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Dietrich von Boetticher ist neuer Präsident

Januar 11, 2012 by  

Dietrich von Boetticher © turfstock.com/BaloghMichael Luxenburger – Der Münchener Rennverein hat ein neues Präsidium. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung setzte sich am Dienstagabend der Anwalt und Vermögensberater Dietrich von Boetticher gegen den bisherigen Präsidenten Dr. Norbert Poth durch. Zum Vizepräsidenten wurde Helmut von Finck (Gestüt Park Wiedingen) gewählt. Den Vorstand komplettieren Dr. Stefan Oschmann, Christian Dullinger und Hermann Bauer.

Zuvor hatten sich die beiden Lager im Verein, die Anhänger des bisherigen Präsidenten Dr. Norbert Poth – er stolperte über ein umstrittenes, letztlich gescheitertes Grundstücksgeschäft (turfcast berichtete) mit dem Immobilieninternehmer Erich Schwaiger – und die Opposition um Boetticher gegenseitig mit Schuldzuweisungen überhäuft. Der Grundstücksdeal über das etwa 70 Millionen Euro werte Trainingsgelände des Rennvereins war mittlerweile rückgängig gemacht worden, da ihn Poth entgegen der Satzung ohne Einverständnis der Mitglieder im Eilverfahren durchgezogen hatte.

Verlierer des Abends war neben Poth, der sich trotz einer Lungenentzündung zur Versammlung in die Haupttribüne der Rennbahn München-Riem begeben hatte, der frühere Vizepräsident Bernd Weiss, der in der Ägide vor Poth Stellvertreter des damaligen Präsidenten Wolfgang Wille (Dallmayr) gewesen war. Er galt eigentlich als sicherer Mann im Team der Opposition. Doch speziell ihn hatte sich Poths nach dem gescheiterten Grundstücksdeal zurückgetretenes Vorstandsmitglied Franz Knott in seiner Rede vorgenommen, nachdem Kassenprüfer Hermann Bauer, Angehöriger der Opposition, dem bisherigen Vorstand vorgeworfen hatte, Unmengen von Geld für wenig sinnvolle Dinge ausgegeben zu haben.

“Keiner von uns hat auch nur einen Euro privaten Nutzen gezogen. Das war früher nicht immer der Fall“, sagte Knott. Weiss‘ Ehefrau – „die leitet ja in der Familie das operative Geschäft“ – habe Angestellte des Rennvereins für den eigenen Rennstall arbeiten lassen, seine Familie ihre Privatautos auf Kosten des Rennvereins betankt – überhaupt hätte man einen „kompletten Saustall“ vorgefunden, als man die Geschäfte übernommen habe. Zudem habe die Opposition in Person von Ex-Trainerchampion Erich Pils üble Gerüchte verbreitet. Er, Knott, sei demnach bei der Bank, für die er gearbeitet hatte, wegen erheblicher Betrügereien rausgeflogen, und Poth, Vorstandsmitglied Hans-Gerd Wernicke (Stall Salzburg) sowie Knott hätten im Trainerzimmer von Wolfgang Figge die Provision für den kommenden Grundstücksdeal schon vorher unter sich aufgeteilt, habe Pils laut Knott verbreitet. Weiss kommentierte Knotts Einlassungen so: “Wir sind hier anscheinend bei der Stasi!”

Es war also eine durchaus unterhaltsame Veranstaltung, die im Laufe ihrer vierstündigen Dauer noch das eine oder andere Bonmot bot. Von 88 stimmberechtigten Mitgliedern waren 60 gekommen, weitere 23 hatten Vollmachten für die Wahl erteilt. Eingangs hatte Dr. Poth von seiner Mannschaft als “optimales Team“ gesprochen, das allerdings zum Zeitpunkt der Versammlung durch mehrere Rücktritte schon arg zusammengeschmolzen war: “Wir haben alle Ziele erreicht. Wir wollten den Verein vor der Insolvenz retten, das ist gelungen, ebenso, das Image der Rennbahn zu verbessern.” Poth, ein Freund der tragenden Worte, erinnerte an eine seiner entsprechenden Äußerungen: “Ich habe schon früh gesagt: Danach werden sie mich vernichten.”

Nachdem Christian Dullinger den schon 1988 erstmals als Nachfolger von Baron von Feury zum Rennvereinspräsidenten gewählten Dietrich von Boetticher als Kandidaten vorgeschlagen hatte, erinnerte der weltweit operierende Vermögensverwalter, der in seinem Gestüt Ammerland am Starnberger See sehr erfolgreich Vollblüter züchtet, daran, dass sich das Präsidialamt “als äußerst schwieriger Prozess” herausgestellt habe – “vor allem wegen der Begehrlichkeiten auf die Grundstücke“. In diesem Zusammenhang schoss Boetticher den ersten Pfeil Richtung Erich Schwaiger ab: “Ein Verkauf der Trainigsbahn an eine 25 000 Euro-Gesellschaft ist nicht verantwortungsvoll. Eine Finanzierung über eine eingetragene Grundschuld ist gefährlich. Diese Grundschuld besteht.” Vorstandsmitglied Karl-Heinz Regener korrigierte Boetticher allerdings dahingehend, dass es sich nur um eine Vormerkung auf eine Grundschuld handle. Boetticher will den Grundstücksdeal mit der Stadt München abwickeln: “Die Stadt hat ein großes Interesse daran, auf dem Gelände der Trainingsbahn eine Bebauung zu entwickeln, die den Wert des Geländes dramatisch erhöhen würde. Meine Aufgabe wird sein, zusammen mit den Mitgliedern dafür zu sorgen, dass dieser Prozess in Ruhe und verantwortungsvoll abgeht.” Durch eine Satzungsänderung will Boetticher die Vertretungsmacht des Vorstands einschränken.

Erich Schwaiger hatte sich an den PC gesetzt und im Internet geschaut, was von Boettichers internationale Geschäfte so alles hergeben. Die Funde breitete er vor der Versammlung genüsslich aus. Tatsächlich hatte der Anwalt mit einem Großprojekt Schiffbruch erlitten, was er auch sofort zugab. Allerdings habe seine Firma nie in betrügerischer Absicht gehandelt. Der Bankencrash um die Lehman Brothers habe da eine Rolle gespielt.

Helmut von Finck richtete danach emotionale Worte an die Runde: “Es geht hier in dieser Versammlung nur um Geld und nicht um Pferde und um die Rennbahn. Ich finde, wir sollten eine Kommission einrichten, wie wir das Grundstück am besten vermarkten.” Er wünsche sich “Harmonie und einen Präsidenten, dem es um die Rennbahn und um die Liebe zum Pferd geht.” Finck: “Ich bin dafür, die Wahl zu verschieben und einen dritten Kandidaten zu suchen.”

Nach längeren Debatten um die Möglichkeit einer Aussetzung der Wahl fand sich schließlich der passende Passus im Vereinsrecht. Die Aussetzung der Neuwahl fand vor allem in den Reihen der Poth-Anhänger ihre Befürworter, die nach und nach ihre Felle davon schwimmen sahen, zumal sich der merklich gesundheitlich angeschlagene Poth nicht mehr in die Diskussion einschaltete. Vor der Abstimmung darüber wies Weiss noch die Vorwürfe Knotts zurück. Er habe die Arbeiter des Rennvereins zwar beschäftigt, das aber mit dem MRV korrekt abgerechnet. Außerdem habe er unter großem persönlichen Einsatz das Rennbahngelände entrümpelt. Weiss:”Ich habe mich um keinen Cent bereichert”.

Nachdem mit einer Stimme Mehrheit beschlossen worden war, die Neuwahlen doch durchzuführen, und sich von Boetticher mit 43:38 Stimmen gegen Poth durchgesetzt hatte, wurde es heftig. Der Vizepräsident musste gewählt werden, und nachdem Helmut von Finck und Weiss ihre Kandidatur erklärten und die vorgeschlagenen Dullinger, Knott, Hans-Gerd Wernicke (er hatte zuvor einen Appell an die Mitglieder gerichtet, endlich zusammen und nicht gegeneinander zuarbeiten), und Poth abgelehnt hatten, machte von Finck einen Rückzieher. Es sei ja vorher schon ausgemacht, dass Weiss den Posten bekomme. Da mache er nicht mit. Trainer John Hillis legte nach: “Jetzt traut sich Dullinger nicht, weil Weiss kandidiert. Das ist Riem, so schaut es hier aus”, rief er in den Saal. Von Finck trat dann doch an, setzte sich mit 45 zu 36 Stimmen gegen Weiss durch, der mit versteinertem Gesicht da saß. Und nachdem gefühlt etwa ein Viertel der Anwesenden von Boetticher überwiegend ohne Erfolg gefragt worden war, wer noch im Vorstand mitwirken wolle, hatte man nach erneuter Wahl endlich die Mannschaft zusammen. Ergebnis: siehe oben.

© Foto: turfstock.com, München

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