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Favoritensterben im Sumpf

März 13, 2019 by  

11.03.2019 - Munich, Airport. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Michael Luxenburger – Das große Favoritensterben erlebten die rund 65 000 Besucher an Tag eins des Cheltenham Festivals 2019. Lediglich einmal setzte sich auf der durch die starken Regenfälle am Vormittag tief gewordenen Bahn der Favorit durch. Besonders schlecht verlief der Tag für Trainer Gordon Elliott, der mit dem Riesenaußenseiter Ben Dundee nur ein Pferd unter den ersten Drei hatte. 

Sieht man einmal davon ab, dass die Sicherheitsleute am Munich Airport diesmal  die Füße des Fotografen statt seines Foto-Rucksacks genauestens examinierten, verlief der Flug mit British Airways nach London Heathrow ohne besondere Vorkommnisse. Allerdings war das Personal der Maschine herausragend: die wahrscheinlich älteste Stewardess der Welt wurde durch einen kugelrunden Steward mit Halbglatze ergänzt, in dessen Blick mehr Traurigkeit lag als in einem portugiesischen Fado. Vor allem, als er den vor Lebensfreude nur so strotzenden Videoclip mit den Sicherheitsregeln präsentieren musste. Ein höchst amüsantes, pfiffig gemachtes Filmchen, das einen sogar vergessen ließ, dass früher einmal blendend aussehende Stewardessen das Rettungswesten-Ballett zu einem Kunstgenuss werden ließen. Völlig teilnahmslos ließ er alles über sich ergehen und zeigte nur eine Regung, als  ihm die beständig grinsende Bestager-Stewardess den Servierwagen mit Schwung gegen die Beine rammte. Scherzerfüllten Blickes watschelte er nach hinten und ward länger nicht mehr gesehen. Mittlerweile muss man bei der BA ja Essen und Trinken kaufen, doch gibt es anständiges Futter von Marks & Spencer zu zivilen Preisen.

Aber jetzt zum Sport.

12.03.2019 – Cheltenham; Klassical Dream ridden by Ruby Walsh wins the Sky Bet Supreme Novices‘ Hurdle (Grade 1). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Es hatte natürlich wieder heftig geregnet. Mittlerweile findet der Winter in England sowieso in der zweiten Märzwoche statt. Das Geläuf war schwer geworden, so dass die Überraschungen nicht ausblieben. Schließlich hatte es in den vergangenen Wochen nur “Bahn gut” gegeben. Keine Überraschung war aber der klare Erfolg von Klassical Dream (Ruby Walsh/Willie Mullins, 6/1) im einleitenden Supreme Novices Hurdle. Der im Führring nicht übermäßig imposant wirkende Wallach beherrschte das Rennen etwa ab der Hälfte der Distanz ganz klar,  und sein Pilot konnte noch ruhig sitzen, als der Rest dahinter schon schwer arbeiten musste. 4 1/2 Längen waren es dann im Ziel vor den Außenseitern Thomas Darby (Olly Murphy/Richard Johnson, 28/1) und Itchy Feet (Gavin Sheehan/Olly Murphy, 25/1), die beide ganz ihn der Nähe in Wilmcote trainiert werden, wo William Shakespeare einst geboren wurde. “Er war magisch und sehr professionell über die   Hürden”, sagte ein sichtlich zufriedener Ruby Walsh. “Oben auf dem Hügel hörte ich, wie sich einige  Konkurrenten hinter mir  schon entfernten, und das gab mir viel Vertrauen.  Es ist natürlich eine große Erleichterung, schon so früh einen Sieger zu haben.” 

12.03.2019 – Cheltenham; Duc Des Genievres ridden by Paul Townend wins the Racing Post Arkle Challenge Trophy Chase (Grade 1). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Den zweiten Tagessieger konnte Willie Mullins dann in der Racing Post  Arkle Novices Chase in der Winners Enclosure begrüßen. Duc Des  Genievres (Paul Townend, Willie Mullins, 5/1) hatte wenig Mühe, die zwei-Meilen-Chase für die Novices mit 13 Längen Vorsprung für sich zu entscheiden. Am drittletzten Hindernis ging der Wallach leicht nach vorne und vergrößerte den Abstand zum restlichen Feld, je länger das Rennen dauerte. Er profitierte dabei sicher auch vom frühen Ausfall der stark gewetteten Glen Forsa und Kalashnikov. Auf Rang zwei bestätigte US And Them (J.J. Slevin, Joseph Patrick O’Brien, 14/1) die gute Form seines Trainers. Mit Articulum (David Mullins, Terence O’Brien, 25/1) der sich Platz drei durch gutes Springen sicherte, landete ein weiterer Außenseiter im guten Geld.  

“Natürlich ist der Regen gerade recht gekommen”, sagte Mullins nach dem Rennen. “Weicher Boden ist einfach das, was er unbedingt braucht.” Paul Townend, der seinen neunten Erfolg beim Festival feierte, meinte über sein Pferd: “Sein Springen war elektrisierend. Ich konnte ihn sogar zurücknehmen, als es den Berg herunter ging. Das kann man hier nicht wirklich oft machen.”

Ein tolles Rennen war die Ultima Handicap Chase für die Steher. Nachdem der Riesenaußenseiter O’O’ Seven lange die Pace gemacht hatte, spitzte sich nach dem 15. Sprung alles auf einen Zweikampf zwischen dem immer im engsten Vorderfeld liegenden Vintage Clouds (Danny Cook, Sue Smith, 16/1) und dem aus hinteren Regionen aufgerückten  Beware The Bear (Jim Mc Grath, Nicky Henderson, 10/1) zu. Als sich letzterer nach dem letzten Sprung schon klar abgesetzt hatte, kam der hübsche Schimmel Vintage Clouds noch einmal wieder und war im Ziel lediglich  1 1/4 Längen geschlagen. Dessen Besitzer Trevor Hemings träumt jetzt von einem weiteren Sieg im Grand National, denn der blendend springende Wallach scheint extrem viel Stehvermögen zu haben und besitzt auch die nötige Grundschnelligkeit. Seine Trainerin  bestätigte dieses Ziel: “Er hat jetzt drei Wochen Pause, das ist ideal. Er scheint dieses Rennen bestens weggesteckt zu haben.” Lake View Lad (Henry Brooke, N.W. Alexander, 25/1) und Big River (Lucinda Russell, Derek Fox, 28/1) belegten dahinter die Plätze drei und vier. Der Schützling von Linda Russell lief ein außergewöhnliches Rennen. Anfangs vorne dabei, machte er Fehler über Fehler, fiel scheinbar aussichtslos  ans Ende des Feldes zurück, um dann im Einlauf Gegner um Gegner zu kassieren.

12.03.2019 – Cheltenham; Espoir D’Allen ridden by Mark Walsh wins the Unibet Champion Hurdle Challenge Trophy (Grade 1). Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Der schlechte Lauf des irischen Championtrainers Gordon Elliott setzte sich auch im Unibet Champion Hurdle fort. Denn die 7/4-Favoritin Apple’s Jade stand auf den letzten 200 Metern den Berg hinauf wie ein Lachs und fiel noch auf Platz sechs zurück, nachdem sie schon Ende gegenüber nicht mehr mitgekommen war, als Melon auf die Pace drückte. Genauso war es auch dem stark herunter gewetteten Felix Desjy im Supreme  ergangen. Die Traditionsprüfung, mit 450 000 Pfund datiert, holte sich in begeisterndem Stil Espoir d’ Allen (Mark Wash, Gavin Cromwell, 16/1), der im Ziel 15 Längen vor den um Platz zwei kämpfenden Melon (Paul Townend, Willie Mullins, 20/1) und Silver Streak (Adam Wedge, Evan Williams, 80/1) lag. Der Mitfavorit Buveur D’Air, der das Champion Hurdle in den vergangenen zwei Jahren gewonnen hatte, musste an der dritten Hürden hart zu Boden, doch erklärte sein Trainer Nicky Henderson, dass er sich offensichtlich nichts getan hatte. Der Reiter des Siegers, dessen Trainer seinen ersten Erfolg beim Festival feierte, lobte sein Pferd: “Dass ein Fünfjähriger sowas schafft, und das auch noch in einem der besten Champions Hurdle der vergangenen Jahre, ist schon unglaublich.” Henderson erklärte, wie nahe bei seinem Pferd Erfolg und Misserfolg beieinander liegen: “Er springt dermaßen schnell und flach über die Hürden, da geht es um wenige Zentimeter. Heute war er eben einmal um ein weniges zu niedrig dran. Diese Gefahr, dass er einen Fehler macht, ist immer da.”

Einen nach eigenem Bekunden “magischen Tag” bescherte Trainer Dan Skelton seine Stute Roksana (Harry Skelton, 10/1) im Mares Hurdle, das ein dramatisches Finale hatte. Denn die klare Favoritin Benie Des Dieux stürzte am letzten Hindernis, klar in Führung liegend. Das wird wieder den üblichen Shitstorm im Netz entfachen. Ruby Walsh war ja nicht zum ersten Mal am letzten Hindernis gefallen, wenn die halbe Welt sein Pferd gewettet hatte. Allerdings rutschte die Stute beim Landen weg, wogegen kein Jockey der Welt etwas machen kann. Die lange führende Stormy Ireland (Paul Townend, Willie. Mullins, 7/1) hielt Platz zwei gegen Good Thyne Tara (Rachael Blackmore, Willie Mullins, 25/1). Etwa zehn Kilo in der Hand dürfte A Plus Tard (Rachael Blackmore, Henry De Bromhead, 5/1) gehabt haben, denn ihr Pferd gewann die Close Brothers Novice Handicap Chase (Listed Race)  wie ein Gruppe-Zwei-Pferd, bevor die Amateure den National Hunt Challenge Cup bestreiten durften. Die. Novices Chase wurde auf dem tiefen Boden zu einer reinen Materialschlacht. Man sah zwei Pferde 47 Längen vor dem Dritten in einer langen Kampfpartie den Berg hinauf, die schließlich Le Breul (James Codd, Ben Pauling, 14/1) gegen den Mitfavoriten Discorama (Barry O’Neill, 9/2) für sich entschied. Lediglich vier der 18 Starter kamen ins Ziel. Dieses Rennen sollte bei einem Festival dieser Güte nichts zu suchen haben. Die Dachorganisation des britischen Rennsports reagierte sofort und sperrte drei der Reiter, die ihre Pferde nicht angehalten hatten,  obwohl  sie sichtlich am Ende waren. Außerdem überlegt man, künftig beim Festival keine Amateurrennen mehr abzuhalten.

© Fotos: turfstock.com, München

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