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Das Pferd biss einfach in den Apfel

März 3, 2009 by Ekbert 

Bernd-Selle_Casting-2008.jpgturfcast.net – Mein Motto: “Es sollt ein Freund des Freundes Schwächen tragen.” (Julius Cäsar)

Bernd Selle (Foto) hat sich dieses Motto ausgesucht. Kurz vor der Premiere des Theaterstücks „Der Krawattenklub“, eine Tragikomödie in drei Akten von Fabrice Roger-Lacan, in der Bernd Selle mit seinem Schauspielkollegen der Theatergruppe Treibgut, Jürgen Henne auf der Bühne zu sehen ist, nimmt Bernd Selle sich Zeit für ein Interview mit turfcast.net.

Bernd Selle, Jockey und Schauspieler, der sich gerade von seiner Nierentransplantation erholt. Am 7. Februar 2009 erhielt er in einer dreistündigen Operation eine neue Niere. Eine Niere, die der seit sieben Jahren notwendigen Dialyse (Blutwäsche) ein Ende bereiten soll. Bernd Selle hat nun sogar drei Nieren, zwei Schrumpfnieren, die nicht so arbeiten, wie sie sollten und die neue Niere, die Spenderniere, die sich vorne rechts neben dem Bauchnabel befindet, einem etwas ungewöhnlichen Ort für eine Niere. Das stört Selle aber nicht, wichtig ist, dass sich sein Kreatininwert, der Wert, der über die Funktionstüchtigkeit der Nieren Auskunft gibt, von anfangs 3,5 mg/dl nun in den optimalen Bereich von 1,1mg/dl gesenkt hat. Alleine das zählt und gesund werden. Ein Jahr lang muss Bernd Selle nun noch regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen, sein Leben lang muss er Medikamente nehmen, die das Immunsystem dämpfen, damit die neue Niere nicht abgestoßen wird. Aber alles besser als dreimal pro Woche fünf Stunden lang am Dialyseapparat zu hängen, jeweils von 07:30-13:00 Uhr. Bernd Selle sah auch das optimistisch, denn er betont, dass man auch wenn man dialysepflichtig ist, verreisen kann, sicher nicht spontan aber immerhin. Mit Wehmut blickt er allerdings einem Casting für die Kultserie Stromberg nach. Dieses verwehrte ihm die Dialyse, denn die geforderten 30 vollen Tage waren ihm nicht möglich.

Szene-der-Krawattenklub.jpgDie Schrumpfnieren wurden vor sieben Jahren bei einer Routineuntersuchung entdeckt, die Ursache bleibt im Dunkeln, Selle vermutet, dass eventuell die Tatsache, dass er in seiner aktiven Jockeyzeit immer draußen war, etwas damit zu tun haben könnte. Nachdem die erste mögliche Transplantation, kurz vor Weihnachten 2008, nicht realisiert werden konnte, da Selle bei Dreharbeiten war und den entscheidenden Anruf verpasste, klappte es nun am 7. Februar 2009. Am 6. Februar um 22:30 Uhr klingelte das Telefon und „Holterdipolter“ (O-Ton Bernd Selle) ging es ins Krankenhaus und auf den OP Tisch. Selle hat nicht lange nachgedacht als das Telefon klingelte:“Mach ma, mach ma.“ Jetzt heisst es gesund werden, um am 25. April im Rheinforum in Wesseling mit dem Krawattenklub (Foto) auf der Bühne zu stehen. (www.der-krawattenklub.de)

Die Schauspielerei ist Bernd Selles zweite Karriere, eigentlich sollte sie die einzige sein, denn sein großer Wunsch von Kindesbeinen an, war es Schauspieler zu werden. Doch in Herford, seiner Heimatstadt in Westfalen, gab es keine Schauspielschule. Über den Chef seines Vaters lernt Selle schließlich Peter Remmert kennen, der ihn als ideal für den Beruf des Jockeys identifiziert, klein, leicht und tierlieb. Bernd Selle macht daraufhin ein Schulpraktikum im Gestüt Ravensberg in Güthersloh. „Du meine Güte, sind das Riesenpferde!“ dachte er sich, allerdings scheint er diese Scheu rasch verloren zu haben, denn 1969 beginnt er seine Lehre bei Heinz Jentzsch in Köln, zehn Jahre sollte die Zusammenarbeit währen, gekrönt durch den Derbysieg mit Zauberer im Jahr 1978.

Am 2. Juli 1978 gab der Hamburger Himmel nahezu alles von sich, was er zu bieten hatte und verwandelte das Geläuf in einen Sumpf. Eine Tatsache, die dem Soderini Hengst aus der Zauberfee, der von und im Gestüt Bona gezogen wurden, sehr zupass kam. Zauberer liebte diese Bodenverhältnisse. Zur Eröffnung der Derbywoche 1978 wurde er nach 100 m Startverlust dritter im Otto-Schmidt-Rennen, das lenkte die Aufmerksamkeit durchaus auf dieses Pferd. Zauberer war nicht einfach zu reiten, den Stockeinsatz nahm er stets übel und quittierte ihn mit sofortigem Wegbrechen. So auch im Deutschen Derby 1978. Als Selle den Hengst 200 m vor dem Ziel „aufforderte“ brach er nach innen weg. Keine einfache Situation für Selle, denn 200 m vor dem Ziel gibt es wenig Möglichkeiten, es muss nach vorne geritten werden. Den Zügel links ziehend und rechts reitend, brachte Selle seinen Zauberer noch sicher mit einem Hals Vorsprung vor First Lord (Jockey: Willy Carson) über die Linie. Diese Leistung konnte der mit 98 kg eingeschätzte Hengst leider nicht mehr wiederholen und wurde schließlich als Deckhengst nach Australien verkauft.
Der Triumpf blieb dennoch und wird für Selle unvergessen bleiben und für viele Turffans ebenso.

1985 verbrachte Bernd Selle drei Monate in den USA, ritt unter anderem im Hollywood Park im Training, gemeinsam mit dem legendären amerikanischen Jockey Bill Shoemaker (Foto), der weit über 8000 Rennen gewinnen konnte, eine Zahl die selbst zu dieser Zeit in Deutschland utopisch war.

Selle-und-Shoemaker.jpgVon 2003-2004 absolvierte Selle nun endlich seine langersehnte Schauspielausbildung in der Comedia Colonia in Köln. Er wirkte in Werbespots von Blenda Med, Wüstenrot, AOK, OBI und Henneke mit, in Film- und Fernsehrollen bei unter anderem der Lindenstrasse, Wilsberg, 7 Tage 7 Köpfe, Rivalen der Rennbahn, Alles Glück dieser Erde, Unter uns, Verbotene Liebe und noch in einigen weiteren Produktionen. Die Werbeproduktionen drehte Selle bereits neben seiner Jockeykarriere, was die ein oder andere Anekdote möglich machte. Einmal sollte Selle kräftig in den entscheidenden Apfel beissen – die Dreharbeiten fanden auf der Rennbahn in Hamburg statt – als ein vorbeilaufendes Pferd ihm zuvorkam und ihm den Apfel genüsslich aus der Hand fraß.

Bernd Selle zeigt sein Talent aber in erster Linie auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Shakespeare gehörte bereits zu seinem Repertoire neben diversen anderen Theaterproduktionen. Topaktuell ist Bernd Selles Homepage, auf der man auch die genaue Vita des Tausendsassas und seine aktuellen Projekte nachlesen kann (www.berndselle.de).

© Fotos: Offiziell
© Text: turfcast.net, München

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