Favorit „sprang nicht so flüssig wie üblich. Ob das am Boden lag oder einen anderen Grund hatte, weiß ich nicht“,meinte Lavelle. „Normalerweise tankt er sich förmlich durch ein Rennen. Das war heute nicht der Fall“, sagte sie. „Aber Pferde sind eben doch keine Maschinen.“

Für Trainerin Rebecca Curtis, die dreieinhalb Monate zuvor Mutter einer Tochter geworden war, kam der Sieg nicht völlig überraschend: „Er war schon zuletzt ein großes Rennen gelaufen. Zu Beginn der Saison ging überhaupt nichts, und dann fanden wir heraus, dass er neben anderen Wehwehchen Magengeschwüre hatte. Wir behandelten das, und plötzlich ging es ihm super gut. Adam ist ein sehr solider Jockey. Ich freue mich total für ihn, dass er nun seinen ersten Sieger beim Festival geritten hat. Er hat dem Pferd einen brillanten Ritt serviert.“

Das Mares Novices Hurdle wird meistens eine Beute von Willie Mullins. Und auch diesmal stellte er mit Concertista den Sieger, die nach dem letzten Sprung unter Daryll Jacob auf und davon ging. Dolcita (Robbie Power, 9/1) aus dem selben Stall wurde weit dahinter Zweite vor der Riesenaußenseiterin Rayna’s World (Thomas Dowson/Philip Kirby, 100/1). Und wie sich das an St. Patrick’s Day gehört, schlugen die Iren auch im letzten Rennen des Tages zu: Milan Native (Mr. Robert James, 9/1) holte sich die Fulke Walwyn Kim Muir Chase für die Amateure. Und wer ist da der Trainer? Richtig. Natürlich Gordon Elliott.

© Fotos: turfstock.com, München

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