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Ein Freak stürmt das Festival

März 14, 2018 by  

14.03.2018 - Cheltenham; Impressions: Women with stylish hat enjoy the races at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Michael Luxenburger – Stürmisch war’s am Ladies Day. Und wie ein Orkan fegte auch der Sieger in der Queen Mother Chase alles weg: Altior ist wirklich eine Vollgranate. Ein Freak, wie sein Reiter sagte.

Natürlich musste am zweiten Morgen im Mary Arden Inn das Bratwurst-Rätsel gelöst werden. Denn zum kompletten Shakespeare-Erlebnis hätte ja die Versorgung mit erstklassigen Sausages in Metzger-Qualität gehört, wie Autor und Fotograf sie aus dem Vorjahr gewohnt waren. Nicht zuletzt das hervorragende English Breakfast hatte den Ausschlag gegeben, dass wir auch heuer wieder die historische Herberge in Wilmcote, dem schnuckeligen Dorf nahe Stratford Upon Avon, ausgesucht hatten. Doch, frei nach dem großen William: Rein oder nicht rein, das war nicht die Frage. Die neuen Würstchen mussten wegen dramatischer Qualitätsmängel draußen bleiben. Die Sausages 2018 sind diese England-Urlaubern aus Billig-Buden in London bekannten unförmigen Pergamentdinger, die mit einer Art Fimo-Masse (orangerot) gefüllt sind und nach dem Braten die Konsistenz von geschredderten Bankauszügen, vermischt mit Ponal-Leim, annehmen. Sie schmecken auch so. Es gibt übrigens statt zwei nur noch eines. Aber das ist eines zu viel.
Der geneigte Leser mehrt spätestens jetzt, wie erschüttert Autor und Fotograf waren – dass auch in diesem schönen Winkel des englischen Landlebens die Globalisierung Einzug gehalten hat. Statt wie früher beim lokalen Metzger wird jetzt im Großhandel eingekauft, erklärte uns die sichtlich zerknirschte Managerin. “Wir haben einen neuen Besitzer, wissen Sie. Früher war es besser. Die Sausages, die wir jetzt zum Frühstück servieren, sind eben im Einkauf viel billiger.” Dann rückte sie allerdings mit der ganzen Wahrheit heraus: “Die Metzger-Würste gibt es jetzt abends.” Klar, da kosten sie dann 8,50 Pfund, mit ein paar Fritten und drei Röschen Blumenkohl garniert. Es geht also nur um Profit. Ist jetzt etwa auch das Mary Arden Inn börsennotiert? Das Würstchen-Dilemma deutet darauf hin. Die Welt zerfällt.

14.03.2018 - Cheltenham; Impressions of the 2018 Cheltenham Festival - Day two at Cheltenham-Racecourse/Great Britain.: Feature Muddy ground. Car Park closed. Ground to wet. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

14.03.2018 – Cheltenham; Impressions of the 2018 Cheltenham Festival – Day two at Cheltenham-Racecourse/Great Britain.: Feature Muddy ground. Car Park closed. Ground to wet. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Nicht nur auf der Rennbahn ist der Boden tief. Auch auf den Parkplätzen ist nach den ausgiebigen Regenfällen der vergangenen Woche schweres Geläuf anzufinden, so dass einige Farmer der Umgebung heuer auf rennsportliche Nebeneinnahmen verzichten müssen und ihre Wiesen autofrei bleiben. Und wer auf einem der offiziellen Rennbahn-Parkplätze stecken geblieben war, dem wurde per Lautsprecherdurchsage geraden, einfach die Warnblinkanlage anzustellen. Dann würde Hilfe kommen. Heute steckten vor allem Angeber-Mercedesse mit Breitreifen fest. Schön zu sehen. Unser zurückhaltender Vauxhall schlägt sich da hervorragend.
Im Guinness-Village war es heute erstaunlich leer. Was aber auch daran lag, dass der Sturm einem fast das Bier aus dem Glas wehte. Eine Live-Band spielte unermüdlich gegen das Tosen an, wobei sie so erstaunliche Sachen machte wie Songs von Journey mit Banjo und Fiddle ins Irische zu übersetzen. Das hatte was und trug zu dem besonderen Charme bei, den das Village nun einmal hat. Mittlerweile kostet ein Pint des braunen Goldes allerdings umgerechnet 6.50 Euro, was schon ein stolzer Preis ist. Aber das holt man sich ja beim Wetten locker wieder zurück.
Aber jetzt schleunigst zum Spocht.
Es war ja ein gewaltiges Hin und Her, in welchem Rennen der in seinen sechs Lebensstarts ungeschlagene Samcro nun tatsächlich laufen würde. Mit dem Ballymore Novices Hurdle hatte man die richtige Entscheidung getroffen, denn Jack Kennnedy steuerte den imposanten Germany-Sohn zu einem zumindest sicheren Erfolg gegen den starken Black OP (Noel Fehily/Tom George, 8/1), den man allgemein als stärkstes Pferd der heimischen Brigade eingeschätzt hatte. Gegen den 8/11-Favoriten aus dem Quartier von Gordon Elliott in den Farben des Gigginstown Stud gab es aber für ihn nur wenig zu melden. Dritter wurde nach einem Schwächemoment etwa zur Hälfte des Rennens Next Destination (Ruby Walsh/Willie Mullins, 4/1), der im Finish noch stark aufdrehte. Den schweren Boden merkte man einigen Kandidaten gegen Schluss des Rennens doch stark an. “Samcro ist das beste Pferd, das ich bisher geritten habe”, sagte sein 18-jähriger Jockey nach dem Rennen. “Und ich freue mich schon darauf, ihn über die großen Sprünge zu reiten. Er ist definitiv ein Chaser.” Wenn man bedenkt, welche Top-Pferde dieses Rennen bisher gewonnen haben, dann steht über Samcro in großen Lettern “Gold Cup” geschrieben – falls alles mit ihm glatt läuft. Allerdings kommt für Trainer Elliott ein Wechsel auf die großen Sprünge noch zu früh: “Das Pferd hat so viel Tempo und Klasse, der wird noch auf der Hürdenbahn bleiben. Ich würde auch keine Angst haben, ihn auf kürzeren Distanzen laufen zu lassen.” Das klingt nach Ansage “Champion Hurdle 2019”.

14.03.2018 - Cheltenham; Winners presentation with (from left) jockey Jack Kennedy, Michael O'Leary (CEO of the Irish airline Ryanair and racehorse owner) and Anita Farrell (4,f.l.,) after winning the Ballymore Novices Hurdle (Grade 1) (Registered As The Baring Bingham) with Samcro at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

14.03.2018 – Cheltenham; Winners presentation with (from left) jockey Jack Kennedy, Michael O’Leary (CEO of the Irish airline Ryanair and racehorse owner) and Anita Farrell (4,f.l.,) after winning the Ballymore Novices Hurdle (Grade 1) (Registered As The Baring Bingham) with Samcro at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Was wurde nicht alles geredet über einen angeblich schlechten Trainingsaufbau von Presenting Percy (Davy Russell/Patrick Kelly, 5/2). Dass der Sir Percy-Sohn, im Vorjahr überzeugender Sieger beim Festival im Pertemps Final, beste Klasse im Feld war, darüber herrschte aber kein Zweifel. Und in diesem Stil beherrschte er auch die RSA Novice Chase. Die wurde wieder zum üblichen brutalen Stamina-Test, wobei ja heute auch noch der tiefe Boden dazu kam, den die Jockeys nach dem ersten Rennen übereinstimmend als “tot” oder “ziehend” bezeichneten. Überschattet wurde das Rennen von einem übel aussehenden Sturz von Al Boum Photo. Sein Reiter Ruby Walsh hat sich dabei nach erster Diagnose das gerade erst verheilte Bein gebrochen. Er war gerade erst nach einer viermonatigen Zwangspause nach einem Beinbruch zurückgekommen und hatte am Dienstag in blendender Form geritten. Davy Russell konnte sein Pferd wie ein Auto steuern und hatte das Rennen jederzeit im Griff. In aller Ruhe machte er vor dem viertletzten Sprung von hinten Boden gut, und dann vor dem vorletzten Sprung nach vorne zu gehen und sich leicht vom Rest zu lösen. Sieben Längen waren es im Ziel vor dem bis zum letzten Hindernis gut springenden Monalee (Noel Fehily/Henry De Bromhead, 100/300), mit dem selben Abstand landete dahinter Elegant Escape (Harry Cobden/Colin Tizzard, 9/1) auf Rang drei, der nach einem Schwächemoment zum Schluss noch einmal gut angezogen hatte.
Davy Russell, der seinen 19. Erfolg beim Festival feierte, nachdem er gestern schon dreimal platziert gewesen war, gab zu: “Ich habe dieses Pferd komplett unterschätzt. Er hat keinen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Aber jetzt hat er bewiesen, dass er ein Grade 1-Pferd ist. Alles ist ein Verdienst von Besitzer Philip Reynolds und Trainer Pat Kelly – er ist einfach ein absolute Meister seines Fachs.”

14.03.2018 - Cheltenham; Presenting Percy ridden by Davy Russell wins the RSA Insurance Novices Chase (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

14.03.2018 – Cheltenham; Presenting Percy ridden by Davy Russell wins the RSA Insurance Novices Chase (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Der Coral Cup mit seinen 26 Startern wurde das übliche Wetträtsel, allerdings hätte der Mumm des Autors, die Stute Barra (Jack Kennedy/Gordon Elliott, 16/1), gewonnen, wäre da nicht wie bei zwei anderen seiner gespielten Pferde gestern ein kleiner Fehler am letzten Hindernis gewesen. Nach einem Rennen im erweiterten Vordertreffen konnte sie dem Angriff des Riesenaußenseiters Bleu Berry (Mark Walsh/Willie Mullins, 20/1), der am Toto 350/10 zahlte, nichts entgegensetzen. Der Mitfavorit Topofthegame (Sam Twiston-Davies7Paul Nicholls, 9/1) holte sich vor dem Favoriten William Henry (James Bowen/Nicky Henderson, 8/1) Rang drei.
Die Nachricht aus dem Stall von Nicky Henderson, dass der klare Favorit für die Queen Mother Chase drei Tage vor dem Rennen lahm gegangen sei und man einen Becher voll Eiter aus einem Huf gezogen hatte, schreckte vor allem die Ante Post Wetter auf. Doch im Rennen merkte man Altior (evens) nicht an, dass da etwas gewesen sein könnte. Zwar musste ihn sein Reiter Nico De Boinville zwischendurch mehrere Male anschieben, aber wie der Achtjährige dann vor dem Schlusssprung die Ohren spitzte, den Kopf streckte und loszischte, das war Sachen sehr beeindruckend. Der ganz groß laufende Min (Paul Townend/Willie Mullins, 5/2) hatte dem nichts entgegen zu setzen, hielt aber sicher Platz zwei gegen den stark aufkommenden God`s Own (Paddy Brennan/Tom George, 40/1), der die tolle Form seines Trainers bestätigte. “Das war eine sensationelle Vorstellung”, sagte Jockey Nico De Boinville. “Altior ist ein Freak. Ich war eigentlich das ganze Rennen über echt in Schwierigkeiten. Altior hat den Boden gehasst. Sein Springen hielt ihn im Rennen. Er ist einfach der Allerbeste. Was für ein Glück, ihn reiten zu dürfen.”

14.03.2018 - Cheltenham; Winners presentation with trainer Nicky Henderson after winning the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1 with Altior at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

14.03.2018 – Cheltenham; Winners presentation with trainer Nicky Henderson after winning the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1 with Altior at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Und wieder hat’s geklappt. Wie im vergangenen Jahr, da war es Cause Of Causes, hatte Trainer Gordon Elliott einen seiner Pferde einen Aufgalopp im Dezember über den Cross Country Kurs gegönnt. Und dieser Tiger Roll (Keith Donoghue, 7/1) lieferte nach einem Rennen immer unter den ersten Vier in der Glennfarclas Steeple Chase prompt ab. Der Franzose Urgent De Gregaine (12/1), der auf diesem Kurs schon mal mal bei 50/1 gewonnen hatte, hielt dahinter sicher den Favoriten The Last Samurai für Platz zwei. Der Autor hatte wie im Vorjahr bei Cause Of Causes früh den Braten gerochen und Tiger Roll bei 16/1 gewettet. In ihrer täglich auf Facebook gestreamten Turfstock-Morning Line aus dem Mary Arden hatten Autor und Fotograf übrigens diese Dreierwette angesagt, die am Toto 5123:10 zahlte. Aber das nur am Rande.
Dr Rest in Kürze: Die Bonanza von Kennedy/Elliott ging auch im Fred Winter Juvenile Hurdle weiter, als sich der 33/1-Außenseiter Veneer Of Charme durchsetzte. Und dann kam noch der abschließende Bumper. Autor und Fotograf hatten erstmals seit Langem wieder den Placepot gewonnen, was ihnen den abenteuerlichen Gewinn von 15 englischen Pfund bescherte. Den setzten sie todesmutig auf ein Pferd namens The Flying Sofa. Das hätte man besser The Crawling Sofa genannt. Es siegte mit Relegate ein von Kathie Walsh gerittener frischer Doppelsieger auf Gruppenebene, der von Willie Mullins trainiert wird. Als Mitfavorit, sollte man meinen. Nö. 25/1. Kaum zu glauben. Aber das ist eben das Cheltenham Festival.

© Fotos: turfstock.com, München

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