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Die Wahl muss frei sein

September 15, 2011 by  

Notausgang durch Grundstücksverkauf.turfcast.net – Für den Dienstagabend hatte der Münchener Rennverein e.V. (MRV) zur außerordentlichen Mitgliederversammlung geladen. Es standen fünf Punkte auf der Tagesordung, über Großes sollte abgestimmt werden – den Verkauf einer Teilfläche der Graf-Lehndorf Strasse, die Belastung des Grundstücks mit einer persönlich beschränkten Dienstbarkeit für eine Solarnutzung, den Verkauf des ca. 40 Hektar großen Trainingsgeländes. Dazu stand der Punkt Sonstiges an.

Pünkllich um 19 Uhr startet die Mitgliederversammlung, und der Präsident Dr. Norbert Poth begüßte die 55 anwesenden Mitglieder zu dieser vielleicht wichtigsten Versammlung der jüngeren Geschichte, die die Zukunft des tradtionsreichen Galopprennvereins auf Jahrzehnte sichern sollte. So hatte sich Dr. Poth in den Monaten zuvor mehrfach geäußert. Doch bereits nach einigen Minuten forderte Georg Rehm den Vorstand auf, zum Wohle des Rennvereins geschlossen zurückzutreten.

Was war geschehen? Schon zu Saisonbeginn im März hörte man aus dem Sekretariat des Rennvereins von vielversprechenden Verhandlungen, welche die Zukunft der einzigen Rennbahn in Bayern auf Jahrzehnte sichern sollten. Norbert Poth hatte die Vision, München zum Mekka des Rennsports zu formen. Details gab es aber keine. Eine Verschwiegenheitsklausel hinderten den sanierungsfreudigen Präsidenten und seinen Verhandlungspartner beim Großen Ding nach Poth’s Bekunden daran, Informationen an die Mitglieder weiter zu geben. Bis Mitte des Jahres sollten sich die Mitglieder noch gedulden. Erste Informationen über den geplanten Verkauf der Trainingsbahn kamen aus dem Verwandschaftskreis des Käufers und erreichten wohl ungewollt die Öffentlichkeit und somit die Ohren der Mitglieder. Und damit wurde auch der Name des Verhandlungspartners bekannt – der Münchner Anwalt Erich Schwaiger. Mit Schwaiger war folgender Deal geplant. Für insgesamt 64 Millionen Euro sollte das Trainingsgelände verkauft werden. Die Transaktion sollte nur dann wirksam werden, wenn der Grund zu wertvollem Bauland umgewidmet wird. Wann und ob überhaupt das passieren würde, darüber kann nur spekuliert werden, die Kaufoption für Schwaiger sollte bis 2033 für ihn exklusiv zur Verfügung stehen.

Eine weiterer Immobiliendeal , diesmal mit der Stadt München, der erst kürzlich bekannt wurde, aber schon Mitte Februar bei dem Münchner Rennverein vorlag und im Mai abgewickelt wurde, brachte die Poth-Gegner zum Kochen. Laut Satzung darf der Präsident keinen Grund und Boden des Rennvereins ohne eine Zustimmung von mindestens einer dreiviertel Mehrheit der Mitglieder verkaufen. Die Gelegenheit dazu, alle zu Informieren, hatte Poth Ende April auf der Mitgliederversammlung, doch es floss keine Information an die Anwesenden. Damit hatte er in den Augen der Opposition einen groben Vertrauensbruch begangen. Die Rücktrittsrufe gegen Norbert Poth wurden immer lauter und immer mehr. Poth versuchte auf der zum Teil emotional geführten Versammlung sein schnelles Handeln als zum Wohle des MRV zu rechtfertigen. Rückendeckung bekam er von dem engagierten MRV-Anwalt Walter Labbé.

Es musste abgestimmt werden – nach dem Willen der Poth-Skeptiker am liebsten in geheimer Wahl. Die ist aber laut Satzung nur bei der Präsidentenwahl vorgesehen. Es wurde also per Akklamation darüber abgestimmt, wie abgestimmt werden soll. Mit 37 Stimmen für die Abstimmung per Handzeichen ging dieser Punkt an den Vorstand. Das war aber der einzige Sieg an diesem Abend für das Präsidium.

Als es zur Abstimmung über den Gründstücksdeal mit der Stadt München kam, stimmten 34 Mitglieder gegen den Verkauf. Damit ergibt sich die Möglichkeit, den Präsidenten in die Haftung zu nehmen, wenn dem Verein ein Schaden entstanden ist. Da Poth im sogenannten Aussenverhältnis einen gültigen Kaufvertrag abgewickelt hat, ist dieser Rechtskräftig. Aber im Innenverhältnis, also zu seinen Mitgliedern, hatte der Präsident des MRV mit seinem vorschnellen Handeln gegen die Satzung verstoßen. Damit war der Punkt 2 auf der Tagesliste erledigt. Es folgten die üblichen verbalen Entgleisungen und Beschuldigungen, dann gab es eine Verschnaufpause.

Als nächstes sollte als TOP 3 über das Solarprojekt verhandelt werden. Dazu waren die aufgebrachten Mitglieder aber nun nicht mehr zu haben. Einmal in Fahrt gekommen, musste der TOP 4 „Verkauf des Trainingsgeländes“ vorgezogen worden. Der sogenannte „Schwaiger-Vertrag“ war bereits Notariell beurkundet, und es fehlte nur noch die notwendige Dreiviertelmehrheit der Mitglieder. Poth wurde vorgeworfen, er habe in der Vergangenheit „Stimmvieh herangeschafft“, um sich so die Mehrheit zu sichern, wie die Süddeutsche Zeitung in ihrem Artikel vom 08. September berichtete. Der von MRV engagierte Rechstanwalt Labbé versuchte die Mitglieder über die wichtigsten Vertragsinhalte zu Informieren, doch je mehr er sagte, desto ungehaltener wurden die Front der Opposition, und von ihr mitgebrachte Juristen entkräfteten seine Darlegungen. Es wurde sogar von einem Vereinsmitglied gefordert, Labbé das Mandat sofort zu entziehen. Als es zur geheimen Wahl kam (der Präsident hatte jetzt beschlossen, nun doch mit Wahlzetteln abstimmen zu lassen, damit es keine Unklarheiten bei der Auszählung gibt) verkomplizierte Labbé den Wahlvorgang unnötig. Stimmen wurden laut wie „Aufhören“, „Die Wahl muss frei sein“.Letztendlich konnten nur regulierende Worte von Dietrich von Boetticher die Situation entspannen. Der frühere Präsident des Münchner Rennvereins wies den MRV-Anwalt an, nur über den TOP4 abstimmen zu lassen, so wie er auf dem Papier stand. 46 von 81 Stimmen waren gegen den Verkauf, und damit war der „Schwaiger-Vertrag“ vom Tisch. Pikant: Der Vertrag war bereits notariell beurkundet, und es fallen dafür Kosten in Höhe von rund 120.000 Euro für den Verein an. Eine Summe, die der Rennverein nicht so leicht stemmen kann. Ehrenpräsident Wolfgang Wille war wie so oft der Retter in der Not und sagte dem Verein ein zinsloses Darlehen von 300.000 Euro zu. „Das wird wohl reichen bis zum Frühjahr“: prognostizierte Wille, der noch immer hohes Vertrauen und Ansehen bei allen Mitgliedern genießt. Dr. Paul Kistler sah kein Vertrauen mehr in den jetzigem Vorstand und stellte einen Antrag auf dessen Ablösung.

Für das Trainingsgelände lagen plötzlich nun noch zwei weitere Angebote vor. Helmut von Fink (Gestüt Park Wiedingen) unterbreitete dem Vorstand ein Angebot über 4,5 Mio. Euro sowie 10 Prozent der zukünftigen Einnahmen aus dem Deal. Durch die Berichterstattung in den Medien wurde auch die Nymphenburger Beteiligungs-AG auf das Gelände aufmerksam und trat an die Kanzlei Labbé mit einem 3 Mio. Sofortcash-Angebot heran. Man sei bereit, für den Quadratmeter 165 Euro zu bezahlen, das sind fünf Euro mehr als im abgelehnten Vertrag mit dem Immobilienunternehmer Erich Schwaiger.

TOP 3 war, die Dächer der Stallungen mit Solarzellen auszustatten und an einen Betreiber für Solaranlagen über einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren zu verpachten. Notwendig ist dazu die Belastung von Grundstücksflächen mit einer beschränkten persönlichen Dienstbarkeit. Grundsätzlich waren die Mitglieder für das Solarprojekt. Es lag aber kein Vertrag vor, und über eine so lange Laufzeit nicht über das Eigentum verfügen zu können, sei ein vereinsschädigender Vertrag, wie es Dr. Gabriele Seitz empfand. Auch in dieser geheimen Wahl konnte der Vorsstand nicht punkten.

Als letztes stellte Fritz Rühl den Antrag auf Gründung eines Ausschusses, der das Zustandekommen des „Schwaiger-Vertrags“ und die Verwendung der Geldmittel des Vereins seit Antritt des neuen Vorstands überprüfen sollte. Norbert Poth lehnte den Antrag ab mit den Worten ab: „Das steht nicht auf der Tagsordung.“ Doch da irrt der Präsident, denn in einem Brief am 07. September an alle Mitglieder ist dieser Antrag und Weitere in den TOP 5 „Sonstiges“ eingeflossen.

Und was ist mit den ständigen Rücktrittsforderungen gegen Dr. Poth? „Ich habe eine Fürsorgepfllicht gegenüber den Mitarbeitern und den Trainern, und wenn ich zurücktrete, bestimmt das Amtsgericht einen Notvorstand. Ich werde nicht zurücktreten“, kommentierte Poth das Thema. Er verliert aber zwei Vorstandsmitglieder nach dieser ausserodentlichen Mitgliederversammlung. Hans-Gerd Wernicke, Eigner des Stalls Salzburg, hatte nach dieser fast fünfstündigen hitzigen Runde genug: „Das artet hier langsam zu einer Lachnummer aus“, protestierte der Unternehmer und erklärte seinen sofortigen Rücktritt. Franz Knott (Vorstand Finanzen und Verwaltung) werde ebenfalls seinen Hut nehmen, den Termin will er mit Poth noch abstimmen. Ob sich Knott als Bauernopfer sieht? „Nein, ich trete zurück aus Überzeugung. Ich habe ehrlich und gewissenhaft gearbeitet“, kommentierte er seine Rücktrittsankündigung.

© Foto: turfstock.com, München

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  1. […] der außerordentlichen Mitgliederversammlung vom 13.09.2011 (turfcast.net berichtete) sollten die Weichen der krisengeschüttelten Münchner Galopprennbahn für die Zukunft gestellt […]

  2. […] Verein, die Anhänger des bisherigen Präsidenten Dr. Norbert Poth – er stolperte über ein umstrittenes, letztlich gescheitertes Grundstücksgeschäft (turfcast berichtete) mit dem Immobilieninternehmer Erich Schwaiger – und die Opposition um Boetticher gegenseitig […]




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