Der Kölner Bettelbrief
Januar 27, 2010 by Ekbert
turfcast.net – Post vom Vorstand des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen e.V. (DVR) flatterte den deutschen Galoppertrainern vor wenigen Tagen ins Haus. Worum ging es? In dem Brief war vor allem die Rede von der “Dringlichkeit des entscheidend wichtigen Zukunftsprojekts German-Racing.”
Mit diesem ” Projekt” – dahinter verbirgt sich die Firma DG Deutsche Galopprennsport Beteiligungs GmbH & Co KG – will sich der deutsche Rennsport aus der seit Jahren andauernden Talfahrt befreien. Es handelt sich dabei um einen geschlossenen Fond. Jeder kann mit 1.000 Euro Anteile erwerben und steigt
damit gleichzeitig in das Wettgeschäft ein, wie es der Informationsbroschüre von German-Racing zu entnehmen ist.
Mit dem bisher eingegangenen Kapital hat sich die Kölner Firma Anfang des Jahres zu 40 Prozent bei dem Internetbuchmacher racebets.com eingekauft, weitere 11 Prozent sind für 2012 geplant. Soll der Start von German-Racing jedoch erfolgreich sein, werden insgesamt 4 Millionen Euro Investitionskapital benötigt, eine Summe die nach ursprünglichem Zeitplan bereits bis zum 22. Dezember 2009 auf dem Tisch liegen sollte. Die Rechnung ging nicht auf, bis zu diesem Termin hatte German-Racing erst ca. 2 Millionen im Topf und so wurde die Zeichnungsfrist kurzerhand bis zum 31. Januar 2010 verlängert.
Auf der Internetseite von German-Racing war die Geldzähluhr lange Zeit bei knapp 3 Millionen stehen geblieben. Erst in der letzten zwei Wochen verzeichnete die Kölner Rennsportzentrale wieder einen spärlichen Kapitalzuwachs. Jetzt fehlen noch knapp 400 000 Euro bis zum notwendigen Investitionskapital von mindestens 4 Millionen Euro. Die Zeit drängt und so erhielten die deutschen Berufstrainer in der letzten Woche das besagte Schreiben aus Köln. Kein geringerer als Engelbert Halm, geschäftsführender Vorstand des Direktorium für Vollblutzucht und Rennen e.V., erinnerte die Trainer an das bedeutende Zukunftsprojekt German-Racing.
Und so war in diesem Brief denn auch die Rede von den Berufstrainern, “… von denen eine große Zahl bereits Anteile gezeichnet hat, teils in namhafter Form. Andere haben noch nicht gehandelt und haben das klare Bekenntnis, dass der Sport von ihnen erwartet, noch nicht abgegeben. Der Vorstand des Direktoriums ist trotz der angestrengten Situation der Überzeugung, daß eine Beteiligung in Höhe von mindestens 5000 Euro von jedem Berufstrainer erwartet werden kann…”
Eines jedoch wurde bei diesem Appell nicht bedacht:
Viele in Deutschland tätigen Trainer von Galopprennpferden können die erwarteten 5.000 Euro keinesfalls aufbringen. Bis ein Pferdetrainer, der mit 10 Prozent an der Gewinnsumme seiner Rennpferde beteiligt ist, 5.000 Euro Netto in der Kasse hat, müssen seine Pferde über ca. 60.000 Euro verdient haben. Nur 13 von 128 in Deutschland tätigen Galoppertrainer konnten 2009 eine Gewinnsumme von über 200.000 Euro verdienen. Die Rennpreise, die 2009 ausgeschüttet wurden, betrugen nach Angaben des DVR, 13.074.902 Euro, 2004 waren es noch 17.600.960 Euro.
turfcast.net hat nachgefragt. Das Ergebnis unserer Recherche: Viele der befragen Galoppertrainer empfinden den Brief als eine Zumutung. Ein Trainer aus dem Norden von Deutschland, verriet uns am turfcast-Telefon: „ Die Art des Schreiben hat mir nicht gefallen. Ich wollte mich eigentlich mit 1000 Euro beteiligen, jetzt werde ich gar nichts einzahlen.“
Ein weiterer Trainerkollege fand eher markige Worte: „Wenn der Big Boss (Engelbert Halm) glaubt, dass die Trainer 5.000 Euro übrig haben, ist er fehl am Platz.“ Zwei Trainer aus Mitteldeutschland bewerteten das Schreiben eher nüchtern: „ Man muss das wie eine Aktie sehen. Wenn man Geld übrig hat, kann man da mitmachen. Sogar mit 10.000 Euro und ich sehe das als Spende an. Im Moment habe ich andere Sorgen als dort zu investieren.“
Erika Mäder, selbst Trainerin und Präsidentin des Deutschen Trainer- und Jockeyverbandes e. V., erklärte auf unsere Nachfrage, was sie von dem Vorstandsbrief halte: „Für die Sache German-Racing stehe ich ein und auch dahinter. Es ist die einzige Chance, die der Galopprennsport noch hat. Von meinen Trainerkollegen kann ich aber nicht verlangen, dass jeder mindestens 5.000 Euro dafür aufbringt.“
Die Präsidentin des Deutschen Trainer- und Jockeyverbandes e. V., bei der sich viele Trainerkollegen in den letzten Tagen gemeldet hatten, hat mit Fax vom 25.01.10 in die Kölner Zentrale bereits auf den Vorstandsbrief reagiert. Eine Antwort hat sie bis heute nicht erhalten.
Engelbert Halm reagierte auf unseren Einwand, dass ein Großteil der Trainer in Deutschland die erwartete Summe gar nicht aufbringen könne, folgendermaßen:„ Das war völlig transparent, große Profitrainer haben sich mit einem namhaften Betrag beteiligt, die Anderen sollten dem Vorbild folgen. Und wenn man den Brief genau liest, ist die Summe nicht vorgegeben.“
Dass die deutschen Trainer verärgert sind und das Vertrauen in die Kölner Führungsmannschaft verloren haben, findet turfcast.net jedoch nur zu verständlich. Schließlich haben die Galoppsporttrainer mehrere Jahre auf einen Teil ihrer Trainerprozente verzichtet und in einen Zukunftsfond eingezahlt. Über 300.000 Euro kamen so zusammen Und wie wurde das Geld investiert? Es wurde größtenteils für Berater ausgegeben.
In dem Brief, der auf Veranlassung des Direktoriumsvorstandes geschrieben wurde, wird noch eine zweite wichtige Sache beschworen: Ein echtes Wir-Gefühl!
turfcast.net ist der Meinung: Das Wir-Gefühl das momentan in der deutschen Galoppsportszene herrscht, lässt sich als nur als Wir-haben-genug-Gefühl beschreiben.
© turfcast.net, München





