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Der Tiger bleibt im Dreck stecken

März 11, 2020 by  

Michael Luxenburger – Es ist schon erstaunlich, wie entspannt man in England mit dem Thema Corona (jaaa, ich weiß, schon wieder) umgeht. Möglicherweise liegt es daran, dass man ja auf einer Insel lebt und Viren bekanntlich nicht schwimmen können. Allerdings kann dieser Virus ja noch ganz andere Kunststücke. Aber alle Favoriten an Tag zwei des Cheltenham Festivals zum Sieg führen, das kann er dann doch nicht. Zweimal hatten die Bookies großen Grund zur Freude.

Der Autor war an diesem Tag besonders gut gelaunt – zumindest, bevor ihm das erste Rennen vor Augen führte, dass seine Wettkünste bei diesem Festival bisher als eher bescheiden zu bezeichnen sind. Denn zum einen war seine im Durcheinander um den gestrigen Wassereinbruch im Pressezelt verloren gegangene Designer-Sonnenbrille von einer ehrlichen Jockeyclub-Fee gefunden und in Sicherheit gebracht worden. Zum anderen bekam er vom Fotografen ein Sonderlob für seine Kochkünste ausgesprochen: Jener habe noch nie so gut in England gegessen.

20200311 Cheltenham: Hmm, best full english breakfast. Credit: Michael Luxenburger/turfstock.com

Nun gut, das relativiert sich dadurch, dass wir bisher mit so herausragenden Köstlichkeiten wie überfahrene marinierte Dachse oder in gebrauchtem Motorenöl gebratenes English Breakfast abgespeist worden waren. Nicht zu vergessen die gegrillten Schuhsohlen, die mancherorts im Pub auf dem Teller gelegen hatten. Allerdings waren des Autors Ginger Chicken oder der auf der Haut gebratene Wildlachs mit Brokkoli und in Guinness glasierten Zwiebeln als Reis-Topping tatsächlich nicht übel.

Aber zurück zum eigentlichen Thema, dem Kronenvirus. Auf der Rennbahn im Prestbury Park stehen an jeder Ecke Dispenser mit jener Flüssigkeit, die in Deutschland ja mittlerweile so teuer wie Druckertinte geworden ist. Ein angenehmer Nebeneffekt der Coronitis ist die Tatsache, dass sich jetzt jeder Mann, der die Toilette verlässt, vorher die Hände wäscht, wozu ermit einem großen Hinweisschild aufgefordert wird. Die :Begrüßung unter Kollegen wird nun mit sanften Fußtritten vollzogen: Des Autors Freunde aus der Rennkommentatoren-Zunft, Mike „The Cat“ Cattermole und Derek „Thommo“ Thompson, erklärten ihm, dass das die Anweisung ihres Arbeitgebers ist. Er muss zugeben, dass diese Prozedur einen gewissen Charme besitzt. Außerdem kann man dabei gleichzeitig Kaffee trinken, essen oder auch in zwei Handys glotzen.

Heute verließen sich Autor und Fotograf komplett auf dass Navi, das ihnen und ihrem Space Shuttle, dem kobaltblauen Renault (man wartet immer darauf, dass er zu sprechen beginnt oder plötzlich fliegen kann), einen sehr pittoresken Weg bescherte. Auf einer Straße, die eher an einen großzügigen Radweg erinnerte, ging es kreuz und quer durch die wundervolle Countryside zwischen Stratford Upon Avon und Evesham. Schafe mit ihren neugeborenen Lämmern säumten den Weg, Fasane erhoben sich elegant zum Flug, und auch ein Fuchs trollte sich entspannt, als das Space Shuttle durch die Fluren glitt. Allerdings musste der Fotograf, an dieser Stelle ein Sonderlob für seine Fahrkünste, schon höllisch aufpassen, dass sich Begegnungen mit Autos auf der anderen Seite der Fahrbahn nicht zu intensiv gestalteten. Haben wir schon einmal erwähnt, dass hier in England alle auf der falschen Seite fahren? Da Autor und Fotograf keine typischen Deutschen sind, haben sie bisher darauf verzichtet, die Einheimischen diesbezüglich zu belehren.

Aber nun zum Spocht.

Mit einem Grade 1 ging es gleich ordentlich zur Sache, denn das Ballymore Novices Hurdle ist mit umgerechnet rund 125 000 Euro dotiert. Nimmt man die Freudentänze des Siegerteams rund um Trainer Gordon Elliott im Absattelring zum Maßstab, dann hatte die Umgebung des leichten Siegers Envoi Allen (4/7) eine ähnliche Summe bei den Buchmachern abgeladen. Davy Russell pilotierte den hübschen Wallach mit seiner ganzen Routine makellos über den Kurs, hielt ihn immer hinter dem Spitzentrio. Als er vor dem letzten Sprung Ernst machte, ließ Envoi Allen fast spielerisch seine Gegner stehen, von denen sich der lange in ruhiger Fahrt führende The Big Getaway (Paul Townend/Willie Mullins, 9/1) auf den letzten Metern noch Easywork (Rachael Blackmore/Gordon Elliott, 12/1) um Platz zwei beugen musste. Ersterer ist ein Riese von einem Pferd und wird sicher ein sehr guter Chaser werden.

11.03.2020 – Cheltenham; Envoi Allen ridden by Davy Russell (left) wins the Ballymore Novices‘ Hurdle (Grade 1) (Registered As The Baring Bingham) at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Ein außergewöhnliches Finish sahen die rund 50 000 Zuschauer in der RSA Chase, die mit ihren fast fünf Kilometern Strecke die Novices schon ganz schon ziemlich fordert. Es sah lange nach einem Finish zwischen Alaho (Paul Townend/Willie Mullins, 5/2) und Minella Indo (Rachael Blackmore/Henry De Bromhead, 3/1) aus, die nach dem letzten Sprung fast zehn Längen vor dem Rest beide die letzten Kräfte mobilisierten. Doch dann kam wie auf Rollschuhen Champ (Barry Geraghty/Nicky Henderson, 4/1) angerauscht und holte noch einen sicheren Erfolg heraus, da die beiden Erstgenannten wie die Lachse standen. Der Stalljockey von JP McManus hatte wieder mal alles richtig gemacht und ist mit diesem Erfolg der erfolgreichste noch aktive Jockey beim Festival. Er sagte nach dem Rennen: „Ich wusste schon eingangs der Geraden, dass ich noch eine Chance hatte. Doch nach dem vorletzten Sprung kam mein Pferd einfach nicht weiter. Dann sah ich, dass die beiden Führenden den letzten Sprung nicht flüssig nahmen, und plötzlich roch ich wieder Geld. Als Champ anzog, wusste ich, dass es um die anderen geschehen war.“

11.03.2020 – Cheltenham; Winners presentation with trainer Nicky Henderson (left) and jockey Barry Geraghty after winning the RSA Insurance Novices‘ Chase (Grade 1) with Champ at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Trainer Nicky Henderson, für den es auch bei diesem Festival ausgezeichnet läuft, hatte sich vor den letzten 600 Metern schon mit einer Niederlage abgefunden: „Ich dachte, wir werden ehrenvoller Dritter, und hab meinen Blick dann auf die beiden vorderen Pferde gerichtet. Ich habe keine Ahnung, wo mein Pferd dann herkam! Plötzlich kam Champ in mein Blickfeld. Ich dachte: Was macht denn der da und wie hat er es hierher geschafft? Er ist ein Pferd mit einem wundervollen Temperament.“

Das übliche Riesenfeld ging mit heuer 25 Pferden im Coral Cup Handicap Hurdle auf die Reise. Und erneut sah man einen perfekt getimeten Ritt von Barry Geraghty, der die Favoritin Dame De Compagnie (Nicky Henderson, 5/1) aus allen Rangeleien heraushielt, sich zwei Sprünge vor Schluss an das vordere Quartett anhängte und am letzten Sprung nach vorne ging. 2 ½ Längen waren es im Ziel zu Black Tears (Davy Russell/Gordon Elliott, 12/1), die sich gegen Thosedaysaregone (Kevin Brouder/ Clive Burnes, 10/1) und Cracking Smart (Gavin Brouder/Gordon Elliott, 33/1) sicher durchsetzte. Das waren die Festival-Siege Nummer 68 für den Trainer, 41 für den Jockey und 62 für Besitzer JP McManus – was für ein Erfolgsgespann! Geraghty war hoch zufrieden nach dem Rennen: „Es lief alles bestens. Die Stute war sehr entspannt und zog prima an. Das war eine gute Vorstellung. Ich habe einfach einen guten Job. Ich reite für JP, einen großartigen Mann, und es gibt keinen Besseren als Nicky. Er ist Top Class. Er trainiert sie auf den Punkt, sie sind frisch und gut drauf, und es gibt keinen Besseren.“

Treue zahlt sich halt doch aus. Wie oft hatte der Autor schon Politologue (Harry Skelton/Paul Nicholls, 6/1) gewettet, und immer fand der schöne Schimmel im Besitz von Teletubbies-Erfinder John Hales einen oder zwei Gegner zu gut. Mit neun Jahren hat er nun endlich die mit insgesammt 400 000 Pfund dotierte Champion Chase gewonnen und dem Autor, der ihn natürlich wieder ein paar Pfund mitgegeben hatte, ein nettes Sümmchen ein gebracht. Dabei kam ihm sicher entgegen, dass der Favorit Altior wegen Lahmheit kurzfristig gestrichen worden war und der dann für unschlagbar gehaltene Defi Du Seul nach schwacher Vorstellung nur Vierter von sechs Startern wurde. Politologue galoppierte seine Gegner förmlich aus den Schuhen und hatte am Schluss noch genügend im Tank, um den Angriff des Stallgefährten Dynamite Dollars (Harry Cobden/Paul Nicholls, 7/1) in überlegener Manier abzuwehren.

11.03.2020 – Cheltenham; Winners presentation with a jubilant jockey Harry Skelton and trainer Paul Nicholls (right) after winning the Betway Queen Mother Champion Chase (Grade 1) with Politologue at Cheltenham-Racecourse/Great Britain. Credit: Lajos-Eric Balogh/turfstock.com

Trainer Paul Nicholls, der die Queen Mother Chase nun schon sechs Mal gewonnen und mit diesem Erfolg seinen 46. Sieg beim Festival gefeiert hat, sagte nach dem Rennen: „Politologue ist am besten, wenn er frisch ist. Dann ist er brilliant. Er ist nicht einfach zu trainieren, aber wir hatten ihn diesmal in Tip Top Zustand. Ich kann jetzt kaum auf Clan Des Obeaux am Freitag warten.“

Besitzer John Hales, der durchgesetzt hatte, dass Harry Skelton und nicht wie üblich Sam Twiston-Davies seinen Schimmel reitet, feierte nach One Man (1998) und Azertyuiop (2004) seinen dritten Erfolg in diesem Prestigerennen: „Das war einfach großartig von Politologue“, sagte Hales. „Wir haben das Rennen von Start bis Ziel diktiert, Harry hat das taktisch absolut perfekt hinbekommen.“

Harry Skelton war überglücklich: „Das war mein erster Ritt in der Champion Chase. Ich verdanke der Familie Hales so viel. Sie kennen mich, seit ich ein Kind war, und sie haben meine Familie immer unterstützt. Politologue war großartig, das ganze Rennen. Er ließ seine Ohren hin und her wandern, und ich dachte: Wir haben immer etwas im Tank, wenn wir es brauchen. Oben am Hügel wollte ich den Rest auseinanderziehen, und das ist uns gelungen.“

Eine Art Götterdämmerung erlebten die Besucher am Ladies Day dann in der Glenfarclas Steeple Chase, dem Cross Coutry Rennen des Festivals. Tiger Roll (Keith Donaghue/Gordon Elliott, 8/11) hatte beim Versuch, dieses Rennen zum dritten Mal in Folge zu gewinnen, als unschlagbar gegolten. Doch er besaß gegen den Sieger Easyland ( Jonathan Plouganou/David Cottin, 4/1) nicht den Hauch einer Chance und landete 17 Längen hinter dem Nachkommen des Monsun-Sohns Gentlewave, der für den ersten französischen Erfolg in der Geschichte dieses Rennens sorgte. Tiger Roll’s Trainer Gordon Elliott war aber nicht allzu traurig: „Im Gegenteil, wir sind erfreut. Zwar sind wir natürlich enttäuscht, dass wir nicht gewonnen haben, aber ich sagte schon vor dem Rennen, dass mir der tiefe Boden große Sorgen macht. Das war ein perfektes Vorbereitungsrennen für das Grand National. Das einzige, woran ich jetzt denke, ist, dass das Pferd morgen früh in Ordnung ist. Jockey Donoghue brachte es in einem Satz auf den Punkt: „Mein Pferd ist sozusagen im Dreck stecken geblieben.“

Das war bisher auch Irlands Erfolgstrainer Willie Mullins. Doch im abschließenden Festival Bumper brach Ferny Hollow (11/1) mit Stalljocky Paul Townend endlich den Bann und bescherte dem Maestro den ersten Festival-Sieg 2020.

© Fotos: turfstock.com, München

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