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Die widersprüchlichen Formkurven der deutschen Klassik-Stars

August 16, 2011 by  

Hemke Label schwarz-weiss 2011 © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Pferderennen zu schauen ist wie Achterbahnfahren. Wahrscheinlich sind wir alle, ja einschließlich Ihnen, lieber Leser, Adrenalinjunkies. Dieses bis zum Montag verlängerte Wochenende (Mariae Himmelfahrt ist u.a. in Frankreich Feiertag) hatte es da ganz schön in sich. Die Helden der in Deutschland ausgetragenen klassischen Hengste-Prüfungen 2011 gaben sich von Samstag bis Montag auf den Bahnen von Newbury, Köln und Deauville ein Stelldichein und traten an, ihre Leistungen zu bestätigen, zu korrigieren oder auch in Frage zu stellen.

Waldpark, der von Andreas Wöhler trainierten Hamburger Derbysieger aus dem Gestüt Ravensberg startete am Montag im mit – für eine Gr.2-Prüfung sagenhaften – 400.000 € dotierten Prix Guillaume d´Ornano über 2000 m. Doch der imposante Sieger des Deutschen Derbys kam (unter Eduardo Pedroza) im Rahmen des Sommermeetings des normannischen Seebads Deauville über einen sechsten Platz nicht hinaus. Eine Niederlage gegen Stuten wie die Goldikova– Halbschwester Galikova (Siegerin unter Olivier Peslier) und die bis dato ungeschlagene doppelte französische, klassische Siegerin Golden Lilac (Dritte unter Maxim Guyon), aus der Zucht des Gestüts Ammerland und im Training bei Andre Fabre, ist kein Beinbruch. Platz sechs aber und mehr als vier Längen hinter der Siegerin darf man getrost als satte Enttäuschung bezeichnen. Doch Andreas Wöhler lieferte einen Tag später die Begründung nach: Ein Eisenverlust verursachte bereits während des Rennens Probleme und hinderte eine Steigerung des Hengstes auf der Zielgeraden. Ein Schicksal, das seinen Trainigsgefährten Earl of Tinsdal bereits Mitte Mai im Gr.3-Bavarian Classic von München ereilt hatte, als dieser nur enttäuschender Vierter wurde.

Die Erwartungshaltung vor dem Rennen von Waldpark spiegelt die aktuelle, natürlich nicht repräsentative Galopp-Online.de-Umfrage wieder, bei der zwar nur 34 % der Leser auf einen Sieg tippten, aber 47 % auf eine Platzierung. Auch hatten die Hoffnungen am Tag zuvor noch einmal neue Nahrung bekommen, als der ebenfalls von Wöhler trainierte aktuelle Derbyzweite Earl of Tinsdal in überlegener Manier den Kölner Rheinlandpokal gewonnen, und damit Waldparks Derbysieg noch eine Aufwertung erfahren hatte.

Zwar war das auf sechs Pferde geschrumpfte Kölner Starterfeld für eine Gr.1-Prüfung bescheiden: An den aktuellen Formen gemessen schien nur der von Peter Schiergen betreute Saltas in der Lage, Earl of Tinsdal Paroli zu bieten. Doch letztlich gewann der Hengst das Rennen wie er wollte: Start-Ziel und im Stil eines Klassepferdes. Selbst einen heftigen Ruckler auf der Zielgeraden, der einigen Schwung und Kraft gekostet haben muss, verkraftete der Black Sam Bellamy-Sohn spielend. Was einerseits zeigt, dass der Hengst immer noch grün und unerfahren ist, andererseits, dass er noch viel Entwicklungspotenzial haben dürfte.
Vier Längen zurück folgte Saltas (unter Andrasch Starke) als Zweiter und weitere dreieinhalb Längen dahinter kam der Derbyneunte und letztjährige Winterfavorit Silvaner (unter Filip Minarik), ebenfalls von Peter Schiergen trainiert, ein. Von den drei älteren Pferden war nicht viel zu sehen. Saeed bin Suroor schob Cavalrymans – an dessen früheren Leistungen gemessen – erneut indiskutable Leistung auf den zu weichen Boden (weich, 5,6 cm). Unter der Regie von Andre Fabre 2009 war der Halling-Sohn noch einer der erfolgreichsten europäischen Dreijährigen und Arc-Dritter hinter Sea the Stars. Doch schaut man sich seine Leistung aus dem großen Preis von Berlin von Ende Juli an (ebenfalls Letzter) und berücksichtigt man das Aussehen des Hengstes im Kölner Führring – stumpf, abgeschlafft, ohne einen Funken von Elan – dann fragt man sich, ob der Kollege nicht mit einer Möhre vor der Nase ein paar Wochen auf die Koppel gehört.

Vergangenen Samstag (13.8.) war auch der Fünfte des deutschen Derbys, der Anfang Juli in Hamburg als Favorit gestartete Brown Panther in Newbury in den Geoffrey Freer-Stakes auf Gr. 3 –Ebene am Start und wurde in einem guten Feld eineinviertel Längen hinter Richard Hannons Census Zweiter. In der Racing Post wurde auch dieser Sieg als Aufwertung für Waldpark und seine Perspektiven in Deauville gewertet. Und so wurde sein Abschneiden als Sechster auch in dem englischen Fachblatt als „die Enttäuschung des Rennens“ verbucht. Im Hinblick auf seinen Eisenverlust wird man das Ergebnis aber wohl einfach streichen müssen.

Anders erging es Excelebration, dem Sieben-Längen-Sieger des anderen deutschen Hengste-Klassikers, des Kölner Gr.2-Mehl-Mühlens-Rennen (German 2000 Guineas). Der Exceed and Excel-Sohn machte es am Samstag ebenfalls auf Gr.2-Niveau besser: In den Hungerford-Stakes von Newbury ließ er ein Klassefeld mit älteren Pferden stehen und gewann mit sechs Längen Vorsprung.

Für Earl of Tinsdal steht zum Saisonabschluss nun der Kölner Preis von Europa auf dem Programm, in dem er als Favorit antreten dürfte. Waldpark strebt immer noch den Großen Preis von Baden an. Treasure Beach, Aidan O´Briens illustrer Irish Derby-Sieger und enttäuschender Vierter im Gr.1-Grand Prix de Paris vom 14. Juli, machte bereits vor wie es geht: Er rehabilitierte sich Samstagnacht postwendend mit einem Kampfsieg in den Secretariat Stakes (Grade 1) von Chicago. Vielleicht sind nun in Iffezheim die Quoten für einen Waldpark-Sieg deutlich höher und wir verdienen uns unser Geld wieder zurück.

© Foto: turfstock.com, München

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