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Die Krone für Epatante

März 10, 2020 by  

Michael Luxenburger – In gewisser Weise sind wir ja schon privilegiert, Autor und Fotograf. Denn wir dürfen an der wahrscheinlich weltweit einzigen Veranstaltung teilnehmen (Manifeste religiösen Fanatismus‘ mal ausgenommen), die coronatechnisch noch stattfinden darf, obwohl mehr als 1000 Teilnehmer erwartet werden. Genauer gesagt rund 260 000 an den vier Festival-Tagen. Allerdings musste auch das Cheltenham Festival 2020 der Causa Corona Tribut zollen. Denn die Besucher wurden gebeten, zu Hause zu bleiben, falls sie husten oder schwerer als üblich atmen sollten. Wer pro Tag 100 Euro für die Eintrittskarte ausgegeben und eventuell ein Hotelzimmer gebucht hatte, wird das sicher nicht gemacht haben. Epatante, die Klassestute von JP McManus, hat das auch nicht gemacht, hatte ihren Husten aus dem Februar aber sichtlich überwunden und setzte sich mit dem Sieg im Champion Hurdle die Krone auf.

Nach einem sehr entspannten Flug mit British Airways in einer nicht mal viertelvollen Maschine („the Corona effect“, verriet die Stewardess dem Autor), wäre die Reise fast an Heathrow Airport schon zu Ende oder zumindest verzögert worden, denn Autor und Fotograf marschierten frohgemut in die Transit-Zone, wo sie erst ein gewissenhafter Polizist darauf aufmerksam machte, dass sie hier wohl falsch seien. Der versicherte uns nämlich, dass man von London nicht weiter nach Cheltenham fliegen könne – außer, man besitze einen Hubschrauber. Dazu haben aber die Wettgewinne der beiden noch nicht gereicht – im Gegenteil. Eine Fahrradtour wäre da angemessener.

Ansonsten war der Tag der Ankunft von diversen Problemen geprägt, die Autor und Fotograf schließlich fast in Panik geraten ließen. Da die Pressepässe der beiden auf dem Postwege nicht nach München gefunden hatten, mussten sie auf der Rennbahn abends bei der Security abgeholt werden. Leider stand die Motivation des Sicherheitstypen, im Karton mit den Couverts nachzusehen, im umgekehrten Verhältnis zur Anzahl der Funkgeräte, die ihm um den Bauch hingen. Als wir schon völlig durchnässt wieder abziehen wollten – es regnete in Strömen und wir mussten natürlich draußen warten – kam eine gute Fee aus dem Akreditierungsbüro zufällig vorbei und übernahm den Job. Erfolgreich. Erleichtert zogen die beiden mit den Festival-Pässen ab und fuhren noch bester Laune Richtung Stratford upon Avon, wo sich das schnuckelige Cottage befinden sollte, dass sie sich gemietet hatten. Sie wussten lediglich, dass es in Alderminster lag. Genauere Adresse gab es nicht. Es sollte aber direkt an der A4020 liegen.

Leider hatte das schon legendäre Alt-Navi den schicken Leihwagen der beiden – ein kobalt-blaues Renault-Mobil, das aussah wie ein Space Shuttle, zuerst auf den Parkplatz des örtlichen Waitrose-Supermarkts geführt und felsenfest behauptet, dass sich dort kein Superstore, sondern ein Cottage befindet. Aber gut, einkaufen mussten wir ja auch, vor allem die Zutaten für das Full English, Breakfast und das Abendessen. Der Autor ist ja ein begeisterter und sehr talentierter Hobbykoch und hatte am Sonntag Abend zusammen mit seiner Freundin, der Raupe, seine Lieblingssendung Kitchen Impossible gesehen (einfach großartig, der Tim Mälzer) und sich dort abgeschaut, wie in einem Restaurant in Dubai Ingwer-Huhn gekocht wird.

10.03.2020 – Somewhere – The cottage. Credit: Michael Luxenburger/turfstock.com

Da wir wussten, dass das Cottage in Alderminster lag, ließen wir dann Navi Navi sein und vertrauten auf unseren Spürsinn. Das sollte sich als Fehler erweisen. In stundenlanger Suche im komplett verdunkelten Alderminster grasten wir jedes Sträßlein ab, stiegen über Zäune, leuchteten Häuserfronten ab und rechneten damit, dass jeden Moment wenn schon .nicht Selbstschuss-Anlagen, aber doch zumindest Suchscheinwerfer und Sirenen losgehen würden. Auch ein Nachfrage im örtlichen Pub blieb erfolglos. Mehrere Anrufe beim Landlord des Cottage waren fehlgeschlagen, und wir richteten uns schon auf eine Nacht im Auto ein. Bis endlich eine Antwort auf eine SMS des Autors kam: Das Cottage lag, gut versteckt am Ende eines kleinen Weges, direkt neben dem Pub. In der Einfahrt zum Weg stand ein freundlich winkender Mann, der sich als Herr des Orchard Cottage entpuppte. „Es gebe hier nur ein ganz schlechtes Netz“, erklärte er uns seine scheinbar zurückhaltende Art, mit Anrufen umzugehen, und wünschte viel Spaß in seinem Haus.

Das Cottage entpuppte sich als echtes Schnuckelchen. Und das zu einem echten Spottpreis.

Das Corona-Virus hatte uns bis dahin also schon einige Streiche gespielt, denn es ist ja sonnenklar, dass all diese Vorkommnisse damit zu tun haben, dass es von Außerirdischen geschickt worden ist, um große Unruhe unter den Menschen zu stiften. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass neben dem bereits beschriebenen Ungemach auf dem Hinflug zwei chinesische Energieriegel des Autors spurlos verschwanden und die Mütze des Fotografen später das selbe Schicksal ereilte?

Das ist natürlich eine substanzielle Frage mit massiver Relevanz, um mal das schreckliche Modewort „massiv“ zu verwenden. Das passiert aber nie mehr, auch „im Vorfeld“ nicht, um ein weiteres sprachliches Unding zu verwenden. Welchen düsteren Mächten der Wassereinbruch im Pressezelt zuzuschreiben ist, der einige Rechner der versammelten Journaille mit einer leicht bräunlichen Brühe taufte. Oder wer dafür sorgte, dass die dortigen Toiletten nach dem 5. Rennen gesperrt werden mussten und eine Angestellte des Jockey Club so heftig gegen diese Absperrung rumpeln ließ, dass sie kopfüber auf den Boden stürzte – ein weiteres Mysterium. Können wir auch das Corona in die viralen Schuhe schieben?

Aber nun zum Spocht.

Traditionell geht ja der Vorhang zum viertägigen Schauspiel im Prestbury Park mit dem Supreme Novices Hurdle los, das dieses Jahr vor gut 60 000 Zuschauern (rund 10 000 weniger als 2019) unter dem Protektorat von Sky Bet gelaufen wurde. Hier sind fünfjährige und ältere Pferde startberechtigt, die erst in der laufenden Saison damit begonnen haben, über die Hürden zu fegen. Es wurde zu einem packenden zwei-Pferde-Rennen, denn der Favorit Abacadabras (Davy Russell/Gordon Elliott, 11/4) und der Sholokhov-Sohn Shishkin (Nico De Boinville/Nicky Henderson, 6/1) lieferten sich eine heftige Battle den ganzen Cheltenham Hill hinauf, der der Rest des vom Dritten Chantry House (Barry Geraghty/Nicky Henderson, 15/2) angeführten Feldes nur aus der Distanz zusehen konnte. Der schlecht springende Elixir d‘ Ainay hatte im zweiten Versuch endlich Captain Guinness aus dem Weg geräumt, wobei beim ersten Rumpler die Behinderung vom enttäuschenden Mitfavoriten Asterion Forlonge ausgegangen war. Glücklicherweise blieben beim Sturz Pferde und Reiter augenscheinlich unversehrt. Das mitreißende Finale entschied schließlich der großartig kämpfende Shishkin, der bei der Tattersalls-Auktion 2018 170 000 Pfund gekostet hatte, gegen einen kaum schwächeren Gegner für sich. Der Jockey des Zweitplatzierten, Davy Russell, meinte nach dem Rennen: „Mein Pferd ist ein tolles Rennen gelaufen, doch ein besseres Pferd hat gewonnen. Er hat alles fantastisch gemacht.“

10.03.2020 – Cheltenham; Shishkin ridden by Nico de Boinville (yellow silks) wins the Sky Bet Supreme Novices‘ Hurdle (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Der Sieger muss schon ein Superpferd sein, denn sein Reiter Nico De Boinville sagte: „Alles, was in einem Rennen schief gehen kann, ist schief gegangen. Alles hatte sich gegen ihn verschworen. In der Gegenseite landete er einmal auf allen Vieren. Dann wurde ich in diesem rauen Rennen nach hinten geschoben. Als wir uns wieder herangearbeitet hatten, stürzte das Pferd vor mir und ich kam fast aus dem Sattel. Das zeigt, was für ein großartiges Pferd diese Shishkin ist. Er ist so wahnsinnig talentiert.“ Seinem Trainer bescherte er den 65. Sieg beim Festival, für De Boinville war es Erfolg Nummer elf.

Die Racing Post Arkle Chase Trophy ist das Rennen für die besten schnellen Novice Steepler. Nach Form führte kaum ein Weg am Favoriten Notebook vorbei, doch hatten sich zuletzt die Stimmen gemehrt, die ihm die Fähigkeit absprachen, mit den Eigenheiten des Kurses im Prestbury Park zurecht zu kommen. So war es dann auch, er landete 27 Längen hinter der Siegerin auf dem letzten Platz. Doch die Stallgefährtin Put The Kettle On (Aidan Coleman/Henry De Bromhead, 16/1) sprang für ihn in die Bresche und erkämpfte sich einen knappen, aber nie gefährdeten Erfolg gegen den zweiten Favoriten Fakir D‘ Oudaires (Mark Walsh/Joseph Patrick O’Brien, 3/1). Dritter wurde weit abgeschlagen Rouge Viv (Gavin Sheehan/Harry Whittington, 9/1). 40 Jahre hatte es gedauert, dass wieder eine Stute dieses Rennen gewinnen konnte.

10.03.2020 – Cheltenham; Winners presentation with jockey Aidan Coleman and groom Stephen Dunphy after winning the Racing Post Arkle Challenge Trophy Novices‘ Chase (Grade 1) with Put The Kettle On at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Trainer De Bromhead war voll des Lobes über den Jockey: „Aidan hat sie brilliant geritten. Er sagte mir, dass sie jeden Sprung attackiert habe.“ Überraschend kam der Sieg für den Trainer nicht: „Sie hatte ja Kurs- und Distanzform aus dem vergangenen Jahr, als sie das Racing Post Arkle Trial gewinnen konnte.“ Seinem anderen Starter Notebook habe möglicherweise noch das schwere Rennen im Irish Arkle in den Beinen gesteckt. Die Stute, die mit diesem Sieg rund 85 000 Euro eingaloppierte, war mit 20 000 Euro ein echtes Schnäppchen gewesen. „Ihr Springen war ein absolutes Vergnügen“, freute sich Jockey Coleman über seine Stute, die aber wohl von einem Fehler des Zweitplatzierten am vorletzten Hindernis profitiert hatte, was dessen Reiter Mark Walsh bestätigte: „Da haben wir viel Schwung verloren. Das hat mich möglicherweise das Rennen gekostet.“

Normalerweise sind die großen Handicaps mit ihren 20+ Startern ein Wetträtsel, doch in der diesjährigen Ultima Chase landeten auf den ersten vier Plätzen ausnahmslos stark gewettete Pferde.

Der Sieger The Conditional (Brendan Powell/David Bridgwater, 15/2) bescherte seinem Trainer den ersten Sieger beim Festival, den er zum Teil auch seinem Jockey zuschrieb: „Was für ein großartiger Jockey! Ich dachte, das wär’s, als das Pferd am vorletzten Hindernis anklopfte. Doch mögflicherweise hat uns das den Sieg gebracht, denn so war The Conditional nicht zu früh in Front. Ein brillianter Ritt.“ Bridgwater, der in seiner Jockey-Karriere fünf Siege beim Festival gefeiert hatte, meinte über sein Pferd: „Es ist ja noch ein Baby. Wir lernen immer noch, und im kommenden Jahr wird er noch viel besser.“ Der nur um einen Hals geschlagene Zweitplatzierte Kildisart (Daryl Jakob/Ben Pauling, 10/1) soll im Grand National laufen: „Das war ein großartiges Trial, bei besseren Bodenverhältnissen hätte er wohl gewonnen,“, sagte sein Trainer. Diese Einschätzung teilte auch der Jockey. Nicht ganz das Tempo der beiden vorderen Pferde konnte Discorama (Bryan Cooper/Paul Nolan, 11/2) mitgehen, konnte aber Vindication (David Bass/Kim Bailey, 11/2) knapp auf Rang vier verweisen.

Der Autor hatte Epatante (Barry Geraghty/Nicky Henderson, 2/1), die klare Favoritin für das Champion Hurdle, in Newbury beim Ladbrokes Festival gesehen, wo sie überlegen siegte – allerdings in einem Handicap. Trotz einer folgenden Siegform auf Gruppenebene hatte er der bildhübschen Stute den Sieg in diesem Hauptrennen des ersten Tages nicht zugetraut. Doch die Sechsjährige im Besitz von JP MacManus ließ im ganzen Rennen keinen Zweifel daran, dass sie das beste Pferd im Feld ist. Immer unter den ersten Vier galoppierend schickte sie ihr Jockey vor dem letzten Hindernis in Front und kontrollierte die Gegner mit Leichtigkeit. Lediglich Sharjah (Patrick Mullins/Willie Mullins, 16/1) konnte da einigermaßen mithalten, musste aber bald die Überlegenheit der Stute anerkennen. Dritter in einem eher schwachen Feld, in das sich viele chancenlose Handicapper verirrt hatten, wurde Darver Star (Jonathan Moore/Gavin Cromwell, 17/2), der den Rest sicher im Griff hatte.

10.03.2020 – Cheltenham; Epatante ridden by Barry Geraghty (green silks) wins the Unibet Champion Hurdle Challenge Trophy (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Über seinen bereits achten Sieg im Champion Hurdle freute sich Nicky Henderson natürlich sehr. „Das ist ein hübsches Rennen, oder?“, flachste er. „Epatante ging immer gut, und ich war immer sehr angetan von ihrer Lage im Rennen.“ Jockey Barry Geraghty hatte vor dem Rennen kein gutes Gefühl:“Ich dachte, der Boden sei zu langsam für sie. Doch sie lief einfach traumhaft. Nicky hat das super mit ihr gemacht, genauso wie ihre Lass Sophie Candy. Epatante ist einfach eine sehr smarte Stute.“

Das Close Brothers Mares Hurdle wurde zu einer heißen Battle zwischen den zwei Favoritinnen Honeysuckle (Rachael Blackmore/Henry De Bromhead, 9/4) und  Benie Des Dieux (Paul Townend/Willie Mullins, 4/6), wobei erstere die Oberhand gewann. Imperial Aura (David Bass/Kim Bailey, 4/1) holte sich das Listenrennen für die Novices Chaser, und im abschließenden National Hunt Challenge Cup der Amateure bewahrheitete sich die alte Regel: Einfach das Pferd spielen, das Jamie Codd reitet. Mit Ravenhill (Gordon Elliott, 12/1) sorgte er auch noch für eine tolle Quote.

10.03.2020 – Cheltenham; Honeysuckle ridden by Rachael Blackmore wins the Close Brothers Mares‘ Hurdle (Registered As The David Nicholson Mares‘ Hurdle) (Grade 1) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Der Autor hielt sich leider nicht an die Regel. Der Fotograf hatte das Wetten zu diesem Zeitpunkt bereits eingestellt. Morgen kann es nur besser werden. Corona hin und her.

© Fotos: turfstock.com, München

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