Harald Schneider im Interview
Oktober 1, 2008 by Ekbert
turfcast.de – In Rennsportkreisen kennt man ihn, Harald Schneider, den Technischen Leiter des Münchener Rennvereins. Er ist verantwortlich dafür, dass die Starterangabe in München reibungslos über die Bühne geht und der Bodenwert am Renntag korrekt gemessen wird. Er ist Ansprechpartner für Trainer, Besitzer und Jockeys und Organisator der einzigen Vollblutauktion abseits der BBAG in Deutschland und noch so vieles mehr. Seine Meinung ist in Fachkreisen geschätzt, nicht nur weil er die Dinge schnell und gerne auf den Punkt bringt. Dorothee Wunderlich sprach mit Harald Schneider.

1. Sie kommen ursprünglich aus dem Traberlager. Wie kam der Wechsel zu den Galoppern zustande?
Das ist so nicht richtig. Durch meine Großeltern mütterlicherseits bin ich dem Galopprennsport seit meiner Geburt an verbunden. Mein Vater war Trabertrainer und ich bin daher ein paar Jahre in diesem Lager als Amateur aktiv gewesen. Als ich 1994 beim Münchener Rennverein anfing war dies mein erster Job im Rennsport überhaupt.
2. Was macht mehr Spaß, im Sulky oder im Sattel mit dem Pferd unterwegs zu sein?
Beides liegt so weit zurück, dass ich es nicht mehr genau sagen kann. In Rennen war ich allerdings nur im Sulky unterwegs.
3. Ein Pferd, das zweijährig gewinnt wird vom deutschen Handicapsystem meistens mit einer unrealistischen Handicapmarkte eingeschätzt. Dadurch wird jeder Besitzer „bestraft“ der in einen Jährling investiert. Was muss sich ändern?
Viele Pferde, die bei den eingeschränkten Möglichkeiten in Deutschland zweijährig ein Rennen gewinnen können, verfügen über genug Potential um auch danach in den diversen Jahrgangsrennen zurecht zu kommen. Probleme haben alle durchschnittlichen und weniger talentierten Pferde, denen nach drei Starts eine Handicap-Marke zugeteilt wird, die ihnen danach keinen Spielraum mehr nach oben lässt. Unser Handicap-System umzukrempeln ist fast unmöglich. Da lebt jetzt schon jeder zu lange mit. Die Anzahl der Handicaprennen sollte jedoch reduziert werden und Ausgleiche (z.B. wie in Frankreich die Tierce-Rennen) nur für Pferde ab einem bestimmten Standard ausgeschrieben werden. Für durchschnittliche Pferde (55 bis 65 GAG) sollten vermehrt Altersgewichtsrennen ausgeschrieben werden, die Dreijährigen in ihrem ersten kompletten Rennjahr die Möglichkeit geben mindestens 20.000 Euro zu gewinnen.
4. Das deutsche Handicapsystem erlaubt es, dass importierte Vollblüter, nach einem guten Management, günstig im Handicap zu platzieren sind. Immer mehr Trainer nutzen diese Schwachstelle im System. Wie sehen Sie diese Entwicklung aus Sicht eines Züchters?
Hierzu möchte ich ein Beispiel geben. Eine kleine passionierte Züchterin kann ihre gut aussehende, passabel gezogene Jährlingsstute für die Hälfte der Aufzuchtskosten auf einer Auktion verkaufen. Sie hatte noch Glück, die Stute blieb in Deutschland und kam in einen guten Stall. Dreijährig gelang ihr bei 7 Starts 1 Sieg. einmal war sie Zweite und zweimal Vierte. Ihre Gewinnsumme war 4.100 Euro. Ihr Jahres-GAG lag bei 65 Kilo obwohl sie bei ihrem Sieg in der Maidenklasse absolut nichts zu schlagen hatte und beim letzten Jahresstart, dem ersten im Handicap, meilenweit geschlagen war. Als Vierjährige braucht sie vier Starts um fünf Kilo Nachlass zu bekommen um dann in zwei mäßig besetzten Handicaps Dritte zu werden. Vielleicht gewinnt sie ja demnächst, dann beginnt das Spiel von vorne. Mit Spaßfaktor hat das nichts zu tun. Glauben Sie, dass sich der Besitzer noch einmal einen Jährling kauft ?
5. Was ist für Sie als Züchter wichtig bei der Auswahl eines Deckhengstes?
Da wir für den Markt züchten ist wohl die wichtigste Frage, welcher Hengst könnte zwei Jahre später „modern“ sein. Die Blutlinien müssen natürlich auch passen und welche Eigenschaften der Deckhengst dem zu erwartenden Fohlen möglichst mitgeben soll. Ansonsten ist natürlich auch die Decktaxe entscheidend.Â
6. Mit Ihrer Mutterstute Mandel Set haben sie eine direkte Blutline zu Manduro. Gab es schon Angebote für diese Zuchtperle?
Nein. Diese Mutterlinie wurde ja letztes Jahr bei den Tattersalls December Sales in alle Länder verkauft. Wir hätten letztes Jahr die Möglichkeit gehabt sie in Deauville zu günstigen Konditionen anzubieten. Haben uns aber entschieden sie zu behalten und lieber ihre Nachzucht zu verkaufen. Ihr Erstling der zweijährige Dashing Blade-Sohn Mancuso steht bei Andreas Wöhler, seine rechte Schwester Mandy´s Valentine sollte unter den Jährlingsangeboten bei der Riemer Vollblut-Auktion eigentlich das Highlight sein. Mandel Set´s Stutfohlen Melua von Sholokhov, von dem sie auch wieder tragend ist, wurde im Gestüt Jettenhausen gerade abgesetzt. Â
7. Welchen Job im Rennsport möchten sie gerne machen und warum?
Zurzeit bin ich ja beim Münchener Rennverein angestellt und dort u. a. für die gesamte Renntechnik verantwortlich. Außerdem organisiere ich gerade auch die Riemer Vollblut-Auktion. Ich könnte mir aber auch vieles andere gut vorstellen, da die Anzahl der Renntage in Riem in den nächsten Jahren bestimmt nicht ansteigt und mich dort meine eigentlichen Aufgaben nicht auslasten. Am liebsten würde ich für einen großen Rennstallbesitzer arbeiten.
8. Wo wetten Sie bevorzugt? Auf der Rennbahn vor Ort oder im Internet?
Beides, da meine Leidenschaft aber eher im englischen Rennsport liegt, wette ich wohl vermehrt im Internet.
9. Kennen Sie ein Rezept um die kontinuierlich fallenden Umsatzeinbrüche auf dem Wettmarkt zu stoppen?
Wir müssen in allen Bereichen des Rennsports professioneller arbeiten und vor allem neue Leute für den Rennsport begeistern. Am ehesten ist dies durch einen eigenen Fernsehkanal zu erreichen. Equidia, ATR, Racing UK, Channel Four und BBC-Übertragungen müssen dabei Pate stehen. Alles andere wäre Wischiwaschi.Â
10. Was setzt bei Ihnen mehr Emotionen frei, Flachrennen oder Hindernisrennen und warum?
Wenn ein alter Kämpfer wie Further Flight oder Inglis Drever zum x-ten mal das gleiche Rennen gewinnen bebt sowohl in Newmarket als auch in Cheltenham die Tribüne. Dann ist es egal ob Flach- oder Hindernisrennen. Ich habe jedoch in dieser Woche einen Züchtererfolg mit Alfieri in einem Jagdrennen in Craon gehabt und ich muss sagen, einen Top-Steepler unter einem Reiter wie z.B. Ruby Walsh, Tony McCoy, Dennis O´Regan oder Choc Thornton zu sehen ist etwas ganz besonderes. Â
11. Wird es in Zukunft die Galopprennbahn München-Riem weiterhin mit einem eigenen Trainingsgelände geben?
So lange es Sinn macht sicher. Vielleicht muss man jedoch irgendwann einmal Einschränkungen eingestehen. Eigentlich schon jetzt , da die Anlage riesig ist und zu wenige Pferde bei zu wenigen Trainern in Riem stehen. Ohne Gastpferde wird ein Renntag in Riem im kommenden Frühjahr nicht mehr möglich sein.
12. Es gibt immer wieder Diskussionen wegen der Bodenangaben am Renntag. Ist die Angabe des Bodenwertes wirklich so wichtig?
Wichtig oder nicht? Fakt ist, dass ein bestimmter gemessener Wert nicht immer mit demselben Wert auf einer anderen Bahn übereinstimmt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es fast egal ist, welchen Wert man angibt, er wird immer angezweifelt. Die einfache Faustregel wäre: Bei Sonne gut, bei Regen oder ab Oktober weich. Spaß bei Seite, es ist auch nicht immer leicht eine Bodenangabe zu exakt zu beschreiben. Ein gemessener Mittelwert von 4,5 kann in seiner Gesamtheit sowohl elastisch, klebrig, lose oder auch weich sein.
13. Welcher Galopper ist ihr persönlicher Star und warum?
Manduro. Als er zweijährig in Riem im Canter gewann war er eigentlich schon ein Star. Leider erkannten seine Trainer seine Vorlieben oder Schwächen immer erst nach einiger Zeit. Einige unnötige Niederlagen hätte man ihm damit ersparen können, z.B. mit anderer Reitweise oder nicht auf zu schweren Boden zu starten. Letztendlich hat er es aber trotzdem zum Weltchampion gebracht.
14. Die Strukturreform ist beschlossene Sache und mit Race-O + Partner ist auch der Investor bekannt. Welche Erwartungen haben Sie an die Führungskräfte der Strukturreform?
Auch mal an die Basis zu denken und nicht das ganze vorhandene Geld in das geplante Wettannahmenetz stecken. Falls dies nicht geschieht, wird nicht mehr all zu viel übrig sein; um Rennen veranstalten zu können, wenn in ferner Zukunft vielleicht einmal Erträge daraus erwirtschaftet werden.
15. Ist der deutsche Rennsport noch zu retten?
Ich würde nicht darauf wetten.
16. Was würden Sie machen wenn es in Deutschland keine Galopprennen mehr gäbe?
Mir einen anderen Job suchen. Aber trotzdem weiter züchten, denn wer gute Pferde züchtet kann sie auch überallhin verkaufen.
© Text & Foto: turfcast.de, München





