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Dreimal Nicholls: Geht doch!

März 11, 2015 by  

11.03.2015 - Cheltenham; Trainer Paul Nicholls in portrait. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.comMichael Luxenburger – Normalerweise sollte man ja nicht gleich am zweiten Tag des Cheltenham Festivals Verzweiflungstaten begehen. Allerdings war

die Wettperformance von Autor und Fotograf an Tag eins dermaßen mies, dass sich so etwas dann doch angeboten hat. Nun ja, Verzweiflung war ja noch nie ein guter Ratgeber. Wie sich schnell zeigen sollte. Im Stimmungshoch war dagegen heute Paul Nicholls (Foto). Der englische Trainer feierte drei Tagessiege.

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10.03.2015 – ; Impressions: Dinner at Toby’s Carvery. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Da man ja dazu neigt, an Bewährtem festzuhalten, steuerten Autor und Fotograf am Dienstagabend nach dem Flop mit dem Asia-Fraß am Montag gestern Abend Toby’s Carvery vor den Toren von Glouchester an. Ursprünglich waren wir auf dieses Restaurant gekommen, da wir im Vorbeifahren gesehen hatten, dass dort lauter wohlgenährte Menschen reingehen. Das Plakat mit der Aufschrift 5.99 Pfund für alles, was auf den Teller passt, tat sein Übriges, um uns davon zu überzeugen, da mal reinzuschauen. Anders als in deutschen Autobahnraststätten sind die Teller dort größer als eine flache Hand, so dass man nicht gezwungen ist, fragile Gebilde aus Nahrungsmitteln in die Höhe zu stapeln. Erfreulicherweise war heuer noch das Personal vom Vorjahr da: Ein Koch, der aussieht wie das Rollenmodell eines Junkies, und eine kleine rothaarige Kellnerin, die aus dem Film „Her mit den kleinen Engländerinnen“ stammen könnte. Der Koch schnitt mit dramatischer Geste Scheiben von Truthahn und mit Ahornsirup glasiertem Schinken ab, und dann kann man den Rest des Platzes auf dem Porzellan nach Gusto mit diversem Gemüse und Ofenkartoffeln oder Pürree voll machen. Das Gemüse ist knackig, das Fleisch in Ordnung. Dazu ein Bier, und man ist für zehn Pfund gut versorgt.

Ordentlich gefüttert ging’s nach Hause in den Dark Barn, wo Autor und Fotograf bei einer Dose John Smith noch die Formen für den nächsten Renntag studierten. Mittlerweile waren die Nachbarn heimgekommen und boten zumindest akustisch eine sehr beeindruckende Performance, wobei der männliche Part der Dauer der weiblichen Vergnügensäußerungen nach so viel Stehvermögen bewies, dass er auch im Cheltenham Gold Cup eine gute Rolle spielen könnte. Rennsportfreunde wissen ja, dass diese Prüfung über eine sehr lange Distanz geht. Allerdings findet man dort ausschließlich Wallache.

Am nächsten Morgen beglückte uns Julian, mit nun 63 Jahren immer noch der wahrscheinlich älteste Snowboarder von Glouchestershire (er hat uns mal von seiner Vorliebe für Boarden in der Schweiz erzählt) mit einem full english breakfast und philosophierte dabei über die ungerechte Verteilung des Volksvermögens. Der Mann hat viele Talente: Morgens ist er Frühstücksschef, tagsüber Bauarbeiter und abends Koch. Da er es anscheinend faustdick hinter den Ohren hat, ist er wohl auch noch für andere Dienstleistungen zuständig. Mit den beiden alleinstehenden Barn-Chefinnen versteht er sich jedenfalls blendend. Wir können jedem nur empfehlen, im Dark Barn abzusteigen, wenn einen der Weg in die Gegend von Glouchester führt. Der Laden hat einfach Charme. Nur essen sollte man dort, wie schon mehrfach erwähnt, lieber nicht.

Auf dem Weg zur Rennbahn kam im Autoradio auf BBC 2 dann „Back In Black“, ein Song der gemeinsamen Lieblingscombo von Autor und Fotograf. Die Luftgitarren wurden ausgepackt, und ein mutiger Entschluss gefasst: Wir machen heute einen AC/DC-Placepot. Bei dieser Wette muss man in jedem Rennen ein Pferd treffen, das unter die ersten drei beziehungsweise vier in Feldern über 16 Startern kommt. Wir forsteten die Namen der Starter und Jockeys in den betreffenden Rennen nach Hinweisen auf die Australischen Rocker durch. Ein Young im Namen? Muss in die Wette. Ein AC oder DC drin? Gebongt. Dann noch „Back“ oder „Black“, Johnson oder Brian. William, der Vorname des Bassisten, ging auch. Noch ein Guinness, und die Zuversicht wuchs ins Grenzenlose.

11.03.2015 - Cheltenham; Windsor Park ridden by Davy Russell (yellow cap) wins the Neptune Investment Management Novices Hurdle (Registered As Baring Bingham Novices Hurdle) Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

11.03.2015 – Cheltenham; Windsor Park ridden by Davy Russell (yellow cap) wins the Neptune Investment Management Novices Hurdle (Registered As Baring Bingham Novices Hurdle) Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Nun ja. Gleich das erste Rennen, das Neptun Hurdle für den Stehernachwuchs, bedeutete das Aus für den AC/DC-Placepot. Hätten die Altrocker einen Song mit Windsor im Titel gehabt, wäre es weiter gegangen. Denn der leichte Sieger hieß nach einem Rennen vom Start weg in der Spitze Windsor Park (9/2). Davy Russell hatte den von Dermot Weld in Irland trainierten Galileo-Sohn mit viel Vertrauen geritten und am Schluss wenig Probleme, Besitzer Dr. Ronan Lambe die Siegbörse von gut 52 000 Pfund zu sichern. Das erste mal in die Platzierung bei diesem Festival konnte dahinter AP McCoy ein Pferd steuern. Der Championjockey ritt den Monsun-Sohn Parlour Games (John Ferguson, 13/2) mit viel Vertrauen, machte vor dem drittletzten Sprung hart innen Boden gut, konnte den Sieger aber nicht mehr gefährden. Der Favorit Nichols Canyon (Ruby Walsh/Willie Mullins, 7/2) wurde bei seinem Vorstoß duch einen Fehler am vorletzten Hindernis gebremst und schaffte es nur noch auf Rang drei. Aber den Sieger hätte er sowieso nicht gefährden können. Der zweite Favo Outlander machte unterwegs zu viele Fehler und landete auf dem sechsten Platz. „Das war großartig“, sagte Russell, der seinen 14. Festival-Erfolg feierte. „Ich dachte mir, heute ist der Tag, um ihn richtig abrocken zu lassen.“

11.03.2015 - Cheltenham; Don Poli ridden by Bryan J. Cooper wins the RSA Chase Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

11.03.2015 – Cheltenham; Don Poli ridden by Bryan J. Cooper wins the RSA Chase Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Die RSA Chase, sozusagen der Gold Cup für die Novices, sah den Favoriten Don Poli (Bryan Cooper/Willie Mullins, 13/8) schon früh einem ungefährdeten Erfolg zusteuern. Cooper musste ihn zwar immer etwas anschieben, doch „so ist er eben. Er ist etwas faul. Aber er hat mit noch viel im Tank gewonnen. Ich hätte noch eine weitere Runde gehen können“. Es war erst das dritte Rennen für Don Poli über die großen Hindernisse, „da können wir uns noch auf mehr freuen, wenn er gesund bleibt“, sagte der Jockey. Trainer Mullins sprach von einer „großartigen Vorstellung“ seines Pferdes: „Er hat alles Können, das man sich vorstellen kann. Diese Steher heben sich immer etwas auf. Aber das ist das Problem des Jockeys, damit zurecht zu kommen.“ Mullins hält Don Poli sogar für so gut wie den legendären Florida Pearl. Sowohl Southfield Theatre (Sam Twiston-Davies/Paul Nicholls, 13/2) als auch Wounded Warrior (Paul Carberry/Noel Meade, 12/1) liefen gute Rennen, wobei der Nicholls-Schützling noch am letzten Hindernis so aussah, als könnte er dem Sieger ein Rennen liefern. Im Ziel waren es aber doch sechs Längen.

11.03.2015 - Cheltenham; Winners presentation with Aux Ptits Soins ridden by Sam Twiston-Davies after winning the Coral Cup (Handicap Hurdle) Grade 3. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

11.03.2015 – Cheltenham; Winners presentation with Aux Ptits Soins ridden by Sam Twiston-Davies after winning the Coral Cup (Handicap Hurdle) Grade 3. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Der erwartete Thiller wurde der Coral Cup, ein Handicap über die Hürden. Und hier konnte Paul Nicholls endlich einen Sieger in Empfang nehmen. Mit dem billigen Gewicht musste der Frankreich-Import Aux Ptit Soins (Sam Twiston-Davies, 9/1) eine reelle Chance besitzen. Er musste sich aber gewaltig ins Zeug legen, um die permanenten Angriffe von Zabana (Robbie Colgan/Andrew Lynch, 25/1) abzuwehren. Der Favorit Activial (Noel Fehily/Harry Fry, 17/2) kam einen weiteren Hals dahinter mit starkem Schlussakkord noch auf Rang drei, wogegen der Mumm des Autors, Tagliatelle (Paul Carberry/Gordon Elliott, 14/1) etwas spät vorne auftauchte und nur noch Rang vier schaffte. „Ich hatte keine Ahnung, wie gut er gehandicapt ist“, sagte der Trainer nach dem Rennen über Aux Ptit Soins. „Aber er ist eindeutig ein sehr gutes Pferd.“ Nick Scholfield, zweiter Jockey am Nicholls-Stall, ist von ihm jedenfalls begeistert: „Das beste Pferd, auf dem ich je gesessen bin.“

11.03.2015 - Cheltenham; Winners presentation with connections of Dodging Bullets, ridden by Sam Twiston-Davies after winning the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

11.03.2015 – Cheltenham; Winners presentation with connections of Dodging Bullets, ridden by Sam Twiston-Davies after winning the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Was hatten die Zeitungen nicht alles vor der Queen Mother Champion Chase geschrieben. Der Kampf der Giganten, Sprinter Sacre und Sire De Grugy. Dabei wurde in den Kommentaren geflissentlich übersehen, dass beide extreme Probleme in der Vorbereitung hatten und weit davon entfernt waren, als Pferde auf der Höhe ihres Könnens und in voller Gesundheit in dieses schwere Rennen zu gehen. Manchmal fragt man sich echt, ob da System dahinter steckt – die Buchmacher freuen sich über einen derartigen Hype. Der Autor hätte für beide Pferde 6/1 gegeben, wenn er Buchmacher wäre, und sich die Taschen voll gemacht. So kam es, wie es kommen musste. Sprinter Sacre wurde in aussichtsloser Position angehalten, Sire De Grugy landete zehn Lägen hinter dem Sieger auf Rang vier. Im Dezember hatte es noch 14/1 für Dodging Bullets (Sam Twiston-Davies/Paul Nicholls, 9/2) gegeben. Da musste man einfach zuschlagen. Denn dieses Pferd, übrigens von Frankie Dettori gezogen, hatte sich in dieser Saison schon von allerbester Seite gezeigt.

11.03.2015 - Cheltenham; Jockey Lanfranco Dettori in interview after the horse (Dodging Bullets) he breed won the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

11.03.2015 – Cheltenham; Jockey Lanfranco Dettori in interview after the horse (Dodging Bullets) he breed won the Betway Queen Mother Champion Chase Grade 1. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Das machte es auch heute im Hauptereignis des Tages. Allerdings hatte er im bereits elfjährigen Somersby (Brian Hughes/Mick Channon, 33/1) einen hartnäckigen Gegner, der dem Dubawi-Sohn alles abverlangte. Einfach großartig, wie diese betagten Kämpfer im National Hunt Saison auf Saison Spitzenleistungen zeigen. Der Sieger war immer im vorderen Drittel zu finden, auch Somersby konnte das Tempo vorne gut mitgehen, das vom Frontrenner Special Tiara (Noel Fehily/Henry De Bromhead) hochgehalten wurde. Der wurde dann auch für seine Führdienste mit Platz drei belohnt. „Es dauert ewig, bis man lernt, wie man diese besonderen Pferde trainieren muss, und jetzt haben wir ihn dort, wo wir ihn haben wollten. Er hatte immer Atemprobleme. Dreimal haben wir ihn miteinem Zungenband gestartet, und dreimal hat er gewonnen.“ Nicholls lobte ganz besonders seinen Stalljockey Sam Twiston-Davies: Es hat ein wenig gedauert, aber er ist furchterregend gut in diesem Jahr. Er gab dem Pferd einen fantastischen Ritt.“ Diesem Lob schloss sich auch Weltklasse-Jockey und Züchter Frankie Dettori an: „Sam hat das Pferd großartig geritten. Er ist ja noch jung, aber man muss sagen, er ist bereits erste Klasse.“ Und warum hat Dodging Bullets als Jährling nur 8000 Pfund gebracht? „Seine Beine ragten in die falsche Richtung. Aber das ist mit der Zeit besser geworden.“ Jetzt hat Dodging Bullets bereits mehr als 400 000 Pfund verdient. Und da wird sicher noch mehr dazu kommen.

Dummerweise hat der Autor dann im Fred Winter Hurdle übersehen, dass da ein Lando-Sohn mit ordentlicher Form am Start war. Orlando (Nick Scholfield/Paul Nicholls, 25/1) gewann dann auch auf passend gutem Boden und zahlte am Toto sogar 400:10. Ds wäre das Sahnehäubchen auf einen ordentlichen Wett-Tag gewesen. Damit rundete Orlando einen großen Tag für Nicholls ab, der am Dienstag noch eher grimmig dreingeschaut hatte. Drei Siege beim Festival feiert auch ein Champion nicht jeden Tag.

© Fotos: turfstock.com, München

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