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Frost macht warm ums Herz

März 14, 2019 by  

Michael Luxenburger – Es war wieder ein kalter, windiger Tag auf der Rennbahn im Prestbury Park. Heftige Regenschauer peitschten am Vormittag den  Cleve Hill herunter, aber pünktlich zum ersten Rennen strahlte die Sonne vom Himmel. Und dann gab es ja noch ein ungewöhnliches Erlebnis:  Frost machte  warm ums Herz.

Im Pressezentrum des Cheltenham Racecourse gibt es immer wieder interessante Begegnungen. Im vergangenen Jahr traf der Autor dort Rennkommentator Mike Cattermole nach langen Jahren wieder, mit dem er gleich ein Interview für die Sport Welt machte. Heuer rumpelte er in der Eingangstür mit dem ehemaligen Channel Four-Moderator Derek  “Tommo” Thompson zusammen, mit dem er bei White Turf in St. Moritz Rennen kommentiert hatte. Diesmal half er dem früheren Gründer und  Chefredakteur der Racing Post, Brough Scott, auf der Toilette beim Suchen nach seiner Brille. Der Autor fand sie, denn er hatte seine Brille ja auf.

Das war auch sehr schön, da einen die Drei an die großen Zeiten erinnerten, als der englische Rennsport noch charmant, unterhaltsam und fachlich fundiert im Fernsehen präsentiert wurde. Wenn man die damaligen Sendungen auf Channel four mit dem drögen, wichtigtuerischen Gelaber vergleicht, das jetzt in den Racing Programmen von  ITV an der Tagesordnung ist, dann fällt einem der Topspruch für das Phrasenschwein ein: Früher war alles besser. Analoger sozusagen. Also besser.

Tag drei des Cheltenham Festival 2019 begann mit einem leicht veränderten Arrangement des English Breakfast, das Autor und Fotograf von “full” auf “selected items” umstellten. Beide hatten nämlich das Gefühl, einen Tag den gebratenen Speck schwänzen zu müssen, da er  salziger als Stockfisch war und eine ähnliche Konsistenz aufwies. Irgendwie erinnerte er auch an mit Schinken-Aroma versehene  Schnitten von gebratenen Buchdeckeln. Kurz gesagt, er schmeckte nicht wirklich gut. Da auch die Champignons eher an Schrumpfköpfe denn an Pilze gemahnten, kamen sie ebenfalls auf die NoGo-Liste. Also blieben die sehr leckeren Spiegeleier, die Sausages, die gebratenen Tomaten und die Baked Beans auf dem Teller, was sich als gute Wahl herausstellte. 

Vor allem bot dieses Arrangement auch ein gutes Fundament für den täglichen Besuch im Guinness Village auf der Rennbahn, wo man sich traditionell als zweites Frühstück das braune Manna gibt. Allerdings bewegen sich die Preise dort mittlerweile auf einem Niveau, das die Wiesn-Mass wie ein Schnäppchen erscheinen lässt. Aber beim Cheltenham Festival regiert ja eh der Wahnsinn, und warum sollen wir nicht sieben Euro für einen Becher Bier ausgeben, wenn wir zwei Stunden später Tausende von Pfund gewinnen? Eben.

Aber jetzt genug damit und endlich zum Sport.

14.03.2019 – Cheltenham; Defi Du Seuil ridden by Barry Geraghty wins the JLT Novices Chase (Registered As The Golden Miller Novices Chase) (Grade 1). Second place: Lostintranslation ridden by Robbie Power (yellow silks). Third place: Mengli Khan ridden by Jack Kennedy (maroon silks). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Gleich im ersten Rennen mussten die jungen Steepler über die Mitteldistanz heran. In der JLT Novices Chase trat der seltene Fall ein, dass alle drei Starter von Willie Mullins nur eine untergeordnete Rolle spielten. Sie sahen auch schon im Führring nicht besonders aus. Im Gegensatz zu Defi Du Seul (3/1), der nicht nur optisch, sondern auch nach Form den besten Eindruck machte. Als Barry Geraghty den Schützling von Philipp Hobbs an die Seite des lange führenden Lost in Translation (Robbie Power/Colin Tizzard), 4/1) heranfuhr, war es  um den tapferen Gegner auch schon geschehen. Leicht konnte sich der imposante Wallach im Besitz von John Mc Manus frei machen und dem irischen Milliardär den zweiten Meetingssieg bescheren. Mengli Khan (Jack Kennedy/Gordon Elliott, 9/1) war dahinter um den dritten Platz ungefährdet. Die Mullins-Starter Voix Du Reve und der am Toto stark beachtete Real Steel brachten sich früh mit Fehlern um alle Chancen.

“Defi ist ein sehr gutes Pferd, und Philip hat einen super Job gemacht”, sagte Barry Geraghty. “Das waren zwei richtig gute Pferde, die da um den Sieg gekämpft haben.” Robbie Power ergänzte: “Das Pferd mit der besten Tagesform hat uns geschlagen. Aber ich bin sicher, dass meiner ein Pferd für den Gold Cup ist.”

14.03.2019 – Cheltenham; Sire Du Berlais ridden by Barry Geraghty wins the Pertemps Network Final (A Handicap Hurdle) (Listed Race). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Das Hürden-Handicap für die Steher brachte dann fast eine Riesensensation. Denn es bedurfte im Pertemps Network Final schon der ganzen Finishkunst von Barry Geraghty, um den Favoriten Sire Du Berlais (Gordon Elliott, 4/1) noch an Tobefair (Tom Bellamy/Debra Hamer, 40/1) vorbei zu bringen. Der hatte vor zwei Jahren mal sieben Rennen am Stück gewonnen, brauchten dann aber diese lange Zeit, um vom Handicapper wieder eine passende Marke zu bekommen. Dritter wurde Not Many Left (Mark Walsh/Jessica Harrington) vor Cuneo, der nach dem letzten Sprung wie der Sieger ging, aber noch reichlich grün wirkte. Vielleicht hätte ihn seine Reiterin Rachael Blackmore auch etwas kräftiger unterstützen sollen. Der Rennbahn-Gesang Champers On Ice spielte überhaupt keine Rolle. Sein Trainer David Pipe ist jetzt schon länger nicht mehr auch nur ansatzweise mit  Erfolg gesegnet. Wie man überhaupt sagen muss, dass es die britischen Trainer gegen die  Übermacht aus Irland schwer haben – sieht man mal von Nicky Henderson und, mit Einschränkungen, Paul Nicholls ab. Besitzer wie den Ryan Air-Boss Michael O’ Leary, der Jahr für Jahr Millionen Euros in seinen Gigginstown Stud pumpt, oder die millionenschweren Spekulanten Rick Ricci und J. P. McManus haben die englischen Trainer nicht. Wobei letzterer ja den einen oder anderen Kracher doch hier trainieren lässt. Siehe den Sieger im ersten Rennen.

Geraghty, der mit dem Erfolg im Pertemps seinen 38. Erfolg feierte, sagte nach dem Rennen: “Ich merkte, dass ich nach dem drittletzten Sprung Probleme hatte. Es wurde verdammt eng. Doch mein Pferd zog immer wieder an und kämpfte sich durch. Es war ein guter Kampf und eine tolle Vorstellung.”

14.03.2019 – Cheltenham; Bryony Frost surrounded from journalist after winning the Ryanair Chase (Registered As The Festival Trophy Steeple Chase) (Grade 1) with Frodon at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Und dann schrieb eine junge Dame namens Bryony Frost Geschichte. Denn sie ist die erste Frau, die in Cheltenham beim Festival ein Gruppe-1-Rennen gewonnen hat. Mit viel Ruhe und Übersicht hielt sie den wie immer blendend springenden Frodon (Paul Nicholls, 9/2) im engsten Vorderfeld, begleitet von Monalee, Aso (Charlie Deutsch/Venetia Williams, 33/1) und Road To Respect (Sean Flanagan/Noel Meade, 9/2), die dann in dieser Reihenfolge die Plätze in der Ryanair-Chase belegten. Aso war am vorletzten Hindernis schon an Frodon vorbei gezogen, doch ein erstklassiger Sprung am letzten Hindernis gab dem Pferd von Bryony Frost genügend Schwung, um noch sicher am Konkurrenten vorbei zu ziehen. Die Enttäuschung des Rennens war der Favorit Footpad, der schon 600 Meter vor dem Ziel restlos geschlagen war.

Bryony Frost war nach dem Rennen in ihrem Redefluss kaum zu bremsen. Unter Freudentränen lobte sie ihr Pferd überschwänglich: “Frodon ist Pegasus. Er hat Flügel. Und er ist der unglaublichste Kämpfer. Und er springt großartig. Als wir am vorletzten Hindernis überholt wurden, da würden die meisten Pferde aufstecken. Doch er packte meine Hände und sagte: Gib jetzt ja nicht auf! Jetzt schicke mich gefälligst ins letzte Hindernis, ich will das mehr als du. Also los! Der letzte Sprung war magisch. Ale er dann vorne lag, sah er wie üblich in die Menge und tat nur das nötigste, um zu gewinnen. Genau wie ich.” Überglücklich war auch Frodon’s Trainer Paul Nicholls:”Das ist einer der besten Tage in meiner Karriere. Frodon ist ein großartiges Pferd. Es war aber nicht einfach, ihn für dieses Rennen vorzubereiten. Für sowas muss das Pferd bei 120 Prozent sein. Ich sagte zu Bryony, gehe vorne, mach dir dein eigenes Rennen. Und Dann gib nach dem letzten Sprung richtig Gas. Das hat sie brilliant gemacht.”

Ziemlich frustriert war dagegen Charlie Deutsch, der Reiter des Zweitplatzierten. “Nach dem letzten Sprung dachte ich, wir hätten das Rennen im Sack.  Ich bin echt enttäuscht. Aber mein Pferd ist ein brilliantes Rennen gelaufen. Und ich freue mich für Bryony.”

14.03.2019 – Cheltenham; Winners presentation with (from left) trainer Emma Lavelle, Andrew Gemmell, jockey Aidan Coleman after winning the Sun Racing Stayers’ Hurdle (Grade 1) (Class 1) with Paisley Park at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Kann Paisley Park im Sun Racing Stayers Hurdle seine Siegesserie fortsetzen? Diese Frage beantwortete der Schützling von Emma Lavelle in beeindruckendem Stil. Als sein Jockey Aidan Coleman den 11/8-Favoriten nach dem letzten Sprung, den er allerdings sehr unsauber nahm,  nach vorne schickte, stiefelte der Oscar-Sohn in unwiderstehlichem Stil Richtung Ziel. Der etwa ab zwei Dritteln der Strecke führende Sam Spinner (Joe Colliver/Jedd O’Keefe, 33/1) erinnerte sich allerdings wieder an seine Bestform und war ein unangenehmer Gegner. Im vergangenen Jahr war er noch Favorit dieses Rennens gewesen, enttäuschte aber und fand danach nie mehr zu guter Form zurück. Dritter wurde der schon elfjährige  Faugheen (Ruby Walsh/Willie Mullins, 4/1), einst Favorit im Champion Hurdle und insgesamt gesehen sehr unglücklich in seiner Karriere.

Aidan Coleman war natürlich happy. “Es war einfach super. Er ist ein entspanntes Pferd, einfach zu reiten. Nach dem Fehler am letzten Sprung dachte ich aber, Oh je, wir sind geschlagen. Doch innerhalb einer Sekunde steckte er das weg und legte richtig los. Das zeigt, wie gut er ist und welche Klasse das Pferd hat.” Der Besitzer des Siegers, Andrew Gemmell, kann seine Pferde nicht sehen, da er blind ist. Er ist großer Fan des Sängers Prince und benennt seine Pferde nach dessen Songtiteln.

Der Rest der Karte war dann für Festival-Verhältnisse von geringerem Niveau. Nachdem sich Siruh De Lac die Brown Plate als Favorit gesichert hatte (auch hier war mit Lizzy Kelly eine Frau erfolgreich), brachte das Novice Hurdle für die Stuten einen Doppelsieg für Willie Mullins. Das ist jetzt nichts Ungewöhnliches. Allerdings zahlte die Siegerin Eglantine Du Seul 50/1 (880:10 am Toto) und die Zweitplatzierte Concertista 66/1, was bei Mullins-Pferden einmal in 100 Jahren vorkommt. Da die Drittplatzierte Tintangle bei 40/1 abging, gab es rekordverdächtige   Quoten in allen Wettarten. Über 30000 :10 in der Zweierwette und 237 000:10 in der Dreierwette – sowas hätte man schon auch gerne mal an der Kasse abgeholt. Rennen sieben, die Fulke Walwyn Amateure Riders Chase,  going dann an  Any Second Now, was den dritten Tagessieg für J.P. McManus bedeutete. Hier zeigten die Amateure, dass sie auch anders können. Das war eine sauber gelaufene Steeplechase ohne hirnlose Tempobolzerei wie am ersten Tag. Die Drohung des British Horse Board, künftig keine Amateurrennen mehr in Cheltenham zu veranstalten, hatte also Wirkung gezeigt.

© Fotos: turfstock.com, München

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