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Ein Lord gewinnt die Schlacht um Gold

März 14, 2014 by  

Cheltenham Festival 2014 - Day four © turfstock.comMichael Luxenburger – Er hat gerade mal 25 Pferde im Training. Die Hälfte sind Dreijährige, die frühestens nächstes Jahr auf die

Rennbahn kommen. Aber Jim Culloty hat jetzt einen Gold Cup-Sieger im Stall: Lord Windermere. Es war eine Schlacht um Gold.

Wir hatten ja schon im ersten Beitrag des Cheltenham Blog 2014 darüber philosophiert, dass die Zeichen immer da sind, man sie einfach nur richtig deuten müsste. Ein nachhaltiges Zeichen fanden Autor und Fotograf am Freitagmorgen auf der Windschutzscheibe ihres Raumschiffs, des wunderbaren Citroen Picasso. Ein Vogel hatte zwei Trikots auf die riesige Glasfläche gemacht, die eindeutig die Farben der Familie Waley-Cohen zeigten. Im letzten Rennen des Tages, in dem man entweder eine Verzweiflungswette macht (wenn man vorher nur verloren hat) oder der Vernunft folgt und mit einer Wette auf den Favoriten auf ziemlich sicher geht, trug die hingeschissenen Farben ein zehnjähriger Wallach aus dem Henderson-Quartier namens Anquetta. Dieses Pferd hatte jenes Rennen auch in den Vorjahren bestritten und sich mit immerhin vorderen Plätzen zufriedengeben müssen. 40/1 war natürlich eine leckere Quote, also legte der Autor, gestärkt von zwei Guinness und einer Bratensemmel, belegt mit dem Fleisch frei laufender Schweine, ein paar Scheinchen drauf. Um gleich zu verraten, was jetzt eh jeder denkt: Anquetta hat nicht gewonnen. 400 Meter vor dem Ziel hatte der alte Wallach, der sprang, als müsste er ein Haus überqueren, noch alle Chancen. Bis dahin hatte er uns aber viel Freude gemacht.

Cheltenham Festival 2013 - Day three © turfstock.comHier in Cheltenham verbringt man ja die erste Stunde auf der Rennbahn im Guinness Village. Auch die sehr reichen Menschen, von denen es hier auf der Rennbahn sehr viele gibt, kommen dorthin, um sich für das eher anstrengende Socialising in den private boxes mental zu stärken. Hier sieht man auch die Trainer und die Besitzer, fast alle in der Standard National Hunt-Uniform: senffarbene Tweed-Sakkos, bunte Westen darunter und sehr gerne grüne oder gelbe Hosen. Der braune Filzhut darf natürlich nicht fehlen. Die meisten haben eine Gesichtsfarbe, als würden sie jeden Wintermorgen draußen verbringen, was zumindest die Trainer ja auch machen. Es könnte aber auch vom Rotwein kommen. Die Hut-Parade der Frauen ist auch nicht ohne. Innerhalb einer halben Stunde werden pro Person mindestens zwei Guinness getrunken, was die eh schon gute Laune noch weiter verbessert. Der Autor kennt kaum einen Platz auf dieser Erde, an dem so viele lachende Gesichter zu sehen sind. Ein Kollege von der Racing Post hat das sehr schön beschrieben: „Im Guinness Village ist es so, als würde sich eine Herde Pinguine an einander wärmen. Nur gibt es dort weniger Fisch und mehr Alkohol.“

Jeden Tag spielt eine andere Band bekannte irische Weisen, die vom Publikum mitgesungen werden. Allerdings fällt dieses Jahr auf, dass deutlich weniger Fans von der Grünen Insel herübergekommen sind. Dort sitzt das Geld längst nicht mehr so locker wie vor vier Jahren. Auch die lokale Hotellerie klagt darüber, dass irische Gäste immer seltener werden.

Cheltenham Festival 2014 - Day four © turfstock.comDie hatten dann aber gleich im einleitenden Triumph Hurdle Grund zum Feiern, denn der Sieger in der Vierjährigen-Prüfung war einer der ihren. Davy Russell hatte Tiger Roll (Gordon Elliott/10/1) immer gut im Vorderfeld platziert, und als er nach dem letzten Sprung Ernst machte, konnten ihm weder der Außenseiter Kentucky Hyden (David Bass/Nicky Henderson, 20/1) noch Guitar Pete (Paul Carberry/Dessie Hughes, 7/1) folgen. Die beiden waren aber klar vor dem Rest, der vom Mitfavoriten Calipto angeführt wurde. Ruby Walsh (Foto) musste schon am zweiten Sprung hart zu Boden, als Abbyssial fiel und seinen Stallgefährten Adriana Des Mottes mit zu Boden brachte. Ruby hielt sich nachher mit schmerzverzerrtem Gesicht den linken Arm. Im Krankenhaus dann die niederschmetternde Diagnose: Oberarm gebrochen, Operation, drei Monate Pause.

So musste der führende in der Jockey-Wertung des Festivals natürlich alle weiteren Ritte abgeben, doch machte David Casey, sein Ersatzmann auf dem zweiten Favoriten des Vincent O’Brian Country Handicap Hurdle, Arctic Fire (Willie Mullins, 7/1), nichts falsch. Unwiderstehlich kam aber außen der Shirocco-Sohn Lac Fontana (Daryl Jacob/Paul Nicholls , 11/1) angeflogen und verwies den Soldier Hollow-Sohn auf Platz zwei, womit zwei in Deutschland gezogene Pferde vorne lagen und Nicholls und sein Stalljockey endlich den ersten Meetingserfolg feiern konnten. Alle Chancen hatte auch nach dem letzten Sprung noch Montbazon (Robert Thornton/Alan King, 20/1), doch fehlte ihm beim zweiten Start nach langer Pause dann doch das letzte Stück Kondition. Platz vier ging an das Höchstgewicht Diakali (Paul Towenend/Willie Mullins, 25/1). Der klare Favorit Celtenian machte früh Fehler und wurde ebenso angehalten wie das frühere Gruppen-Pferd Cinders And Ashes. Da Autor und Fotograf auf die Idee gekommen waren, einfach mal alle vier deutsch gezogenen Pferde in der Zweierwette zu kombinieren, gab es endlich mal wieder einen Treffer für beide. Der Trainer machte seinem Jockey Mut: „Daryl war ein wenig niedergeschlagen, aber er wird jetzt ein ganz anderer Mensch sein. Alles, was du brauchst, ist eben ein bisschen Glück. Ich freue mich sehr für ihn. Er brauchte einfach einen Sieger. Wir hatten hier schon viel Pech, aber so ist es halt mal hier beim Festival.“ Auf Big Buck’s angesprochen, sagte Nicholls: „Ich habe schon nach der vierten Hürde gesehen, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Er bekommt jetzt den Sommer frei, und dann gehe ich mit ihm vielleicht auf die Jagd.“

Einer der Banker des Meetings war im Albert Bartlett Novices Hurdle dran, doch musste Briar Hill (David Casey/Willie Mullins, 2/1) schon früh ins Gras. Der Sieg war dann eine klare Sache für den Außenseiter Very Wood (Paul Carberry/Noel Meade, 33/1), der von einem typischen Carberry-Ritt profitierte und erst spät, aber nachhaltig auf der Bildfläche erschien. Der Martaline-Sohn, erstmals mit Seitenblendern unterwegs, fertigte Deputy Dan (Leighton Aspell/Oliver Sherwood, 10/1) und Apache Jack (Barry Geraghty/Dessie Hughes, 20/1) problemlos ab. Da mehr als die Hälfte des 20er-Felds entweder fiel oder angehalten wurde, ist der Wert dieser Prüfung zumindest anzuzweifeln. Einen üblem Zwischenfall gab es beim Aufgalopp, als Port Melon durchging und in eine Fernsehkamera knallte. Sein Jockey Daryl Jakob erlitt dabei einen Arm- und einen Beinbruch, so die ersten Meldungen. 30 Minuten zuvor hatte er sich noch riesig über seinen Sieg mit Lac Fontana gefreut. Er wird ebenso lange ausfallen wie Bryan Cooper, der am zweiten Tag einen komplizierten Oberschenkelbruch davon trug.

Cheltenham Festival 2014 - Day four © turfstock.comUnd dann kam das Rennen, um das sich in diesen vier Tagen und die Monate davor alles dreht: der Cheltenham Betfred Gold Cup. Kann sich Bob’sWorth zum zweiten Mal hintereinander die Krone aufsetzen? Schafft Silviniaco Conti das King George-Gold Cup-Doppel? Kommt der Hennessy-Sieger Trio D‘ Alene mit dem Kurs zurecht? Die Antwort: nein, nein, nein. On His Own (David Casey/Willie Mullins, 16/1) machte bis zum vorletzten Sprung die Pace, der ebenfalls lange vorne gehende Teaforthree war da schon auf dem Rückzug, wogegen Silviniaco Conti nun nachhaltig auf den Plan trat. Den letzten Sprung nahm er etwa zwei Längen in Front, driftete dann aber nach außen, ohne richtig Anschluss an das dort um den Sieg kämpfende Trio zu bekommen, und musste sich mit Platz vier zufrieden geben. Innen war der anfangs schlecht springende Favorit Bob’s Worth in Position, kam aber nicht weiter und wurde schließlich Fünfter. Die Entscheidung fiel außen, wo On His Own noch einmal wiederkam, sich aber den Angriffen von Lord Windermere (Foto: Davy Russell/Jim Culloty, 20/1) und The Giant Bolster (Tom Scudamore/David Bridgewater, 14/1) ausgesetzt sah. Die drei lieferten sich ein packendes Finish, das Lord Windermere knapp für sich entschied. Der Sieger hatte eine Überprüfung der Rennleitung zu überstehen, aber wurde dann bestätigt, da auch die Frontkamera zeigte, dass er die beiden anderen im Finish zwar berührt, aber wohl nicht entscheidend behindert hatte. Russell legte den gleichen Glanzritt hin wie im vergangenen Jahr, als er mit diesem Pferd die RSA Chase gewonnen hatte. Auch da war er vom letzten Platz gekommen.

„Das waren die schlimmsten Minuten meines Lebens“, sagte Culloty nachher in der improvisierten Pressekonferenz in der Winners Enclosure und meinte damit das Warten auf die Entscheidung der Rennleitung. „Es war alles so unglaublich, dass ich erwartet hatte, dass sie uns den Sieg nehmen.“ Zur Taktik meinte der Ire, der als Jockey dreimal den Gold Cup mit Best Mate gewonnen hatte: „Ich sagte Davy Russell vorher, er solle sich Zeit lassen. Doch nach der Hälfte des Rennens dachte ich mir: Was macht denn der da! Ich schmeiß‘ ihn raus! Der hat die Wartetaktik ja wirklich ein bisschen übertrieben.“ Noel Fehily war mit dem Laufen von Silviniaco Conti sehr zufrieden, Trainer Nicholls war es auch, meinte aber, dass es seinem Pferd sicher nicht geholfen habe, das es plötzlich in der Bahnmitte ganz alleine war, wogegen sich die ersten drei gegenseitig gezogen hatten. Barry Geraghty sagte über Bob’s Worth, dass ihm das Tempo auf dem guten Boden zu hoch war und sein Pferd deshalb einige Fehler machte. Graham Wylie, Besitzer des Zweitplatzierten, hatte das Pferd für 27 500 Pfund nachgenannt und war glücklich über diese Entscheidung. Trainer Willie Mullins will in Berufung gehen, da er und auch sein Jockey das Gefühl haben, vom Sieger rennentscheidend behindert worden zu sein. David Bridgewater, der den Dritten The Giant Bolster trainiert, meinte: „Das war großartig. Es war ein raues Rennen, und mein Pferd hatte keine gute Passage. Ich denke, ohne Behinderungen hätten wir gewonnen.“

Cheltenham Festival 2014 - Day four © turfstock.comDas Wörtchen „hätte“ gilt auch als Resumee der Wettaktionen von Autor und Fotograf, die aber finden, für ihr Geld eine tolle Woche gehabt zu haben. Ein paar kleinere Treffer hielten die Verluste im Rahmen, wozu auch L’Unique beigetragen hat, die von der Bellissima, einer guten Freundin des Autors, dankenswerterweise angesagt worden war. Anzumerken ist noch, dass die beiden Protagonisten nach besten Kräften mithalfen, dass heuer von den knapp 240 000 Besuchern an den vier Tagen fast 300 000 Pints Guinness getrunken wurden. Mit deutlichem Mehrgewicht auch dank der rustikalen englischen Küche geht’s jetzt zurück nach München, so dass in den nächsten Wochen ein Pint San Pellegrino das Getränk der Wahl sein wird. Danke an Jockeys, Trainer und Pferde. Es waren sagenhafte vier Tage. Der Wahnsinn namens Cheltenham Festival wird uns fehlen.

© Fotos: turfstock.com, München

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