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Die Generation der deutschen Zweijährigen bleibt konturlos

November 17, 2010 by  

Hemke Label Orakel © turfstock.com/BaloghRolf C. Hemke – Die Saison für die Nachwuchsgeneration ist vorbei. Mit dem fünften Platz des von Andreas Wöhler trainierten Fährhofers Quinindo unter Eduardo Pedroza im über 2000 m führenden Critérium de Saint-Cloud, der letzten Gr.1-Prüfung der europäischen Turfs, sind die Standortbestimmungen für den klassischen Jahrgang 2011 abgeschlossen. Und wieder einmal richten sich alle Augen auf die Inseln: Mit dem überragenden Gr.1-Dewhurst-Stakes Sieger Frankel aus dem Stall von Henry Cecil, dem Gr. 1-Racing Post-Trophy-Sieger Casamento, der mittlerweile von Mick Halford in den Stall von Saeed bin Suroor gewechselt ist, und mit dem auf weichen Boden bereits zweifachen Gr.-1 Sieger Dream Ahead, zuletzt auf allzu abgetrockneten Geläuf Fünfter zu Frankel, verfügen die englischen und irischen Ställe – mit den Gestüten Darley, Coolmoore und Juddmonte im Rücken –einmal mehr über Material, dass sich in der kommenden Saison als überlegen erweisen dürfte.

Nicht vergessen sollte man dabei, dass mit dem Prix Morny im August in Deauville (Dream Ahead/Trainer David Simcock), dem Grand Critérium (Wootton Basset/R. A. Fahey) und dem Critérium des Pouliches (Misty for me/Aidan O´Brien) jeweils am Arc-Sonntag Anfang Oktober, dem Critérium International von Saint-Cloud (Roderick O´Connor/Aidan O´Brien) und dem gerade gelaufenen Grand Critérium von Saint-Cloud (Récital/Aidan O´Brien) die fünf wichtigen französischen Gruppe 1-Prüfungen für den jüngsten Jahrgang von englischen und irischen Ställen abgeräumt wurden. Quinindo war der einzige deutsche zweijährige Hengst, der sich international auf höchstem Parkett bemerkbar machte. Kein Wunder, dass er nun bei racebets.com den Wettmarkt für das deutsche Derby mit 160:10 anführt gemeinsam mit dem überlegenen Krefelder Ratibor-Sieger Gereon und – man höre und staune – dem noch dunklen Kölner Maidensieger Sundream (Trainer: Andreas Wöhler). Niedriger steht nur der große Unbekannte: Für 60:10 kann man auf ein kurz vor dem Derby nachzunennendes Pferd, im Zweifel ein ausländisches, wetten. Ausdrucksvoller kann man eine vorauseilende Kapitulation kaum in Zahlen fassen.

Auch in der GAG-Einschätzung dürfte sich Quinindos Leistung wiederspiegeln: Mit den beiden von Chef-Handicapper Harald Siemen derzeit höchst eingeschätzen Pferden, eben erwähntem Gereon und dem Sieger des Kölner Oppenheim-Rennens Acadius (jew. 94,0 kg), dürfte er gleichziehen. Nur zum Vergleich: Der höchsteingeschätzte Zweijährige 2009 war der Ratibor-Sieger Neatico mit einem GAG von 95,0. Auch der von Mario Hofer trainierte, spätere Derbyzweiten Zazou war nach seinem letztjährigen Sieg im höchstdotierten deutschen Auktionsrennen, dem Baden-Badener Ferdinand-Leisten-Memorial, und seinem dritten Platz im Critérium de Saint-Cloud mit 94, 5 höher eingestuft als die derzeitigen Jahrgangsbesten. Dabei hat sich schon der klassische Jahrgang 2010 – sieht man von Scalos Glanzleistung im Preis von Europa einmal ab – in diesem Jahr nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Zumindest einige wenige internationale Anhaltspunkte mehr zur Positionierung des jüngsten deutschen Jahrgangs gab es Ende der letzten Saison: Immerhin gewann mit dem von Pat Eddery trainierten Hearts of Fire 2009 ein Zweijähriger das Baden-Badener Zukunftsrennen, der später in Mailand zum Gr.1-Sieger avancierte. Zudem lief nicht nur Zazou erfolgreich im Critérium de Saint-Cloud sondern beendete auch ein Noble Alpha seine Saison als Fünfter im parallelen Gr.2-Critérium de Maisons-Lafitte Anfang November. Ein Start des Ebbeslohers Lindenthaler aus dem Training von Peter Schiergen, der den Düsseldorfer Juniorenpreis (Listenrennen) im September sicher für sich entscheiden konnte, war im Mailänder Gran Criterium geplant, kam aber aufgrund schwacher Trainingsergebnisse nicht zustande.

So wagte sich auch Peter Schiergen einzig mit der Stute Danedream zunächst in ein hochdotiertes Auktionsrennen in Deauville und dann in das von Misty for me gewonne Critérium des Pouliches in Longchamp. Das Auktionsrennen gewann sie sogar, wurde allerdings wegen einer kleineren Behinderung unglücklich disqualifiziert. In Paris wurde sie dann sechs Längen zurück hinter der Ballydoyle-Stute sechste. Dass sie in der Baden-Badener Winterkönigin drei Wochen später auf schwerem Geläuf mit eindreiviertel Längen Rückstand Dritte wurde, könnte darauf schließen lassen, dass es sich bei den beiden im Einlauf dominierenden Stuten, der von Andreas Löwe trainierten Djumama (GAG 93 kg; derzeitige deutsche 1000 Guineas-Wettmarktfavoritin bei 120:10) und der ebenfalls von Peter Schiergen trainierten Aigrette Garzette (1000 Guineas-Quote 130:10) tatsächlich um bessere Stuten handelt. Insoweit interessant erscheint die Parallele zu Schiergens Elle Shadow: Letztes Jahr war diese Stute zweite in der Winterkönigin und in diesem August Zweite zu Enora in der deutschen Diana. Als Siegerin im Baden-Badener Fürstenberg-Rennen (Belmondo-Preis) setzte sie sich gegen starke Hengste ihres Jahrgangs überlegen durch und prägte neben der noch nicht voll erkannten Enora den klassischen Stutenjahrgang 2010.

Als interessante Stute erscheint darüber hinaus die von Jean-Pierre Carvalho trainierte Salona (1000 Guineas-Quote 180:10), die nach leichter Behinderung durch Andreas Wöhlers Nice Danon nachträglich am grünen Tisch das Baden-Badener Zukunftsrennen 2010 zugesprochen bekam – eine unbefriedigende und zu Recht umstrittene Entscheidung. Unabhängig davon hat sich diese Stute die Saison über deutlich gesteigert und machte sich auch als Zweite im Kölner Oppenheim-Rennen (Listenrennen) bereits gegen die Hengste deutlich bemerkbar. Während Nice Danon sich auch im Kölner Winterfavorit als Zweiter teuer verkaufte und als Pferd mit echtem Kämpferherz viele Sympathien auf sich vereint, enttäuschte der ebenfalls von Carvalho trainierte Acadius nach Verletzungspause im Krefelder Ratibor-Rennen auf anscheinend allzu weichem Geläuf als Letzter dann doch sehr. Dennoch schätzte Handicapper Harald Siemen den Erfolg von Acadius über Salona im Kölner Oppenheim-Rennen als so hoch ein, dass er ihm zusammen mit dem von Christian Zschache trainierten Gereon die Topbewertung zusprach.

Einige weitere Hengste komplettieren das diffuse Bild des klassischen Jahrgangs 2011: Noble Champion und Le Peintre waren Zweiter und Fünfter im mit 200.000 € dotierten Baden-Badener Ferdinand-Leisten-Memorial 2010 und kamen in umgekehrter Reihenfolge als Zweiter und Dritter hinter Gereon im Ratibor-Rennen ein. Bemerkenswert erscheint dabei, dass nicht nur Gereon mit viereinhalb Längen überlegen gewann sondern sich auch Le Peintre als Zweiter mit vier Längen gegenüber Noble Champion freimachte. Im Leisten-Memorial, das der von Waldemar Hickst trainierte World Star nach reifer Rennleistung mit ¾ Längen sicher gewann, waren zwischen Noble Champion und dem zwischenzeitlich behinderten Le Peintre noch knapp zweieinhalb Längen. Doch nach dem letzten Ergebnis sieht es ganz danach aus, dass der Mario Hofer-Schützling Le Peintre das versprechendere Pferd von beiden ist. Auf eine Bestätigung der Leistung des in drei Rennen stetig gesteigerten World Star (GAG 88,5 kg) wird man bis zur kommenden Saison warten müssen.

Bemerkenswert erscheint darüber hinaus die überlegene Leistung des von Andreas Wöhler trainierten Earl of Tinsdale (GAG 85,0 kg) im Münchener Auktionsrennen Anfang November, dass dieser Start-Ziel gegen guten Konkurrenz aus Schiergens Kölner Asterblüte-Stall gewann. Den Wettmarkt für die deutschen 2000 Guineas, also das Kölner Mehl-Mühlens-Rennen im Mai, beherrscht mit einer Quote von 130:10 (bei racebets.com) hingegen das überlegene Pärchen aus dem Kölner Gr. 3-Preis des Winterfavoriten, den nach Kampf Schiergens Silvaner (GAG 93 kg) gegen den einmal mehr kampfstarken Nice Danon mit Hals gewann. Bleibt als Fazit des Wetters: Während der englische Wettmarkt mit seinen klaren Favoriten und niedrigen Quoten kaum Lust auf Investitionen macht, weist der deutsche Markt zwar weitaus interessantere Quoten auf, doch im Verhältnis zur Konturlosigkeit des Jahrgangs erscheinen auch diese als wenig attraktiv. Wir warten lieber auf das nächste Frühjahr.

© [M] Foto: turfstock.com, München

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